Martin Bundi, Cuera/Sagogn

ZUR BESIEDLUNG DER OBERSTEN STUFE DES VORDERRHEINTALES
(Die Val Tujetsch im Vergleich zur Val Gherdeina)      

 

Es ist eine faszinierende Aufgabe für den Historiker, dem „Werden einer Talschaft" nachzuspüren. Infolge der sehr dünnen oder fehlenden Quellenlage im Früh- und Hochmittelalter müssen manche Erkenntnisse bruchstückhaft bleiben. Schlussfolgerungen lassen sich jedoch auch über indirekte Zeugnisse und Indizien ziehen. Insbesondere ist es nötig, sich nicht allein auf die schriftliche Ueberlieferung abzustützen, sondern die Resultate der Hilfswissenschaften miteinzubeziehen, wie der Archäologie, der Geographie, der Toponomastik und der Lingustik.

Die Tagungsleitung wünschte sich in Zusammenhang mit der Besiedlungsthematik der Val Gherdeina (Gröden) einen „Vergleich mit einer Talschaft in Graubünden". Ich habe dafür eine Talschaft ausgewählt, die in mehrfacher Hinsicht Parallelen zur Val Gherdeina aufweist, in einigen Punkten aber auch Abweichungen aufzeigt. Vorweg seien nur zwei Merkmale genannt: Die Val Tujetsch bildet wie Gröden Bestandteil der alten Rätoromania; sie weist jedoch im Gegensatz zu Gröden keine prähistorische Besiedlung auf.

 

1. Die geographischen Bedingungen
Sowohl Tujetsch als Gherdeina sind zwei Täler der rätischen Alpen, die nicht einem klassischen Nord-Südverkehr dienen und nicht als Hauptverkehrsachsen gelten. Sie sind eher als Längstäler der Alpen zu betrachten. So steigt das Tujetsch süd-westlich an und Gherdeina süd-östlich, mit Betonung auf westlich und östlich. Als Bestandteil der Ost-Westtransversale Rhein-Rhone, liegt das Tal Tujetsch etwa 35 km nördlicher und 240 km westlicher als Gröden. Die klimatischen Bedingungen zeigen kaum grosse Unterschiede. Das Hauptsiedlungsbecken liegt im Tujetsch zwischen 1300 und 1500 m ü.M., in Gröden zwischen 1200 m und 1500 m. Gröden ist als Gesamttal etwas länger als Tujetsch (12 km / 10 km).
 

Von beiden Tälern führen Passstrassen in benachbarte Talschaften: Von Gherdeina aus das Grödnerjoch (2121 m) nach Kolfuschg in die Val Badia und das Sellajoch (2214 m) nach Canazei in die Val di Fassa; daneben gibt es weitere kleinere Uebergänge. Von Tujetsch aus führt der Oberalppass (Crispalt, Cuolm d'Ursera, Alpsu, 2044 m) nach Westen ins Urserental, heute als befahrbare Strasse und Eisenbahnstrecke. Der Chrüzlipass (2347 m) nach Norden ins Maderanertal (Uri) und der Passo Bornengo (2651 m) südlich nach Ambri-Piotta ins Tessin sind nur als Fusswege ausgebildet. Das rätoromanische Tujetsch grenzt also im Norden und Westen heute an deutschsprachige Gebiete, im Süden an das italienische Sprachelement. Alle diese Pässe - in Tujetsch und in Gröden - dienten einst vor allem einem lokalen oder regionalen Vieh- und Warenverkehr im Rahmen der inneralpinen Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs. Besondere Aufmerksamkeit beansprucht im Tujetsch der Oberalppass, weil über ihn die früheste Besiedlung der Talschaft Urseren (1450 m bis 1550 m) erfolgte. Aehnlich scheint die Situation in Gröden im Verhältnis zu Kolfuschg jenseits des Grödnerjochs zu liegen. In unsere Betrachtungen über die Besiedlung des Tujetsch muss deshalb auch der Aspekt Urserental miteinbezogen werden.
     

    
2. Frühe Zeugnisse der Besiedlung
In der Val Tujetsch finden sich, wie erwähnt, keine Spuren einer prähistorischen Besiedlung. Ebensowenig sind hier Zeugnisse einer römischen Präsenz auszumachen. Die Frage der Besiedlung kann sich demnach in diesem Raume auf das Mittelalter konzentrieren. Als These steht die Feststellung, dass im Tujetsch eine kontinuierliche Landnahme vom Früh- bis zum Spätmittelalter stattfand.

Ausgangspunkt für die Besiedlung des Tujetsch war das Kloster Disentis (1142 m). An diesem Punkte mit der Abzweigung einer nach Süden führenden Passstrasse, des Lukmanier (1950 m), der erst im Hochmittelalter an Bedeutung gewann, gründete der Hl. Columban im 7. Jahrhundert eine Zelle, die zu Beginn des 8. Jahrhunderts zu einem Kloster („monasterium" - rätoroman. Gemeindename: Muster) ausgebaut wurde. Die Gegend hiess aber noch 765 - im sogenannten Tello-Testament - „in loco qui dicitur desertina": d.h. in der Einöde oder Wildnis. Eigentliche Dörfer gab es in dieser Landschaft damals noch keine. Das letzte, oberste Dorf im Vorderrheintal war das unterhalb - Disentis liegende Sumvitg („ad summum vicum").

Rückschlüsse aus der Urkundenlage des 12./13. Jahrhunderts lassen folgern, dass sowohl das Medelsertal in Richtung Lukmanierpass als auch das Tujetsch in Richtung Oberalppass-Urserental einen ersten Besiedlungsschub im 8./9. Jahrhundert erlebten: Eine durch grosszügige Schenkungen gestärkte wirtschaftliche Basis des Klosters Disentis versetzte das Benediktinertift in die Lage, die „Kulturarbeit" mit dem Boden und die Erschliessung der bisher fast unberührten Talschaften in die Wege zu leiten. Die eigentliche Landnahme- und Rodungstätigkeit gestaltete sich im Rahmen eines Wettbewerbs zwischen Klosterbrüdern (Laien, Konversen) und -hörigen (Colonen) einerseits und freien Bauern anderseits. Es ist wahrscheinlich, dass mit dem ersten frühmittelalterlichen Besiedlungsschub, der nicht urkundlich belegt werden kann, das Talbecken des Tujetsch um Rueras und Sedrun ausgebaut wurde. Doch gibt es auch Vermutungen, wonach Giuv (1572 m) und Caspausa (1689 m), einstige hochgelegene Höfe am alten Oberalpweg, die ersten Siedlungen des Tales gewesen wären.1

Die ersten urkundlichen Belege für das Tujetsch sowie auch für das Urserental stammen aus dem 13. Jahrhundert. 1237 ist ein „Willihelmus de Tiuesch" erwähnt.2 Insgesamt spiegeln die frühesten Urkunden das Bild einer ausgreifenden, im 11./12. Jahrhundert neu in Gang gesetzten Landnahme, den zweiten grossen Siedlungsschub, wider. Drei Erscheinungen kennzeichnen diese Phase:

a)   Vom Kloster Disentis über das Tujetsch und den Oberalppass liessen sich rätoromanische Siedler im Urserental nieder (Val d'Ursera = Bärental). Urseren weist einen hohen Prozentsatz an romanischen Orts- und Flurnamen auf, so nebst Ursaria auch Hospenthal (*hospitaculum) und Realp (*ripa alpa).3 Hier hatten die Erstsiedler vor 1203 den Ort Andermatt (lat. Prato, rom. Pont; deutsch 1309 an der Matte) angelegt, wo sich schon seit längerem eine S. Columban-Kapelle befand. Unter den Zeugen eines Güterverkaufs erschienen 1203 nämlich ein Olricüs de Prato (Andermatt) und ein Walterus „prelatus de Ursaria" (Rektor der Kirche).4 Die Columbanskirche wurde gemäss der Placidus-Tradition zur Ehre Gottes und als Vermittlerin guter Tugenden unter den wilden Bewohnern dieser Gegend, „que pro sui asperitate Ursaria dicitur", errichtet.5

b)  Die namentlich genannten Zeugen von 1203 bestehen aus fünf Vertretern des Klosters Disentis, Romanen, und fünf deutschen Leuten aus dem Goms, der obersten Talstufe des Wallis, das nebst dem Vorderrheintal die bedeutendste Längsfurche in den inneren Alpen darstellt. Die Urkunde von 1203 zeugt von einem engen Kontakt zwischen Disentis und dem Oberwallis, der eine rege Begehung der Pässe in der Längsachse Oberalp und Furka voraussetzt. Zur Erhöhung seiner wirtschaftlichen Einkünfte lädt das Kloster Disentis Leute aus dem Oberwallis ein, sich neben rätoromanischen Siedlern im Hochland von Urseren und auch im obersten Tujetsch niederzulassen und sich an der Landnahme zu beteiligen. So weist die Talschaft Urseren bereits im 13. Jahrhundert eine Mischbevölkerung aus Romanen und Walsern auf.

c)   Zugleich mit Urseren wurden auch die obersten Lagen des Tujetsch, so insbesondere die Weiler Tschamutt, Caspausa und Mulinatsch in der Höhenlage von ca. 1700 m und am alten Talweg zum Oberalppass gelegen, von Walsern aus dem Wallis mitbesiedelt. Im Tujetsch blieb jedoch das Element der rätoromanischen Siedler derart vorherrschend, dass sich weder die von Westen eingewanderten Walser noch die von Süden zugezogene Einwanderer italienischer Sprache kulturell durchsetzen konnten.

Im Rahmen der regen Beziehungen zwischen dem Kloster Disentis und dem Wallis steht die Präsenz von Konventualen walserischer Herkunft in Disentis sowie von Güterübertragungen und -schenkungen hinüber und herüber. Eventuell aus Walliser niederem Adel stammen die ersten bekannten Ministerialen des Klosters Disentis im Tujetsch. Als solche werden 1285 genannt: „De Ciuez ministeriales dominus Hugo miles de Poltaningen" und „Wilhelmus frater suus".6 Dieses Geschlecht hatte seinen Sitz in einer Ende des 12./anfangs des 13. Jahrhunderts bei Rueras errichteten Burg, der einzigen des Tales. Vertreter der Pontaningen erscheinen des öfteren in Urkunden des 13. Jahrhunderts als Förderer der Klosterinteressen, je nachdem auch in Bündnisgemeinschaft mit Adeligen aus dem Wallis oder mit klösterlichen Amtsleuten im Urserental. So bezeugen sie 1285 eine Rückerstattung von Gütern an das Kloster zusammen mit Joannes de Mösen, Hans von Hospenthal und Nicolaus de Glurinchen, genannt „homines de Ursaria pertinentes ecclesiae Disertinensi". Die von Pontaningen erscheinen früh als in die romanische Gemeinschaft des Tujetsch voll integrierte Talleute, die um 1400 führende Funktionen im Grauen Bund ausübten.7 Die Territorialhoheit über das Tujetsch und Urseren behauptete das Kloster Disentis unangefochten bis etwa nach 1300. Dies änderte sich mit der zunehmenden Bedeutung des Gotthardverkehrs. Um 1308 erhob das Haus Habsburg Anspruch auf die Reichsvogtei Urseren, d.h. auf die Hochgerichtsbarkeit daselbst über die freien Leute, und im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts machten sich die Talleute von Urseren von Disentis unabhängig, indem sie die niedere Gerichtsbarkeit an sich zogen und sich politisch in einem Landrecht mit Uri verbündeten.8 Die Kolonen der Talschaft Tujetsch hingegen, dieseits des Oberalppasses, verblieben in der klösterlichen Verwaltung, allerdings seit dem 15. Jahrhundert im Rahmen von immer mehr Mitbestimmungs- und Selbstverwaltungsrechten. Die freien Bauern im Tujetsch anderseits gehörten seit jeher und auch weiterhin zur Gerichtsgemeinschaft der Grafschaft Laax, d.h. zum grossen Verband der Freien „supra silva", oberhalb des ir Grossen Flimserwaldes. Die allgemeine Bezeichnung für die Gemeinschaft aller Talleute des Tujetsch, d.h. von freien romanischen Bauern, Colonen (Hörige, älteste Gotteshausleute) und eingewanderten Walsem (jüngere Gotteshausleute) lautete um 1325 „vicini de Tuvez".

   

3. Zur Siedlungsgeographie und gesellschaftlichen Gliederung im Mittelalter
Von der Anwesenheit einstiger Walser im Tujetsch zeugen einige wenige Orts- und Flurnamen sowie verschiedene Familiennamen aus Urkunden des Spätmittelalters, so Flurnamen wie Müren, Mülematt, Bül, Platte oder Familiennamen wie Jenny, Hetz, Loretz, Schmed, Snider und Zurggen. Weitaus die meisten Ortsbezeichnungen sind jedoch romanischen Ursprungs. So auch der Talname Tujetsch selber, der aus dem lat. tubus (Röhre, Tobel) und einem Stammesnamen „Tuveticiu" entstand (die Tobelleute). Tatsächlich sind die Talseiten von vielen kleineren und grösseren Töbeln durchfurcht.

In diese ursprünglich von Wäldern, Weiden und Schuttkegeln geprägte Landschaft komponierten die Rodungsbauern kultivierte Wiesenstreifen, Ackerterrassen, Weidelichtungen und Maiensässe sowie ihre Wohnsitze in Höfen und Weilern. Die bedeutendsten Siedlungen entstanden bei *Rova (vorröm. Erdschlipf, Riss Sturz), das mit dem Suffix -aria zu Rueras wurde, und bei Sedrun, der aus „subtus draco", rom. sut dragun, entstandenen Bezeichnung für den Ort unter dem Wildbach. Der Weiler Selva (1537 m) war einst die Siedlung mitten im Wald. Durch intensive Rodung wurden grosse Waldflächen im Haupttal wie auch an den Flanken zurückgedrängt und reduziert. Im Namen Scharinas (von lat. acer + Abl. -ina, Ahorn), einem Alpgelände auf fast 1900 m, verbirgt sich die einstige Präsenz eines Ahornwaldes, von dem schon längst keine Spuren mehr vorhanden sind.

Die Siedlungslandschaft des Tujetsch offenbart sich zum ersten Mal als schriftliches Zeugnis in einem Jahrzeitbuch oder Anniversar von 1456. Darin figurieren namentlich 66 Höfe, worunter Siedlungen als Einzelhof, Weiler und kleines Dorf zu verstehen sind. Giachen Caspar Muoth, der dieses Urbar 1898 erstmals kommentierte, äusserte sich hierzu wie folgt: „Von diesen 66 Hofnamen bezeichnen etwa 45 nicht bloss Einzelhöfe oder Hofstätten (lat. casamenta), sondern grössere Hofniederlassungen, sog. Huben (lat. mansus oder coloniae) mit einer Anzahl von Hütten, die von verschiedenen Familien, doch wohl der gleichen Sippe, bewohnt wurden. Auch hatte jede grössere Hofgruppe ihr ausgeschiedenes Gebiet - sowohl an Acker- und Wiesland, wie an Heimweide - und bildete sonach im Verhältnis zu den anderen Hofgruppen eine kleine Nachbarschaft für sich. Die Gesamtheit dieser kleinen Nachbarschaften (rom. uclauns) bildete endlich die grosse Nachbarschaft (rom. vischnaunca) Tavetsch oder das Thal Thavetsch".9 Diese Ausführungen bedürfen lediglich des ergänzenden Hinweises, dass im vorliegenden Urbar nur der Teil der Hörigenbevölkerung, die Untertanen des Klosters, erfasst war. Hinzu rechnen muss man noch den Anteil der freien Bauern, die zum grössten Teil in den gleichen im Klosterverzeichnis genannten Siedlungen wohnten, zum Teil aber auch an Oertlichkeiten, die dort nicht genannt waren. Die freien Leute scheinen urkundlich nur selten auf, weil sie nicht grundabgabepflichtig waren und daher speziell nicht in Urbarien aufgeführt wurden.
   

Mira era Uclauns

     
Das Anniversar von 1456 widerspiegelt richtig, wie schon Muoth feststellte, die ursprüngliche Form der Hoflandschaft, d.h. jene Verteilung, wie sie in der Hauptphase des Landesausbaues im 11./12. Jahrhundert ausgebildet wurde. - Dieses Bild veränderte sich im 17. und 18. Jahrhundert radikal, als die Talbewohner immer mehr zusammenrückten, ihre höher gelegenen Höfe verliessen, die zu Aclas (Maiensässen) oder Berggütern wurden, sich in den Weilern in der Talsohle und an der Strasse nach dem Oberalppass sowie entlang von neu errichteten Kirchen und Kapellen ansiedelten. Seit den 30-er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte sich die Anzahl von 66 Siedlungen des Spätmittelalters auf neun reduziert; es handelt sich um die heute noch bewohnten Weiler oder Dörfer von Cavorgia, Surrein, Bugnei, Sedrun, Camischolas, Zarcuns, Rueras, Selva und Tschamutt. - Die geschilderte Entwicklung, wonach in der Anfangszeit der Landnahme die Hofansiedlung vorherrschte und die grösseren Dörfer erst später entstanden sind, gilt im allgemeinen für den ganzen Alpenraum, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit. Obwohl Muoth diesbezüglich schon vor hundert Jahren klarstellte: „Die Schulmeinung, dass in Bünden die Romanen ursprünglich in grösseren Dörfern, die Germanen hingegen auf Höfen wohnten, beruht auf Irrtum; die Deutschen sind in dieser Hinsicht nur konservativer gewesen", spukt das alte Vorurteil noch heute in vielen Köpfen und pseudohistorischen Abhandlungen weiter.10

Noch einige Ausführungen zur ökonomischen und politischen Organisation der grossen Nachbarschaft Tujetsch: Muoth hat zurecht festgestellt, dass „nach der Anschauung des Mittelalters das Weideland (und der Wald) eines Gebietes als Zubehörde (Pertinenz) der sogenannten Heimgüter, d.i. des urbarisierten und bebauten Bodens des nämlichen Gebiets betrachtet wurde. Das galt sowohl von den sogenannten Heimweiden (Frühlings- und Herbstweiden), als auch von den Sommerweiden, die man bei uns Alpen nennt".11

Die meisten Alpweiden waren also Genossenschaftsalpen, auch wenn sie Erblehen des Klosters waren, die im gemeinschaftlichen Weidgang genutzt wurden. Grundsätzlich privat wurden die urbarisierten Aecker und Wiesen genutzt, allerdings mit der folgenden Einschränkung: Im Frühjahr bis am 1. Mai und im Herbst ab dem 1. Oktober unterstanden auch diese Privatgüter der freien Gemeinatzung durch die Viehherden auf dem ganzen Grund und Boden des Tales. Die meisten Genossenschaftsalpen gingen bis zum 19. Jahrhundert in den Besitz der grossen Talnachbarschaft Tujetsch über, das heisst sie wurden Gemeindealpen.

Um 1380 und 1391 wird urkundlich sichtbar, wie 25 Siedler aus dem Raume Rueras und den Weilern am Eingang zur Val Giuv eine selbständige Alpgenossenschaft darstellten, die eine Reihe von Bestimmungen über die Weiden und Alpen ihres Einzugsgebietes erliessen. Sie verfügten vor allem, dass niemand von ihnen noch ihre Nachkommen Güter oder Rechte an Leute ausserhalb ihrer Genossenschaft versetzen, verleihen oder verkaufen durfte. Das war eine Abwehrmassnahme, die sich vermutlich gegen eingewanderte Siedler deutscher und (oder) italienischer Herkunft richtete. Hielt sich ein Mitglied nicht an diese Regelung, verfielen dessen Rechte oder Besitzungen an die Genossenschaft.12

Zur Nutzung des Gesamteigentums bildete sich bis zum Spätmittelalter eine politisch-ökonomische Organisation der Selbstverwaltung heraus. Das Tal Tujetsch war einer von vier Grosshöfen des Einzugsgebietes des Klosters Disentis. Es delegierte vier Vertreter (geraus gronds) in das Landesgericht (von insgesamt 16). Als Vertreter des Klosters amtete ein Statthalter (altrom. locotenent) im Tal, der ursprünglich von Abt und Konvent ernannt, später aber von den „vicini" frei gewählt wurde. Er war der Nachfolger des früheren Grossmeiers in Rueras (migiur grond).13 Die Statthalterfunktion entwickelte sich zu derjenigen eines Talschaftspräsidenten. Ihm zur Seite stand ein Rat von Delegierten aus den grösseren Weilern (geraus pintgs). Wichtige Sachen mussten Statthalter und Rat vor die Versammlung aller „vicini" der Talschaft bringen („Radunonza da vischins"). Diese „radunonza communala" entschied endgültig über alle wichtigen Angelegenheiten des Tales. So verwischten sich gegen Ende des Mittelalters die alten Unterschiede von Freien und hörigen Gotteshausleuten, und auch die alten Funktionen von Ministerialen und Meiern gingen unter zugunsten einer neuen auf Selbstverwaltung begründeten politisch-ökonomischen Einheit.

 

4. Die mittelalterliche Oekonomie
Die mittelalterliche Wirtschaft des Hochtales Tujetsch konzentrierte sich zur Hauptsache auf die Landwirtschaft. Nur wenige Leute fanden eine Beschäftigung im inneralpinen Längsverkehr über Oberalppass und Furka nach dem Wallis. Beziehungen dahin bestanden allerdings auch nach dem Mittelalter weiter, was vor allem die Tatsache bezeugt, dass sowohl in den Jahren 1480 und 1490 als auch noch 1788 und 1822 in Reckingen im Wallis durch die Giesserfamilie Walpen Glocken für mehrere Kirchen des Tujetsch hergestellt wurden.14 Die mittelalterliche Landwirtschaft des Tujetsch umfasste sowohl die Viehzucht als auch den Ackerbau, und zwar bis in die höchsten Siedlungen.

In der Viehzucht herrschte während des Früh- und Hochmittelalters eindeutig die Schafwirtschaft vor. Das Grossvieh mit der Rinderzucht beginnt erst seit dem13. Jahrhundert an Bedeutung zu gewinnen. Dies belegen u.a. die seit dieser Zeit sich häufenden Nennungen von Kälberzehnten und Käseabgaben. - Die vielen abgelegenen Weideareale stellten bestens geeignete Schafalpungsgebiete dar. In den schwierig zu begehenden Alpgründen der Tujetscher Nebentäler, insbesondere von Nalps, war ursprünglich das sogenannte Tavetscher Torfschaf daheim. Die Schafwirtschaft wird durch viele Hinweise bezeugt: Spätmittelalterliche Urkunden sprechen von Lämmerzehnten. Im Jahre 1390 kaufen sich die Tujetscher Tal- und Gotteshausleute vom Kloster Disentis vom sogenannten Schafsgeld los?15 Dies bedeutete die Ablösung des Lämmerzehntens. Die gewaltige Summe von 103 churwälschen Mark, welche sie dafür bezahlten, unterstreicht die hohe Bedeutung der Schafwirtschaft noch in dieser Zeit. Mannigfach spiegelt sich das Schaf in den Flurnamen. Drei Formen kommen hier vor:

a) Nutrix/Nuorsa, (die Ernährerin!) die allgemeine Bezeichnung für Schaf im rätoromanischen nördlichen Graubünden. Da ist einmal das Weideareal von Nurschallas (nutrix + Suffix -ella), dann Nurschai, eine ehemalige Siedlung auf ca. 1600 m westlich Rueras, sowie die Alpflurbezeichnungen Letg da nuorsas und Stavel da nuorsas.

b) Feta, die alte, nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung für Mutterschaf, das frisch geworfen hat. Im Tujetsch findet sich ein Rest davon im Weidenamen Plaunca Fadal.

c) Campus de bestia (Areal der Schafe oder Schafshof) widerspiegelt in seinen Umformungen, insbesondere im seit 835 in Churrätien bezeugten Campiescha, einen Typus, der einst im gesamten alträtischen Raum verbreitet war. Bestia ist heute nur im Engadin noch die Bezeichnung für Schaf (bes-cha), während es in Nordbünden allgemein Vieh bedeutet. Im Tujetsch steht der Weilername Camischolas für den alten Schafshof (Campus de bestia - Campiescha - + Diminutivform -ola).16

An dieser Stelle drängt sich ganz speziell ein Vergleich mit den Dolomitentälern auf. Einmal fällt es auf, dass da wie dort die beiden alten Bezeichnungen „feta" und „bestia" für das Schaf in Flurnamen vorkommen. Das ladinische „biscia" für Schaf ist allgemein sehr verbreitet. Wie im Engadin, hat es die semantische Verschiebung von Tier im allgemeinen zu Schaf durchgemacht.17 Noch grössere Bedeutung weist auch in den Dolomiten „feta" auf, wie im Tujetsch, eine nicht mehr lebende Namensform. In den Dolomitentälern scheint sie in vielen Urkunden und auch in einzelnen Orts- oder Flurnamen auf. Urkundlich begegnet man den Formen: Federa, Fedare, Fodares, Tru de Fedes usw. in unzähligen Wiederholungen)18 „Federa/Fodare" war hier die Bezeichnung für Schwaighöfe mit Schafzucht. Ihr häufiges Vorkommen unterstreicht die grosse Bedeutung der Schafwirtschaft auch in Ladinien vor dem 14. Jahrhundert. In den alten Dokumenten werden die „fedares", die Schwaighöfe mit Schafzucht, klar von den „armentares", den Schwaighöfen mit Grossvieh, unterschieden. Meines Erachtens steht „feta" auch am Ursprung der Orts- oder Flurnamen Fodöm/Fedöm und Fedaja. In „Fodöm" liegt die alte Nennung für Buchenstein/Livinallongo vor. Die bisherigen wissenschaftlichen Versuche, den Namen von „vicedominus", „fodina" oder „fagus" abzuleiten, scheinen kaum überzeugend.19 So würde die These, dass sich „Fodöm", von „feta" ableitet und damit eine Kollektivbezeichnung für das Tal der Schafherden darstellte, wohl verdienen, weiter untersucht zu werden. „Fedaja" ferner, der Name für den Passübergang von Canazei nach Caprile, stellt wohl eine einleuchtende Feta-Denomination dar.

Eine Verschiedenheit zwischen Tujetsch und Ladinien (Gröden) besteht im folgenden Sachverhalt: Während die im Tujetsch vorherrschende Namensform für das Schaf „Nutrix/nuorsa" in den Dolomiten nicht vorkommt, erscheint dort „ovile" urkundlich des öfteren als „curia ovilis", „curtis cum ovili", „ovilia scilicet swaichove" oder übersetzt als „swaig von schäffen"20. Ovile war also im Dolomitenraum die im Mittelalter einst weit verbreitete Bezeichnung für den Schafshof. In Graubünden, wo die Namensform ursprünglich ebenfalls Schafstall bedeutete, verschob sich der Wortsinn zur allgemeineren Bedeutung des Viehstalls überhaupt (uigl, nuegl). Im Tujetsch finden sich denn auch keine „ovile"-Nennungen in Zusammenhang mit der Schafwirtschaft. –

Eine ebenso wichtige Stütze der alpinen Landwirtschaft des Tujetsch war der Ackerbau. Er wurde von Anfang an bis in die höchsten Siedlungslagen betrieben und diente bis zum ausgehenden Mittelalter einer autochtonen Selbstversorgung. Vorherrschend war der Getreide- und der Flachsanbau. P. Placidus ä Spescha berichtete 1805 von den noch lebendigen Spuren des Korn- und Flachsanbaues in Giuv auf ca. 1600 m: Es waren dies die Kornhisten (rom. „caschners"), Lattengerüste, auf denen die Korngarben zum Ausreifen aufgeschichtet wurden, die Stalltennen zum Dreschen des Getreides, und die Teiche, in welche die Flachsgarben eingeweicht wurden. Ein weiterer Zeuge ist der Hofname "Mulinatsch" (aus spätlat. *molinum + Abl. -aceu) auf 1717 m.21 Nicht nur in diesen obersten Höhenlagen ist dieser Anbau inzwischen verschwunden; auch in den Haupttallagen wurde er allmählich nach dem Zweiten Weltkrieg fast ganz aufgegeben. - Dass der Kornanbau im Spätmittelalter im Tujetsch noch eine eminente Bedeutung besass, zeigt sich u.a. im Umstand, dass um 1338 der Kälberzins (decimae vitulorum) nicht in Gestalt von Tieren geleistet wurde, sondern als Kornabgabe. Für ein geschuldetes lebendes Kalb war ein Kornquantum von einem Sextarius (zwei Quartanen), für ein geschlachtetes Kalb eine Quartane Korn abzuliefern.22 - Ein weiteres Indiz für den intensiven einstigen Ackerbau ist der Flurname Quadra (im Tujetsch: Quadras, Quart, urk. 1550 auch Quadrella). Er kommt in fast allen alträtoromanischen Siedlungen des mittelalterlichen Churrätiens vor und bezeichnet stets eine Ackerflur in bester Lage in Dorfnähe. Es handelte sich um den grossen Acker, von dem einst die Freien Romanen gemeinschaftlich ihren Zins dem König abführten, eine Leistung, die aber schon um 1300 in Geld abgeliefert wurde. Die Institution der Quadra geht auf das 9./10. Jahrhundert zurück und wird erstmals urkundlich sichtbar beim Uebergang von königlichen (Ottonen) Besitzungen und Rechten an den Bischof von Chur.23 Quadra-Fluren sind denn stets sowohl Zeugen des Ackerbaues als auch der Existenz freier Leute.

 

5. Kirchliche Verhältnisse
Vom Kloster Disentis aus in Richtung Westen sind im Mittelalter drei alte Kirchen gegründet worden: S. Vigilius in Sedrun, S. Jakob in Rueras und S. Columban jenseits des Oberalppasses in Urseren. Alle drei dürften ihren Ursprung im 12. Jahrhundert gehabt haben. Urkundlich erscheint S. Vigilius erstmals 1205, vermutlich damals schon als Pfarrkirche des ganzen Tujetsch; S. Columban in Urseren wird indirekt 1203 als Gotteshaus und 1288 als Pfarrkirche von Urseren - Nennung eines Kirchherrn daselbst - belegt. Die Kapelle zu Ehren von S. Jakob dem Aelteren und Christophorus in Rueras erscheint urkundlich erst 1491. Die meisten der weiteren zehn Kapellen der Talschaft Tujetsch sind Bauten der Neuzeit, die von den Bewohnern der anliegenden Siedlungen begründet oder gestiftet worden sind.24 Ferner erinnert der Flurname S. Flurin nahe bei Rueras an eine verschwundene Kapelle zu Ehren des südbündnerischen Landesheiligen.

Von besonderem Interesse in Zusammenhang mit der Besiedlung und dem Landesausbau ist die Kirche S. Jakob und Christophorus in Rueras. Sie reiht sich in eine Serie von insgesamt 20 Kapellen mit diesem Patrozinium im Kanton Graubünden ein, zu denen noch fünf darauf bezug nehmende Flurnamen kommen. Als urkundlich älteste Nennung erscheint eine Kapelle in Salina, einem Dorfteil von Ramosch, 1178 als Besitzung des Klosters Marienberg im Vinschgau. Dann folgt 1222 die Erwähnung von „ecclesiam sancti Jacobi in Bretenkowe", d.h. die neugegründete Klosterkirche der Prämonstratenser im Prättigau, oder, wie sie im Domkapitelurbar des 13. Jahrhunderts genannt wird: „Stis Jacobi de Silva".25 Aus dieser Siedlung mitten im Wald des frühen 13. Jahrhunderts entstand die Ortschaft und der heutige Tourismusort Klosters. Auf ähnliche Weise dürfte sich Rueras im Tujetsch entwickelt haben, obwohl hier die frühesten Hinweise fehlen. An der Weggabelung, wo ein Strang in Richtung Selva und Tschamutt führte und der andere zu den Weilern von Giuv und Mulinatsch und über Milez und Scharinas zum Oberalppass, bildete der Kirchenbau von S. Jacob und Christophorus ursprünglich den Kern einer Siedlung im Walde. Um diesen Mittelpunkt herum wurde die Landschaft gerodet und aufgelockert. Die neu entstandenen Höfe entlang der alten Oberalpstrasse bezeugten noch lange eine engere kirchliche Bindung zu S. Jacob in Rueras als zur Pfarrkirche S. Vigilius in Sedrun. Aus dem Jahre 1616 datiert der Bericht von einer 1609 errichteten S. Jacob-Bruderschaft in Rueras. Von den ca. 40 Mitgliedern derselben stammten deren acht aus dem hochgelegenen Weiler Giuv.26

Die bündnerischen S. Jakobskirchen finden sich grösstenteils in hochmittelalterlichen Ausbaugebieten, inmitten von Rodungsinseln, an Weggabelungen oder als Wegkapellen an Verbindungsstrassen. S. Jakob war bekanntlich der Schützer der Wanderer und Pilger. Zusammen mit S. Christophorus, dem Helfer gegen Pest und Naturkatastrophen, hat er seinen Ehrentag am 25. Juli und gehört er nebst S. Nikolaus, dem Patron der Hospize und Pilger (6. Dez.), zu einer Gruppe von Kirchenpatronen, die um 1050 bis 1150 im Alpengebiet ihre eigentliche Verbreitung erfuhr.27 - Eine eklatante Parallele zu S. Jakob in Rueras liegt nun in S. Jakob in Gherdeina (S. Säcun) vor.28 Hier wie dort behauptet die einheimische Tradition, dieser Kirchenbau sei der älteste des Tales. Möglicherweise wurden beide Gotteshäuser im 13. Jahrhundert gebaut. An beiden Orten tritt S. Jakob in Verbindung mit S. Christophorus auf. In Tujetsch und in Gröden steht S. Jakob unverkennbar in Zusammenhang mit dem Rodungs- und Landesausbauprozess des Hochmittelalters, nur dass S. Jakob in Gröden seinen Standort als Rodungsinsel bis heute bewahrt hat.

 

6. Parallelitäten - Offene Fragen
Im Vergleich zwischen der Val Gherdeina und der Val Tujetsch wurde in obigen Ausführungen auf eine Reihe von Parallelen hingewiesen: Aehnliche geographische Bedingungen; zeitlich ungefähr übereinstimmende Phasen der Landnahme und Besiedlung; gebirgs- oder passübergreifender Besiedlungsschub (Tujetsch über Oberalppass nach Urseren - Gröden über Grödnerjoch nach Kolfuschg); Hauptimpuls für Landnahme von einem geistlichen Stift ausgehend (im Tujetsch vom Kloster Disentis, in Gröden vom Bistum Säben/ Brixen); die grosse Mehrheit der Erstsiedler sind Rätoromanen; eine Ministerialburg im oberen Talteil (Tujetsch: Pontaningen in Rueras, Gröden: Wolkenstein in Selva); Mitbeteiligung von freien Leuten am Landnahmeprozess; Aehnlichkeiten in der bäuerlichen Oekonomie, insbesondere in der Schafwirtschaft; teilweise übereinstimmende Terminologie in der Viehwirtschaft; S. Jakob im Walde; teilweise ähnlich lautende Orts- und Flurnamen.

Auf einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Tälern wurde bereits hingewiesen: Das Fehlen eines prähistorischen und römischen Substrats im Tujetsch.

Offene Fragen und damit auch Forschungsherausforderungen verbleiben teilweise für beide Talschaften, teilweise für Gröden im speziellen in den folgenden Bereichen: Anteil der Freien am Landnahme- und Besiedlungsprozess (da die Freien nicht in Abgabeverzeichnissen aufscheinen, fehlt für sie eine eindeutige Quellenlage); Beteiligung deutscher Siedler an der mittelalterlichen Landnahme; Grad der Ausgestaltung der Selbstverwaltung in der Talschaft; Soziale Bedingungen der rätoromanischen Bauern im Mittelalter; Genossenschaftliche oder private Nutzung der Alpen; Zusammensetzung von Ackerbau und Viehwirtschaft im Rahmen der alpinen Landwirtschaft; Genauere Angaben über die Betriebsstrukturen und -grössen; Bedeutung von S. Jakob als Schutzpatron in Rodungsgebieten; Detailanalysen über die Aussagekraft von Orts- und Flurnamen im Hinblick auf wirtschaftliche Abläufe und historische Prozesse. Während im bündnerischen Tujetsch die verfügbaren Quellen praktisch alle ausgewertet sind, scheinen in Ladinien noch unausgeschöpfte Urbarien und Gerichtsakten der vertieften Bearbeitung und Interpretation zu harren (z.B. mittelalterliche Gerichtsakten von Gufidaun).29

Bei den anstehenden Forschungsaufgaben kann ein Blick über das Tal hinaus und auch über die eigene Landesgrenze hinweg nicht schaden. Im Gegenteil, erweist sich die komparative Betrachtung der Verhältnisse über den ganzen Alpenraum als ein sehr fruchtbares Unternehmen. Neue Erkenntnisse und Zusammenhänge werden dadurch sichtbar. So z.B., dass das „forestum unum ad Gredine" von 994/1005 durchaus einem im Tujetsch zur gleichen Zeit zur Rodung freigegebenem Waldareal entsprechen konnte, einem Nutzungsgebiet in einer dynamischen Ausbaulandschaft, die 300 Jahre zuvor noch eine „desertina" gewesen war.30
    

Abstract

Ricercando nei Grigioni una vallata in qualche modo comparabile alla Val Gardena nelle Dolomiti, l'autore ha scelto la valle di Tujetsch: si tratta di un territorio un po' piü piccolo della Val Gardena, situato piü o meno allo stesso livello sul mare e con condizioni climatiche analoghe. In comune hanno un primo insediamento a partire dall' 8./9. secolo - testimoniato per Tujetsch - probabile (e forse anche anteriore) per la Val Gardena. Il processo di colonizzazione piü importante si verifica dall' 11. al 14. secolo, attuato da contadini retoromanici (ladini). Inoltre si constatano movimenti migratori oltre i confini della vallata (da un lato per il Passo Oberalp, dall'altro per i passi dolomitici). Chierici e vassalli al seguito di un feudatario si presentano sia qui ehe lä in modo preminente. In entrambi i casi 1'agricoltura medievale e fortemente improntata fino al 1300 dall'economia legata all'allevamento di pecore. Le tracce di tale economia sono riscontrabili sia da documenti scritti come pure da nomi di localitä e di campi. Dal punto di vista ecclesiastico entrambe le zone sono caratterizzate dalla presenza centrale di una chiesa dedicata a San Giacomo. Accanto a tutta una notevole serie di caratteristiche comuni, nel capitolo conclusivo si richiama 1'attenzione anche su alcune differenze e questioni ancora dibattute. In particolare sarebbe molto interessante indagare in quale misura abbiano contribuito alla colonizzazione in Val Gardena contadini proprietari, liberi da vincoli di servitü della gleba, quale sia stato il rapporto tra terreno arabile e prativo per un maso di media dimensione e fino a ehe punto 1'organizzazione comunitaria abbia inciso sull'economia e la vita dei gardenesi del Medioevo.

   

Bibliographie

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1) Berther, Baseli P. Sas era nua Giuf ei? In: Rätoromanische Chrestomathie, Bd. 1. Erlangen 1888. Hg. von Caspar Decurtins. S. 718-727. Berther zählte auch die einstige Siedlung Nurschai zu den ersten des Tales. Er vertrat die unseres Erachtens richtige Meinung, dass die ersten Siedler von unten herauf und nicht - wie etwa behauptet- von Westen über den Pass her gewandert seien. Die drei genannten Höfe lagen ursprünglich noch in einer von einem Waldgürtel geschützten Umgebung; die obere Waldgrenze wurde erst in den folgenden Jahrhunderten nach unten gedrückt.

2) Bündner Urkundenbuch II, S. 211. „Willihelmus" ist Zeuge in einem Güteraustausch des Klosters Disentis mit dem Kloster Rüti.

3) Vgl. Stähelin, Felix. Die Schweiz in römischer Zeit. Basel 1931. S. 389. In einigen geschützten Lagen der Alpentäler nahm Stähelin auch dauernde Besiedlung in römischer Zeit an. Er verwies u.a. auf die im Umfeld von Urseren anzutreffenden romanischen Talund Ortsnamen Uri, Bürglen, Silenen, Göschenen und Schöllenen. „Auch die Beobachtung, dass die technischen Ausdrücke der schweizerischen Alpwirtschaft zum guten Teil romanische Lehnwörter sind, zwingt zu der Annahme, dass der deutschen Bevölkerung gerade auch im Hochgebirge eine romanisierte Bewohnerschaft vorangegangen ist". Vgl. Käse (caseus), Schotten (excocta) und Stafel (stabulum).

4) Bündner Urkundenbuch II, S. 17.

5) Hug, Albert / Weibel, Viktor. Urner Namenbuch, Bd. 3. Altdorf 1990. S. 789 Urseren. Zitat aus der „Passio S. Placidi" des 13. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Schweiz. Kirchengeschichte, 46/1952, S. 164. - Ein eigentlicher Hauptpfarrer von S. Columban in Andermatt erscheint 1288: „Hem Uolrich dem kilchherren von Ursaerron". Vgl. Bündner Urkundenbuch III, S. 224.

6) Bündner Urkundenbuch III, S. 145. Wilhelm von Pontaningen taucht schon früher auf, so 1252 und 1261. Vgl. Bündner Urkundenbuch II, S. 333 und 384 sowie III S. 86. Ob die zwischen 1259 und 1281 genannten Brüder „Willehelmus et frater eius Ruodolfus de Thiuesch" Mitglieder der Familie von Pontaningen sind oder nicht, ist ungewiss.

7) Bündner Urkundenbuch III, S. 145. Vgl. auch do. S. 235. Bündnis mit Walliser Herren vom 5. Aug. 1288 in „Ursaria", S. 420. 26. Juli 1300: Die Uebertragung der Eigenfrau Berta, Tochter des Aegidius von Tujetsch, genannt de Casura, mit ihren Kindern durch das Kloster Disentis an das Kloster Wettingen „ante castrum Bultingen".

8) Vgl. Müller, Iso. Geschichte von Urseren. Disentis 1984. - Vgl. Maag, Rudolf. Das Habsburgische Urbar. Bd. I. Basel 1894. S. 285-287 „Das Amt Urseren". „Der selben vogty gerichte vachet an uffen Crispaltz, da du frye grafschaft von Lags usgat, und gat untz uffen Furke und von dannent untz ze Sant Gothart und von Sant Gothart nutz an die stiebenden Brugge". Vgl. auch: Meyer, Werner. Die Bedeutung des Gotthards, in: Schweiz. Zeitschrift für Geschichte 1994, 700 Jahre Schweiz im Wandel, S. 316. Gemäss Meyer hat „der erste grosse Aufschwung des Gotthardverkehrs aber mit Sicherheit nach 1300 begonnen. Als Bellinzona um ca. 1340 mailändisch wird, kehrt die für einen Aufschwung nötige Ruhe an der Südrampe des Gotthards ein".

9) Muoth, Giachen Caspar. Die Thalgemeinde Tavetsch. Ein Stück Wirtschaftsgeschichte aus Bünden. In: Bündner Monatsblatt 1898, S. 8 ff. Zitat S. 11/12. - Vgl. zur Talschaft Tujetsch in neuerer Zeit: Decurtins, Guido. Wirtschaft und Bevölkerung des Bündner Bergtals Tavetsch um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Liz.Arbeit, Zürich 1986.

10) Muoth, Die Thalgemeinde, S. 12.

11) Muoth, Die Thalgemeinde, S. 15.

12) Gemeindearchiv Tujetsch, Nr. 5 und 7.

13) Muoth, Die Thalgemeinde, S. 18/19. - Die „villicatio" in Rueras bildete im Früh- und Hochmittelalter das wichtigste Meieramt des Klosters im Tale Tujetsch. Der Haupthof von Rueras befand sich unweit der Burg Pontaningen, wo das Geschlecht gleichen Namens residierte und als Talrichter fungierte, d.h. die niedere Gerichtsbarkeit ausübte, welche gegen Ende des Mittelalters in die Hand der Talgemeinde überging.

14) Berther, Sas era nua Giuf ei?, S.725,726. In der S. Sebastianskapelle von Giuv hängt eine aus dem Vorbau stammende Glocke von 1480 mit der Inschrift des Herstellers: Joseph Bonifaz von Walpen von Reckingen. Das ist die älteste Glocke des Tujetsch aus dem Wallis. Die grosse Glocke von S. Jacob in Rueras von 1490 stammt nach Berther vermutlich ebenfalls aus dem Wallis. Die grosse Glocke von Selva von 1788 und die kleine von 1822 tragen ebenfalls die Firmenbezeichnung „von Walpen de Rekingen" aus dem Wallis.

15) Gemeindearchiv Tujetsch, Urkunde Nr. 6 vom März 1390.

16) Vgl. die Belege in: Rätisches Namenbuch Bd. 1 und 2, hg. von Andrea Schorta, Bern 1964. - Vgl. auch: Bundi, Martin. Zur Besiedlungs- und Wirtschaftsgeschichte Graubündens im Mittelalter, Chur 1982.

17) Kramer, Johannes. Etymologisches Wörterbuch des Dolomitenladinischen. 1. Bd. Hamburg 1988. S. 292/293

18) Vgl. Richter-Santifaller, Berta. Die Ortsnamen von Ladinien. In: Schlern-Schriften 36. Innsbruck 1937.

19) Kramer, Etymologisches Wörterbuch, Bd. 111, 1990, S. 277/278. - Vgl. auch: Richebuono, Bepe. Kurzgefasste Geschichte der Dolomitenländer. San Martin de Tor 1992. S. 43. Die dortige Angabe: „Für eine „armentara" brauchte es als Grundlage für die Aufzucht fünf bis sechs Milchkühe, für eine „fodara" ungefähr 25 Schafe" kommt annähernd an die für Graubünden errechneten Grössenverhältnisse heran. Allerdings muss das Grossvieh differenziert nach Grossvieheinheiten betrachtet werden, und die genannte Zahl Schafe als Existenzgrundlage für eine Familie kann nur gelten, wenn es sich um Milchschafe handelte.

20) Richter-Santifaller, S. 29 (Badia), 42 (Kampidell), 59 (Corvara), 67 (Colfuschg).

21) Berther, Sas era nua Giuf ei? S. 721.

22) Gemeindearchiv Tujetsch, Urkunde Nr. 4 vom Jahre 1338.

23) Bundi, Zur Besiedlungs- und Wirtschaftsgeschichte, S. 71-78.

24) Poeschel, Kunstdenkmäler Graubündens, Bd. V, S. 151 ff.

25) Bündner Urkundenbuch Bd. I, S. 295, Bd. II, S. 129, 281. - Vgl. auch: Farner, Oskar. Die Kirchenpatrozinien des Kantons Graubünden, in: JHGG 1924, S. 1-178. Jakobuskirchen S. 115-116.

26) Berther, Sas era nua Giuf ei? S. 722.

27) Müller, Iso P. Geschichte der Abtei Disentis. Zürich 1971.- S. 34.

28) Gröden. Südtiroler Gebietsführer 33. Hg. von Bruno Mahlknecht. Bozen 1981. S. 130-133.

29) Neben der bereits genannten Literatur zum Tujetsch sei noch eine neuere Erscheinung erwähnt: „Senda ecologica - Oeko-Wanderweg Sedrun. Illustrierter und kommentierter Wanderbegleiter der Val Tujetsch. Hg. von der Gemeinde Tujetsch. Basel 1995. Darin finden sich diverse Beiträge allgemeiner Natur mit vergleichender Sicht auf den übrigen Alpenraum.

30) Vgl. Richebuono, Kurzgefasste Geschichte der Dolomitenladiner, S. 31.