Vom Lukmanier durch Val Cadlimo ins
Tavetsch
von Ing. W. Derichsweiler
en Jahrbuch Schweizer Alpenclub
52. Jhrg. 1917 pag. 21-50
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Der
Passo Rondadura (2714 m)
ist ein vereinsamter und auf grosse Strecken verfallener Weg aus der Val
Rondadura in die Val Nalps (= in alp), der früher gangbarer war, da vorzeiten
die Bergamasker ihre Schafe über denselben in die von ihnen gepachtete Alp
Nalps trieben.
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Jäh
zu unsern Füssen liegt die im obern Teil ganz mit hellem Blockgeröll verschüttete
Alp Nalps, aus der über Firn der Nalpspass
(2754
m), ein
altbekannter unschwieriger Übergang, aus der
Val
Cadlimo in die Val Nalps fährt. Wandert man dieses Tal nach Sedrun ins Tavetsch
hinab, so übersieht man die oberste kleine Schäferhütte Uffiern (Hölle)
leicht, da sie im Geröll liegt. Dem Bach nach kommt man dann über noch viel
Geröll zu der alten zerfallenen Carpetelhütte (kleine Steine, 1885
m), oberhalb
welcher westlich die neue Hütte steht. Weiter absteigend gelangt man zu den
untern Hütten von Nalps (1826
m)
und nach dem schöngelegenen Perdatsch (grosse
Wiese), wo erst guter Weg beginnt, der
bei Surrein gegenüber Sedrun ausläuft. Aus dem Nalpspass strebt steil der Piz
Blas (3023 m), empor, dessen bis oben befirnte Nordseite, ihm wohl den
Namen (blass, weiss) gegeben hat. Wer
ihn zuerst bestiegen hat, ist unbekannt geblieben. Dr. Amberg und Bauer fanden
am 25. Juli 1897 schon
viele Karten im Steinmann (Jahrbuch XXXIII, pag. 340; XXXIV, pag. 101). R. KummerKrayer
(S. Basel) und Franz Senglet mit Basilio Jori besuchten ihn am 10. Juni 1897
zuerst von Piz Rondadura aus (Jahrbuch
XXXIII). Vom Piz Blas, durch eine Einsattelung, die Fuorcla da Blas, getrennt,
erhebt sich der befirnte Piz del Uffiern (Höllenberg, 3017
m) mit
breiter Schulter über steile
zerrissene Steilstufen aus der Val. Nalps. Ihn bestieg 1785 Placidus a. Spescha
mit seinem Diener Andreas Lei „von der Ostseite", wie er sagt.
Er vermutet, dass er auch von andern Seiten erstiegen werden könne. Er
nannte ihn zwar Serenja de dora (den äussern Serengia), sagt aber ausdrücklich,
er sei westlich des Talgletschers und habe nur den Piz Blas hinter sich. Am 14.
August 1897 bestiegen ihn Dr. Amberg und Dr. Züblin von der Fuorcla da Blas
aus. Am 25. Juli 1908 stiegen Dr. H. Burckhardt und N. Stöcklin-Müller
(S. Basel) von ihm durch seine
Ostflanke in die Val Nalps hinab. Eine Einsattelung, die Fuorcla digl Uffiern,
trennt den Piz digl' Uffiern- vom Piz
Git (2970 m), der als schöne
Felspyramide seinen Namen (git - spitz) wohl verdient. Marcel Kurz kam am 29.
September 1917 mit Giacomo Bertolini von seinem militärischen Standquartier am
Oberalpsee durch die Val Maighels, überstieg zuerst den Ravetscbpass, von dem
wir nachher noch hören werden, traversierte dann zur Fuorcla digl Uffiern hinüber,
überschritt diese, um dann über den Passo Rondadura St. Maria zu erreichen. Der Piz Git wurde
am 3. August 1913 von P. Schucan (S. Davos) und W. Bärlocler von der folgenden
Einsättelung, der Fuorcla dil Git, über den Nördgrat leicht erstiegen
(Jahrbuch XLIX). Der Abstieg über den Südgrat jedoch erforderte schwierige und
heikle Kletterarbeit mit Abseilung über eine 20 m hohe, vollständig glatte
Platte. An die Fuorcla dil Git schliesst sich der Piz Serengia (serengia = hell,
heiter, 2988 m) an,
den die Vorgenannten am gleichen Tage vorher zuerst bezwungen hatten, und zwar
von der folgenden Einsattelung aus, der Fuorcla Serengia, über den nicht allzu
schwierigen Nordgrat. Auch hier war der Abstieg bedeutend schwieriger und
exponierter- gewesen. Die Ursache lässt
sich von unserm Standpunkt aus leicht erkennen.
Die Schichten steigen schräg von Norden nach Süden an, und so mussten beim
Abstieg die plattigen Schichtköpfe überwunden werden. Die felsige und der
Schichtung wegen bänderreiche Ostflanke ist gut gangbar und dürfte schon
manchen Strahler angezogen haben, sind doch alle Berge dieses Gebietes ihres
Kristallreichtumes wegen den Strahlern des Tavetsch wohl bekannt. Marcel Kurz
stieg am 26. August 1917 mit Giacomo
Bertolini vom Piz Serengia über den Westgrat ab. Nun folgt der Piz Fuorcla
(2912 der nach der nördlich von ihm liegenden und einen bekannten Hirtenübergang
bildenden Fuorcla de Paradis benannt ist. Dr. Amberg bestieg ihn mit Gefährten
am 9. August 1911 (Jahrbuch XLVIII, pag. 217). Den Südgrat verfolgte am 27. August 1917 Marcel Kurz mit seinem Träger beim Abstieg ohne besondere
Schwierigkeiten. An die Fuorcla schliesst sich der leicht ersteigbare Piz
Paradis (2888 m) an, mit dem unsere
Aussicht nach Norden abschloss.
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Jetzt
erscheint der Piz Blas als ein schrägstehender Zahn. Gerade vor uns liegen
seine befirnten Südabhänge, an welchen am 26. Juni 1903 der Zürcher Professor
Dr. Gröbli (S. Uto) mit drei Schülern von einer Lawine verschüttet wurde
(Alpina 1903, pag. 125). Ein langer Grat, der Tenelingrat, streicht vom Piz Blas
nach Westen zum Passo Vecchio hinüber. Dieser Grat hat zwei Erhebungen, den Piz
Tenelin (2852
m)
und den zwischen letzterm und dem Piz Blas liegenden Piz Denter
(Zwischenberg, 2959 m). Der Passo Vecchio (2715 m) ist,
wie sein Name ja sagt, ein uralter Viehtrieb für die Tessiner zur Alp Curnera
gewesen. Während nämlich am 27. Oktober 1487 der Abt Johann die Alp Curnera
dem Johannes de Manzett aus dem Ursener Ministerialgeschlecht von Moos, der auch
Luzerner Bürger war, um 300 fl. als Lehen verpachtete, verkaufte, der Abt
Paulus Nicolai am 12. Juli 1540 die wieder dem Kloster anheimgefallene Alp
(cristallis et mineralibus abundantem) an Martin Farisio von Faido, Albert
Schwarz und Jacob Schanovio mit einem Hausgarten in Truns für nur 400 fl. Erst
1913 ist sie von Klubgenosse Decurtins (S. Piz Terri) mit seinem Bruder zurückgekauft
und der Gemeinde Tavetsch verpachtet worden. Der Passo Vecchio wird anderseits
von Piz Cornera (2795 m) begrenzt, während
der vom letzterem zum Piz Borel streichende Corneragrat von hier aus als
isolierte Pyramide erscheint.
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(08.08.1916) Wir
stehen hier im breiten Passo Pian Bornengo, in einer Höhe von 2636 m, zwischen
dem Piz Alv. (2771 m, = weisser Berg), dem Dreiländerstein der Kantone Graubünden,
Uri und Tessin und dem imposanten schwarzen Felskopf, P. 2636, des Signal Borel
(2875 m).
Placidus
a Spescha ist einmal im Nebel hier durchgestiegen und nennt den Pass irrig
„Sellapass" und den Piz Alv „Sellaberg“, sucht den Piz Alv selbst
aber beim Piz Ravetsch, obwohl seine Karte gerade hier sehr genau ist. Zum
Aufnehmen der Kette zwischen der Val Curnera und der Val Maighels erscheint mir
dieser Standpunkt aber doch nicht geeignet und auch nicht der Piz
Alv, der von hier leicht ersteigbar ist, und den ich zu ersteigen zuerst im
Sinne hatte. Deshalb traversieren wir, nachdem wir noch konstatiert hatten, dass
man die Klubhütte von hier gut sehen wird, auf den östlichen Schneehängen des
Nordgrates des Piz Alv zum Maighelspass hinüber, einer seichten Wasserscheide
zwischen Val Maighels und der obern Unteralp, in welcher ein Seelein schlummert,
das nicht weiss, ob es sein Wasser nur der Reuss oder auch noch dem Rhein
zusenden soll. Von hier kann man leicht nach Andermatt absteigen.
Wir
streben weiter nördlich auf die Terrasse der Ostflanke des Piz Portgera, wo
sich der gewünschte Punkt fand. Der Berg hat seinen Namen nach der Alp, die
1563 verdeutscht Bergören, 1625 Pürchera genannt wird (von purchi,
purtschi=das Ferkel). Eigentümlich ist es, was bei dieser Gelegenheit nebenbei
bemerkt werden mag, dass im Rätoromanischen mit purschala eine Jungfrau, aber
auch ein - weibliches Ferkel bezeichnet wird, dagegen mit salvahonori, was
soviel bedeutet als „mit Entschuldigung zu vermerken" - das Schwein.
Aus
dem Passo Pian Bornengo erhebt sich mit seinem erwähnten Vorkopf der P. 2875,
Signal Borel genannt, von dem ein Teilpanorama im Jahrbuch XXVIII, pag. 354, veröffentlicht
ist. An diesen schliesst sich, nach Norden umbiegend, der Piz Borel (2963 m) an,
der nach einem Topographen benannt worden sein soll. Aus dem breit ins
Maighelstal fallenden, moränenreichen Glatscher da Maighels strebt eine
Zackenkette auf, die auch erst in der letzten Zeit in ihren Einzelheiten
bekannter geworden ist, jedenfalls aber jetzt von Gotthardsoldaten öfters
betreten wurde, ohne dass man davon Nachricht erhielt. Zunächst ist da der Piz
Ravetsch (3010 m), der vielleicht seinen Namen, den Spescha schon angibt, den
grossen Moränen und Schutthalden an seinem Fusse verdankt (grava, rava, ravera
= Rüfe und -atscha = gross, entlegen, vgl. Raveras bei Disentis, Rueras, 1645
noch Raveras genannt, im Tavetsch (Tujetsch), Gravascholta bei Vals-Platz). Wer
ihn zuerst bestieg, ist nicht mehr bekannt. Von der Cadlimohütte ist er über
den Piz Borel oder denselben umgehend leicht zu erreichen. Auch durch das
Schneecouloir der Westseite hat man ihn schon zu erstreben versucht (Jahrbuch
XXXI, pag. 367). Seine erste Traversierung von Süden nach Norden unternahmen am
19. Juli 1914 S. Erismann (S. Titlis) und J. Munck (S. Pilatus), wobei sie auch
die beiden folgenden Gendarmen und den P. 2947, den Ravetschturm, überkletterten
und aus der Scharte östlich des zweiten a des Wortes „Ravetschagrat"
durch ein Couloir ins Maighelstal abstiegen. Am 22. Juli 1916 wiederholten N. Stöcklin-Müller
(S. Basel), Nikl. Stöcklin jun. und Ferd. Wortmann jun. diese Tour, ohne von
ihren Vorgängern Kenntnis zu haben, stiegen aber aus einer mehr südlich
liegenden Einsattelung in die Val Curnera ab. Wie oben bereits angegeben, überschritt
Marcel Kurz mit Giacomo Bertolini am 29. September 1917 eine von. Gemsjägern
oft überschrittene Lücke, den Ravetschpass, zwischen P. 2982 und P. 2947, und
zwar nördlich des kleinen Gendarmen. Weiter nördlich reihen sich noch einige
unbekannte Zacken des Ravetschgrates an, wie der ganze Grat genannt wird, bis
zur Gegend der Plauncacotschna, d. h. der roten Ebene, wo, wie man vom Tal aus
erkennen kann, ein Rötidolomit oder Rötikalk ansteht. Den P. 2887 nennen die
Eingebornen Piz Alpettas, welcher Name schon bei Spescha vorkommt.
So,
nun sind wir über diese Kette auch im reinen und steigen abwärts, nördlich
weiter, zuerst unter der Portgeralücke durch, dann an den Hängen des Piz Ner
(Schwarzberg) vorbei, etwa in Höhe von 2400 m, so dass wir durch die Lücke des
Lohlenpasses, der zwischen Piz Ner und Piz Tagliola einen etwas strengern
Abstieg nach Andermatt ermöglicht und nach neuesten Messungen (Marcel Kurz)
zirka 2405 m hoch liegt, einen Blick hinabwerfen können. Dann geht es abwärts
in Richtung auf den Piz Cavradi zu, welcher sich wie ein Keil in die Val
Maighels einschiebt, am Piz Tagliola oberhalb der Alp Tegliola (1563 verdeutscht
Thallolen von rom. tagliola = kleiner Baumstrunk) vorbei zum Steinmann beim P.
2274 neben dem Maighelssee. Letzterer schickt der dort ebenfalls seichten
Wasserscheide wegen sein Wasser teils durch die Val Platta in den Curnerarhein,
teils in entgegengesetzter Richtung direkt in den Vorderrhein. Das ist ein prächtiges
Plätzchen.
Im
Hintergrund tauchen die schroffen Felsen des Schneehühnerstockgebietes auf,
links türmen sich die steilen Wände des Badus. Da haben wir lange gesessen. An
einer ganzen Anzahl grösserer und kleinerer Seen kommt man vorbei. Links stürzt
sich der junge Rhein aus dem nicht sichtbaren Tomasee durch eine Felsschlucht
hinab, als wolle er seinem jungen Bruder an der Froda in nichts nachstehen. Bei
dem Signal (2164 m) neben der zerfallenen Hütte von Paliudultscha (= süsse Sümpfe,
d. h. Sümpfe, wo vom Vieh gern gefressenes Gras wächst, vgl. Campodolcino),
wird der Blick auf die Oberalpstrasse (1563 Crispalgerberg genannt) mit ihren
vielen Kehren frei und auf unser Ziel, Tschamut, das oberste Dörfchen (1648 m)
im Tavetschertal. Sein Name wird aus caput montis = oben am Berg gedeutet. Nach
Mnoth, der als älteste Einwohner des Tavetsch später romanisierte
Deutschsprachler aus Uri oder Wallis annimmt, stammt der Name aus „ze Mutt =
ebenfalls am Berg, vgl. Zmutt im Wallis.
Weglos
geht es durch Erlen und blühende Alpenrosen den Hügel hinab. Der Rhein wird
auf einer Schneebrücke überschritten und tief unter der Oberalpstrasse wandern
wir zur hölzernen, primitiven Brücke, der ersten des Rheins, jenseits der wir
aufsteigend Tschamut erreichen. Sektionsgenosse C. Caveng (S. Piz Terri) nimmt
uns in seinem Hotel „Rheinquelle“, das nur im Sommer geöffnet ist,
freundlichst auf. Alois zieht wohlvergnügt abends noch nach Sedrun hinab und am
andern Morgen durch die Val Nalps und über den Passo Rondadura nach St. Maria.
Wir haben aber noch die Baduskette und den nördlichen Teil der Kette zwischen
Val Curnera und Val Nalps zu inspizieren und zu photographieren. Dazu scheint
der dem Hotel gegenüberliegende Piz Cavradi (2170 ni) geeignet zu sein. Zudem
ist über ihn in der Literatur nichts zu finden. .
Es würde zu weit führen, wenn ich hier über die Geschichte und das Volkstum des Tavetsch (1285 Tiuez, 1300 Thivethz von tigia, tegia Hütte und Kollektivsuffix -etia, also das Tal mit Sennhütten) berichten würde. Vielleicht geschieht dies später einmal in einer dieses Tal allein betreffenden Abhandlung.
(Das
erflogte dann auch in der Abhandlung: Tavetsch )
Am
10. August stieg ich morgens mit meinem Sohne wieder hinab zur Holzbrücke und
jenseits den mit Gebüsch bewachsenen, nördlich dem Piz Cavradi angelagerten Hügel
hinan, dessen signalbekrönte Kuppe wir in einer halben Stunde erreichten. Schon
hier hat man einen schönen Tiefblick auf Tschamut. Dann stiegen wir Pfadspuren
folgend den breiten mit Alpenrosen, Wacholder- und Heidelbeergesträuch
bewachsenen Nordgrat hinan, von dem der Pfad nach links zur Alp Cavradi geht, da
die Schlucht unten nicht gangbar ist. In der Karte ist dort der eigentümliche
Name „Muntraviers" eingetragen. Das ist wohl ein Schreibfehler. In einer
Urkunde von 1625 heisst es „Chavradi ligt inerthalb Mont traviers, stost
morgenhalb an dem Wasser Chornera, mittaghalb an der alp Cornera, abenthalb
gegen Maigels, mittnachthalb an genanten Mont traviers". Dieser Mont
traviers (= in der Quere liegender Berg) ist also der später nach der Alp
benannte Piz Cavradi. Sein jetziger Name dürfte mit dem rom. caura, cavra =
Ziege, zusammenhängen. In ¾ Stunden ab dem ersten Signal stehen wir bei einem
zweiten, neuen. Da haben wir nun einen schönen Standpunkt zur Aufnahme der
Baduskette, die vom P. 2840 an, den Spescha Nasaul (= hohe Nase) nennt, bis zum
Oberalpsee mit ihrem ganzen Vorgelände sichtbar ist. Über einer schroffen, von
Schneerunsen durchrissenen Felswand liegt ein muldenförmiges Firnplateau,
welches der Gipfelfelskopf des Badus (2931 m) überkrönt. Der im Tavetsch
(Tujetsch) gebräuchliche Name „Badus" kommt vom rom. palus, it. padule =
Sumpf, und der Name „Six Madun", der mehr auf der Unteralpseite gebräuchlich
ist, von rom. sax = Fels und
amadere, meder = mähen, also Fels ob der Matte, vgl. Andermatt. Man darf also,
so schön es auch wäre, die vom Tavetsch aus sichtbaren charakteristischen, dem
Gipfel vorgelagerten Felszacken nicht als die 6 Jungfrauen (sex mattauns)
ansprechen, wie z. B. bei den Tschingelhörnern.. „Badus" ist auch eine
Tavetscher Kolonie in Amerika benannt. Nach Norden fällt das obere Firnplateau
mit dieser charakteristischen Felswand in eine tiefere Schneemulde, in der der
Tomasee in Höhe von 2344 m liegt, die Wiege des Vorderrheins. Sie ist gegen uns
zu durch einen langen, von SO nach NW streichenden Grat, den Fil Toma (fil =
Grat, toma = Hügel), abgeschlossen und hinten vom dachförmigen Piz Toma (2788
m), dem runden Felskopf des Prielet (2770 m), pariel, priel = Kessel) und der
breiten Plauncaulta (2839 m und 2832 m, = warme Ebene). Der Fil Toma läuft mit
seinem höchsten Punkte (2740 m) an dem fast gleich hohen Pazzolastock (2744 m)
aus (rom. v. pazzola = Fetzen Land oder pizzolo = kleiner Berg), der auch viel
Piz Nurschallas (nuorsa, nursa - Schaf) genannt wird und zum Oberalpsee abfällt.
Im
August 1785 bestieg Placidus a Spescha zum erstenmal den Badus. Er befand sich
dabei in Begleitung des Paters Fintan Bürchler aus dem Kloster Rheinau, eines
ehrwürdigen Greises, den der wanderlustige Spescha nach seiner üblichen
Methode auf dem grössten Umweg dorthin führte, nämlich von Disentis nach St.
Maria, durch Val Cadlimo über den Passo Vecchio und durch das Curneratal ab und
auf nach Tschamut und tags darauf früh erst zum Badus. Als sie oben auf den
Grat kamen, wo sich der Blick ins Unteralptal erschliesst, da hatte der bergungeübte,
alte Herr doch genug, wollte nicht mehr weiter gehen und sich auch nicht von
Spescha hinauftragen lassen, so dass letzterer die letzte Viertelstunde allein
zurücklegen musste. Wohlbehalten, aber hungrig, kamen sie dann aber wieder in
Tschamut an. Wer die benachbarten Berge zuerst bestiegen hat, ist nicht ganz
sicher. Die Plauncaulta erstieg G. Wahlenberg am 23. August 1813 zuerst und den
Prielet Collin Campbell am 13. Juli 1893. Die ganze Kette ist überschreitbar.
Im Fremdenbuch der „Rheinquelle" fand ich ausser einer Eintragung des
Dichters C. F. Meyer eine Empfehlung der Besteigung des Badus vom 9. August 1867
durch den Kaplan von Sedrun, Ant. Casanova
von Vrin. Forstwirt Joh.
Coaz schrieb 1868 „Ersteigung des Badus leicht, empfehlenswert. Pflicht eines
jeden durchreisenden Mitgliedes des S. A. C." 1873 empfiehlt ein W. Mayer
aus Esslingen die Besteigung des Piz Nurschallas als Ersatz für die des Badus,
weil ersterer genau in der Linie Chur-Furka liege und so eine vollständigere ,
Aussicht auf Rhein- und Urserental habe. Diese hätte ich gerne auch einmal
genossen, aber mit dem Zeiss hatte ich entdeckt, dass da oben auf dem Gipfel
dieses Berges eine ganz solide Militärhütte mit freistehendem Abort aus dem
Boden gewachsen ist. War doch überhaupt die ganze Gegend nicht ganz überraschungssicher.
Vielfach hatten wir schon in der Val Maighels aus Steinen und Rasenziegeln
angelegte Brustwehren angetroffen, leere Patronenhülsen und sogar unter
Paliudultscha den zerborstenen Aluminiumring eines Zeitzünders gefunden.
Nachdem
wir die Baduskette aufgenommen hatten, hiess es weitergehen. Vor uns türmt sich
der Felsgrat auf. Er sieht nicht böse aus, hat aber einen Abbruch, der wohl
Seilsicherung verlangt. Also traversieren wir unter den Felsen über Schnee und
Blöcke auf den breiten Ostgrat hinüber, wo sich uns nun die Aussieht in die
Val Curnera und auch auf die vom Rondaduragrat gesehenen Gipfel erschliesst,
aber von der andern Seite aus. Tief unter uns tost in tiefer Felsenschlucht
unsichtbar der Curnerarhein. Da liessen sich früher die Tavetscher Strahler an
langen Stricken unter Lebensgefahr die senkrechten Felsen hinab und holten die
weitberühmten und vielbeschriebenen, blutroten, tafelförmigen
Eisenglanzkristalle, selbst solche, die mit Rutilnadeln bedeckt sind, herauf,
welche damals noch teuer bezahlt wurden.
Über
diesen Felsen, unter uns und für uns hier ebenfalls unsichtbar, liegt die Alp
Cavradi, die 1629 der Gemeinde Tavetsch gehörte, 1680 den Erben eines Flurin
Spescha zu Truns und etwas später der Pfrund St. Martin zu Truns vermacht
wurde, der sie noch gehört. Soeben kommen die Geissen von ihr herauf und gehen
über dem zweiten Signal durch auf die andere Seite des Berges. Uns gegenüber
steigt aus dem Tavetschertal mit seinem Vorberg, dem Piz Muot (in der Karte heisst
die Alp irrig Mott; muota = Bergkuppe), und seinem zackigen Grat, dem Ruinatsch
(= grosse Rüfe, wohl weil bei ihm die Selva bedrohenden Lawinen abreissen), der
Piz Maler (2793 m) in seiner durchfurchten und geröllhaltigen Westwand auf. Läge
die Betonung auf der letzten Silbe, so könnte man den Namen mit maler =
Apfelbaum zusammenbringen. So aber wird er, wie andere Tavetscher
Ortsbezeichnungen, z. B. Mylar (1643), Mueler und Moler (1456), mit irgendeiner
Mühle in Zusammenhang zu bringen sein. Auch sein Erstbesteiger ist nicht
bekannt. Die Berner Klubisten Gottlieb Studer und Dr. N. Lindt bestiegen ihn am
28. Juli 1867. Von ersterem rührt das Panorama im Jahrbuch VIII her. Südlich fällt
der Piz Maler zur Fuorcla da Toma (2582 m) ab, einem altbekannten, in der Karte
nicht benannten Hirtenübergang von Alp Toma (v. tuma = Hügel) im Nalpstal zur
Alp Curnera. Zwischen dieser Furkel und dem Piz Paradis erheben sich einige
Zacken aus dem Grat, welche die untere Val Curnera beherrschen und vielleicht,
da sie morgens, von rückwärts beleuchtet, sich schwarz gegen den Himmel
abheben, dem Tal den Namen gegeben haben könnten (corn = -Horn, ner = schwarz),
denn jedenfalls erfolgte seine Benennung vom Tavetsch aus. Diese Zacken - die
Karte ist hier nicht genau - werden die Tuors Paradis genannt und von S nach N
gezählt, so dass P. 2860 die Tuor I ist. Die Tuor IV ist aber eigentlich nicht
mehr als „Turm" anzusprechen. P. Schucan und W. Bärlocher erkletterten
am 4. August 1913 die Türme I und IV (Jahrbuch IL, pag. 283), Marcel Kurz hat
am 25. August 1917 allein alle vier Türme von N nach S traversiert.
So,
nun haben wir ja eigentlich alles, was wir wollen, aber den Gipfel des Cavradi
wollen wir uns nebenbei auch noch holen. Über einen Schneehang steigen wir nach
Westen in eine tiefe Scharte des Grates, dann, nach Norden abbiegend, aufwärts
auf ein Plateau und erreichen über einen schmalen Sattel, in dem zwei Köpfe
sich in den Weg stellen, den mit dem Steinmann versehenen Vordergipfel. Er
bietet einen sehr schönen Tiefblick ins Tavetsch, das von der Oberalpstockkette
überragt ist. Auf dem gleichen Wege kehren wir wieder ins Hotel Rheinquelle zurück.
Damit
war unsere Aufgabe, soweit sie für die kurze Zeit gesteckt werden konnte, gelöst.
Kein Tropfen Regen hatte uns hierbei gestört. Zufrieden wanderten wir am andern
Tag, am kleinen Kirchlein vorbei, das Tal hinab, hoch über Selva (= im Holz)
durch, das 1785 abbrannte und 1808 fast ganz von Lawinen zerstört wurde. 1853
wurde von Selvern das benachbarte, sicherer gelegene Sutcrestas (=unter dem Hügel)
gegründet. Jetzt schirmt der angepflanzte Wald, Uaul de Rosas, Selva vor von
Norden kommenden Lawinen. Hoch oben winken die Häuschen von Caspausa (wie
Crispalt von cresta alta = hoher Kamm), wo hinten der alte Weg, die Via lada (=
breiter Weg), wie die alte Oberalpstrasse genannt wurde, über den Tiarmspass (=
Grenzpass) geht. Haben wir den Wald von Sontga Brida (St. Brigitta) hinter uns,
dann erschliesst sich unserm Blick eine weite, prächtige, von sanften Hügeln
mit dahinterliegenden, zackigen Felsgräten begrenzte Mulde, das neu
erschlossene Skigebiet (zirka 1400 m hoch) des jungen Wintersportplatzes Sedrun,
das aber auch im Sommer seine ständigen Gäste hat. Schon Oskar Schuster und
Henry Hoek, die allbekannten Meister der langen Bretter, hatten, als sie im
Jahre 1900 vom Oberalppass herkamen, diese Gegend als ein Skigelände ersten
Ranges erkannt. Aber noch schlummerte sie 15 Jahre lang, bis unser
Sektionsgenosse L. Berther (S. Piz Terri) mit seinen rührigen Geschwistern sich
entschloss, trotz der Kriegswirren sein heimeliges Berggasthaus auch im Winter für
nicht Engadiner oder Davoser Verhältnisse erwartende Touristen und Kurgäste
offen zu halten und Skikurse zu veranstalten. So ist nun endlich auf
der grossen Strecke zwischen Andermatt und Disentis im Winter eine Unterkunft zu
finden. Zahlreiche kleinere und grössere Wintertouren weist der Winterprospekt
der Krone auf.
Rechts
unten am Rhein stehen die Ruinen einer Burg. Das sind die von Pontaningen, auf
welcher schon 1252 als Burgvögte des Klosters Disentis und Talrichter das
Geschlecht deren von Bultingen sass, welche mit den Meiern von Rueras die
einzigen Adelsgeschlechter des Tavetsch bildeten. Bald sind wir in Rueras (1380
Reveras = raveras = Rüfen). 1749 wurde es und das benachbarte Zarcuns von einer
Lawine zerstört, wobei 95 Gebäulichkeiten vernichtet und 64 Personen getötet
wurden. Um eine Ecke biegend treten wir bald in Camischolas ein, 1456
Gampscholas genannt, was also nichts mit dem camischol (Kamisol) zu tun hat,
sondern mit dem camp = Feld, campicellus = kleines Feld, zusammenhängt. Da fängt
es nun zu guter Letzt aus allen Himmelsschleusen zu regnen an, so dass wir froh
waren, als wir im nahen Sedrun unter das gastliche Dach der Krone schlüpfen
konnten. Und als wir nun in der gemütlichen Gaststube unerwartet eine kleine
Klubgenossengesellschaft fanden, da wurde uns der Entschluss nicht schwer, erst
am andern Tag weiter zu ziehen. Vor 1555 kannte man den Namen Sedrun noch nicht.
Es waren damals zwei Höfe dort, wie auch eine Urkunde von 1456 erkennen lässt:
Sor Dragun und Sut Dragun (dragun, dargun = wildes Bergwasser, mit Geschiebe),
d. h. ob dem Wildbach und nid dem Wildbach. Aus letzterer Bezeichnung ist der
Name Sedrun entstanden. Der Wildbach ist der aus der schmalen und langen Val
Strem (rom. strema = Striemen, Streifen), durch die der Weg zum Krüzlipass
geht, kommende Strimbach. Die Kirche ist ein Denkmal oberländischer
Heimatkunst. Das grosse Altarbild wurde 1703 von Sigisbert Frey aus Disentis
gemalt, und das Freskogemälde aussen am Turm von dem berühmten Maler Felix
Maria Diog (1762-1834), dessen Mutter von Tschamut gebürtig war.
Tags
darauf zogen wir wieder weiter talabwärts. Da öffnete sich rechts ein Blick in
die untere Val Nalps und auf einen äusserst steilen Kegel in derselben. Das ist
der Tgiern Toma (2766 m). Der Romane bezeichnet solche andern höhern Bergen
vorgelagerte, durch einen Grat mit dem Hauptmassiv verbundene Kegel gern mit dem
Namen tgiern = Horn. So haben wir z. B. vor dem Ganneretsch den Tgiern St. Gion,
vor dem Muteun im Lungnez den Tgiern Vanescha. Diesen Tgiern Tuma bestieg Marcel
Kurz mit Giacomo Bertolini am 25. August 1917 vom Glatscher de Tuma aus über
den den Tgiern mit dem Piz Paradis verbindenden Grat, nicht unschwierig.
Weiter
geht es abwärts die Strasse unter Bugnei (1555 Paneyen v. pinetum = Tannenwald)
durch, bei dem noch grosse Wälder liegen, immer hoch über dem Vorderrhein.
Schon haben wir im Vordergrund wieder unser bekanntes Dreigestirn Piz Muraun,
Piz Caschlegia und Piz Cazerauns des Medelsergebirges. Bald sind wir auch in
Disentis, dem Ausgangspunkt unserer Rundreise, gerade rechtzeitig zur Abfahrt
des Zuges angelangt. Da packen wir nun im Zuge aus, was uns Berther fürsorglich
von Tavetscher Herrlichkeiten eingepackt hat, saftigen Tavetscherschinken,
blutroten Veltliner, graues, schmackhaftes Bauernbrot und fette Tavetscherkäschen.
Unser bei St. Maria erwähnter Abt Christian von Castelberg hatte die Güte des
Tavetscherkäses schon erkannt, denn im Jahre 1579 verordnete er, die
Alpgenossen im Tavetsch „söllendt einem Herren zu Tyssentis 5 Zentner Khehs järlichen
Zins üs ihren spicher weglassen, vor und ehe sy von einander zertheilen, und
guot, feist, gesalzen Khehs".
Benutzte
Literatur
1916 Richli, Anna. Der Kleine Passwächter. In „Höhenleuchten“, Regensburg
1913 Pieth, Dr. F., und Hager, Dr. P. Karl. Pater Placidus a Spescha. Bümpliz-Bern
1910
Hoppler, R. Urkunden zur Geschichte der Talschaft Tavetsch. Anzeiger für
Schweizer Geschichte, 11
1898 Muothz, J.C. Die Talgemeinde Tavetsch. Bündner Monatsblatt