Tujetsch
Aus: Führer durch die Alpen Glacier Express; Felici Berther 1992

 

Die Gemeinde Tujetsch (1441-2033 m ü. M., 133,9 km2,) mit den Fraktionen Tschamut, Selva, Rueras/Dieni, Zarcuns/Camischolas, Gonda, Sedrun, Bugnei, Surrein und Cavorgia umfasst die obersten drei Stufen des Vorderrheingebietes bis zur Kantonsgrenze auf dem Oberalppass. Tujetsch, im Anschluss an die Gründung des Klosters Disentis gerodet und bevölkert, blieb lange grundherrlich dem Klosterstaat einverleibt; die Ministerialfamilie Pontaningen übte die Verwaltung aus. Die Ablösung begann im 14. und dauerte bis Ende des 19. Jh. Die Bevölkerung ist die Vermischung der einheimischen Ackerbau treibenden, geselligen und dorfliebenden Rätoromanen mit den im 12. Jahrhundert zugewanderten, Viehaufzucht treibenden, genügsamen, an hochgelegenen Halden in Höfen lebenden Walsern. Die Siedlungsform entwickelte sich im 17./18. Jahrhundert vom lockeren Hofsystem des Mittelalters zum geschlossenen Dorf.

Der karge Boden (50 Prozent unproduktiv, ausgedehnte Weiden, wenig Wald, fünf Prozent kultivierbar) vermochte nicht allen Einwohnern eine Existenz zu geben; die Auswanderung, in fremde Dienste im 17/18. Jahrhundert, besonders nach Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war deshalb gross. Noch heute suchen viele Tujetscher Arbeit und Verdienst ausserhalb der Gemeinde, meistens im Unterland.

Eine Wende zeichnete sich erst seit dem Bau der Wasserkraftwerke 1955-1967 ab. Dank der Erschliessung der Skigebiete Sedrun/Valtgeva und Rueras/Milez/Oberalp entwickelte sich das Tal zu einer Ferienregion mit einem komfortablen Angebot an Sport- und Wandermöglichkeiten. Tujetsch hat einen guten Ruf als Skitourengebiet. Der Tourismus bildet die Haupteinnahmequelle. Das Gewerbe ist einseitig auf Bautätigkeit ausgerichtet; die Industrie nimmt sich sehr bescheiden aus. Die Landwirtschaft nimmt weiter ab; das Tal verliert den bäuerlichen Charakter. Diese Änderungen brachten Wohlstand, gefährden aber zunehmend Tradition, Kultur, Sprache und Umwelt.

Einblick in Kultur und Geschichte des Tujetsch bietet die kulturhistorische Sammlung im Talmuseum «La Truaisch» in Sedrun; dort befindet sich auch eine reichhaltige Mineraliensammlung. Kunsthistorisch beachtenswert sind die Kirchen und Kapellen, alle mit kostbaren Schätzen.

Tujetsch ist längst aus der geographischen und kulturellen Isolation ausgebrochen. Was Placidus a Spescha, zeitweise Kaplan in Selva, schrieb, dürfte heute nur bedingt zutreffen. «Überhaupt lässt sich von den Tavetschern sagen, dass sie noch eine von der boshaften Welt abgesonderte, gottesfürchtige, emsige, arbeitssame und unverfälschte Natur haben.» Die Tujetscher sind «gesellschaftlichen und fröhlichen Gemüts, spielen gerne» (noch heute leidenschaftlich Tarock, troccas, wofür sie eine eigene Spielart und eine Geheimsprache entwickelt haben), «essen gerne und lieben alles, was süss ist.» Talspezialitäten sind Ziegenkäse, die berühmte Tujetscher «petta», ligiongias da truffels (Kartoffelwurst).
      
Sedrun (1400 m ü. M.)
Hauptort des Tales am Wildbach Drun in besonnter Lage, heute vom Bauboom stark betroffen. Die Pfarrkirche St. Vigilius, mit romanischem Turm (1205) und einem stattlichen Barockbau von Schiff und Chor (1691) beherbergt einen Hochaltar mit originellem Tabernakel von Johann Ritz von Selkingen. Am Ostrand des Dorfes steht die seltsame, furchterregende Judenkapelle (1836). Der Besuch des Talmuseums «La Truaisch» lohnt sich.

Von Sedrun aus über den Chrüzlipass (2347 m ü. M.) bietet sich die direkteste Verbindung von der Cadi zur Innerschweiz an. Vor der Eröffnung der Schöllenenschlucht im Urserental wurde dieser Weg eifrig benützt; das Übersteigen des Passes ist auch heute noch ein besonderes Erlebnis.

      
Rueras (1402 m ü. M.)
Ortschaft bäuerlichen Charakters mit gut erhaltenem, verträumtem Dorfkern, mit regem, geselligem Vereinsleben und einer sehr aktiven Theatergruppe. Das Gewerbe ist verhältnismässig stark, die Landwirtschaft gesund. Der Tourismus bringt willkommenen Nebenverdienst. Die barocke Dorfkirche überrascht durch den Hauptaltar mit originellen Reliquienbaldachinen, zwei reichbewegte Rokoko-Seitenaltäre und ein kostbares gotisches Vortragekreuz aus dem 14.Jahrhundert.

Rueras wurde zweimal von starken Lawinen heimgesucht: im Februar 1749 kamen 64 Personen und 237 Haustiere um, 23 Häuser, 39 Ställe, fünf Mühlen und die Sägerei wurden zerstört. Im März 1817 fanden 28 Menschen den Lawinentod. Das Dorf wurde ostwärts verlegt und durch eine starke Wehrmauer geschützt.

Im Mittelalter war Rueras Meieramtshof der Disentiser Klosterverwaltung; diesem stand das bedeutendste Ministerialgeschlecht jener Zeit (13./14. Jahrhundert) vor, jenes der Herren von Bultringen (Pontaningen). Sein bekanntester Vertreter ist Abt Peter von Pontaningen (1402-1438), der Gründer des Grauen Bundes. Ministerialfeste (Talwarte) war die, im Südwesten des Dorfes gelegene Burg, die heute nur noch eine Ruine ist.

      
Mit Betroffenheit
Das grosse Lawinenunglück von 1749 hat Placidus a Spescha noch 1805 mit Betroffenheit überliefert: «Um ½ 10 Uhr aber, da alles ruhete, begann das Unglück und war schröcklich. Die Schneelauinen von der Pulanära und Mila rissen sich gleichzeitig los, überfielen das Dorf Ruäras so gewalthätig, dass davon 23 Häuser d. i. 46 Feuerstätten, 33 Speicher, 39 Ställe, 5 Mühlen und 1 Säge, 237 kleine und grosse Thiere und über 100 Personen zugedeckt und bis an den Rhein und noch darüber fortgerissen wurden. Von den erwachsenen Personen blieben 44 und von den andern 20, folglich 64 tod [... ] Viele der Menschen und Thiere, die unter dem Schutte lagen, wurden beschädigt und verlahmt ausgehoben, viele aber ganz gesund und unverletzt gefunden [... ] Nachdem die Einwohner des Thals von dem Unglück benachrichtigt waren, liefen sie dahin. Weil aber die Lauine eine beträchtliche Strecke Landes einnahm, so wusste man nicht, wo man hingraben sollte, um Leuthe und Vieh zu gewinnen. Man bediente sich der langen und spitzigen Stangen, um die Lauine durchzustechen. - Man erzählt dabey, dass die Verunglückten die Stimmen der Arbeiter hörten, diese aber die Stimmen der andern nicht, bis die Lauine nicht ganz durchgestochen war. Man musste dabey mit aller Vorsicht zu Werke gehen, damit man nicht erst jenes tödete, was noch am Leben war. Kurz: dies war die schröcklichste Scene, die jemals im Tavätsch sich zutrug.»

Quelle: Placidus Spescha 1805, in Pieth/Hager 1913, S.428/429

     

Selva vor dem Brand von 1949

Selva (1537 m ü. M.)
Die spätmittelalterliche Bezeichnung «Selvaningen» weist auf die Besiedlung durch Walser hin. Das Dorf wurde 1785 und 1949 ein Raub der Flammen. Die neue Siedlung basiert auf Plänen von Venantius Maissen. Die gutbesuchte Wallfahrtskapelle, ist ein ländlich moderner Bau mit gewölbter Holzdecke; im Chor, in einem neueren Strahlenkranz, befindet sich eine spätgotische Muttergottesstatuette vom Anfang des 16. Jh.

Selva wurde mehrmals von grösseren Lawinen heimgesucht: «la pli stermentusa lavina», die schrecklichste Lawine von 1808 forderte 25 Tote, zerstörte sechs Häuser und tötete gegen 250 Tiere. Die letzte Lawine (1951) forderte einen Toten und zerstörte ein Haus. Der Versuch Mitte des 19. Jahrhunderts, Selva nach Sutcrestas zu dislozieren und neu aufzubauen, scheiterte; geblieben ist das Schulhaus (jetzt Ferienkolonie). Heute schützt die grosse Lawinenverbauung Scharinas/Tschamut mit 2350 m Stahlschneebrücken, 8500 m Holzschneerechen und 400’000 Pflanzen die zwei obersten Taldörfer. - Selva ist beinahe entvölkert. Im August 1988 beschloss die Gemeinde, Selva in eine rund 60 ha grosse Sport- und Golfzone einzuzonen, was die Preisgabe einer während Jahrhunderten natürlich gewachsenen, intakten Kulturlandschaft mit seltener Fauna und Flora bedeutet.

     
Tschamut (1667 m ü. M.)
Walserdorf «Z'mut», oberste Siedlung des Tujetsch inmitten einer grossartigen Gebirgslandschaft. Ausgangspunkt für den Besuch der Rheinquelle beim Tomasee, die Besteigung des Badus und für weitere lohnende Bergtouren. Oberhalb der Bahnstation befindet sich der botanische «Grütli»-Lehrpfad.

Die Ende des 12. Jahrhunderts eingewanderten Walser gingen zwar politisch und sprachlich in die romanische Umwelt ein, genossen aber jahrhundertelang (bis 1865) eine Sonderstellung in der Benützung der von ihnen vom Kloster Disentis «zugepachteten» Alp Tschamut. Die Kapelle St. Nikolaus, erbaut um 1500, ein spätgotischer Rechtecksaal mit Holzdecke und barockem Chor, besitzt im Altar eine kostbare Muttergottesstatue von Johann Ritz (um 1710). Das Hotel «zu den Rheinquellen» ist 1867 erbaut und 1976 umgebaut und erweitert worden. Hier beendete 1874 Conrad Ferdinand Meyer seinen bekannten Roman «Jürg Jenatsch».

     
Oberalppass (2033 m ü. M.)
Grenze zwischen den Kantonen Graubünden und Uri, Wasserscheide von Rhein und Reuss, Sprachgrenze zwischen Romanisch und Deutsch. Seit dem Frühmittelalter Bündens Tor zum Westen: verbindet Graubünden durch Bahn oder Auto mit dem Urserental, der Zentralschweiz und, über die Furka, mit dem Wallis. Touristisch ein attraktiver Pass: Im Winter schneesicheres Skigebiet, im Sommer Ausgangsort für schöne Wanderungen und Beginn der «Senda Sursilvana». Zwei Touren lohnen sich besonders: zum Calmut, einem beliebten Aussichtspunkt östlich des Passes mit imposantem Granitkreuz zu Ehren von Nationalrat Georg Baumberger (1855-1931), dem Förderer der Wirtschaft und Kultur der Alpentäler, erreichbar in einer halben Stunde; zum Tomasee, der Wiege des Rheins, und weiter zum Piz Badus (2928 m ü. M.) mit breiter Sicht auf das Gotthardmassiv bis weit ins Wallis hinein und ins Vorderrheintal bis Chur.
     
  Weitere Literatur:
Zur Besiedlung der obersten Stufe des Vorderrheins
Tujetsch 1929
Tavetsch/Tujetsch da W.Derichsweiler
Beschreibung des Tujetschertales 1805
Geschichte von der Val Tujetsch
Tujetsch in DISENTIS 4/1994
Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft - 17 Fragen-16 Antworten
Kirchen und Kapellen von Tujetsch
Tujetscher Orts- und Flurnamen
Dörfer und Weiler der Gemeinde Tujetsch
Kultur und geografische Wanderung
Pez Badus, unser Hausberg
Milchhölzchen