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Zur Landschaftskunde des Tujetsch
(Natur, Wirtschaft, Siedlung)
INAUGURAL-DISSERTATION
Philosophischen Fakultät II
Begutachtet von den Herren
Prof. Dr. H. Wehrli |
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Die
vorliegende Arbeit entstand auf Anregung von Herrn Prof. Dr. O.
Flückiger, Zürich. Während mehrmonatigem Aufenthalt im Jahre 1927
lernte ich das Tujetsch kennen; Behörden und zahlreiche Private des
Untersuchungsgebietes, allen voran Pater Baseli Berther, leisteten
mir wertvolle Dienste bei der Rufnahme der Landschaft. Ihnen allen
sage ich herzlichen Dank.
Nicht zuletzt danke ich meinen geschätzten Lehrern der Geographie an
der Universität Zürich, den HH. Prof. Wehrli und Flückiger, für
Ratschlag und Mithilfe zum Gelingen der Arbeit.
Übersicht
Als
Val Tujetsch wird das Quellgebiet des Vorderrheins bezeichnet. Die
Talschaft bildet den westlichen Abschluss des bündnerischen
Kantonsgebietes; bezogen auf das Gebiet der ganzen Schweiz besitzt
das Tal zentrale Lage.
Der grösste Teil des Val Tujetsch ist Gebiet der politischen
Gemeinde Tujetsch. Die Gemeindegrenze fällt in N, W und S mit der
Kantonsgrenze zusammen. Die Gebirgskämme der Oberalpstockgruppe und
des P. Giuv bilden im N eine natürliche Abgrenzung gegen die Täler
des Kantons Uri; westlich steigt die Grenze von den im Aarmassiv1)
liegenden Bergrücken gegen die Oberalppasshöhe ab und erklimmt auf
der Gegenseite die Berge des Gotthardmassivs. Ueber die Gruppe des
«Six Madun»2), der Ursprungsstätte des Rheins, verläuft
die Grenze bis zum P. Alv, dem Eckpunkt der Kantone Graubünden, Uri
und Tessin, und wendet sich in östlicher Richtung über die Pyramiden
des P. Blas und P. Rondadura, das tessinische Val Cadlimo vom
Tujetsch scheidend. Der vorgezeichnete Grenzverlauf von Oberalpstock
bis P. Rondadura hält sich streng an die Wasserscheide.
Beim P. Rondadura trennen sich Bündner Kantonsgrenze und Tujetscher
Gemeindegrenze; jene führt in östlicher Richtung zum Scopi, diese
wendet sich nordostwärts zum P. Ganneretsch, steigt über Cuolm
Cavorgia zum Rheinlauf hinunter und auf der Nordseite des Tals empor
zum Oberalpstock. Diese östliche Grenze der Gemeinde Tujetsch gegen
die Nachbargemeinden Medels und Disentis hält sich nur in grösserer
Höhe an die Wasserscheide; im Talgrund ist sie anthropogen. Das
umgrenzte Gebiet der Gemeinde Tujetsch ist das eigentliche
Untersuchungsgebiet der vorliegenden Arbeit.
Zu dem tiefeingeschnittenen Haupttal, das in der Hauptsache von WSW
nach ONO verläuft, stossen von Süden und Norden mehrere Seitentäler.
Die mittlere Kammhöhe der das Tujetsch umrahmenden Berge schwankt
zwischen 2800 bis 3000 m 3); der Höhenunterschied
(Oberalpstock 3330 m, Rhein 1230 m) beträgt 2100 m. Auf Grund der
verschiedenen Meereshöhe können verschiedene Landschaftstypen
unterschieden werden.
Das Gesamtareal der Gemeinde beträgt 133,9 km2
4); bei einer Bevölkerungszahl von 867 Personen
(1920) resultiert eine Volksdichte von ungefähr 6,5
5).
Die Zahlen verraten bereits die grossen Flächen unproduktiven Bodens
und die extensive Bewirtschaftung auf Grund der Naturausstattung.
A. Das Relief
1.
Tektonik und Gesteine
Die
Darstellung der geologischen Verhältnisse soll beschränkt bleiben
auf die Tatsachen, die für das Verständnis der Morphologie notwendig
sind.
Das Val Tujetsch liegt in der Scheidungszone von Gotthard- und
Aarmassiv, die beide beim Alpenaufstau in Fächern aufgestellt wurden
6);
die Schichten des Gotthardmassivs der südlichen Seitentäler des
Tujetsch, sowie diejenigen des Aarmassivs der nördlichen Seitentäler
stehen sehr steil bis senkrecht. Die Unterlage des Haupttals selbst
ist ein selbständiger kleiner Nebenfächer des Gotthardmassivs,
bekannt unter dem Namen des Tujetscher Zwischenmassivs. Die
Steilschichtung ist ausschlaggebend für die Stärke und die Formen
der Abtragung.
Neben der Lagerung der Schichten benötigen wir zur Erklärung der
Landschaftsformen die Art und Verteilung der Gesteine. Ein
Querprofil vom Aar- zum Gotthardmassiv ergibt in der Hauptsache
Aargranit, südliche Gneise des Aarmassivs, Sericitschiefer (Gestein
des Haupttals) und Gotthardgneise und -granite 7).
Neben diesen Gesteinen sind Einlagerungen von untergeordneter
Bedeutung; wirtschaftlichen Wert besitzen die Kalkvorkommnisse und
verschiedene Einlagerungen von Talk oder Speckstein
8).
Wie diese Gesteine, insbesondere die Granite und Gneise der
Seitentäler und der Sericitschiefer des Haupttals auf die
Reliefgestaltung gewirkt haben, wird aus den folgenden
morphologischen Untersuchungen hervorgehen.
2.
Morphologische Übersicht
Eine Uebersicht soll die Reliefverhältnisse des Tujetsch im grossen
beleuchten, um nachher überzugehen auf spezielle Verhältnisse.
Das glaziale Relief des Tujetsch ist stark ausgeprägt. Vor allem
haben die Seitentäler und die gegen das Haupttal vorstossenden
Kammrücken seit der Eiszeit ihr Aussehen wenig verändert (Abb. 7).
Die Schliffgrenze in 2500 bis 2700 m Höhe ist in jedem der
Seitentäler scharf erhalten. Das Haupttal hat den glazialen
Charakter am wenigsten bewahrt, da durch nacheiszeitliche
Akkumulation von Schwemmfächern die Felssohle zugeschüttet wurde.
Auf der Höhe von Sedrun dürfte die Mächtigkeit des Eises über 1200 m
betragen haben, wodurch die tiefe Ausschürfung des Haupttales mit zu
erklären ist.
Die Wirkung der postglazialen Wassererosion muss im Vergleich zur
Eiswirkung als untergeordneter reliefbildender Faktor eingeschätzt
werden. Dies trifft besonders zu für die Seitentäler, während das
Haupttal in seiner Oberflächengestaltung zum grossen Teil ein
Produkt der fluviatilen Tätigkeit ist.
Es darf betont werden, dass das Tujetsch als Typus eines alpinen
Hochtales gelten kann; die Elemente der Glazialmorphologie sind in
vielfacher Wiederholung vertreten und ergeben vereint mit den
Faktoren der Wassererosion und der Arbeit der Atmosphärilien ein
klares Bild vom Werden des Reliefs eines alpinen Tales.
3.
Glazialerosion
Die
Reihe der glazialen Seitentäler wird eingeleitet durch das oberhalb
Sedrun mündende Val Strem. Von unten herauf betrachtet präsentiert
sich das Tal als breit ausladender Trog. Im Talhintergrund stehen
als Rückwände die Pyramiden des Weitenalp- und Oberalpstockes; beide
Erhebungen verdanken ihre Form der vielseitigen Gletscherbenagung.
Heute sind die Gletscher allerdings auf kleine Flächen reduziert
worden; ihre früheren Felsbetten liegen zum grossen Teil als Kare
bloss. Reine Gletscherarbeit ist sodann die girlandenförmige
Einsattelung zwischen Weitenalp- und Oberalpstock; auf Tujetscher
Seite war es der Stremgletscher, der die Rückwand erniedrigte, auf
der entgegengesetzten Seite ein heute fast verschwundener Gletscher
des Maderanertals. Im weitern Verlauf des Val Strem findet sich
unterhalb Punkt 1931 m eine Stufe, bekannt unter dem Namen «Bauns»
(Bänke). Die Stufe befindet sich in der Kontaktzone des Aar- und des
Tujetscher Zwischenmassivs. Die Stelle mit dem Namen «Bauns» besteht
aus rundgeschliffenem, gekritztem Granit von ausserordentlicher
Härte, der seit dem Rückzug des Stremgletschers in seinem Aussehen
durch Wasser und Atmosphärilien kaum verändert worden ist.
Talabwärts wechselt das Gestein, man gelangt in die Zone der mürben
Sericitschiefer und -gneise des Tujetscher Zwischenmassivs. Die
Stufe dürfte also auf Gesteinswechsel zurückzuführen sein durch
verstärkte Ausräumung des mürberen Materials. Der analoge Fall
findet sich im Val Val in noch grösserer Klarheit. Die Seitenwände
des Val Strem sind nicht glattgeschliffen, sondern springen in
unzähligen Rippen vor, die ihrerseits Nischen einschliessen. Die
gleiche Erscheinung wird fast in allen nördlichen Seitentälern des
Tujetsch angetroffen und ist wahrscheinlich zurückzuführen auf die
steile bis senkrechte Gesteinsschichtung, die splitternde Erosion
bedingte. Diese aus dem Bergkörper vorspringenden Rippen waren der
postglazialen Verwitterung und Abtragung bedeutend stärker
ausgesetzt als eine glatte Seitenfläche, so dass im Laute der Zeit
eine starke Trümmerschüttung resultierte. Dies ist heute ein
wirtschaftlicher Nachteil infolge der fortschreitenden Vergandung
der Talweiden. Das Val Strem übertrifft darin alle andern Täler; die
von Fels und Schutt überdeckte Fläche beträgt 42,5 %, vom
Gesamtareal des Tales 9); der Gletscheranteil
ist in der Zahl nicht inbegriffen. Die Schliffgrenze hält sich etwas
über 2500 m. Beide Talflanken sind bis zu dieser Höhe glazial
bearbeitet; die Erhebungen über der Schliffgrenze haben scharfe,
zackige Zahn- und Gratform. Ueber dem Talausgang liegen die
Alpweiden Cuolm de Vi und Caschlè. Beide Alpen sind zur Eiszeit
sowohl vom Seiten- wie vom Hauptgletscher überdeckt gewesen,
vollständig rundgeschliffen und nehmen sich, vor allem aus der Ferne
betrachtet, wie Teile einer riesigen Kugelfläche aus. Nirgends im
Tujetsch tritt dem Beschauer die Wirkung der Eismassen so
überzeugend entgegen wie an diesen zwei gleichmässig gewölbten
Bergrücken. Cuolm de Vi hat allerdings starke nacheiszeitliche
Reliefveränderungen erlitten durch Bildung von grossen
Wildbachtrichtern; aber trotzdem fällt die primäre Reliefgestaltung
durch das Eis ins Auge. Ebenso hat sich am Abhang der Alp Caschle
ein Wildbachtrichter gebildet, ohne aber die grosse glaziale Einheit
zu beeinträchtigen.
Westwärts der Alp Caschle schliesst das Val Mila an, das noch
äusgeprägter als Val Strem typische Trogform besitzt. Val Mila
besitzt eine ziemlich ausgeglichene Gefällslinie. Wo sich die Zone
des Kontakts des Aar- und des Tujetscher Zwischenmassivs befindet,
ist unklar; eine Stufe ist nicht vorhanden. Der Talhintergrund
erinnert an eine ausgesprochene Klubsesselform; die Karseiten- und
-rückwände steigen steil an und sind teils rundgehöckert, teils
durch splitternde Erosion zerklüftet. Val Mila zeigt deutlich
Trogschultern, die linksseitig bekannt sind unter dem Namen Caschle
(nicht zu verwechseln mit Alp Caschle, die den Talausgang flankiert)
und rechtsseitig an der Gratschneide des Culmatsch und Piz Ner
abschliessen (Abb. 15). Ein Gletscher im Talhintergrund existiert
nicht mehr, hat aber früher im Verein mit dem Etzlitalgletscher eine
Furka geschaffen, über die heute ein Passweg führt. Auf Caschle
wurden vom Eis ein paar kleine Felswannen erodiert, die heute mit
Wasser gefüllt sich als dunkle Felsbeckenseen präsentieren. Ueber
das Eisniveau reichten Piz Culmatsch, Piz Ner und einige kleine
Erhebungen über 2500 m. Ihre Formen kontrastieren stark mit den
einst vom Eis bearbeiteten, tiefer gelegenen Bergflanken; die sehr
steile Stellung der Schichten bedingte eine Verwitterung zu
Nadelformen, deren Spitzen in mannigfachem Wechsel auf- und
absteigen, finster und trotzig in die Höhe ragen. Die zwei grössten
Erhebungen der rechten Talseite, P. Culmatsch und P. Ner, sind durch
Wasser und Wind ruinenhaft zerfetzt.
Der Bach des Val Mila bezieht sein Wasser zum Teil aus den erwähnten
kleinen Seen, zum Teil vom Firn des P. Culmatsch und P. Ner. Daneben
schiessen noch unzählige kleine Rinnsale von den Alpen Caschlè und
Culmatsch der Talmitte zu. Im Talhintergrund hat sich der Bach im
harten Granit noch sehr wenig eingetieft; erst gegen den Talausgang
hin ist eine Kerblorm geschaffen worden durch Veränderung der
Unterlage; der Uebergang ist unscharf. Im Talgrund tritt nur selten
anstehender Fels auf, da die Sohle voller Felstrümmer und
Gesteinsschutt liegt. Die Blockstreu ist wiederum gross infolge der
Steilheit der Hänge und dem Rusund Einspringen der Seitenwände. Die
linke Flanke des Val Mila wird gebildet von der schon bekannten
gewölbten Alp Caschlè. Auf der rechten Seite reicht von der Talsohle
bis zu den scharfen Spitzen des Culmatsch die Alp Culmatsch, die
ähnlich der Alp Caschlè und Cuolm de Vi vom Eis zu einem breiten,
eintönigen Rücken gestaltet wurde. Vie Alp Culmatsch läuft zu oberst
in ein Kar aus.
Die zwei westlich an Val Mila anschliessenden Seitentäler des
Nordhangs sind Val Giuv und Val Val. Beide Täler sind im Vergleich
zu ihrer starken Austiefung sehr kurz. Val Giuv (Abb. 7) hat eine
ähnlich ausgeglichene Gefällslinie wie Val Mila; sie stimmen
überhaupt in ihrer Form weitgehend überein. Val Giuv besitzt aber
noch Firnfelder, von denen das grössere zwischen Piz Giuv und
Crispalt auf der rechten Trogschulter liegt. Die Gratschneide hängt
seilförmig durch infolge der doppelseitigen Bearbeitung. Die
Schliffgrenze ist bei 2600 m und vor allem in prachtvoller Weise
beim Crispalt ausgebildet (Abb. 2,
15), der die rechte Talseite
abschliesst. Morphologisch ist diese Stelle ein Schulbeispiel für
die grundverschiedene Arbeitsweise von Wasser und Eis. Am linken und
rechten Talhang des Val Giuv sind Seitenmoränen vorhanden, ein in
den nördlichen Tälern des Tujetsch nicht häufiger Fall. Nachdem das
Tal aus den Bergflanken herausgetreten ist, wechselt seine bisherige
Richtung NW-SO in W-O. Die Ablenkung des heutigen Bachs ist bedingt
durch einen rechtsseitigen Sporn, der, ausgehend vom Crispalt über
die Alp Cuolm Val, seine Richtung wechselt, d.h. von der
ursprünglichen Querstellung zum Haupttal in dessen Richtung zu
liegen kommt. Der Sporn liegt im Tujetscher Zwischenmassiv und
besteht aus Sericitschiefer. Wie weit er seiner Entstehung nach
glazialer Natur ist, lässt sich schwer sagen; sicher ist, dass er in
seinem obern Teil durch die in spitzem Winkel aufeinanderstossenden
Giuv- und Haupttalgletscher herauspräpariert wurde. Im untern Teil
scheint durch nacheiszeitliche Einflüsse, durch die Tiefenerosion
des Rheins und des Bachs aus Val Giuv, die Spornnatur besonders
hervorgehoben worden zu sein. Der Giuverbach hat mit der Zeit den
Steilhang des Unterlaufs durchfressen, im Bestreben nach Ausgleich
der Gefällslinie eine Schlucht geschaffen (Abb. 14), die in die
Ebene des Sedruner Beckens ausgeht. Die Schluchtschultern, d, h. die
Zone zwischen dem Sporn und den Ausläufern der Alp Culmatsch, sind
unruhig gestaltet; über dem anstehenden Sericitschiefer findet sich
viel Blockmaterial, herrührend von Moränenschutt, kleinern
Bergstürzen und Steinschlag.
Das oberste und zugleich kürzeste Seitental des Nordhangs ist das
Val Val. Das Charakteristische des Tales liegt in einem schroffen
Gefällsbruch, einer Stufe von 200 m Höhe, die einen obern und untern
Talteil scheidet. Das obere Stück von reiner Trogform ist rings von
scharfen Gratschneiden umgeben und gleicht im Aussehen ganz den
schon beschriebenen Seitentälern. Das Talstück unterhalb der Stufe
ist flach, hat Beckennatur und verengt sich gegen den Talausgang
hin. Sowohl die Alp Cuolm Val auf der linken. Seite als auch der
Calmut rechts sind vollständig vergletschert gewesen, haben daher
runde, weiche Formen. Die Stufe ist zurückzuführen auf
Gesteinswechsel. Am Crispalt, genau über der Stufe, ist eine fast
senkrecht stehende Linie gut sichtbar, die Kontaktlinie des Aar- und
des Tujetscher Zwischenmassivs. Der Granit des nördlichen Aarmassivs
ist kahl, grau und gut poliert, der Sericitschiefer des Tujetscher
Zwischenmassivs ist durch postglaziale Einflüsse stärker modelliert
und im untern Teil mit Gras bewachsen; der Grat des Crispalt weist
in der Kontaktzone eine grosse Scharte aut. Vor allem wirkt der
Farbenunterschied infolge einseitiger Vegetation eindringlich und
unterstützt das Auge in der Wahrnehmung des Gesteinswechsels.
Vom untern Becken aus betrachtet präsentiert sich der Talausgang als
Seilkurve. Das Val Val mündet nicht gleichsohlig mit dem Haupttal,
sondern weist nochmals eine Stute von 200 m auf; der Bach, der in
steilen Kaskaden ins Haupttal abfällt, hat eine enge Kerbe
geschaffen; das früheste Stadium der Stufenmündung ist vorüber, das
Wasser ist im Begriff, sich eine Mündungsschlucht zu schaffen.
Der Calmut am Oberalppass war vollständig unter dem Eis begraben;
unzählige Rundhöcker finden sich bis oben hinauf, und der Berg
selbst hat die Form eines einzigen riesigen Rundbuckels. Der Calmut
besteht aus Sericitschiefern mit starken Einlagerungen von
Speckstein. Auffallen muss seine Stellung als Einzelberg. Er ist
ohne Zweifel aus einem grössern Zusammenhang herausgelöst worden.
Diese Einzelerhebung war früher ein Ausläufer des Piz Tiarms, so wie
Cuolm Val, Alp Culmatsch, Alp Caschlè und Cuolm de Vi Ausläufer sind
von Crispalt, Piz Culmatsch, Caschlè und dem linksseitigen Grat des
Val Strem. Das Gestein des Calmut ist das gleiche wie am Fuss des
Piz Tiarms. Die Loslösung aus dem Zusammenhang mit Piz Tiarms
erfolgte durch die doppelseitige Erosion der Bäche, die östlich ins
Val Val und westlich zum Oberalpsee fliessen. Der Sericitschiefer
ist leicht verwitterbar und setzt der Abtragung wenig Widerstand
entgegen.
Die eben entwickelte Annahme wird erhärtet durch die Verhältnisse am
Cuolm Val östlich des Calmut. Cuolm Val ist heute noch ein Ausläufer
des Crispalt. Aber so wie der Calmut von zwei Seiten aus durch
rückwärtsgreifende Erosion zum Einzelberg gestaltet wurde, so wird
mit der Zeit auch Cuolm Val aus dem Zusammenhang gelöst werden und
als Einzelberg dastehen. Im Westen ist ein Seitenbach des Val Val
und im Osten ein Zufluss des Val Giuv kräftig an der Arbeit, sich in
die Flanken des Crispaltausläufers zu graben. Die Entstehung des
Calmut wiederholt sich am Cuolm Val und ist hier bereits in ein
vorgerücktes Stadium getreten; wann der Trennungsprozess vollzogen
sein wird, ist eine Frage der Zeit.
Der Talschluss des Tujetsch und damit des ganzen Vorderrheintals
liegt im Becken von Milez, in das von NW die Oberalplücke, von NW
bis SW die Abhänge der Six Madun-Gruppe und von S das Val Maighels
stossen. Das Becken ist stark glazial bearbeitet, denn es bildete
das Zentrum der Eisbedeckung im Talschluss. Wahrscheinlich hat von
der Oberalp her ein Eisüberlauf stattgefunden, denn von der
Fellilücke aus gesehen präsentiert sich die Passhöhe als Trog.10)
Das vorwiegende Gestein ist wiederum mürber Sericitschiefer, der
durch das Eis zu einer unruhigen, rundhöckerigen Oberfläche
gestaltet wurde. Über dem Sericitschiefer liegt teilweise eine Decke
von Grundmoränenlehm, die durch Sumpfbildung den Boden
wirtschaftlich beeinträchtigt; der Schiefer allein ist
wasserdurchlässig.
Mit Ausnahme einer kleinen Fläche am Badus ist die Vergletscherung
des «Six Madun» verschwunden; zahlreiche Kare liegen bloss.
Verschiedene Karrippen, die nicht aufgezehrt wurden, ziehen als
schartige, zerfetzte Gräte zu Tal. Das schönste
Gletschereinzugsgebiet vergangener Zeiten ist die heutige Karalp
Tuma. Mehrere Eiszungen von den Hängen des Badus, Prielet und
Plauncaulta vereinigten ihre Kraft und schufen eine Felswanne, die
heute als Lai da Tuma den Ursprung des Vorderrheins bildet. Lai da
Tuma ist ein Riegelsee mit nachfolgender Stufe, die vom Seeausfluss
in tiefem Sägeschnitt überwunden wird. Die Umgebung des tiefblauen
Quellsees ist ein Schulbeispiel einer Rundhöckerlandschatt (Abb. 6).
Als oberstes südliches Seitental des Tujetsch folgt das Val
Maighels, in morphologischer Beziehung das interessanteste
Seitental. Wie bei den östlich folgenden Tälern Curnera und Nalps
liegt sein Ursprung im südlichen Teil des Gotthardmassivs, das in
4/5 seiner Gesamtbreite von den Südtälern
durchschnitten wird.11) Val Maighels ist ein breiter Trog
mit sehr flacher Gefällslinie. Es mündet nicht gleichsohlig ins
Milezer Becken, sondern als Stufental von fast 400 m Höhendifferenz.
Diese grosse Stufe, mannigfaltig mit Rundhöckern besetzt, riegelt
einen alten Seeboden ab, der heute verlandet zum grössten Teil aus
Sumpfwiesen besteht. Ein kleines Stück dieser Fläche füllt sich bei
stärkern Regenzeiten zu einem seichten Seebecken an. In diese Ebene
ergiesst sich der Ausfluss des Tumasees, der im Begriff ist, sich
auf der rechten Seite der grossen Stufe von Ils Tirs in das Gestein
zu graben und die Stufenmündung in eine Mündungsschlucht
umzuwandeln. Zwischen Badus und Piz Cavradi liegt eine zweite Stufe,
die zwar nur von geringer Höhe ist, auf die hydrographischen
Verhältnisse des Val Maighels aber einen bestimmenden Einfluss
besitzt. Der Hauptbach des Tals mündet nämlich nicht ins Becken von
Milez; er durchbricht die rechtsseitige Bergflanke und fliesst dem
Curneratal zu. Dadurch ist das vordere Talstück von Maighels zum
Torso geworden. Der Besprechung der hydrographischen Verhältnisse
soll nur vorausgeschickt werden, dass die Anzapfung des
Maighelsbachs durch einen Seitenbach des Curnerarheins
wahrscheinlich nicht postglazialen Ursprungs ist, sondern dass der
Prozess der Ableitung schon durch einen interglazialen Bach mit
nachfolgender Vergletscherung begonnen hat; dafür spricht die
Rundung der Bergflanken an der Durchtrittstelle und die relativ
breite Talsohle, deren Schaffung nicht im Wesen des fliessenden
Wassers liegt. Der Hintergrund des Val Maighels ist noch ziemlich
stark vom Eis bedeckt. Die Gletscher bilden eine grosse
zusammenhängende Oberfläche; die seitlichen Karwände sind zum
grössten Teil verschwunden oder nur noch im obersten Teil als
scharfe, kurze Gräte erhalten. Streckenweise sind bedeutende Seiten-
und Stirnmoränen erhalten, besonders an den Taltorsoseen von Siara.
Östlich an Maighels schliesst das Val Curnera an. Das Tal
wird eingefasst von Bergspitzen mit fast durchwegs vierkantiger
Pyramidenform. Die den Bergkämmen eingelagerten Kare sind durch
Abtragung der trennenden Rückwände ineinandergewachsen und haben
girlandenförmige Gratschneiden geschaffen. Val Curnera ist heute mit
18,1 % Firnfläche 12) vom Gesamtareal das
gletscherreichste Seitental des Tujetsch. Der obere Talteil bis zur
Einmündung des Bachs aus Val Maighels weist schöne Trogform auf und
besitzt gleichmässiges Gefälle. Die Trogschultern sind durch
zahlreiche Wasserläufe in einzelne vorspringende Terrassenstücke
aufgeteilt worden. Das untere Talstück von Curnera ist postglazial
sehr stark verändert worden. Nach den noch vorhandenen glazialen
Elementen muss Curnera früher eine Stufenmündung gewesen sein; der
alte Stufenabfall ist am linksseitigen Talausgang noch zu erkennen.
Die kurze Strecke von der Alp Curnera bis zur Mündung unterhalb
Tschamut besitzt aber grosses Gefälle, so dass sich der Curnerarhein
fortwährend in die Stufe eingesägt hat und heute in einer wilden
Schlucht gleichsohlig mit dem Vorderrhein mündet. Die westlichen
Abhänge des Piz Maler, der im übrigen bis weit hinauf gerundet ist,
sind durch den Curnerarhein untergraben und zum Absturz gebracht
worden. Die Curneraschlucht ist unzugänglich; ein schmaler,
gefährlicher Pfad führt am Osthang des Piz Cavradi nach der Alp
Curnera, der aber vom Vieh nicht begangen werden kann; die
Bestossung der Curneraalpen muss durch den Umweg über Val Maighels
erfolgen. Infolge dieser Unzugänglichkeit hat das Val Curnera von
jeher in wirtschaftlicher Hinsicht eine untergeordnete Rolle
gespielt; die Tujetscher bekundeten zu keiner Zeit grosses Interesse
an der Nutzung der Alpweiden. Lange Jahre gehörte das Tal sogar den
Tessinern und wurde über die Gletscher herüber von der Gemeinde
Faido bestossen; damit war ein Maximum von Gefahren und
Mühseligkeiten verbunden, die eine rationelle Ausnützung des
Weidelandes verunmöglichten.
Der durch den Maighelsbach von der Bergkette losgetrennte P. Cavradi
ist bis auf 2600 m hinauf gleichmässig von den Eismassen geschliffen
worden. Beim spitzwinkligen Zusammenstoss des Curnera- und des
Haupttalgletschers hat sich am Cavradi ein talwärts ziehender Kamm
gebildet, der übergeht in einen terrassenartigen Sporn (Abb. 16).
Dieser Sporn ist über und über mit langen schmalen Rundhöckern
besetzt, die wie Fischrücken aussehen. Wahrscheinlich bildeten die
grossen, blank polierten Rundhöcker, zwischen denen das Dörflein
Tschamut erbaut ist, die einstige Fortsetzung des Sporns vom
Cavradi, denn die Streichrichtung der Rundbuckel und das Gestein
stimmen überein. Die Isolierung der Höcker von Tschamut ist erfolgt
durch den Einschnitt des Vorderrheins. Die Auffüllung des Beckens
hinter Tschamut unterstützt die Ansicht vom einstigen Zusammenhang
der besagten Rundhöcker mit dem Cavradigrat. Die Stelle bei Tschamut
kann als Bastion bezeichnet werden, die steil ins Becken von Selva
abstürzt und durchwegs mit glattgeschliffenen Felsbuckeln besetzt
ist.
Von Tschamut bis unterhalb Sedrun tritt auf dem rechten Rheinufer
kein Seitental mehr aus. Die Abhänge des Piz Maler gegen das
Haupttal sind gleichmässig gerundet und fallen steil gegen den Rhein
ab. In der Höhe ist eine Serie alter Kare zu erkennen, deren
Gletscherbedeckung längst gewichen ist. Die uniformen Hänge werden
langsam durch neuzeitliche Runsen gegliedert, von denen die grössten
berüchtigte Lawinentrichter geworden sind, wie das Ruinatsch ob
Selva.
Vom Piz Maler zieht ähnlich wie beim P. Cavradi ein gerundeter Kamm
talwärts, der vom Haupttalgletscher und vom Gletscher des Val Nalps
gestaltet wurde (Abb. 9). Val Nalps ist das grösste Seitental des
Tujetsch. Es besitzt keine gleichmässige Gefällslinie; den untern
Drittel durchsetzt ein Felsriegel mit nachfolgender Stufe. Der obere
Talteil hat ausgesprochene Trogform. Der Nalpsgletscher hat zwischen
P. Blas und P. Rondadura eine tiefe Einsattelung geschaffen, über
die der Nalpspass ins Val Cadlimo führt. Schöne Pyramidengipfel
flankieren das Tal bis zur untern Alp Nalps; vor allem fällt der
majestätische P. Ganneretsch ins Auge, der sowohl gegen Val Nalps,
wie gegen das Medels noch stark vergletschert ist. In der Talmitte,
hinter der erwähnten Stufe, bestand früher ein Seebecken, das heute
zugeschüttet und mit dem typischen Wollgras (Eriophorum Scheuchzeri)
bestanden ist. In diesen alten Seeboden münden zahlreiche
Gletscherbäche, die von den Firnfeldern des P. Ganneretsch
herunterkommen und die rechte Schulter des Trogtals aufgeteilt
haben. Ebenso mündet von links der Bach aus der Alp Tuma (nicht zu
verwechseln mit Alp Tuma am Badus), die in einem grossen Kar liegt
und mit einer Stute von 200 m ins Val Nalps mündet.
Die Stufe im untern Drittel des Val Nalps ist wiederum zurüzuführen
auf Gesteinswechsel. Hinter ihr befinden sich riesige Rundhöcker aus
Glimmergneis und Granit mit spiegelglatter Oberfläche; unterhalb der
Stufe beginnen die mürben Gesteine des Tujetscher Zwischenmassivs,
die der Abtragung schneller unterlagen. Die Stufe ist vom Bach als
Schlucht durchschnitten. Unterhalb wird das Tal wieder breiter, das
Gefälle vermindert sich. Vom linksseitigen Hang ziehen von Fil
Alpetta tiefe Runsen bis zum Talgrund, das glaziale Gepräge störend;
die rechte Flanke von der Stufe bis zur Maiensässe Perdatsch ist mit
Seitenmoräne verkleidet. Perdatsch selbst liegt auf Moräne.13)
Das letzte Talstück von Perdatsch bis zur Mündung in den Vorderrhein
hat heute Fluviatilen Charakter; das Wasser des Nalpsertales
erreicht durch eine Mündungsschlucht gleichsohlig das Rheinbett.
Dass früher eine Stufe bestanden hat, beweisen die Terrassen von
Surrein und Cavorgia, die infolge ihrer Gehängeverflachung zu den
einzigen ständigen Siedlungsplätzen der rechten Talseite wurden. Im
allgemeinen ist der rechte Talhang des Tujetsch steil, bietet daher
keine günstigen Wohnplätze. Surrein (Abb. 9) liegt auf einem Sporn
mit wellig gestalteter Oberfläche; zahllose glattpolierte Felsbuckel
mit flacher Luv- und steiler Leeseite treten frei zutage; dazwischen
liegen beckenartige Vertiefungen, die Flächen des heutigen
Wirtschaftsbodens. Die Luvseite der Höcker ist durchwegs mit Gras
bewachsen, während die Leeseite den nackten Fels zeigt. Die
Wohnhäuser sind zum Teil auf flache Rundhöcker fundiert; die
Dorfgasse, besteht aus lauter guterhaltenen Rundbuckeln. In gleicher
Weise wurde die Gegend von Cavorgia am rechten Hang der Nalpser
Mündung vom Eis modelliert; die Gletscherschliffe von Cavorgia sind
ausgezeichnet durch ihre Grösse und die gute Erhaltung.
So wie Fil Alpetta am linksseitigen Hang des Val Nalps ist auch
Cuolm Cavorgia, die rechte Flanke bis zu einer Höhe von 2500 m vom
Eis überdeckt gewesen. Nirgends ist schroffe Bodengestaltung zu
erkennen mit Ausnahme einiger kleiner, neuzeitlicher Runsen, die
aber den grossen, weichen Formen keinen Abbruch tun.
Das grosse Val Nalps schliesst die Reihe der Tujetscher Seitentäler
ab. Oestlich von Cuolm Cavorgia liegt noch ein kleines Tal, das Val
Gierm, das morphologisch ganz zum Tujetsch gehört. Val Gierm ist nur
5 km lang, weist aber auf dieser kurzen Strecke ein Gefälle von fast
1000 m auf. Die Talform ist trotz der geringen Breite unverkennbar
durch das Eis geschaffen worden. Im Hintergrund erweitert sich das
ehemalige Trogbett des Gletschers zu einem flachen Karboden, in den
hinein ein Firnleld des P. Ganneretsch seine Schmelzwasser
entsendet. Von diesem Karboden an nimmt das Gefälle rasch, fast
stufenartig zu; eine Vergleichung mit der Lage der Stufe im Val
Nalps lässt vermuten, dass wir uns in der Kontaktzone des Gotthard-
und des Tujetscher Zwischenmassivs befinden. Infolge des grossen
Gefälles hat sich der Bach des Val Gierm bereits stark eingetieft,
durchschneidet die Terrasse von Cavorgia und mündet in einer
Schlucht in den Vorderrhein.
Wie eingangs bemerkt wurde, haben die Seitentäler und die Bergrücken
dazwischen die glazialen Formen nur wenig verändert, während das
Haupttal stärkere postglaziale Reliefveränderungen erfuhr. Doch
lassen sich heute noch im Längsverlauf des Tales vier Becken
unterscheiden, die als Becken von Milez, Tschamut, Selva und
Rueras-Sedrun bezeichnet würden.14) Wo die Eismassen der
Seitentäler ins Haupttal getreten sind, erfolgte durch Druckzunahme
eine verstärkte Ausschürfung des Talgrundes. So ist das Becken von
Milez entstanden im zentral gelegenen Sammelgebiet des Talschlusses,
dasjenige hinter Tschamut durch den Austritt des Gletschers aus Val
Val; wo das Eis aus dem Val Curnera auf den Hauptgletscher stiess,
hat sich das Becken von Selva gebildet; das unterste grösste Becken
von Rueras-Sedrun ist das Produkt der ins Haupttal stossenden
Gletscher aus den Tälern Giuv, Mila und Strem. Die Becken sind seit
dem Rückzug des Eises teilweise vom Fluss aufgefüllt oder von
seitlichen Schwemmkegeln zugeschüttet worden.
4.
Postglaziale
Reliefgestaltung
Die
am stärksten ins Auge fallende nacheiszeitliche Reliefänderung des
Haupttals ist die Aufschüttung des Sedruner Beckens. In
gleichmässiger schwacher Neigung ziehen von der Nordseite riesige
Schuttfächer gegen den Rhein hinunter, wo sie steil ins Flussbett
abbrechen (Abb. 3). Der Entstehung nach sind diese
Schuttauffüllungen Schwemmkegel alter Wildbäche und nicht etwa
Anschwemmungsmaterial der nördlichen Seitentäler, wie man auf den
ersten Blick leicht annehmen könnte. Der ganze Schuttfuss ist nicht
einheitlich; er setzt sich zusammen aus drei Schwemmkegeln, die
entsprechend der Grösse ihres Einzugsgebietes verschiedene
Mächtigkeit besitzen. Der weitaus grösste Schwemmfächer bildet die
schiefe Ebene zwischen Sedrun und Camischolas; sein Material stammt
von der Bergflanke des Cuolm de Vi, aus der tiefen Bresche des
Wildbachs Drun. Um Unklarheiten zu vermeiden, muss an dieser Stelle
bemerkt werden, dass der heutige Wildbach Drun eine ganz junge
Bildung und wahrscheinlich zurückzuführen ist auf eine
Wiederbelebung der Erosion durch Tieferlegung des Rheins. Es muss
also die Akkumulation des frühern Wildbachs getrennt werden von der
Tiefenerosion des heutigen. Die Bildung des Schwemmkegels ist
ungefähr auf folgende Art vor sich gegangen: Beginn der Ausräumung
des leicht verwitterbaren und transportierbaren Sericitschiefers am
Hang des Cuolm de Vi durch einen Wasserlauf, Bildung eines
Schuttfächers bei der Austrittsstelle des Wassers in das Becken von
Sedrun, fortwährende Erhöhung des Schuttkegels durch Verlegung des
Laufs bis zum heutigen Aussehen, Sistierung der Aufschüttung infolge
Böschungsausgleichs im Einzugstrichter und Wiederbelebung des
Wildbachs von unten herauf durch Absenken der Erosionsbasis des
Rheins. Der Anfang der Aufschüttungsebene ist erkennbar auf der Höhe
der Maiensässe Valtgeva (Abb. 8); dort ist rechts an der
Austrittsstelle aus dem Wildbachtrichter der alte Aufschüttungsboden
noch vollständig erhalten, während er auf der linken Seite durch den
jungen Wildbach weggeräumt wurde. Ueber die Herkunft des
Schuttkegels orientiert man sich am besten an der Landstrasse
zwischen Sedrun und Camischolas; von hier aus taxiert man die
Terrasse von Valtgeva ohne weiteres als Anfang des ganzen
Schuttkegels; es wird hier klar, dass das Schuttmaterial nicht aus
dem Val Strem stammt.
Der zweite Schuttkegel von Zarcuns bis Rueras ist vom ersten
getrennt durch den Strembach und ist etwas weniger ausgedehnt als
der von Sedrun-Camischolas. Ueber den Ort seiner Herkunft kann man
nicht im Zweifel sein; an der Stirnseite der Alp Caschlè befindet
sich der Ausräumungstrichter, der heute vernarbt ist. Störungen, wie
sie im Sedruner Autschüttungsgebiet durch den jungen Wildbach Drun
geschaffen worden sind, fehlen hier vollständig; modellartig klar
schliesst an den Ausgang des Wildbachtrichters der Schuttfächer an,
der sich wiederum bis zum Rheinbett hinunterzieht und steil zur
Flusssohle abfällt.
Der dritte und kleinste Schuttkegel entstammt einem Trichter an der
Alp Culmatsch (Abb. 2) und zieht sich zwischen Dieni und Rueras zum
Rhein hinunter. Seine Form ist durch Blockstreu und Lawinenanrisse
modifiziert.
Der flächenhafte, schichtweise Aufbau der Schwemmkegel lässt sich im
Bett des Drun nachweisen. Er gräbt energisch in die früher
geschaffene Aufschüttungsebene und bringt dabei die steilen Ufer zu
fortwährendem Abstürzen. An solchen frischen Anrissen lässt sich die
leichte Neigung der Schuttlager konstatieren an der verschiedenen
Farbe und Korngrösse des Materials. Schichten grosser Blockgesteine
wechseln ab mit Sand- und Schlammdecken; mannigfach ist die
verschiedene Dicke der einzelnen Schichten, so dass der Durchschnitt
der obersten zehn Meter des Schuttkegels die Entstehungsgeschichte
deutlich verrät. An den Lagen der groben, schweren Blockgesteine
ersieht man die damaligen schweren Rusbrüche des Wildbaches, auf die
Zeiten ruhiger, gleichmässiger Geschiebeführung folgten, die sich in
feinerem Korn, Sand und Schlamm abbilden. Wie gross die Mächtigkeit
dieser Schuttüberdeckung ist, kann nicht mit Sicherheit bestimmt
werden. Im Rheinbett unten findet sich anstehender Sericitschiefer
auf einer Meereshöhe von zirka 1330 m; Sedrun selbst liegt auf 1400
m; setzen wir voraus, dass das glaziale Becken von Sedrun gegen die
Talmitte hin noch etwas mehr ausgetieft ist als seitlich beim
heutigen Rheinlauf, so kommt man auf eine Schuttmächtigkeit, die
sich maximal um die Zahl von hundert Metern bewegt. Die beiden obern
Schuttkegel sind in ihrer Ausdehnung und wahrscheinlich auch in
ihrer Mächtigkeit geringer.
Durch die
Tätigkeit des fliessenden Wassers ist die Einheitlichkeit der
Schuttkegel gestört worden. Es liegt in der Natur des
Glazialbeckens, d. i. des Beckens vor der Ruffüllung mit
Wildbachschutt, dass der Rhein infolge des geringen Gefälles seinen
Lauf verlangsamt und zum Pendeln neigt. Durch diesen Vorgang ist der
Prozess der Schuttauffüllung in der Nähe des Flusses fortwährend
gestört worden; der Rhein hat die Schuttschichten untergraben und
zum Abstürzen gebracht, so dass heute die Schuttauffüllung in einer
Entfernung von 200-300 m vom gegenüberliegenden Ufer jäh abfällt.
Der dazwischen liegende Raum wird beansprucht vom Rhein, der in
seinem Laut bald ans rechte felsige Ufer stösst, bald sich gegen die
Schuttfläche wendet, ohne sie heute mehr zu erreichen, da sich mit
der Zeit in ihrem untern Teil ein flach auslaufender Schuttfuss
gebildet hat.
Ausser dem Rhein haben auch kleine Wasserläufe den Zusammenhang der
Schuttkegel gestört. An erste Stelle ist der bereits mehrfach
erwähnte Wildbach Drun zu setzen, der den Sedruner Schuttkegel bis
in eine Tiefe von mehr als zehn Meter durchschneidet: Sodann hat der
Bach aus dem Val Strem zur Trennung der beiden Schuttflächen
Sedrun-Camischolas und Zarcuns-Rueras geführt. Beide Wasserläufe
bringen links und rechts die Ablagerungsschichten zum Absturz und
verringern damit den wertvollen, fruchtbaren Ackerbauboden. Das
grösste aber an Landverlust leisten die zahlreichen kleinen
Bächlein, die da und dort an den steilen Stirnseiten der Schuttkegel
austreten, die Lockermassen leicht abtragen und durch rückgreifende
Erosion viele Nischen in den Schuttkörper legen, die natürlich für
den Ackerbau verloren sind. Die früher wohl mehr oder weniger
geradlinig verlaufende Kante beim Abfall der Schuttebene gegen den
Rhein und die vorerwähnten Seitenbäche ist jetzt reich gebuchtet;
die vorspringenden Terrassen, deren gegen den Rhein gerichtete
Kanten durch eine gerade Linie verbunden werden können, zeigen den
frühern gleichmässigen Abfall; die dazwischen liegenden Einsprünge
sind die Auswaschungen der vielen, aus dem Schutt austretenden
kleinen Wasserläufe.
Beim Ueberblick über die Aufschüttungsflächen erkennt man, dass
langsam kostbarer Kulturboden verloren geht. Für die heutige
Generation ist diese Veränderung noch nicht von einschneidender
Bedeutung, aber später wird sich der Landverlust ungünstig
auswirken.
Zwischen Sedrun und der Gemeindegrenze gegen Disentis mündet das
kleine Val Bugnei, ein reines Wassererosionstal. Seine
Entstehungsgeschichte ist ähnlich derjenigen des Drunkessels: ein
Wasserlauf hat sich in die Südseite des Cuolm de Vi eingenagt und
den mürben Sericitschiefer zu einem kesselförmigen Seitental
ausgeräumt. Es lassen sich fünf Runsenzüge unterscheiden, die
zentral zusammenlaufen; vier davon haben einen Böschungswinkel
erreicht, der die Runsentätigkeit zum Stillstand brachte; sie sind
vernarbt. Eine einzige Runse ist noch in Tätigkeit. Zu Zeiten
ausgiebigen Regenfalls stürzt sich ein Wildbach von der
steilwandigen Runse herunter ins Zentrum des Kessels; die Folge ist
eine lokale Erhöhung des Kesselbodens; dort türmt sich Block auf
Block; dazwischen gräbt sich der Bach bei Normalwasserzeiten ein
enges Bett, das beim folgenden Niedergang der Rüfe wieder
verschüttet wird. Bis auch diese letzte Runse verwächst, wird der
Talkessel von Bugnei ständig Veränderungen erleiden. Der Ausgang zum
Haupttal ist in engem Schnitt in die in früherer Zeit abgelagerten
Schutterrassen eingetieft. Die Ebene zwischen Bugnei und Sedrun
besteht zum Hauptteil aus dem Ausräumungsmaterial des Val Bugnei. Im
Gegensatz zu den Schwemmkegeln zwischen Sedrun und Rueras reichen
die Schuttflächen von Bugnei direkt an den Rheinlauf, denn an dieser
Stelle ist die Pendelbewegung des Rheins infolge Gefällsverstärkung
verschwunden, und der Fluss hat sich überdies in einem Felsbett
gefangen. Am Rheinufer gegenüber Bugnei ist die Prallstelle zu
erkennen, die durch das Austreten des Wildbachs geschaffen wurde.
Die Natur des Oberlaufes bringt es mit sich, dass der junge
Vorderrhein im Tujetsch in seinem Gefälle noch unausgeglichen ist.
Die Flusskurve 15), im Beginn steil, verflacht
sich allmählich, weist aber des öftern Knickungen auf; Wasserstürze
wechseln mit flachen Strecken, die in den einzelnen Becken zu
Serpentinen ausgebildet sind. Die zwischen den Becken liegenden
Stufen sind durch die gefällsausgleichende Wirkung des fliessenden
Wassers in Schluchten durchschnitten worden, die erste bei Surpalix,
die zweite bei Tschamut, die letzte in der Talenge von S. Brida
(Abb. 1), welche Schlucht 400 m lang ist und ein Gefälle
von über 100%0 aufweist. Der Lauf ist an diesen Stellen
ausserordentlich stark und besitzt grosse Erosionskratt. In den
Becken, besonders im grössten bei Sedrun, hat der Rhein eher
Unterlaufscharakter, er pendelt hin und her; er fliesst teilweise in
eigenem Aufschüttungsgebiet, das mit den typischen Auenwäldern
besetzt ist. Der Fluss wechselt von Zeit zu Zeit sein Bett durch
Anlagerung von Kiesbänken; es sind guterhaltene alte Flussschlingen
wahrzunehmen.
Die Seitentäler haben mit Ausnahme des Val Maighels steileres
Gefälle als das Haupttal. Es besteht aber ein grosser Unterschied
zwischen den nördlichen und südlichen Seitentälern; durch
tektonischen Vorgang 16) ist das Haupttal nahe
an die hohen Erhebungen des Aarmassivs gerückt worden; die
nördlichen Täler sind kurz und steil, die südlichen greifen weit in
das Gotthardmassiv zurück, haben ausgeglicheneres Gefälle und
infolge ihrer grössern Laufstrecke stärkere Wasserführung. Die kurze
steile Oberalpstockseite hat von jeher Runsen und Wildbäche
begünstigt, um so mehr, als diese südexponierte Seite des Waldes
fast gänzlich beraubt wurde.
Natürlich hat sich im Lauf der Zeit der Rhein um ein gewisses Mass
eingetieft; sichere Zeugen davon sind die sehr schön erhaltenen
beidseitigen Flussterrassen bei der Mündung des Nalpserrheins.
Grössere Austiefung der verschiedenen Seitenbäche beschränkt sich
auf die Laufstrecken in den mürben Gesteinen des Tujetscher
Zwischenmassivs, vor allem in den Mündungsschluchten. Sowohl im Aar-
wie im Gotthardmassiv hat das fliessende Wasser das Relief wenig
verändert.
Eine kurze Darstellung soll auch die Epigenese des Rheinlaufs
erfahren. Der Rhein ist zwischen Sedrun und Disentis durch grosse
Schuttkegel nach rechts abgedrängt worden und fliesst in tiefem
Einschnitt und mit starkem Gefälle bald durch Lockermassen, bald
durch anstehenden Sericitschiefer.
Sehr deutlich kann die Epigenese bei der Mündung des Drun beobachtet
werden; die Tiefe des Einschnittes im festen Fels beträgt ungefähr
8-12 m. Talabwärts wird die Eintielung verstärkt; so bei Punkt 1221
bei der Mündung des Val Gierm, dann unterhalb Cunel, Mompe Tujetsch
und Segnas. Ohne Rücksicht auf das Untenliegende hat sich der Rhein
durch Schuttmassen und Fels gefressen und sich so an den
vorbezeichneten Stellen selbst gefangen.
Vor der Aufschüttung müssen die Laufverhältnisse des Vorderrheins
andere gewesen sein. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass sich
der alte glaziale Felsgrund in der Talmitte bei Sedrun auf ungefähr
1300 m Meereshöhe befindet, d. h. rund 100 m unter dem Schuttkegel
liegt. Es ist anzunehmen, dass der Rhein nach der letzten
Vergletscherung im tiefsten Punkt der Talaxe floss, eben auf dem
genannten glazialen Talboden. Heute fliesst er bei Sedrun auf 1330 m
Höhe am rechten Hang. Die Schuttmassen der linken Talseite haben
also nicht nur den Rhein nach rechts gedrängt, sondern ihn auch
höher verlegt. Die Gesamthebung dürfte bis 40 m betragen haben, da
sich seither der Fluss um zirka 10 m im anstehenden Fels eingenagt
hat.
Wie ist die Epigenese zustande gekommen, warum gräbt sich der Rhein
in jüngster Zeit so scharf und schnell in den Felsboden ein? Sicher
hat eine Neubelebung der Erosion stattgefunden durch Senkung der
Erosionsbasis im Gebiet von Disentis. Durch die Epigenese des Rheins
haben sich auch die Bäche aus Val Giuv, Mila, Strem, Bugnei und der
Drun stark in die Schuttmassen eingegraben, ebenso im Disentiser
Becken die Wasser aus Val Segnas, Acletta und Clavaniev.
Das alte glaziale Disentiser Felsbecken liegt auf 1100 m Meereshöhe;
über ihm wurde aus den Runsen der Nordhalde bis auf 1350 m ein
riesiger Schuttkörper aufgeschichtet. Die Epigenese im Tujetsch
wurde nun eingeleitet durch die fortwährend tiefergehende Ausräumung
des Disentiser Schuttkörpers durch den Rhein. Die Frage nach der
Entstehung der Epigenese im Val Tujetsch lässt sich also verbinden
mit der Frage nach der Entstehung der Disentiser Schuttanhäufung.
Zwei verschiedene Theorien versuchen, diese Auffüllung zu erklären.
Albert Heim 17) denkt an den Zusammenhang
mit dem Stausee des Flimser Bergsturzes. Er bemerkt, ein direkter
Nachweis, dass die «Akkumulationsterrassen von Rheinkies bei
Disentis» durch Stauung der Flimser Breccie hervorgebracht worden
seien, liesse sich nicht erbringen; trotzdem hält er die Annahme für
wahrscheinlich. Die Höhe des Seespiegels über Ilanz betrug 92 m.
18) «Gesetzt den Fall, das Delta des Rheines
sei bis nahe Ilanz vorgerückt, so war dadurch eine Basis geschaffen
für die Aufschüttung, welche oben bei Disentis, das jetzige,
ziemlich ausgeglichene Rheingefälle angenommen, eben bis auf jenes
Kiesterrassenplateau hinaufreichen konnte.» Heim gibt an, dass jene
Terrasse nicht horizontal, sondern talwärts geneigt sei, dass ferner
keine steile Deltalagerung der Geschiebe zu finden wäre, sondern die
Kiesschichtung der Oberfläche parallel gehe, «wie es bei Erhöhung
eines Talbodens durch Ablagerung auf dem Festen - nicht im See -
stets der Fall ist».
Die Entfernung von dem stauenden Hindernis und auch der
Höhenunterschied erscheinen zu gross, als dass sich die Disentiser
Schuttmassen durch die Rückstauung des Flimsersturzes gebildet
hätten; bis nach Ilanz, fehlen ähnliche Wirkungen der Rufstauung
vollständig.19)
Einen andern Erklärungsversuch stellte Penck
20)
auf. Er betrachtet den Schuttkegel von Disentis als das
«fluvioglaziale Aequivalent» der mächtigen Moränen, die den Talsporn
Crest Muntatsch zwischen den Tälern Clavaniev und Acletta
zusammensetzen und auch die Terrasse über Acletta bedecken. Der
glaziale Talboden von Disentis ist wahrscheinlich ein durch die
Einmündung des Val Medels bedingtes übertieftes Konfluenzbecken, in
das sich die Moränen und Schuttkegel der Täler Segnas, Acletta und
Clavaniev ergossen haben und die so den grossen Schuttkörper
bildeten.
Wir halten die Annahme von Penck und Machatschek für
wahrscheinlicher, da die Voraussetzungen einfacher und näherliegend
sind.
Den zeitlichen Ablauf der verschiedenen Vorgänge denken wir uns
folgendermassen: Bildung einer Kontfuenzstufe beim Zusammentreffen
der Täler Tujetsch und Medels; Zuschüttung des Beckens, die ziemlich
rasch erfolgt sein muss, da nach Heim 21) ein
ganzer Wald verschüttet wurde: Höherlegung und Verdrängung des
Rheins nach rechts. Die rasche Auffüllung erklärt die Epigenese im
Tujetsch, da der Rhein sich nicht in dem Masse eintiefte, wie die
Aufschüttung erfolgte. Nach dem Sistieren der Aufschüttung Beginn
der Tiefenerosion und erste Schluchtenbildung an der Konfluenzstuie;
Rückwärtsschreiten der Erosion bis zum Sedruner Becken, unbekümmert
um die Beschaffenheit des Untenliegenden; wo der rechtsseitige
Felshang steil ist, gleitet der Fluss ab; auf flacherer Böschung
schneidet er ein; darum der Wechsel zwischen Ausräumung in
Lockermassen und Epigenese. Folgewirkung auf die Zuflüsse:
Einschneiden der Bäche aus den Tälern Clavaniev, Acletta und Segnas
in den Disentiser Schuttfuss, Vertiefung der Schluchtmündung des Val
Nalps, Neubelebung der Erosion der Bäche, die ins Sedruner Becken
münden und Aufteilung der Schuttkegel.
5.
Rezente Reliefveränderungen
An
erster Stelle müssen wir den heutigen Wildbach Drun
nennen, den wir in seinen Beziehungen zum Schwemmkegel von Sedrun
bereits geschildert haben. Das romanische Wort «Drun» bedeutet
soviel wie Geröll oder Schutt; daher leitet sich wahrscheinlich auch
der Name des Dorfes Se-Drun ab, «an oder auf dem Schutt gelegen».
22) Der Drun hat sich erst in jüngster Zeit gebildet;
noch vor wenigen Jahrhunderten soll er nur ein kleines Bächlein
gewesen sein 23), das sich aber seither stark in die alten
Schuttmassen eingeschnitten hat (Abb. 4). Nicht immer hat der
Wildbach seinen Lauf zwischen Sedrun und Gonda genommen, sondern
zeitweise wälzte er seine Schlamm- und Geröllmassen ins Bett des
Strembachs hinüber und mündete unterhalb Camischolas in den Rhein.
Daher ist auch die starke Ausräumung der Schuttebene zwischen
Camischolas und Zarcuns zu erklären, die niemals von dem friedlichen
Wasser des Strembachs geschaffen sein kann. Ebenso sind die grossen
Steinblöcke im Bett des Strembachs und die Verwüstungszone gegen den
Rhein von dem jeweiligen Ausbruch des Drun hinterlassen worden. Um
den labilen Lautverhältnissen des Wildbachs ein Ende zu setzen,
wurde zwischen den Bewohnern von Sedrun und Camischolas eine
Vereinbarung getroffen, wonach die Richtung des nächsten Ausbruchs
massgebend sein sollte für den zukünftigen definitiven Lauf. Der
nach dieser Konvention erfolgte Ausbruch wandte sich gegen Sedrun,
und so mussten die Sedruner wohl oder übel das Bachbett lassen, um
den Drun über ihr Dorfgebiet zu leiten. Zum Schutz gegen die
seitliche Unternagung wurden beim Durchgang durch das Dort Mauern
errichtet, deren Reste heute noch sichtbar sind. Wo die Brücke den
Wildbach überspannt, wurde das Gefälle treppenartig unterbrochen;
das Bett ist hier mit grossen Steinen ausgepflastert. Unterhalb des
Dorfes wird dem Wildbach freier Lauf gelassen, so dass fortwährend
die Schuttufer nachstürzen, und damit Kulturland verloren geht. Die
im Jahre 1691 erbaute Pfarrkirche von Sedrun hatte ursprünglich ihr
Schiff talaufwärts, dem Drun zu gerichtet. Die starken Ausbrüche des
Baches gefährdeten infolge Seitenerosion das Schiff der Kirche so
stark, dass man es niederreissen und auf der entgegengesetzten Seite
des Turmes aufbauen musste.
Mit Ausnahme des Frühlings ist das Bett des Drun von einem
unscheinbaren Gerinnsel durchflossen, das niemals die Wucht und
unwiderstehliche Kraft eines Wildbachs ahnen lässt. Wenn die
Schneeschmelze beginnt, und Regenfälle dazutreten, beginnt es in dem
fiederartig zerteilten Einzugstrichter lebendig zu werden; Schnee,
Felstrümmer, Sand und Schlamm mischen sich mit dem Regen- und
Schmelzwasser zu einem brodelnden Schuttstrom, der sich zwischen
Gonda und Sedrun in dem 6 m tiefen Bett hinabwälzt; bei besonders
starken Ausbrüchen ist das Bachbett bis zum Rand angefüllt.
Unterhalb des Dorfes verbreitert sich das Bett zu einem wüsten
Schuttfeld (Abb. 3,
4). Erlengebüsche kämpfen um ihre Existenz, die
Wurzeln von vielzentnerschweren Blöcken belastet. Einzelne
Felsblöcke von 5-6 m3 Inhalt liegen verstreut am Ende des
Drunbettes, Zeugen der unwiderstehlichen Kraft des Wassers. Durch
die Schuttmassen wird der Rhein an das rechte Ufer hinübergedrängt
und untergräbt fortwährend den steilen Abhang des Surreiner Waldes,
dessen Bäume, des Haltes beraubt, kreuz und quer an der Absturzhalde
liegen. Die Korrektion des Wildbachs beschränkt sich zur Zeit auf
die erwähnte Auspflasterung des Bettes beim Strassenübergang
zwischen Sedrun und Gonda. Gegen das Abrutschen der Seitenhänge
hilft nichts als die Verhinderung der Tiefenerosion durch
treppenartige Ruflösung des Gefälles; auch sollten die grössten
Blöcke, die nach einem Ausbruch im Bett liegen bleiben, gesprengt
werden, damit sich später keine Stauungszonen bilden. Wenn auch der
Drun keinen direkten Sachschaden anrichtet, so ist doch grösste
Aufmerksamkeit geboten, denn in den wenigen Jahrhunderten seiner
Existenz hat er einen ansehnlichen Teil des ohnehin spärlichen
Kulturbodens vernichtet.
Der Wildbach im Val Bugnei hat einen bedeutend kleinern
Einzugskessel als der Drun, ist deshalb von kleinerm Format, und
seine schädigende Wirkung beschränkt sich auf die Ueberdeckung einer
kleinen Fläche Weideland, von dem das Tujetsch anderwärts genug
besitzt.
Am sehr steilen Abhang des Cuolm Val zwischen Selva und Tschamut hat
sich seit ein paar Jahren eine neue Rüfe gebildet, die noch klein
ist, aber bereits regelmässig im Frühling viel Geschiebe zu Tal
fördert, die Oberalpstrasse überdeckt und sich oberhalb Selva auf
Weide- und Ackerboden ergiesst. Wenn nicht frühzeitig geeignete
Massnahmen gegen die Vergrösserung der Rüfe ergriffen werden, kann
sie sich leicht zu einem Sorgenkind der Selver Bevölkerung
auswachsen.
Nicht vergessen sei die Wirkung der Lawinen, an denen das Tujetsch
reich ist. 24) Sie leisten in der Verfrachtung von
Felstrümmern und Gesteinsschutt Erhebliches; vor allem erfahren die
Seitentäler von Jahr zu Jahr eine Erhöhung der Talsohle. Eine
Aufräumung der Lawinentrümmer durch den Menschen findet nicht statt,
da sich die Sommerweiden des Tujetsch nicht wie vielfach andernorts
in den Seitentälern befinden, sondern hauptsächlich auf den gegen
das Haupttal vorspringenden Bergrücken. Den steilen Nordhang des P.
Maler und Fil Alpetta durchfurchen viele Lawinenzüge, die einst
durch kleine Wasserläufe vorgezeidinet, sich infolge der
ausschürfenden Kraft der Lawinen vertieft haben. Aus jedem dieser
Lawinenzüge zieht ein Schleppe von Lawinentrümmern zu Tal; im
untersten Stück verwachsen sie seitlich und bilden einen
zusammenhängenden, flach auslaufenden Schuttluss.
Eine ungleich grössere Bedeutung kommt jedoch den Lawinen in
anthropogeographischer Hinsicht zu, in ihrem Einfluss auf die
Siedlungslage; sie, wird in einem spätern Abschnitt ausführlicher
behandelt werden.
Ausser den Reliefveränderungen durch Rillen und Lawinen treten noch
lokale, kleinräumige Terrainverschiebungen ein, die auf
Bodenkriechen zurückzuführen sind. Es betrifft dies vor allem
Abhänge, die infolge steilschichtigen, mürben Materials, von Natur
aus zu langsamer Rutschung neigen oder von unterirdischen
Wasserläufen aus dem Zusammenhang mit der Unterlage gelöst wurden;
die Oberfläche dieser Gebiete ist sehr unruhig und wellig gestaltet
und kann bei flüchtiger Betrachtung leicht verwechselt werden mit
Rundhöckerbildungen.
6.
Vertikale Gliederung
Versuchen wir eine vertikale Gliederung der Talschaft, um die
Zusammenhänge der Pflanzen- und Kulturgeographie mit den
verschiedenen Höhenstufen zu ermitteln.25) Es handelt
sich nicht darum, eine prozentuale Verteilung des produktiven und
unproduktiven Bodens auf verschiedener. Höhe vorzunehmen; es sei
lediglich eine Skizze der für die einzelnen morphologischen Typen
charakteristischen natürlichen und kulturbedingten Bodenbedeckung
angegeben.
a) Gliedert man die Landschaft von unten herauf, so wird die erste
morphologische Einheit von den
Becken des Rheinlaufs gebildet. Es sind das von Natur aus
alte Ueberschwemmungsgebiete, die geringen wirtschaftlichen Wert
besitzen. Zwischen den einzelnen Wasserläufen des Sedruner
Rheinbeckens steht lockerer Auenwald aus Erlengebüschen; alle Becken
sind mehr oder weniger versumpft; die einzige Nutzung besteht in der
Verwendung des Schilf- und Riedgrases als Streue.
b) Ökonomisch von höchster Wichtigkeit ist die Zone der
Schuttkegel des Sedruner
Beckens. Ursprünglich mit Fichtenwald bestanden, hat diese
Teillandschaft ihr Aussehen unter der Einwirkung des Menschen von
Grund auf geändert. Die Schuttkegel sind sowohl die besten
Siedlungs-, wie auch Ackerbautfächen; sie bieten den Wohnraum für
3/4, der Bevölkerung und sind infolge ihrer Fruchtbarkeit und
günstigen Exposition die Flächen intensiver Feldbestellung;
ausserdem erleichtert die schwache, gleichmässige Neigung des
Aufschüttungsbodens den Verkehr.
c) Die Hänge mässiger
bis steiler Böschung weisen je nach der Exposition verschiedene
Vegetationsdecke auf. So hat sich an den nordexponierten Hängen der
rechten Talseite, die mit Ausnahme von Surrein und Cavorgia nicht
besiedelt ist, viel mehr die ursprüngliche Verkleidung mit magerem
Grasland und Hochwald erhalten, als auf der stark besiedelten
südexponierten Talflanke. Durch starken Raubbau verschwand das
Waldkleid der linken Talseite bis auf wenige Reste; die
kahlgeschlagenen Hänge wurden in ihren steilen Partien als Gras- und
die mässig geböschten als Ackerbauland benutzt. Wo der Hang zu
steil, da ist der Wald geblieben.
d) Eine klar umgrenzte morphologische Einheit bilden die
Seitentäler. Infolge der zunehmenden
Meereshöhe verschwindet der Wald der südlichen Nebentäler rasch; er
bleibt beschränkt auf die Mündungsschluchten. Die nördlichen
Seitentäler sowie das Val Maighels zeigen überhaupt keinen
Waldbestand mehr. Die starke Vergandung der Talsohlen durch
Felsschutt beschränkt die wirtschaftliche Nutzung auf das Beweiden
der Grasflächen im Talvordergrund vor und nach der Alpsömmerung.
e) Einen für jedes Hochtal wichtigen wirtschaftlichen Typus bilden
die Alpweiden. Sie sind im Tujetsch
zahlreich und von besonderer Grösse. Die ob dem Siedlungsgebiet der
linken Talseite liegenden Alpen sind stärker benutzt als die
rechtsrheinischen; geologische und klimatische Unterschiede, die zu
einer ungleichen Bestossung führen könnten, bestehen nicht; die
Wasserverhältnisse sind im allgemeinen gleich günstig; die
Südexposition erweist sich als förderlich für die Bestossung mit dem
Vieh. Diese Einseitigkeit schuf Qualitätsunterschiede zwischen den
Nord- und Südalpen. Die Südalpen sind infolge geringer Nutzung von
Alpenrosen und Erlengebüschen stark überwuchert.
f) Zu oberst folgt die Fels- und
Schuttregion. Die Kampfzone zwischen den Alpmatten und dem
nackten Fels bietet noch eine dürftige Ziegen- und Schafweide;
einzelne schmale Grasbänder finden als Wildheuflächen die letzte
Verwendung. Einige wenige Leute beuten die Minerallagerstätten der
Felsregion aus; sie erkämpfen sich als Strahler eine Existenz.
B. Das Klima
1.
Wärmeverhältnisse
Die
langen Uebergangszeiten von Frühling und Herbst, wie sie im
Mittelland auftreten, sind in dieser Höhenlage selten; das
klimatische Jahr wird am besten nach Sommer und Winter eingeteilt.
Die Vegetationszeit beginnt Ende April oder anfangs Mai und dauert
bis Ende September. Ein rascher Temperatursturz leitet unvermittelt
zu dem bis sechs Monate andauernden Winter über, der seinerseits
gefolgt ist von einem starken Temperaturanstieg; der Frühling wird
dadurch auf die kurze Zeit eines Monats zusammengedrängt.
Je grösser die Meereshöhe ist, um so kleiner werden im allgemeinen
die Mitteltemperaturen und die Amplitude der Temperaturschwankungen.
26) Nun treten im Tujetsch trotz der Höhenlage (Talsohle
1400 m ü. M.) relativ warme Sommer auf, die gefolgt von kalten
Wintern dennoch eine grosse jährliche Amplitude ausmachen.
Wahrscheinlich haben die Erhebungen des Gotthardmassivs einen
bestimmenden Einfluss auf den Verlauf der Witterung; dieses
zentralalpine Gebiet verursacht eine gewisse Scheidung des
westlichen ozeanischen und des östlichen kontinentalen Klimas.27)
Die Scheidung ist nicht streng, denn der grössere Teil der Schweiz,
nördlich der Längstalfurche Rhone-Vorderrhein, wird von beiden
Klimatypen beherrscht; aber das östlich der Gotthardgruppe gelegene
Gebiet ist den ozeanischen Einflüssen weniger ausgesetzt als die
südwestliche Schweiz, sondern unterliegt bereits in stärkerem Mass
dem kontinentalen Regime. Dadurch kann die für die Meereshöhe
relativ grosse Sommerwärme des Tujetsch erklärt werden;
wahrscheinlich begünstigt auch die Beckennatur des Tales eine
Erhöhung der Sommerwärme, da die Bergumrahmung die horizontale
Luftbewegung stark vermindert. Ebenso ist die relativ grosse
Massenerhebung von günstigem Einfluss.
Die Temperaturmessungen im Tujetsch sind leider erst im Jahre 1927
aufgenommen worden 28), so dass eine genaue Darstellung
der Wärmeverhältnisse nicht möglich ist. Mit allem Vorbehalt seien
die Durchschnitte der Mittagstemperaturen und die absoluten Extreme
der vier Sommermonate des ersten Messungsjahres angeführt
29):
|
|
Durchschnittl. Mittagstemperatur |
Absol. Extreme min. max. |
|
|
Juni |
16,1° |
0,2° |
26,7° |
|
Juli |
19,0° |
2,6° |
29,1° |
|
August |
19,0° |
2,4° |
30,4° |
|
September |
17,7° |
0,4° |
28,30 |
Es ist nicht zulässig, auf Grund eines Messungsjahres Schlüsse auf die normalen Wärmeverhältnisse des Tujetsch zu ziehen; jedoch zeigen für dieses eine Jahr die durchschnittlichen Mittagstemperaturen ganz respektable Höhe. Die Amplitude der beiden monatlichen Extreme beträgt für den Monat
Juni 26,5°
Juli 26,5°
August 28,0°
September 27,9°
Sie ist durchwegs
sehr gross und entspricht eher dem kontinentalen als dem ozeanischen
Klimatypus.
Diese günstigen sommerlichen Wärmeverhältnisse ermöglichen den Anbau
von Gerste, Roggen und Kartoffeln bis zu einer Meereshöhe von 1700
m. Ueberhaupt steigen im Vorder- und Mittelrheingebiet die
Vegetationsgrenzen viel höher hinauf als an der Klimascheide des
Gotthard. Da die Verbreitung der Pflanzen in vertikaler Richtung
hauptsächlich von Wärme- und Feuchtigkeitsverhältnissen
abhängig ist, so muss man in diesen Höhengrenzen und ihren
Differenzen die Wirkung und das Resultat wichtiger klimatischer
Faktoren, also den Ausdruck bestimmter Naturgesetze erkennen. Da
solche Vegetationsgrenzen das Resultat von vielhundertjährigen
Einflüssen sind (der Einfluss des Menschen fällt hier ausser
Betracht), so geben sie uns einen ebenso guten Massstab zu
klimatologischen Vergleichungen und zur Beurteilung von
Lokalklimaten an die Hand, wie das sorgfältigste statistische
Material.30)
Die Arve, eine typische Charakterpflanze des kontinentalen Klimas,
ist im Westen des Gotthardmassivs kaum zu finden, wohl aber am
Lukmanier, in Val Medels und Val Nalps im Tujetsch. Legföhre,
Lärche, Fichte und Bergahorn steigen im östlichen Alpengebiet höher
hinauf als in den westlichen Alpen. Diese Differenz in den
Vegetationsgrenzen ist darauf zurückzuführen, dass für gleiche.
Höhenlagen die Sommer- oder Vegetationstemperatur der Ostalpen höher
ist als die der Westalpen.31) Die Wirkung gesteigerter
Sommertemperaturen tritt natürlich an einjährigen Gewächsen reiner
und stärker hervor als an Dauergewächsen; darum ist auch die
Differenz der Vegetationsgrenzen am grössten bei den einjährigen
Gewächsen des Ackerbaues, der unter Umständen noch durch künstliche
Einflüsse modifiziert wird. Kleinere Unterschiede in den
Vegetationsgrenzen zwischen West und Ost zeigen die Obstbäume und
die verschiedenen Laubholzarten; am kleinsten wird die Verschiebung
der obern Grenze bei den Nadelhölzern.
Die Exposition ist in einem W-O gerichteten Tal von grosser
Bedeutung. Die besten Acker- und Wiesböden des Tujetsch liegen am
Sonnenhang auf den alten Schwemmkegeln der Nordseite; nach ihnen
haben sich die Hauptsiedlungen orientiert. Bugnei, Sedrun, Gonda,
Camischolas und Zarcuns empfangen während des ganzen Jahres
ausgiebige Sonnenbestrahlung. Rueras, ebenfalls im Sedruner Becken
gelegen, ist weniger begünstigt, da die südwestlich anschliessenden
Erhebungen die Sonnenbestrahlung während der Winternachmittage
verhindern. Ebenso erfahren Selva und Tschamut, die Siedlungen des
obern engumrahmten Talteils, und die nordexponierten Weiler Surrein
und Cavorgia im Winter nur geringe Insolation.
Sommerliche Kälteeinfälle, verbunden mit Schneefällen, treten hie
und da auf, sind aber meist nur von kurzer Dauer. Die absoluten
Minima der Sommermonate des ersten Messungsjahres nähern sich stark
dem Nullpunkt; nach mündlichen Mitteilungen ist schon zu allen
Zeiten des Jahres Schneefall eingetreten. Leider finden sich aus
früherer Zeit keine Rufzeichnungen über diese sommerlichen
Schneefälle; die im Jahr 1927 begonnenen Messungen verzeichnen am
27. Juni eine Schneehöhe von 20 cm. Bei starken Schneefällen während
der Alpzeit wird das Vieh in die Maiensässenställe abgetrieben; bei
leichten Kälteeinbrüchen findet keine Verstellung statt.
Weit schädlicher als sommerlicher Schneefall ist die Reifbildung im
Frühling und Herbst. Reif tritt nicht häufig auf, ist aber sehr
gefürchtet wegen der zerstörenden Einwirkung auf die Kulturpflanzen.
Am 19. September 1628 hat sich ein Reif gebildet, der jegliche
Frucht vernichtete; 204 Personen haben wegen der Hungersnot das Tal
verlassen.32)
Verglichen mit dem allseitig offenen Mittelland sind die Windstillen
in einem Becken wie das Tujetsch weit häufiger.33) Die
Talrichtung begünstigt vor allem die West- und Ostwinde. Das Tal
Strem öffnet der Bise den Zugang; im übrigen ist das Tujetsch vor
dem Nordwind geschützt. Der Föhn, der im weitern Verlauf des
Rheintals eine hervorragende Rolle spielt, hat im Tujetsch nur
untergeordnete Bedeutung, da die Höhendifferenzen zu gering sind;
ebenso sind auch Lokalwinde wie Berg- und Talwind im Sommer
bedeutungslos.
2.
Niederschlagsverhältnisse
34)
In
Sedrun befindet sich eine Regenmessstation. Als Vergleichsmaterial
wurden die Resultate der weiter talabwärts gelegenen
Regenmessstation Surrein (nicht Surrein im Tujetsch!) und der
langjährigen Medelser meteorologischen Station Platta zugezogen. Dem
Vergleich liegen die Messungen der 25 Jahre von 1901 bis 1925
zugrunde. Sowohl Sedrun als auch Surrein blicken auf eine längere
Regenmessperiode zurück; die ersten acht Jahre von 1892 bis 1900
wurden aber nicht in die Rechnung einbezogen, da die Messungen
dieser Periode lückenhaft sind. Man wird weiter unten bemerken, dass
eine 25jährige Periode noch keine grosse Wahrscheinlichkeit
verbürgt, dass sie aber immerhin ein Bild der Verhältnisse
wiedergibt. Platta hat bereits eine 62jährige Beobachtungszeit
hinter sich und leistet wertvolle Dienste für den Vergleich.
Monatsmittel der Jahre 1901 bis 1925 in mm:
|
|
Jan |
Feb |
März |
Apr |
Mai |
Juni |
Juli |
Aug |
Sep |
Okt |
Nov |
Dez |
Jahr |
|
Sedrun |
85,2 |
61,5 |
91,1 |
92,5 |
99,6 |
107,4 |
124,5 |
128,2 |
115,4 |
108,1 |
83,3 |
105,1 |
1201,7 |
|
Surrein |
74,1 |
58,4 |
81,0 |
84,3 |
96,8 |
98,1 |
113,8 |
123,4 |
110,0 |
100,1 |
81,3 |
100,3 |
1121,7 |
|
Platta |
65,0 |
55,2 |
85,9 |
91,8 |
116,2 |
115,6 |
133,0 |
145,1 |
135,6 |
126,4 |
82,01 |
87,7 |
1242,4 |
Absolutes monatliches Regenmaximum und -minimum 1901 bis 1925:
|
|
Maximum |
Zeit |
Minimum |
Zeit |
|
Sedrun |
291 mm |
Juni 1918 |
5 mm |
Januar 1911 |
|
Platta |
343 mm |
Juni 1918 |
4 mm |
Februar 1917 |
|
Surrein |
272 mm |
Dez. 1918 |
0 mm |
November 1920 |
In den 25 Jahren 1901 bis 1925 fällt die Hauptniederschlagsverteilung der drei Stationen auf den Sommer. Januar und Februar ist die Zeit der kleinsten Niederschläge; die dann regelmässig ansteigende Niederschlagskurve hat das Maximum im Monat August, nimmt gegen den Herbst hin wieder ab und weist im Dezember nochmals ein leichtes Maximum auf. Betrachtet man aber das 62jährige Mittel von Platta, so kommt man zu andern Resultaten der Niederschlagsverteilung.
Monatsmittel von Platta 1864 bis 1925 in mm:
|
|
Jan |
Feb |
März |
Apr |
Mai |
Juni |
Juli |
Aug |
Sep |
Okt |
Nov |
Dez |
Jahr |
|
Platta |
54.0 |
49.1 |
77.5 |
87.9 |
117.3 |
119.4 |
128.2 |
149.6 |
135.4 |
152.6 |
84.7 |
74.3 |
1229.9 |
Das verdächtige Maximum des Dezembers verschwindet; die Kurve hat wieder im Januar und Februar ihren Tiefstand, im August ein erstes, im Oktober aber das grösste Maximum, und sinkt gegen das Minimum hin gleichmässig. Platta geht nun mit Sedrun und Surrein in den letzten 25 Jahren weitgehend parallel, so dass man bei Sedrun und Surrein die Niederschlagsverteilung im obigen Sinn korrigieren kann. Damit würde also die Hauptniederschlagszeit des Tujetsch, nach dem 62jährigen Platta-Mittel beurteilt, auf den Herbst fallen. Das jährliche Niederschlagsmittel der 25 Jahre beträgt für
|
|
|
Göschenen |
1390 mm |
|
Sedrun |
1201,7 mm |
Andermatt |
1300 mm |
|
Platta |
1242,4 mm |
Gotthard |
2040 mm |
|
Surrein |
1121,7 mm |
Airolo |
1520 mm |
|
|
|
Scopi ca. |
3000 mm |
Das Tujetsch hat
also ungefähr gleich grosse Niederschlagsmengen wie das
Mittelland, obschon es 1000 m höher liegt; die Niederschlagsmenge
bleibt hinter der nach der Höhenlage zu erwartenden zurück. Die
Gründe für diese Erscheinung sind klar ersichtlich. Das Tujetsch
liegt in der Ostabdachung der Gotthardgruppe und damit am Anfang des
Regenschattens. Weiter kommt die Beckennatur des Tals als
niederschlagsmindernder Faktor zur Geltung, was auch für Andermatt
zutrifft. Aus der Regenkarte von Roders Arbeit über den Kanton
Graubünden 35) ist ersichtlich, dass die Randgebirge des
Tujetsch viel Niederschläge zurückhalten; die Übereinstimmung
zwischen der Abnahme der Niederschläge von Westen nach Osten mit der
Abnahme der Höhenkurven ist gut zu verfolgen. Ganz ausgesprochen ist
diese Erscheinung im weitern Verlauf des Vorderrheintals, da sich
die Beckennatur immer mehr fühlbar macht. Die relativ geringen
Niederschläge gelten nur für den Haupttalboden des Tujetsch, also
für die Zone des Hochtals, die besiedelt ist. Die
Niederschlagsmengen der Randgebirge und Seitentäler entsprechen
schon eher den nach der Höhenlage zu erwartenden, da die Berge
gegenüber den regenbringenden Westwinden freier exponiert sind. Val
Curnera hat nach Angaben des Eidg. Amtes für Wasserwirtschaft eine
Niederschlagsmenge von 2340 mm, Val Nalps eine solche von 2330 mm.
Die weitgehende Uebereinstimmung von Platta-Sedrun und
Platta-Surrein wird bestätigt durch folgende Berechnungen. Es wurden
von Jahrfünft zu Jahrfünft die Mittel der Niederschlagsmengen
gebildet und diese Mittel von Sedrun und Surrein zu den
entsprechenden von Platta in bestimmte Beziehung gesetzt
36):
| X1 = | 5jähriges Niederschlagsmittel von Sedrun |
| 5jähriges Niederschlagsmittel von Platta | |
| X2 = | 5jähriges Niederschlagsmittel von Surrein |
| 5jähriges Niederschlagsmittel von Platta |
wobei sich eine
grosse Annäherung der fünf Quotienten der 25 Jahre 1901 bis 1925 an
einen bestimmten Wert ergab. Der Quotient für Sedrun beträgt 0,97 (X1),
derjenige für Surrein 0,91 (X2). Wenn man nun das
langjährige Mittel (62 Jahre) der Niederschläge von Platta mit
diesen zwei Quotienten multipliziert, erhält man die wahrscheinliche
mittlere Niederschlagsmenge der beiden Orte Sedrun und Surrein auf
62 Jahre «reduziert». Das 62jährige Platta-Mittel beträgt 1229,9 mm;
die entsprechenden Zahlen würden also betragen für Sedrun: 1189,3
mm, für Surrein: 1119,2 mm.
Entsprechend der kleinsten Niederschlagsmenge hat Surrein am
wenigsten Niederschlagstage, im 25jährigen Mittel 119 pro
Jahr. Sedrun mit 132 hat trotz kleinerer Regenmenge die grössere
Anzahl Tage mit Niederschlägen über 1 mm als Platta mit 127, was für
die grössere Intensität der Niederschläge Plattas spricht. In der
Tat beobachtet man im Tujetsch häufig die Art des feinen
Träufelregens, der nicht ausgiebig ist, aber lange andauern kann.
Die Verteilung der Niederschlagstage im Jahr entspricht ungefähr der
Verteilung der Niederschläge; die kleinste Zahl findet sich analog
der kleinsten Niederschlagsmenge im Februar. In den Sommermonaten
stimmen die beiden Faktoren nicht genau überein, da sich die
Intensität im Laute des Jahres ändert; der Frühsommer hat mehr
Niederschlagstage, während der Herbst die ausgiebigeren Regen
zeitigt.
Neben der Menge und der Verteilung ist die Art der Niederschläge
von grosser Bedeutung. Hagelfälle sind äusserst selten.37)
Ruf Grund der Meereshöhe (Talsohle bei Sedrun 1400 m) fällt ungefähr
die Hälfte aller Niederschläge in Form von Schnee .
38)
Der Beginn des winterlichen Schneefalls variiert stark;
statistische Belege sind nicht vorhanden, aber nach mündlichen
Mitteilungen schwankt er in den einzelnen Jahren zwischen
Oktoberanfang und Mitte Dezember. Die Höhe der Schneedecke auf den
Wirtschaftsflächen des Talgrundes beträgt durchschnittlich einen
Meter, steigt aber im Gebiet der Alpweiden rasch an. Der Zeitpunkt
der Schneeschmelze fällt in die Monate April und erste Hälfte Mai;
die Variationsbreite ist nicht so gross wie beim Winteranfang.
An dieser Stelle soll noch die Bedeutung der Gletscher
erörtert werden. Der in dieser Arbeit mehrfach zitierte Placi a
Spescha konstatierte während seiner Lebenszeit (ums Jahr 1800) das
Kälter- und Rauherwerden der höhern Alpengegenden, insbesondere auch
des Tujetsch 39), und führt für diese
Erscheinung mehrfach Beispiele an: «Viele Alpen, die früher beweidet
waren, sind heute mit Schnee und Eis bedeckt», oder: «die
Schneemassen häufen sich stark an und gehen talwärts.» Man weiss,
dass die Schnee- und Gletschergrenze um jene Zeit tatsächlich
gesunken ist. Für die Begründung der Erscheinung gerät Spescha in
einige Verlegenheit. Er nimmt an, dass das Meer langsam aber stetig
vom Festland zurückgewichen und das freiwerdende Wasser im
Hochgebirge in fester Form aufgespeichert worden sei, damit das Land
erkältend. Einen weitern Grund findet Spescha in der durch die
Talerosion immer grösser werdenden Höhendifferenz zwischen Tal und
Berg, weil die Bergspitzen relativ zum Tal immer kälter würden.
Hierin spiegelt sich die alte Ruffassung von der «Ewigkeit der
Berge» wider, die bis vor wenigen Jahrzehnten in der Erdbeschreibung
noch zum Ausdruck kam.
Vom heutigen Stand der Kenntnisse aus beurteilt kann von einer,
andauernden Gletschervergrösserung nicht die Rede sein, obschon
nicht nur zu Speschas Zeiten, sondern heute noch des bestimmtesten
erklärt wird, dass es kälter geworden sei in den Hochtälern.
Vielmehr schwanken die Gletschergrenzen, bedingt durch die lokalen
Niederschlagsverhältnisse, so zwar, dass eine längere
niederschlagsreiche Periode ein Anwachsen der Gletscher zur Folge
hat, dass der Vorgang aber durch Trockenzeiten und
niederschlagsnormale Jahre wieder unterbrochen wird. Wir können also
im allgemeinen nicht von einer Verschlechterung des Klimas sprechen,
sondern einfach von den Wirkungen allgemeiner Faktoren, die
überhaupt gute und schlechte Jahre bestimmen. Die von Spescha
beobachtete Vergrösserung der Gletscher hat zirka ums Jahr 1855 ihr
Maximum erreicht. Seither lassen sich nach Maurer drei klimatische
Perioden unterscheiden: 1856-1877 folgte eine trockenwarme,
1878-1891 eine feuchte, 1892-1911 eine trockenwarme Periode. Nun ist
seit 1855 nach Maurer und Forel ein konstanter Rückzug der Gletscher
zu konstatieren, der auch nicht sistierte während der feuchten
Periode von 1878-1891. Die beiden Forscher fanden darin ein
Paradoxon, dass bei zunehmender Feuchtigkeit und abnehmender
Temperatur die Gletscher dennoch zurückgingen. Maurer suchte deshalb
nach einem tiefern Grund und fand, dass die direkte
Sonnenbestrahlung der weitaus wichtigste Faktor ist für
Gletscherschwund oder -wachstum. Durch Versuche wurde nachgewiesen,
dass bis 40 % der Gesamtschmelzung auf das Konto der Insolation
gehen.
Auf den ersten Blick ergibt sich die Eigentümlichkeit, dass das
oberste Quellgebiet des Vorderrheins bedeutend weniger vergletschert
ist, als die Seitentäler des Tujetsch. Ein Blick auf die
topographische Karte lehrt aber, dass die Erhebungen im
Talhintergrund in der Gruppe des «Six Madun» kleiner sind als
diejenigen in den Flanken und im Hintergrund der Nebentäler. In der
Grösse und Zahl der nord- und südexponierten Gletscher besteht ein
grosser Unterschied. Die in den südlichen Seitentälern nach Norden
exponierten Gletscher wirken als Föhnmauern, speichern viel mehr
Niederschläge als Firn auf und entsenden daher mehr Wasser zum
Rhein, als die südexponierten, durch die Insolation klein gehaltenen
Gletscher. Für das ganze Tujetsch beläuft sich der Gletscher- und
Firnanteil auf 9 % der Oberfläche 40); Badus hat nur 4 %
der Oberfläche vergletschert, das nördliche Val Strem 11,7 und Val
Curnera als Typ der südlichen gletscherreichen Seitentäler 18,1%.
Die Niederschlagsverhältnisse sind von grossem Einfluss auf das
Wirtschaftsleben. Die halbjährige Schneedecke bestimmt Anfang und
Ende der landwirtschaftlichen Arbeiten und die Alpzeit. Die relativ
hohe Sommertemperatur schafft im Verein mit dem Regenmaximum des
Monats August günstige klimatische Bedingungen für einen
gedeihlichen Ackerbau. Die späte Ausaperung des Bodens im April oder
gar im Mai bewirkt allerdings eine nur kurze Vegetationszeit. Die
Alpen können erst im Juli bestossen werden, so dass sich die gesamte
Alpzeit auf nur 70 Tage ausdehnt. Während des kurzen Sommers ist die
Bevölkerung mit Arbeit überlastet; im Winter mangelt die Betätigung.
Im anthropogeographischen Teil sind viele klimatologische
Einzelheiten angeführt, die den Menschen zeigen in der Anpassung an
die bestehenden Verhältnisse, wie er bestrebt ist, durch
verschiedene Mittel die Vegetationszeit zu verlängern, wie sich nach
der Dauer der Schneedecke die Zeit von Saat und Ernte, Auf- und
Abtrieb des Viehs richtet, wie der lange Winter durch geringe
Arbeitsmöglichkeiten zur Abwanderung Anlass gibt usf.
Zusammengefasst ist der Einfluss der klimatischen Faktoren auf das
Wirtschaftsleben folgender: Ziemlich tiefe Wintertemperaturen, die
aber bei genügender Schneedecke unschädlich sind, hohe
Tagestemperaturen im Sommer, die den Ackerbau bis auf 1700 m
ermöglichen, hie und da gefährliche Fröste, die den Ernteertrag
herabsetzen; reichliche Niederschläge, die unter Umständen den Heu-
und Emdertrag schmälern und das Getreide nicht voll ausreifen
lassen; die 5-6 monatige Dauer der Schneedecke hemmt jegliche
landwirtschaftliche Tätigkeit. Das Klima ist gesund; Nebel sind
nicht häufig; die absolute Feuchtigkeit der Luft ist gering.
41)
Von günstigem Einfluss ist die geringe Absorption der
Sonnenstrahlen.
C.
Die Wasserverhältnisse
1. Quellen und Bäche
Als
eigentliche Rheinquelle kann der Tumasee am Fusse des Badus
betrachtet werden, ein Karsee auf 2344 m Höhe mit tiefblauem, klarem
Wasser. Er wird gespeist von drei kleinen Zuflüssen, die von den
Ostwänden der Six-Madun-Gruppe strahlenförmig in dem Seebecken
zusammenlaufen. Im Talschluss von Milez vereinigt sich der junge
Rhein mit den vielen Quellbächen, die aus dem Gebiet des
Pazzolastockes und von der nur 2048 m hohen Wasserscheide des
Oberalppasses herkommen. Im weitern Verlauf zwängt sich der Rhein in
einem Tobel zwischen den Hängen des Cavradi und Calmut hindurch,
verlangsamt seinen Lauf in dem versumpften Becken hinter Tschamut,
in das von der linken Seite als erster Nebenbach das Wasser aus dem
Val Val mündet. Auf der Höhe von Tschamut durchschneidet der Rhein
schluchtartig einen Felsriegel; am Ausgang der Schlucht mündet der
erste grosse Nebenbach der rechten Talseite, der Curnerarhein. Er
bringt nicht nur das Wasser von dem stark vergletscherten
Hintergrund des Curneratals, sondern auch den eigentlichen Bach aus
dem Val Maighels, das hydrographisch eine Sonderstellung einnimmt.
Die Talrichtung des Val Maighels ist ziemlich genau Süd-Nord und
läuft den zwei weitern südlichen Seitentälern ungefähr parallel. Der
Eisstrom des Val Maighels ist ursprünglich der S-N-Richtung gefolgt;
davon zeugen die zwei glazialen Stufen ob dem Becken von Milez.
Betrachtet man nun die Verhältnisse in dem östlich an Val Maighels
anschliessenden Curneratal, so ergeben sich folgende Tatsachen: Die
Tallänge von Curnera ist grösser als diejenige von Maighels; die
Folge war eine tiefergehende Erosion. Es ergab sich, dass in einem
bestimmten Abstand der beiden Täler vom Haupttal der Talboden des
Val Curnera um fast 400 m tiefer liegt als derjenige von Val
Maighels. Ein kräftiger Seitenbach des Curnerarheins hat sich nun
mit der Zeit langsam aber stetig zurückgefressen, fortwährend die
Wasserscheide erniedrigt, endlich den Talboden von Maighels erreicht
und sich den Maighelserrhein, der dem grossen Maighelsgletscher
entstammt, tributpflichtig gemacht.
Damit ist die hydrographische Eigenart des Val Maighels noch nicht
erschöpft. Südlich vom Tumasee entspringt am Ostabhang des Badus
eine Quelle, die sich merkwürdigerweise im weitern Verlauf
zweiteilt. Der südliche Lauf erreicht in widersinniger Talrichtung
den Lag Maighels, dessen Abfluss dem Maighelsbach zuläuft, der
seinerseits durch die erwähnte Abzapfung im Curneratal mündet. Der
nördliche Teil fliesst rechtsläufig den Siarraseen zu (Abb. 5),
deren Abfluss im Becken von Milez mündet.
Im Talhintergrund von Maighels besteht ein Übergang ins Unteralptal,
der 2400 m hoch liegt und einen Pass-See trägt von der Art der Seen
auf Grimsel- und Gotthardpasshöhe. Der See ist entwässert ins
Unteralptal, liegt aber zur Hälfte im Gebiet des Val Maighels.
Damit besteht nun der seltene Fall von drei verschiedenen
Entwässerungsrichtungen im gleichen Tal. Dabei dürfen die
augenblicklichen hydrographischen Verhältnisse nicht als gefestigt
angesehen werden, denn auch im Westen des Tals lauert ein Feind, der
die Wasserscheide erniedrigt. Ebenso wie das Val Curnera liegt auch
das Unteralptal um 400 m tiefer als der Maighelser Talboden, und
zwei Bäche im Unteralptal scheinen im Laufe der Zeit das
Wassersystem in Maighels von neuem umgestalten zu wollen; der eine
ist der schon erwähnte Bach, der vom See des Maighelspasses
entspringt und infolge seines grossen Gefälles das Bestreben hat,
bis an den Maighelsgletscher zurückzuerodieren; der andere ist der
Seitenbach des Unteralptals, der den Lohlenpass angreift und der im
Laufe der Zeit wahrscheinlich dazukommt, dem Maighelsbach ein
ähnliches Schicksal zu bereiten, wie der Curnerarhein, nämlich ihn
ins Unteralptal abzuleiten.
Wir haben das Haupttal und den Rhein im Becken von Selva verlassen.
In der Folge kommen von der linken Talseite die Bäche aus den Tälern
Giuv, Mila, Strem und Bugnei, und von rechts her der grösste
Seitenbach des Vorderrheins aus dem Val Nalps. Dieser, sowie die
Zuflüsse aus Val Giuv und Strem stammen von den Gletschern im
Talhintergrund; der Bach des Val Mila bezieht sein Wasser teils vom
Firn des P. Ner und P. Culmatsch, teils von den kleinen Hochseen ob
der Alp Caschlè; der Bach von Bugnei ist reines Sickerwasser.
Im obern Rheingebiet hat es wenig Pegelstationen. Im Tujetsch
besteht keine, erst 30 km talabwärts findet sich in Ilanz die
oberste für das Vorderrheingebiet. Man hat infolgedessen nur recht
unsichere Anhaltspunkte über die tibllussverhältrtisse des
Vorderrheins. Zudem haben allgemein in der alpinen Stufe andere
klimatische Gesetze Gültigkeit, der Witterungsvorgang spielt sich
anders ab als im Mittelland. Vor allem ist es der Winter, der die
Wasserführung anders beeinflusst, da er im Hochtal viel länger
andauert, und die Schneeschmelze vielmals erst im Vorsommer ihr Ende
findet. Eine Folge davon ist die lange Dauer des Kleinwasserstandes.
Die spätherbstlichen und winterlichen Niederschläge erleiden eine
langandauernde Retention in Form von Schnee. Ist dann endlich die
Sonnenwärme stark genug, so ändert das hydrographische Bild in
kurzer Zeit, der Niederwasserstand geht unmittelbar über in
Hochwasser; von allen Seiten schiesst das Schneeschmelzwasser dem
Rhein zu und lässt ihn weit über den Normalwasserspiegel steigen.
Dies sind die Zeiten, die nicht nur das lokale Landschaftsbild stark
verändern, sondern auch rheinabwärts, am Bodensee, oft katastrophal
fühlbar werden, besonders wenn zur Schneeschmelze noch starke
Regenfälle treten. Von weit geringerer Bedeutung sind die täglichen
Wasserstandsschwankungen, bedingt durch Sonnenscheindauer, Frost,
Föhn, Gewitterregen usf., da sich im Tujetsch keine Industrien
befinden, die auf Eine regelmässige tägliche Wasserführung
angewiesen sind.
Am Pegel von Ilanz wurde ein Abilussfaktor von 71,7 % berechnet. Mit
zunehmender Meereshöhe sinkt der Grad der Verdunstung, so dass wir
für das Tujetsch noch einen höhern Abflussfaktor als wahrscheinlich
ansetzen können. Der Abllussfaktor ist aber nicht nur von der
blossen Verdunstung abhängig, sondern auch von der Reliefgestaltung,
den Gesteinen und der Vegetation.
Infolge der längern Laufstrecke der südlichen Nebentäler wird von
den Talflanken viel mehr Wasser entsendet als auf den kurzstreckigen
Nordtälern. Auf die Südseite fallen 62 %, auf die Nordseite 38 % der
WasserIührung. 42) Die angegebenen Zahlen beziehen sich
auf die Wasserführung während eines ganzen Jahres. Innerhalb dieses
Zeitraums schwanken sie mehr oder weniger, am stärksten wohl dann,
wenn die Schneeschmelze eintritt. In diesem Fall bringen die der
Sonne direkt ausgesetzten linken Seitentäler relativ mehr Wasser in
kurzer Zeit zu Tal, während sich die Schneeschmelze der
nordexponierten Nebentäler auf einen längern Zeitraum verteilt.
Der hohe Abflussfaktor wird nicht nur infolge der verminderten
Verdunstung auf Grund der Meereshöhe erzielt, sondern auch wegen der
geringen Wasserdurchlässigkeit. Alle Seitentäler liegen zum
Grossteil im kristallinen Gotthard- und Aarmassiv, deren Gesteine
nicht wasserdurchlässig sind. 43) Was die Schiefer des
Tujetscher Zwischenmassivs und die aufgeschütteten Talböden an
Wasser durchsickern lassen, kommt zum Teil in der Flusssohle des
Rheins wieder zum Vorschein und kann nicht als Wasserverlust gebucht
werden.
Wenn einerseits die Reliefbeschaffenheit des Tujetsch, die grossen
Höhenunterschiede auf kurze Distanz den Ablauf der Niederschläge
beschleunigen, so wird anderseits ein Ausgleich geschaffen durch die
Retention der Pflanzenwelt. Vor allem sind es die Fichtenbestände,
die das Wasser retenieren, in kleinerem Mass auch die übrigen
waldbildenden Bäume. Sumpfwiesen, mit denen das Tujetsch ziemlich
gesegnet ist, können wohl nicht als stark retenierender Faktor
angesehen werden, wie man irrtümlich vielfach annimmt, denn die sog.
«Schwammwirkung» ist in der Regel nur in geringem Mass vorhanden, da
diese Sümpfe bereits mit Wasser vollgesogen sind. Viel eher sind es
die Wiesen, Weiden und Ackerböden, die eine wirksame Retention
ausüben.
2.
Nutzbarmachung des Wassers
Das
Tujetsch besitzt keine Industrie; die wenigen Werke, die sich die
Wasserkraft nutzbar machen, dienen dem landwirtschaftlichen Betrieb.
Auf der rechten Talseite findet sich keine Wasserfassung, da sie nur
schwach besiedelt ist. Der Rhein selbst wird nicht benützt als
Energiequelle, sondern lediglich die linksseitigen Zuflüsse. Am
Ausgang des Val Strem, dessen Bach bei Camischolas dem Rhein zueilt,
wird Wasser gefasst und zum Teil unterirdisch nach Gonda geleitet.
Dort treibt das Kanalwasser in der Folge eine Wollfuggerei, speist
das kleine Elektrizitätswerk von Sedrun, das mit einem einzigen
Elektromotor ausgerüstet ist, stürzt sich weiterhin auf ein Mühlen-
und Sägerad und zuletzt auf das Wasserrad einer Hanfstampferei. Der
kleine Kanal wird also reichlich ausgenützt; zwischen den einzelnen
Werken fliesst er in einem Erdbett, wird dann vor dem
nächstfolgenden Wasserrad in primitive Holzkännel geleitet, um das
Gefälle zu konzentrieren. Einfache Holzschieber bewirken die Zu-
oder Ableitung des Wassers über den Wasserrädern.
In Rueras befindet sich ein zweiter Kanal, der sein Wasser vom Val
Mila bezieht und für ein Holzsägewerk und eine Hanfstamplerei
verwertet. In Tschamut, dem obersten Dorf des Tujetsch, wird zum
letztenmal die Kraft des fliessenden Wassers genutzt; der Bach aus
dem Val Val treibt einen Elektromotor, der dem einzigen Hotel Licht-
und Kraftstrom liefert.
Ein Moment, das geeignet wäre, das Landschaftsbild des Tujetsch zu
verändern, muss an dieser Stelle seine Würdigung finden: die
Projekte der Staubeckenanlagen zur Speisung von
Hochdruckkraftwerken. 44) Ein erstes Projekt befasst sich
mit der Stauung des Vorderrheins unterhalb Sedrun zu einem
langgestreckten See; das Projekt ist aber nicht haltbar, da die
ganze linke Seite Anschwemmungsboden ist, die Staumauer also nicht
überall auf anstehendem Fels fundiert werden könnte, und daher
unvermeidlich seitliche Wasserverluste eintreten würden.
Hingegen ist wohl eine Ausführung der Staubeckenprojekte im Val
Curnera und Val Nalps denkbar. Die geologischen Grundlagen der
beiden Täler bieten glimmerreichen Gneis mit Glimmerschiefer, d.h.
in der Hauptsache wasserundurchlässige Gesteine, vielleicht mit
Ausnahme ganz steil stehender Schiefer. Gute Bausteine für die
Staumauern stehen an Ort und Stelle zur Verfügung. Das Becken von
Curnera (Wasserspiegel 1895 m ü. M.) würde zirka 10 Millionen m3
nutzbaren Wasserinhalt aufweisen und durch einen Stollen gekoppelt
werden mit dem Nalpser Becken (Wasserspiegel 1890 m ü. M:), das
zirka 26 Millionen m3 verfügbare Wassermenge lassen
könnte. Die vereinigte Wassermenge der beiden Becken würde mit
möglichst kleinem Gefällsverlust nach der Alp Pazzola geleitet, um
hoch über Disentis ins Kraftwerk abzustürzen. Die sekundlich zur
Verfügung stehende Wassermenge würde 2,5 m3, die Fallhöhe
770 m betragen; ganz roh berechnet (Wassermenge X Fallhöhe X 10)
würde daraus eine ungefähre Kraftleistung von 19,250 PS resultieren.
Ob die Projekte je verwirklicht werden, ist nicht vorauszusehen; die
finanzielle Seite und der Kraftbedarf sind hier ausschlaggebend.
Durch den Bau der Stauwerke würde das Bild der Landschaft auf der
rechten Talseite stark beeinflusst werden. Infolge der Talnatur der
Staugebiete bekämen die beiden Stauseen langgestreckte Form; die
Tiefe der Seen, gemessen an den Staumauern, würde infolge des
starken Gefälles sehr gross sein im Vergleich zu der überstauten
Fläche.
D. Die Gefährdungsmomente für Wirtschaft, und Siedlung
Unter diesem
Abschnitt soll der Einfluss von Lawinen, Rüfen und Bodenrutschungen
auf Wirtschaft und Siedlung zusammengefasst werden. Das Tujetsch ist
reich an Lawinenzügen.
Alljährlich gehen in den Seitentälern, die rings von hohen
Bergkämmen umgeben sind, zahlreiche Lawinen nieder, die den Boden
mit Gesteinsschutt übersäen. Die Seitentäler verlieren daher von
Jahr zu Jahr immer mehr an Wirtschaftswert.
Lawinenniedergänge im Haupttal sind bedeutend seltener, schaden aber
der Wirtschaft ungleich mehr als die Lawinen der Seitentäler; vor
allem aber werden sie den Siedlungen gefährlich. Durch Placi a
Spescha 45) sind uns Daten von
Lawinenniedergängen überliefert worden, welche durch Zerstörung von
ganzen Dorfteilen Veränderungen im Siedlungsbild verursachten. Im
Jahre 1749 ging eine Lawine aus dem Val Mila über Rueras nieder und
fegte einen grossen Teil des Dorfes mit Häusern, Ställen, Menschen
und Vieh bis an den Rhein hinunter und darüber hinaus. Dies soll
eine der traurigsten Katastrophen des Tujetsch gewesen sein, die
nicht nur viele Menschen frühzeitig ins Grab brachte, sondern der
Bevölkerung auch grossen Wirtschaftsschaden verursachte. 1817 erlitt
Rueras nochmals ein grosses Lawinenunglück, das wiederum
Menschenleben kostete. Im Jahre 1922 löste sich gleichenorts am P.
Ner eine Lawine los, wandte sich talauswärts und sauste auf der
rechten Flanke des Dorfes in den Rhein hinunter, drei Stadel mit
sich reissend, deren Grundmauern noch sichtbar sind. Nach dem
Unglück von 1817 wurde das am gleichen Ort neuerstandene Dorf durch
eine Mauer von zirka 3 m Höhe und 50 m Länge vom Lawinenzug
getrennt, die bei dem neuesten Lawinensturz ihre guten Dienste tat,
die Schneemassen und Felsblöcke von den Wohnhäusern fernhielt, dabei
aber stark beschädigt wurde. Rueras ist zu keiner Zeit gegen Lawinen
gesichert; Umsiedlungen sind aber trotzdem nicht vor sich gegangen.
Neben Rueras war Selva von jeher durch zwei Lawinenzüge bedroht; die
Siedlungslage ist auch hier ungünstig. Das Dorf liegt 30 m über dem
Rhein auf einer Terrasse und lehnt sich nach Norden an eine
abschüssige Wand an, von deren Seite, her der Siedlung die grösste
Lawinengefahr drohte. Der zweite Lawinenzug ging von den Alpweiden
Mut und Nual durch das Tobel Ruinatsch nieder, war aber bedeutend
seltener. Im Winter 1808 schneite es unaufhörlich; die ganze
Ortschaft siedelte in die dem Rhein am nächsten gelegenen Häuser um,
um möglichst weit aus dem Bereich der fast alljährlich
niedergehenden Nordlawine zu kommen. Dadurch liefen die Selver dem
Unglück in die offenen Arme, denn diesmal löste sich auf der
Südseite eine furchtbare Lawine los, die sich über den Rhein
hinüberwälzte, am jenseitigen Hang emporbrandete und die unteren
Häuser, die vermeintliche Zufluchtsstätte der Menschen, samt und
sonders begrub. Das Unglück wuchs sich dermassen aus, weil
gleichzeitig zwei Lawinen vom Südhang niedergingen, in spitzem
Winkel aufeinanderprallten und sich dadurch so gewaltig aufstauten,
dass die Schneemassen am andern Berghang emporschossen. Damals war
fast der ganze Südhang mit Grünerlen bestanden, die gewaltige
Schneemengen aufspeichern, aber deren Zweige sich bei grossem
Schneedruck einfach niederlegen und dem Ablauf der Lawine kein
Hindernis entgegenstellen. Heute ist die Erle teilweise gerodet oder
mit Alpenrosensträuchern durchsetzt, die mehr Halt bieten; aber auch
diese Verbesserung dient ihrem Zweck nur halbwegs. Bei diesem
Unglück von Selva hat sich die Waldverwüstung, das Abschlagen ganzer
Hänge, bitter gerächt; dass jene Gegend in früheren Jahrhunderten
besser bewaldet war, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit aus dem
Namen Selva (Wald) zu schliessen.
Durch die Erfahrung haben sich als lawinensicher erwiesen: Sedrun,
Gonda, Camischolas und Zarcuns, Siedlungen auf den Schuttkegeln der
Oberalpstockseite, ferner Bugnei und Cavorgia, die durch starke
Wälder gedeckt, Surrein und Tschamut, die durch Sporn- und
Felsbastionslage gesichert sind.
Über die Rüfenbildung ist
bereits im morphologischen Teil eingehend berichtet worden. Die
weichen Sericitschiefer des Tujetscher Zwischenmassivs werden vom
fliessenden Wasser stark angegriffen und gelockert, so dass bei
anhaltenden, heftigen Regenfällen das Gestein in grossen Mengen
abtransportiert wird.
Den grössten Wirtschaftsschaden richtet der Drun an. Er bringt die
Steilwände im Sammelbecken zum Absturz und verkleinert fortwährend
das Weidegebiet der Alp Cuolm de Vi. Auf seinem Lauf durch den
Aufschüttungsboden des Sedruner Beckens unterspült der Wildbach die
Ufer; Stück um Stück des wertvollen Acker- und Wiesbodens wird
dadurch gelockert und stürzt in die tiefe Rinne, die von dem
Wildwasser in wenigen Jahrhunderten ausgefressen wurde. Auch für die
Siedlung ist der Drun gefährlich geworden; weiter oben wurde bereits
die Verlegung der Pfarrkirche vermerkt.
Das Bett des Wildbachs wurde streckenweise ausgepflastert, um die
Tiefenerosion zu verhindern. Diese Schutzmassnahme ist ungenügend,
denn mit der Zeit laufen auch einzelne Siedlungen von Gonda Gefahr,
vom Wildbach unterspült zu werden.
Eine zweite Rille verwüstet den Talkessel von Bugnei. Das ehemalige
Weide- und Grasland ist im Laufe der Zeit meterhoch von Felsblöcken
und Gesteinsschutt überdeckt worden; der Wirtschaftswert des kleinen
Tales ist dadurch stark gesunken. Beim Austritt in den Rheinlauf
wird der Rhein durch die Schuttmassen der Rille ans
gegenüberliegende rechte Ufer gedrängt, wo er den Hochwald
unterspült und zum Absturz bringt. Es sind bis jetzt keine
Schutzmassnahmen gegen die Rille des Val Bugnei getroffen worden.
Eine ganz junge Rille hat sich zwischen Selva und Tschamut gebildet.
Sie bricht im Frühling aus und überdeckt die Oberalpstrasse und
einen Teil des Kulturbodens von Selva. Wohl wurde die Strasse durch
eine Unterführung vor starker Verschüttung gesichert, aber im
Entstehungsgebiet der Rille wurden keine Verbauungen vorgenommen.
An verschiedenen Stellen treten
Bodenrutschungen auf; die grösste Gefahr dieser Art
besteht am rechtsseitigen Hang des Surreinerwaldes. Der
Böschungswinkel ist gross; vielleicht führt auch die Schichtlagerung
des Gesteins zu einer Gleitbewegung des Bodens, die wir als
«Bodenkriechen» bezeichnen können. Wie beim Austritt des Val Bugnei
wird hier der Rhein durch die Schuttmassen des Drun an den Hang von
Surrein gedrängt. Die Unterspülung lockert die ganze Bodendecke bis
weit hinauf, so dass sich Risse und Spalten bilden. Viele Bäume des
Surreinernraldes entspringen schief aus der Unterlage und wachsen
erst nach 50-100 cm gerade zur Höhe, eine Folge der langsamen
Abwärtsbewegung der Bodenunterlage. Der Wert des Holzes wird durch
diese Verunstaltung stark geschmälert. Aber auch für die Siedler ist
diese Gleitbewegung gefährlich geworden, und zwar ist es wiederum
eine Kirche, die davon betroffen wurde. Die alte Kapelle von Surrein
musste wegen dieser Erdbewegung abgebrochen und weiter zurück, auf
sicherem Boden, wieder aufgebaut werden.
Unterhalb Sedrun hat sich zwischen der Bahnlinie und der
Oberalpstrasse vor wenigen Jahren eine ähnliche Rutschzone gebildet.
Die betroffene Fläche ist kleiner als im Surreinerwald, aber die
Bewegung bedeutend intensiver, so dass die Bäume nach allen
Himmelsrichtungen stehen. Der Untergrund ist stark lehmig und durch
das Sickerwasser in Bewegung geraten. Die Stirnseite der bewegten
Masse wird von Zeit zu Zeit abgetragen, um die Strasse freizuhalten.
Man versucht auch durch Holzkanäle das Wasser abzuleiten, um damit
die Bewegung zum Stillstand zu bringen.
A.
Die Wirtschaft
Uebersicht
Die morphologischen und klimatischen Verhältnisse sind grundlegend
für die Bodenbenutzung. 46) Vom morphologischen
Gesichtspunkt aus kommen für die Wirtschaft zwei verschiedene
Relieftypen in Betracht: Der Talgrund und die Region der Alpweiden.
Die verschiedene Höhenlage schafft verschiedene klimatische
Verhältnisse, ebenso ist die Bodenunterlage der zwei Reliefeinheiten
verschieden; diese Unterschiede in den natürlichen Verhältnissen
bedingen verschiedene Wirtschaftsmöglichkeiten. Nach den
geographischen Grundlagen würde die Wirtschaft des Tujetsch am
besten in Wirtschaft des Talgrundes und der Alpweiden unterschieden.
Nun erstreckt sich aber die Viehhaltung, der wichtigste Zweig der
Tujetscher Landwirtschaft, über das gesamte produktive Areal des
Untersuchungsgebietes; eine Scheidung in Talgrund- und Alpwirtschaft
ist deshalb nicht möglich. Unter Berücksichtigung der geographischen
und wirtschaftlichen Verhältnisse ergab sich folgende
Wirtschaftseinteilung:
1. Ackerbau
2. Viehhaltung
3. Waldwirtschaft
Die Gesamtfläche 47) der Gemeinde Tujetsch
beträgt 13,391 ha; davon sind
|
unproduktiver Boden |
4851 ha |
= 36,2 % |
|
produktiver Boden |
8540 ha |
= 63,8 % |
Unproduktives Gebiet sind die Gebirgsstöcke, die das Tal umgeben; die grosse Meereshöhe erlaubt keine Vegetation mehr. Vom produktiven
Boden entfallen auf
|
Äcker |
43 ha |
= 0,5 % |
|
Wiesland |
2519 ha |
= 29,5 % |
|
Alpweiden |
5388 ha |
= 63,1 % |
|
Wald |
590 ha |
= 6,9 % |
Der grosse Anteil
der Alpweiden und des Wieslands an der produktiven Fläche lässt
bereits vermuten, dass die Viehzucht als wichtigste Erwerbsquelle
des Tujetscher Bauern in Betracht kommt.
Die Produktionsflächen sind nach Lage und Bodenart verschieden. Die
Äcker liegen auf den leicht geneigten Schuttkegeln der Nordseite des
Sedruner Beckens (Abb. 1,
3,
4,
8,
9). Die Unterlage wird gebildet
von lockerem, fruchtbarem Verwitterungsschutt aus Sericitschiefer.
In kleinerem Mass werden auch Flussterrassen des Vorderrheins und
anstehender Fels mit leichter Humusdecke als Ackerboden benützt. Das
Wiesland ist zum Teil zwischen den Ackerfeldern des Talgrundes
eingebettet, erstreckt sich aber vor allem auf die mässig geböschten
Abhänge, die den Talgrund von den Alpweiden scheiden. Die stärker
geböschten Abhänge sind die Standorte des Hochwaldes. Schwach und
stark geböschte Hänge bestehen vorwiegend aus anstehendem Fels, der
eine verschieden dicke Verwitterungskruste trägt. Die Alpweiden
bilden die höchstgelegenen Produktionsflächen; die Unterlage besteht
aus anstehendem SericitschieFer und Urgestein, die mit einer mageren
Verwitterungsschicht überdeckt sind.
1. Der Ackerbau
Allgemeines
Der Ackerbau ist in erster Linie abhängig von Höhenlage, Klima und
Bodenart. Die mittlere Meereshöhe des Tujetscher Talbodens, d. h.
der Aufschüttungsfläche der Nordseite beträgt 1400 m; in dieser
Höhenlage befindet sich der grösste Teil der Ackerfelder. Die
höchsten Äcker steigen bis auf 1700 m Höhe hinauf.
48)
Die klimatischen Verhältnisse sind von grosser Bedeutung. Der kurze,
relativ warme Sommer ermöglicht den Anbau von Roggen und Gerste,
zwei anspruchslosen Getreidesorten. Die Niederschläge (zirka 120 cm)
sind für das Getreide fast zu reichlich und beeinträchtigen hie und
da die Qualität. Auch der Kartoffelbau leidet oft in nassen Jahren.
Hingegen haben sich die klimatischen Verhältnisse dem Flachsbau
günstig erwiesen. Von Wichtigkeit ist die Dauer der Schneedecke,
denn nach ihr richtet sich jegliche Feldarbeit, vor allem aber die
Dauer der Vegetationszeit. Auch unter den günstigsten natürlichen
Bedingungen während des Sommers gelangt das Getreide nur selten zur
Vollreife; in der Regel muss es geschnitten werden, wenn die Halme
erst grünlich-gelb sind. Es ist daher leicht verständlich, dass der
Mensch auf verschiedene Art versucht, die ungünstige Wirkung der
natürlichen Faktoren zu vermindern. Es ist Sitte im Tujetsch, im
Frühjahr Erde auf den Schnee der Ackerfelder zu streuen. Sobald die
Sonne etwas höher steht, und ihre Strahlungskraft anwächst, behalten
die dunkelbraunen Erdschollen die aufgenommene Wärme und bringen den
darunter liegenden Schnee zum Schmelzen. So ist es möglich, dass der
Bauer den betreffenden Acker bereits bestellen kann, während
ringsherum noch eine Schneedecke von einem halben Meter Höhe liegt.
Durch dieses einfache Mittel ist der Bauer imstande, die
Vegetationszeit künstlich zu vergrössern; der Zeitgewinn beträgt
8-14 Tage. Das Verfahren ist im Prinzip auch im Mittelland bekannt,
nur wird dabei keine Erde, sondern Asche verwendet.
Es kommt auch vor, dass schon anfangs April der Föhn durch die südlichen Seitentäler vom Tessin her fegt; dann erübrigen sich künstliche Hilfsmittel zur Verlängerung der Vegetationszeit. Der Schnee fällt in kurzer Zeit dem warmen, trockenen Südwind zum Opfer, es tritt Tauwetter ein; von allen Seiten beginnen die Schmelzbächlein zu laufen; bald kommt hier ein Stück Ackerland, bald dort eine Wiese zutage. In den einzelnen Jahren kann die Dauer der Schneedecke im Frühling um 3-4 Wochen schwanken, d. h. um eine Zeit, die in der nur 5-6 monatigen Vegetationsperiode von wesentlicher Bedeutung ist. Leider ist das Tauwetter, das dem Bauern den frühzeitigen Anbau seiner Äcker ermöglicht, nicht immer von Segen für die nachfolgende Zeit. Die Erfahrung hat gezeigt, dass, je früher im Jahr angebaut werden kann, der spätere Frühling desto schlechtere Witterungsverhältnisse aufweist.
Nach den natürlichen Grundlagen des Ackerbaus sind die durch den Menschen geschaffenen Verhältnisse in der Besitzverteilung, der Betriebsweise und Nutzungsart zu berücksichtigen. Nach mündlichen Überlieferungen war der Unterschied in der Besitzgrösse früher viel ausgeprägter als heutzutage. Der mittlere heutige Besitz 49) eines Tujetscher Bauers beträgt ungefähr 25 tschaveras (1 tschav. = 1400 m2) oder 3,5 ha; die grössten Güter umfassen bis 40 tschaveras (5,6 ha); der Kleinbesitz lässt sich kaum abstufen, da er von 2 ha bis auf Parzellen von wenigen Quadratmetern Grösse zurückgehen kann.
Innerhalb des Talgrundes herrscht starke Güterzersplitterung. Die maximale Zahl der in einer Hand sich befindenden Güter beträgt ungefähr 120. 50) Die Parzellierung der Güter rührt von der Erbschaftsteilung her. Nach dem Tod der Eltern wurde in früherer Zeit jedes einzelne Bodenstück entsprechend der Kinderzahl aufgeteilt. Diese Aufteilung musste aber mit der fortwährenden Verkleinerung der Erbgüter ein Ende nehmen, so dass heute in der Regel die Landstücke nicht mehr zerstückelt, sondern ungefähr gleichwertig verteilt werden.
Sowohl in den Hochtälern wie im Mittelland erschwert die Zersplitterung des Grundbesitzes eine rentable Bewirtschaftung. Im Unterland werden daher seit einiger Zeit Güterzusammenlegungen vorgenommen, die ohne Zweifel von grossem Vorteil sind für die betreffenden Hofbesitzer. Im Hochtal sind die Verhältnisse anders geartet, einer Güterzusammenlegung eher entgegengesetzt. Die Exposition, die Höhenlage, die Qualität des Bodens usf. ist im alpinen Tal so unterschiedlich, «dass jeder Bauer danach trachten muss, seinen Besitz auf die ganze Dorfmark zu verteilen».51) Arrondierte Betriebe sind undenkbar in dieser Höhenlage, ohne dass eine Bevorzugung oder Benachteiligung zwischen den einzelnen Gütern bestände. Je nach der Naturausstattung eines bestimmten Ackerfeldes, d. h. je nach Exposition, Niederschlags-, Bestrahlunesverhältnissen, Qualität der Humusdecke usf. eignet sich eine bestimmte Kulturpflanze am besten; der Bauer ist deshalb darauf bedacht, Landstriche verschiedener natürlicher Ausstattung zu besitzen, um verschiedene Kulturpflanzen anbauen zu können. Eine allgemeine Güterzusammenlegung, die eine rentablere Bewirtschaftung des Bodens bezweckt, hat also bis jetzt nicht stattgefunden; hingegen wird im kleinen getauscht. Wenn durch Austausch irgendeine Betriebsverbesserung in Aussicht steht, wechseln ungefähr gleichwertige Böden ihre Besitzer. Dieser private Austausch trägt dem weniger bemittelten, Bauern viel eher Rechnung, als eine umfassende Güterzusammenlegung.
Die von der Natur zu guten Ackerfeldern prädestinierten Schuttkegel - und Verwitterungsböden sind von relativ geringer Ausdehnung. Grosser Bedarf und kleines Angebot führten zu hohen Bodenpreisen; man bezahlte in neuester Zeit pro Quadratmeter 2.50 - 3 Fr., je nach Lage und Qualität. Solch hohe Preise sind im Mittelland nicht zu treffen. Sie entsprechen keinesfalls der Rentabilität des Anbaus, denn sie gehen manchmal über die Finanzkraft des Käufers, d, h. er verschuldet sich beim Kauf. Auch wohlhabende Bauern kaufen Land zu übersetzten Preisen, um ihren Kindern das Fortkommen in der Heimat zu ermöglichen. Dem Bodenmangel könnte allerdings abgeholfen werden durch Urbarisieren von nur extensiv benütztem Wiesland.
Der Ackerbau des Tujetsch ist kein Dauerackerbau, der Jahr für Jahr die gleichen Flächen zum Anbau benützt. Nach 2-3 Jahren werden die aufgerissenen Ackerfelder längere Zeit der Ruhe überlassen, d. h. der Anbau wird sistiert, der Acker wechselt in Wiesland um. Während 5-10 Jahren wird der Boden als Heuland benutzt; die Dauer dieses Zustands ist abhängig von der Grösse des Besitztums des einzelnen; je kleiner das Besitztum ist, um so früher muss der Boden wieder aufgerissen werden. Wenn der Ackerheuboden wieder zu Acker werden soll, wird das betreffende Stück Land nach der Schneeschmelze aufgeschnitten, gepflügt, und die Erdschollen werden mit der Hacke zerkleinert.
Im allgemeinen richtet sich die Vervendung von Pflug oder Hacke nach der Bodenart und dem Böschungswinkel der Ackerflächen. Auf ebenem Boden braucht man stets den Pflug. An steilen Halden und auf Boden, der stark mit Steinen durchsetzt ist, muss die Hacke verwendet werden; ebenso müssen sich Leute, die kein Zugvieh besitzen, mit der Hacke behelfen.
In der Regel findet Fruchtwechsel statt. Gewöhnlich werden im ersten Jahr nach dem Aufschneiden des Bodens Kartoffeln gepflanzt, im darauffolgenden Jahr Gerste, Flachs oder Roggen und im dritten Roggen. Länger als drei Jahre wird der Ackerboden nicht beansprucht. Der Fruchtwechsel in der erwähnten Form wird nicht immer strikte befolgt, da einzelne bestimmte Fruchtsorten dem Anbau anderer Produkte vorziehen.
a)
Getreide
Nach der Anbaustatistik von 1926 entfallen von der Gesamtanbaufläche
von 43 ha 20 ha oder 46 % auf den Sommerroggen und 10 ha
oder 23 % auf die Gerste. Der prozentuale Anteil des Getreides,
insbesondere des Roggens, am Gesamtanbau ist ausserordentlich gross.
Aber die Brotgetreideproduktion reicht nicht zur Selbstversorgung,
denn die angebaute Fläche ist zu klein; darüber kann auch der
relativ hohe prozentuale Anteil nicht hinwegtäuschen.
Ende April oder anfangs Mai, je nach dem Verschwinden der Schneedecke, beginnt die Bestellung und Aussaat auf den Ackerböden. Die Pflege der Roggen- und Gerstenfelder beschränkt sich auf zweimaliges jäten. Diese Arbeit ist unbedingt notwendig, denn in der kurzen aber warmen Sommerperiode schiesst viel Unkraut empor, so dass die Frucht, die sich im Lauf des Sommers zu Boden legt, zur Erntezeit vollkommen von Unkraut und Gras überwuchert wird. In solchen Fällen beginnt das Korn wieder zu keimen und geht dadurch zugrunde. Das jäten liegt den Frauen ob; die Tujetscher Frauen sind bekannt wegen der Gründlichkeit, mit der sie die recht mühevolle Arbeit besorgen.
Bei der Ernte des Getreides, die sich auf die Monate September und Oktober erstreckt, wird die Frucht nicht wie im Unterland dem Boden nach geschnitten, sondern halbhoch die Ähre vom Halm getrennt. Die Halme werden noch einige Zeit stehen gelassen, damit sie vollständig austrocknen können, werden später mit der Sense geschnitten und als Streue verwendet. Diese Art des Getreideschnitts ist dadurch begründet, dass sich die Ähre mit gekürztem Halm besser zur Rufstapelung in den Kornhisten (Abb. 10) eignet als die ganzhalmige Frucht. Die Kornhisten (Korngalgen, rom. chischnes) sind wiederum ein Hilfsmittel, die Vegetationszeit künstlich zu verlängern. Das Getreide kommt am Halm nicht zur Vollreife; nach dem Schnitt wird die Frucht auf den Korngalgen aufgestapelt, um an der freien Luft auszureifen. Die Histen sind 6-10 m hohe Holzgestelle; zwei senkrecht stehende Balken sind durch Querlatten verbunden; das ganze Gestell wird durch schiefstehende Balken verankert. Die Korngalgen werden nicht hochgebaut, sondern vom Eigentümer, der in der Regel einen Schreiner zur Unterstützung herbeizieht, am Boden fertiggestellt. Das Hochstellen der Galgen ist eine gefährliche Arbeit, die viele Hilfskräfte erfordert. Die Männer der Gemeinde werden zusammengerufen, um sich am Aufrichtungswerk zu beteiligen. Bezahlung findet keine statt, denn es wird Gegenrecht gehalten; jeder Getreidebauer benötigt eine Kornhiste. Je nach Vereinbarung können auch mehrere Bauern zusammen ein solches Trockengestell erbauen; nach der Zahl der Besitzer werden zwei, drei oder vier Abteilungen hergestellt. Diese Holzbauten sind charakteristisch für das Siedlungsbild des Tujetsch; sie finden sich auch in einigen andern Tälern des Bündner Oberlandes. Die Lagerung der Korngarben ist eine zweifache. Das Getreide, das am wenigsten ausgereift ist, wird am Halmende zusammengebunden und gleichmässig nach beiden Seiten über die Querverbindungen gehängt; das der Vollreife entgegengehende Getreide wird geknickt und zwischen die Stäbe geschoben, wo es sich selbst versperrt. Die Lagerung erfolgt wechselweise, das eine Mal sind die Ähren nach der einen, bei der nächstfolgenden Lage nach der andern Seite des Gestells gerichtet. Nun ist es leicht verständlich, warum das Getreide nicht dem Boden nach, sondern halbhoch gesichelt wird: die langen Halme würden am Korngalgen unnötigerweise Platz, Sonne und Luft beanspruchen. Das Getreide wird an einer einfachen Hebelrolle emporgezogen und von Menschenhand zwischen die Querstäbe gelagert; die Arbeit ist mühsam, denn die Zwischenräume, in denen das Korn aufgestapelt wird, sind nur ungefähr 30 cm breit, und doch müssen sie dem Bauern, der keinerlei Hilfsmittel verwendet, Halt und Stellung ermöglichen.
Placi a Spescha 52) war der Ansicht, dass zur Zeit, da das Getreide auf den Kornhisten aufgestapelt ist, «die Sperlinge sich dem vollen Lebensgenuss hingeben könnten»; es ist nicht zu bestreiten, dass ein Teil der Ernte den kleinen Räubern zufällt. Die Bauern könnten ihre Kinder leicht zu verstärkter Aufsicht über die «vogelfreien» Kornhisten anhalten.
Die Hektarerträge an Roggen und Gerste sind auf Grund der natürlichen Verhältnisse als hoch einzuschätzen. Nach einer im Jahr 1925 aufgenommenen Statistik 53) ergaben sich folgende Mittelzahlen:
Roggen: 25,3
Zentner pro ha 54)
Gerste: 31,5 Zentner pro ha
Diese hohen Ertragszahlen sind das Ergebnis der sorgfältigen Pflege der Getreidefelder; die ganze Betriebsweise ist dem Gartenbau ähnlich.
b)
Kartoffeln
Nach der Anbaustatistik steht der Kartoffelanbau an zweiter Stelle
hinter dem Roggen; 11,4 ha, etwas mehr als 25 % der Anbaufläche,
entfallen auf dieses wichtigste Knollengewächs. Der Wildbachschutt
des Sedruner Beckens eignet sich vorzüglich als Anbauland für
Kartoffeln. Die Kartoffelfelder werden ebenfalls gejätet. Nach der
Statistik von 1925 wurden im Durchschnitt auf 1 Hektare Anbauland
ungefähr 175 Zentner Kartoffeln geerntet. Wie beim Getreide sind
auch die Erträge der Kartoffelproduktion sehr hoch.
c)
Flachs
Von der gesamten Anbaufläche entfallen auf den Flachsbau 1,5 ha oder
3,5 %.55)
Gleichzeitig mit der Getreideaussaat, nach dem Verschwinden der
Schneedecke im April oder Mai, findet die Aussaat der Flachssamen
statt. Die Pflege während des Wachstums beansprucht sehr wenig Zeit,
hingegen erfordern die verschiedenen Prozeduren, denen sich der
Flachs bis zur Nutzung unterziehen muss, ziemlich viel Arbeit. Die
Erntezeit fällt zwischen Ende September und Mitte Oktober. Nach dem
Ausrupfen werden die Flachsstengel zuerst durch die sog. «Hechel»,
ein kamm- oder gabelförmiges Instrument, gezogen, um die Samen von
den Fasern zu trennen. Die Samen werden zu Mehl gestampft, das
geröstet und gepresst ein Oel ergibt, welches zu Kochzwecken und für
die Mästung von Vieh Verwendung findet. Die Stengel werden zu Garben
gebunden und während 2 bis 3 Wochen ins Wasser gelegt, um die Fasern
zu lösen und geschmeidig zu machen. In der Folge wird der Flachs auf
den Wiesen zur Trocknung ausgebreitet, gebrochen, gestampft und
nochmals gehechelt, um die Fasern vollends zu trennen. Erst dann ist
die eigentliche Verarbeitung der Flachsfaser am Spinnrad und
Webstuhl möglich. Das Herstellen von Bett- und Leibwäsche, von
Tüchern aller Art usf. gehört in den Arbeitsbereich der Frau und
vollzieht sich im Lauf der Wintermonate.
d)
Hausgärten
Dem
Anbau der Hausgärten wird im Tujetsch sehr wenig Beachtung
geschenkt; die in der ganzen Talschaft mit Gemüse angebaute Fläche
beträgt eine halbe Hektare 56), inbegriffen
den Anbau von Runkelrüben und weissen Rüben! Weniger als die Hälfte
der Hausbesitzer pflegt einen Garten, der diese Bezeichnung im
Vergleich mit dem Mittelland kaum verdient. Diese Gärten stossen an
die Front des Hauses und sind nach Süden exponiert; ein Holzzaun
(Abb. 12) schützt sie gegen unerwünschtes Betreten durch das Vieh.
Der Anbau beschränkt sich auf Runkel- und Zuckerrüben, weisse und
gelbe Rüben, Lauch, Schnittlauch, Petersilie und Mangold; Gemüse im
Sinne von Hülsenfrüchten, Spinat, Salat usf. wird nicht gepflanzt,
weil der Anbau viel Zeit erfordere und deshalb unrentabel sei.
An Medizinalkräutern findet man Wermut, Kamillen und Salbei. Auch werden hie und da Blumen gepflegt 57) ; im allgemeinen ist aber der Artenreichtum infolge der Meereshöhe beschränkt. Es werden rote und bunte Lilien, die auf dem Calmut und auf verschiedenen Maiensässen wild wachsen, ausgegraben und in die Hausgärten verpflanzt. Pfingstrosen und Narzissen bilden eine Zierde der Hausgärten, ebenso Schwertlilien, Stiefmütterchen und Herbstrosen. Nelken und Geranien sind im Tujetsch ausgesprochene Topfpflanzen, die, unter den Fenstern gehalten, den Häusern ein freundliches Aussehen verleihen.
2.
Die Viehhaltung
In der
Landwirtschaft des Tujetsch steht die Viehzucht an erster Stelle.
Aus den früheren Selbstversorgern sind durch bestimmte
Lebensverhältnisse, die weiter unten behandelt werden, vor allem
Viehzüchter geworden.
Vom geographischen Standpunkt aus kommen für die Behandlung dieses Abschnittes in erster Linie die Viehbestände und die Nutzungsflächen der Viehzucht in Betracht. Diese Nutzungsflächen nehmen mit 92,6 % den überwiegenden Teil des gesamten produktiven Areals ein; der Lage nach unterscheidet man
Wiesland des
Talbodens,
Gehängewiesen,
Maiensässen und
Alpweiden mit Wildheuparzellen.
a) Die Bestände 58)
|
|
|
Rindvieh |
Jungvieh |
|
|
|
|
|
|
Jahr |
Pferde |
Kälber |
½ - 1 Ja. |
Kühe |
Total |
Schweine |
Schafe |
Ziegen |
|
1866 |
36 |
444 |
402 |
547 (35,6 %) |
1536 |
588 |
1387 |
1324 |
|
1876 |
18 |
365 |
134 |
428 (34,0 %) |
1259 |
490 |
1326 |
1323 |
|
1886 |
10 |
385 |
335 |
411 (31,2 %) |
1317 |
439 |
1269 |
1261 |
|
1896 |
10 |
392 |
- |
392 (31,7 %) |
1235 |
476 |
1339 |
1049 |
|
1901 |
13 |
380 |
23 |
443 (34,6 %) |
1281 |
709 |
1641 |
1224 |
|
1906 |
12 |
227 |
192 |
435 (31,6 %) |
1376 |
492 |
1343 |
1505 |
|
1911 |
9 |
465 |
39 |
425 (32,9 %) |
1292 |
644 |
1414 |
1437 |
|
1916 |
10 |
493 |
76 |
475 (32,8 %) |
1449 |
456 |
1378 |
1491 |
|
1918 |
7 |
246 |
110 |
424 (33,1 %) |
1279 |
447 |
1423 |
1499 |
|
1926 |
10 |
305 |
197 |
418 (31,4 %) |
1301 |
507 |
1270 |
1382 |
Der Gesamtüberblick ergibt eine ziemlich grosse Konstanz in den einzelnen Viehbeständen; seit Einführung der Statistik hat ein leichter Rückgang stattgefunden. Bei einer durchschnittlichen Bevölkerungszahl von 840 Personen sind die Viehbestände mit Ausnahme der Pferde als gross zu taxieren; die auf je 100 Einwohner entfallende Anzahl Tiere der einzelnen Gattungen steht, wie man im folgenden sehen wird, weit über dem Mittel der Schweiz.
Für das Wirtschaftsleben des Tujetsch ist die Rindviehhaltung von grösster Bedeutung. Die obgenannten relativ kleinen Prozentzahlen für die Beteiligung der Kühe am gesamten Rindviehbestand zeigen die untergeordnete Bedeutung der Milchwirtschaft; es werden nur so viel Kühe gehalten, um genügend Milch für den Haushalt und vor allem für die Aufzucht der Kälber zu produzieren. Das Hauptgewicht der Tujetscher Rindviehhaltung liegt in der Rufzucht von Jungvieh. Eine rentable Milchwirtschaft ist auf ein grösstmögliches Mass von Grünfutter angewiesen, eine Bedingung, die wohl in der Ebene, aber nur ungenügend in den Bergtälern erfüllt wird. Darum ist es verständlich, dass sich der Bergbauer vor allem der Züchtung von Qualitätstieren gewidmet hat, in der er in erster Linie konkurrenzfähig ist. «Vor allem eignet sich die Gebirgsgegend für die Aufzucht wie nicht leicht eine andere. Das Flachland wird dank unserer Alpen nie konkurrieren können, denn Alpen und Weiden gestatten eine möglichst natürliche Aufzucht. Die frische Luft, das kräftige Futter, die Bewegung und vor allem der Umstand, dass das Tier auf sich selbst angewiesen ist, seine Nahrung selbst suchen und Gefahren ausweichen muss, bedingen bis zu einem gewissen Grade eine natürliche Auslese und damit die viel grössere Widerstand sfähigkeit des gealpten Tieres gegenüber der Stallkuh 59).»
Der vorwiegende Viehschlag des Tujetsch ist kleines, leichtes Braunvieh; daneben wird in kleinerem Mass auch Grauvieh gezüchtet. Für jeden Viehzüchter ist die Viehversicherung obligatorisch; die Versicherung ist eine Gemeindeinstitution und in Chur rückversichert. Die Viehschätzer werden durch eine besondere Kommission aus den Gemeindebürgern gewählt. Zwei Zuchtgenossenschaften mit Sitz in Sedrun und Rueras halten hochwertige Zuchtstiere zur Erlangung von Qualitätsvieh. Das Zuchtgeschäft fällt durchwegs in die Zeit der Winterfütterung, um den Tieren die nötige Pflege zukommen zu lassen. Die Kalberung im Winter hat ausserdem den Vorteil, dass die Kälber im Sommer in die Alp geladen werden können und dem Bauer während der strengen Sommerszeit nicht zur Last fallen. Das Tujetscher Zuchtvieh wird von bündnerischen Viehhändlern aufgekauft und im Kanton Graubünden, vor allem aber auch nach der Stadt Zürich weiterverkauft.
Neben der Rindviehzucht spielt die Haltung von Kleinvieh eine grosse Rolle. Die Schweinehaltung hat innerhalb der Zählungsperiode stärkere, Schwankungen erfahren, doch ist sie im Vergleich mit schweizerischen Verhältnissen jederzeit hoch geblieben. Auf 100 Einwohner entfallen im Tujetsch 58,5, in der ganzen Schweiz 60) 15,2 Schweine; die Zahl des Untersuchungsgebietes steht also weit über dem schweizerischen Mittel. In erster Linie ist die grosse Schweinehaltung zurückzuführen auf den eigenen Bedarf an Schweinefleisch. Grossvieh wird nur selten geschlachtet; der Hauptteil des Fleischbedarfs wird durch gedörrtes Schweinefleisch gedeckt. Die Tujetscher Schinken sind ob ihrer Güte weit herum bekannt. Ein Teil der Schweine kommt in den Handel, zumeist als Ferkel, für die gute Preise bezahlt werden. Die grosse Schweinehaltung stützt sich auf die relativ günstigen Fütterungsbedingungen; vom Kartoffelanbau entfällt ein ansehnlicher Teil auf die Schweine; auch sind die Hausgärten durch die Anpflanzungvon Rüben verschiedener Art und von Mangold vor allem auf die Schweinezucht eingestellt; zudem stehen den Tieren im Sommer auch die Alpen offen. 61)
Im Gegensatz zu vielen Teilen der Schweiz hat die Schafhaltung des Tujetsch keinen Rückgang zu verzeichnen. Andernorts hat die intensivere Bewirtschaftung des Bodens das Schaf bis in die obersten Regionen gedrängt; auch hat die starke ausländische Wollproduktion eine Verminderung der einheimischen Schafhaltung bewirkt. Das Tujetsch hat nun von jeher eine grosse Fläche Landes innegehabt, die infolge der Höhenlage eine intensive Nutzung nicht in Betracht kommen liess. Deshalb haben genügend grosse Flächen als Schafweiden zur Verfügung gestanden, so dass eine Verminderung der Schafhaltung nicht bedingt war. Die Tujetscher haben durch die Verarbeitung der Wolle zu Tuchstoffen, zu Loden, dem sogenannten «carpun» oder «cadisch», trotz der Einfuhr von Konfektionskleidern eine gewisse Selbstversorgung in der Bekleidung bewahrt. Aus dem letzterwähnten Grund ist auch zu verstehen, dass zur Kriegszeit, als die Preise für die ausländischen Faserstoffe rapid in die Höhe schnellten, das Tujetsch die allgemeine Steigerung der Schafhaltung nicht mitzumachen gezwungen war.
Auch der Ziegenbestand ist sehr gross. Im Jahre 1926 kommen auf 100 Einwohner 159 Ziegen 62), womit die Bedeutung dieser Viehart augenfällig wird. R. Kirchgraber führt für das Untersuchungsgebiet der «Vier Dörfer» an: «Für die starke Ziegenhaltung . . . . sind die Gründe heute noch dieselben, wie sie 1866 gewesen sind, nämlich das Bestehen extrem kleinbäuerlicher Bevölkerungsschichten und sodann die Gelegenheit, durch dieses Tier der charakteristischen Natur des Untersuchungsgebietes noch Werte in Lagen abzugewinnen, wo solche auf andere Weise nicht oder kaum mehr gewonnen werden könnten. Dem Zwerg- und Kleinbauern des Gebietes ersetzt die Ziege nach wie vor gänzlich oder teilweise die Milchkuh.» Die gleichen Gründe können auch für die Erklärung der starken Ziegenhaltung im Tujetsch angeführt werden. Dazu kommt noch, dass jeder Viehzüchter, der Grossvieh auf der Alp sömmert, durch Bestimmungen gezwungen ist, Ziegen zu halten. 63)
Ausser der Milchnutzung für den eigenen Bedarf erwachsen dem Bauern noch Einnahmen durch den Verkauf von Schlachtgitzi, die jedes Jahr ausgeführt werden. Aus den angeführten Gründen ist zu schliessen, dass sich die Ziegenbestände zukünftig auf der gleichen Höhe halten werden wie bis anhin, denn infolge der natürlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Landschaft bildet die Ziege ein durchaus notwendiges Element in der Lebenshaltung des Bergbauern.
Die Plerdehaltung hat in früherer Zeit im Untersuchungsgebiet eine grössere Rolle gespielt als heute. Diese Tiergattung hat in den modernen Verkehrsmitteln einen übermächtigen Konkurrenten erhalten, der die Arbeitsmöglichkeiten des Pferdes immer mehr einschränkte. In Perdatsch im Val Nalps bestand früher eine Pferdealp, die von einer stärkeren Pferdehaltung Zeugnis ablegte. Noch im Jahre 1866 sind 36 Pferde gezählt worden; nachher nimmt ihre Zahl immer mehr ab und steht heute stark unter dem schweizerischen Mittel. 64) Seit dem Bau der Eisenbahnen ist es auf den Alpenstrassen stiller geworden; die Frachten nahmen ihren Weg auf den Eisenschienen, der Passverkehr ging mehr und mehr zurück und mit ihm der Pferdebestand . 65)
Als Zugtier für den landwirtschaftlichen Betrieb hat das Rind von jeher die Hauptrolle gespielt, da es auf den stark coupierten Wirtschaftsflächen, die nur kleines Wagenmaterial zulassen, ebenso gute Dienste leistet wie das Pferd, welches i. d. Regel nur verwendet wird für schwere und langstreckige Fuhren, bei Strassen- und Häuserbauten usf. Wenn ein Bauer für irgendwelche Arbeitsleistungen eines Pferdes bedarf, so wird es ihm von einem der Pferdebesitzer gegen ein Mietgeld zur Verfügung gestellt.
An Geflügel werden im Tujetsch nur Hühner gehalten; ungefähr dreiviertel aller Haushaltungen, die meisten landwirtschaftlichen Betriebe mit Viehstand, pflegen die Hühnerzucht. Der Bestand ist nicht gross; 1918 entfielen auf 137 Besitzer 566, 1926 auf 135 Besitzer 810 Hühner 66), was einem durchschnittlichen Besitz von sechs Stück pro Besitzer gleichkommt. Die Eierproduktion, die eine lohnende Einnahmequelle bildet, lässt sich durch zweckmässige Fütterung der Tiere und geeignete Rassenwahl noch erheblich steigern.
Als letzter tierischer Bestand sind die Bienen zu nennen.
|
|
1886 |
1896 |
1901 |
1911 |
1918 |
1926 |
|
Besitzer Stöcke |
16 66 |
- 67 |
28 81 |
22 94 |
8 28 |
14 66 |
Aus der Tabelle 67) ist zu entnehmen, dass die Vorkriegszeit eine stetige Zunahme der Bienenstöcke aufweist; bis zum letzten Kriegsjahr ist ihre Anzahl um mehr als das Dreifache gesunken. Die Abnahme ist zurückzuführen auf die relativ grossen Kosten, die eine sorgfältige Bienenzucht erfordert. 68) Sowohl Geld als Zeit mussten während der Kriegsjahre in verstärktem Mass dem persönlichen Lebensunterhalt zugewendet werden, so dass in erster Linie dieser Nebenerwerb darunter litt. In der Nachkriegszeit hat sich die Bienenzucht wieder erholt.
Bienenkörbe sind nur noch selten; der Grossteil der Bienenvölker lebt in mobilen Kästen. Der Tujetscher Bienenhonig ist von hervorragender Qualität, bedingt durch die würzige Alpenflora; leider sind aber die Erträge nicht sehr hoch, da die Vegetationszeit nur kurz ist. Wenn zur Blütezeit schlechte Witterungsverhältnisse hinzutreten, erleiden die Bienenzüchter oft Rückschläge, die sie zum Verkauf ihres Bestandes nötigen können; daraus ist auch die Schwankung in der Zahl der Bienenzüchter zu erklären.
Wiesen des Talbodens
Die besten Wiesen
(Abb. 1,
9) liegen in buntem Wechsel zwischen den Ackerfeldern des
Aufschüttungsbodens der Nordseite zerstreut. Die Wiesen des
Talbodens werden jährlich gedüngt und als Fettwiesen bezeichnet, im
Gegensatz zu den Gehängewiesen, die infolge schlechter
Zugänglichkeit selten oder nie gedüngt und daher als Magerwiesen
bezeichnet werden. Neben den Fettwiesen kommen im Talboden die
Ackerfelder für die Heugewinnung in Betracht, denn nach 2-3 Jahren
der Feldbestellung werden diese zu Wiesland umgestaltet. Wo die für
den Wiesbau zur Verfügung stehende Fläche wegen der Höhenlage oder
der lokalen Terrainbeschaffenheit klein ist, wie z. B. in Selva und
Cavorgia, wird auch noch das minderwertige Riedgras zur Heugewinnung
herbeigezogen.
Das Futter der Ackerheufelder und Fettwiesen ist in warmen Sommern zart, gesund und ergiebig; hingegen wird die Qualität und Quantität des Heus ungünstig beeinflusst durch sommerliche Regenperioden, die unter Umständen Heunot bedingen können. In neuester Zeit sind solche Notfälle selten geworden, doch berichtet Spescha aus den Jahren 1803 und 1805, dass von den Monaten März bis Juni das Vieh in Selva und Tschamut, in der Gegend der kleinsten Wirtschaftsflächen, mit Laub, Tannenbart und Tannenreisern gefüttert werden musste, um die Tiere vor dem Verhungern zu retten. Wenn Heumangel auftritt, sind die Bauern gezwungen, auswärtiges Futter zu kaufen, was nach Möglichkeit vermieden wird, denn das Vieh, das mit fremdem Heu durchgewintert wurde, kann im folgenden Sommer nur gegen Taxaufschlag aufgetrieben werden.
Die Heuernte beginnt je nach den Witterungsverhältnissen Ende Juni oder anfangs Juli. Bis im September wächst auf den Fettwiesen ausserordentlich würziges Emd nach, das qualitativ das Flachlandemd übertrifft. Der Heimtransport von Heu und Emd vollzieht sich verschieden gegenüber dem Unterland. Infolge der Terraingestaltung und um den wertvollen Kulturboden nicht unnötig zu beanspruchen, sind im Tujetsch nur kleine, leichte Leiterwagen im Gebrauch. Das Futter wird nicht nach Sitte des Flachlands frei auf den Wagen aufgestapelt, sondern zuerst in grosse Tücher, sog. «Blachen» gebunden und zum Wagen getragen. Innerhalb der Felder bestehen in der Regel keine Wege, darum wird der Boden nach Möglichkeit geschont.
Die Rindviehzucht als wichtigster Erwerbszweig der Tujetscher Bevölkerung erfordert natürlich die sorgfältigste Pflege, vor allem in bezug auf die Fütterung. Das beste Futter, Heu oder Emd von den Fettwiesen und Ackerheufeldern ist ausschliesslich der Fütterung der Rinder reserviert; Pferde und Schmaltiere werden mit Magerheu, eventuell mit Riedgras gefüttert, da sie zum Teil noch andere Nahrung beziehen.
Während der Sommermonate weilt das Vieh auf den Alpweiden; der Talboden kommt also für die Ätzung und die Grünfütterung nicht in Betracht. Hingegen besteht für die Zeit vor und nach der Alpsömmerung das Recht der Gemeinatzung. Auf die Darstellung der historischen und rechtlichen Seite der Gemeinatzung oder des allgemeinen Weidgangs wird hier verzichtet, da bereits verschiedene Schritten darüber veröffentlicht wurden. 69) Für die vorliegende Arbeit interessiert vor allem die geographischwirtschaftliche Seite des Problems.
Die Definition des allgemeinen Weidgangs lautet nach Curschellas: «Die Gemeinatzung ist ein genossenschaftliches Weidrecht der Gemeinde an allen auf ihrem Gebiet gelegenen und nicht besonders davon befreiten Privatgrundstücken, welches im Frühling und im Herbst während einer bestimmten Zeit mit dem Vieh der Gemeindegenossen ausgeübt wird.» Das Privateigentum ist also nicht nur der ausschliesslichen Benutzung des Eigentümers, unterstellt, sondern unterliegt durch das Gemeindeweidrecht der Gesamtheit der Gemeindegenossen. Die uneingeschränkte Gemeinatzung, wie sie sich im Tujetsch erhalten hat, umfasst den gesamten Viehstand; hingegen wird im Frühjahr auf den allgemeinen Weidgang des Grossviehs verzichtet, nicht durch rechtliche Einschränkung, sondern aus freiem Willen, da die Grasflur beim Weichen der Schneedecke so zart und klein ist, dass durch den Weidgang für das Grossvieh kein nennenswerter Nutzen resultieren würde; nur das Kleinvieh tummelt sich nach Belieben 1-3 Wochen auf den vom Schnee frei werdenden Grundstücken. Je nach dem Fortschritt der Vegetation wird das Gemeinatzungsrecht aufgehoben, damit die Feldbestellung ungehindert vor sich gehen kann. Erst zu diesem Zeitpunkt fallen die Güter der wirklichen Privatnutzung anheim; es ist dies die sog. «geschlossene Zeit». Im Herbst tritt die Privatnutzung von neuem hinter der Allgemeinnutzung zurück, diesmal aber in vollkommener Ausnützung des zustehenden Rechts, d. h. nun nimmt auch das Grossvieh an der Atzung teil. Nach dem 24. September steht die Alpentladung jeder Alpgenossenschaft frei. Zuerst werden die privaten Maiensässen in Besitz genommen; sobald die Früchte des Ackerbaus und das letzte Emd unter Dach sind, wird durch Gemeindebeschluss der Tag der Gemeinätzung auf den Heimgütern festgesetzt. Bauern, die mit der Ernte noch im Rückstand sind, werden zur eiligen Bergung angehalten. Anfangs Oktober kommt das Grossvieh in die Talsohle; Schafe und Ziegen, die noch unter Hirtschaft stehen, folgen einige Tage später nach.
Die Gemeinatzung erstreckt sich auf 1-2 Wochen, kann aber infolge frühen Schneefalls gänzlich ausfallen. Bei der kargen Grasdecke ist eine einmalige Stallfütterung im Tag unumgänglich. Um das Schauspiel des allgemeinen Weidgangs klar darzustellen, soll hier eine Schilderung folgen, die von Pater Dr. Karl Hager, einem hervorragenden Kenner des Tujetsch, entworfen wurde. 70) .... «Gross- und Kleinvieh, besonders Schafe, Ziegen und Schweine in grosser Zahl aller Ortschaften und Höfe, ergreifen von sämtlichem Grund und Boden Besitz, mag er Privateigentum oder Gemeindeland sein. Die Weidetiere bewegen sich nun auf Wiesen und Äckern frei, bis der Schneefall eintritt. Die Schweine durchfurchen noch einmal die Kartoffelacker des vergangenen Sommers, um sich einen vergessenen Bissen zu erhaschen, oder sie treiben sich auf der Südlage des mittleren Gebietes im Laubholzbusch der gemischten Eichen-, Eschen- und Mehlbeerbaum-Bestände herum; die Ziegen durchstreifen in kleineren Gruppen morgens erst in schnellem Tempo die Wiesen- und Ackergefilde, schlagen sich dann um die Mittagszeit in die zahlreichen Laubholzgebüsche und kehren am Abend, sich wieder auf den offenen Feldern sammelnd, in die Ortschaft zurück. Die fast zahllosen Schafe benagen die Wiesenflora des Spätherbstes, wohl auch die aufkeimende, aber spärlich gebaute Winter- bzw. Herbstsaat, im Frühjahr endlich wieder die aufsprossende Grasflur. Auch während der Wintertage werden Schafe, Ziegen und Schweine nach der Morgenfütterung aus dem Stall ins Freie gejagt; sie durchwandern jetzt die festgetretenen Strassen und Pfade der tiefverschneiten Landschaft und trollen sich den in der Frühe noch beschatteten Südgehängen zu, wo sie auf einige Stunden der mittäglichen Wintersonne sich erfreuen können . . . . Kein Grundbesitzer hat das Recht, seinen Boden durch Lebehäge oder Kunstzäune zu schützen, ausser wenn er Obst-, Haus- und Feldgärten anlegen will; allein er muss sich dann von der Gemeinde die Erlaubnis einholen und dieses Grundstück von der öffentlichen Freiatzung durch eine bedeutende Geldsumme für ein und allemal loskaufen. Wir sehen daher auf den freien Wiesen und Feldern keine Einfriedigungen, meist auch keine freistehenden Obstbäume, welche ein sonst kultiviertes Landschaftsbild beleben . . . . Im Frühjahr dauert der kommunale Weidgang je nach Höhenlage und der Entwicklung der Vegetation bis Mitte April oder bis anfangs Mai; ein Gemeindebeschluss macht ihm schrittweise ein Ende; erst müssen die Schweine wegen der Kartoffelanpflanzung den Plan verlassen; dann folgen eine Woche später- die Schafe wegen der Entwicklung der Grasflur und der jungen Saaten; auffallenderweise haben wieder die Ziegen die längste Freiheitsfrist; unsere genauen Beobachtungen zeigen aber, dass die Ziegen in der letzten wöchentlichen Gnadenfrist es besonders auf die hervorbrechende Saat abgesehen haben.»
Um die Existenzberechtigung der Gemeinatzung hat schon längere Zeit ein hartnäckiger Kampf eingesetzt, der zur Folge hatte, dass sie in vielen Alpentälern abgeschafft oder wenigstens auf das Kleinvieh beschränkt wurde. Der Kanton Graubünden hat sich gegen die vollständige Abschaffung oder die Reduzierung am stärksten gewehrt, und vor allem sind es die Gemeinden des Bündner Oberlandes, die den allgemeinen Weidgang nicht missen wollen und ihn als einen lebensnotwendigen Faktor für die Wirtschaft betrachten. Als Begründung für das hartnäckige Festhalten an der Gemeinatzung sei hier eine Stelle aus dem Werk: «Der Kampf um den Weidgang in Graubünden» von Prof. Jul. Platter angeführt 71): «Bei einer extensiven Wirtschaft, wie sie in jenen Hochgebirgen mit ihren Alpen und Maiensässen, ihrer dünnen Bevölkerung und ihrem strengen Dorfsystem notwendig ist, ist die Beweidung der Talgüter gar nicht zu entbehren. Der grosse Grundbesitzer würde auch nach Rufhebung des allgemeinen Weidgangs sein Vieh unzweifelhaft auf seinem arrondierten Lande weiden lassen. Was sollte aber der Durchschnittsbauer anfangen? Seine Parzellen liegen, eben infolge des durchaus herrschenden Dorfsystems, weithin durch das ganze Gemeindegebiet zerstreut und die einzelnen sind oft so klein, dass man zehn Hirten anstellen müsste, um drei Ziegen zu hüten. Denn mit ein paar Sprüngen wären diese überall schon in fremdem Eigentum. . . . Man müsste also die Beweidung ganz aufgeben oder man muss das Vieh über alle Felder frei laufen lassen. Von der letztern Alternative bis zum allgemeinen Weidgang ist aber nur ein Schritt und ein sozialpolitisch sehr gerechtfertigter Schritt.»
«Dazu kommt noch die besondere Bedeutung der Gemeinatzung für die Kleinviehzucht, welche sich in Graubünden nur in Verbindung mit dem allgemeinen Weidgang rentabel gestalten kann. Könnten Ziegen und Schafe im Frühling und im Herbst nicht ins Freie getrieben, die Stallfütterung dadurch nicht erheblich gekürzt werden, würden die Tiere, wie man sagt, während der langen Fütterungszeit sich selbst auffressen. Und gerade die Kleinviehzucht ist es, die unserer ärmeren Bevölkerung noch ihre letzte Stütze bietet. Sehr zutreffend bemerkt Platter: Die Folge des Weidgangs ist, dass ärmere Leute etwas Kleinvieh oder etwas mehr Kleinvieh als sonst halten können, und das erhält sie.»
Aus den dargestellten Gründen ist ersichtlich, dass auch die erbittertsten Bekämpfer der Gemeinatzung dieser Institution, wenigstens unter den heutigen Grundbesitzverhältnissen, eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können. Solange die Güterzerstückelung bestehen bleibt, wird auch der allgemeine Weidgang nicht verschwinden, trotz der nachteiligen Folgen, die mit ihm verbunden sind und auch von den betreffenden Gemeinden nicht übersehen werden. Ein Ausgleich in der Besitzverteilung , ist die Grundbedingung für die Abschaffung dieser alten Institution; denn ihre Aufhebung ohne gewisse Gegenrechte erschwert die Existenz der wirtschaftlich Schwachen noch mehr.
Wohl einer der grössten Nachteile der Gemeinatzung ist die kommunale Besitzergreifung des Privateigentums, die im Flachland unter den heutigen Verhältnissen und Anschauungen vollständig ausgeschlossen ist. Diese Eigentumsbeschränkung legt dem Bauern Zwang auf; das unvollkommene Verfügungsrecht über den eigenen Grund und Boden hindert ihn an der freien Auswirkung des persönlichen Willens, es sei nur an die Weid-, Mäh- und Düngverbote in der Zeit vor der Gemeinatzung erinnert. Sodann wird der Anbau von Wintergetreide fast zur Unmöglichkeit, denn die weidenden Tiere zertreten jegliche Saat. Auch werden öfters die Hausgärten in Mitleidenschaft gezogen, sowie die Pflanzungen von Obstbäumen erschwert oder verhindert. Dass die Wiesen ohne das Betreten durch Grossvieh einen bedeutend grösseren und qualitativ besseren Heuertrag abwerfen würden, sei nur nebenbei erwähnt.
Die Nachteile der Gemeinatzung sind so zahlreich und schwerwiegend, dass es dringend zu wünschen wäre, berufene Kenner dieser Zustände möchten sich des Problems annehmen, um eine Umgestaltung zum Vorteil aller durchführen zu können. Wie mehrfach betont wurde, lasse man aber auf keinen Fall die Existenzlage der Minderbegüterten aus den Augen, denn für sie bedeutet die Gemeinatzung eine Wohltat.
Gehängewiesen
An den
nur leicht geneigten Talboden stossen die Gehängewiesen. Der mehr
oder minder grosse Böschungswinkel erschwert oder verunmöglicht die
Pflege dieses Wieslandes, so dass die Erträge an Magerheu sehr zu
wünschen übrig lassen. Der Grasschnitt an steiler Halde ist sehr
mühselig; das Heu muss von Menschenhand in die Scheunen eingebracht
werden.
Maiensässen
Sie
liegen in 1700-1800 m Meereshöhe zwischen den Gehängewiesen und den
Alpweiden. Nach der Nutzungsart müssen die Maiensässen als
«Ätzmähder»72) bezeichnet werden. Im Frühjahr und Herbst
dienen sie als Weideland; während der Alpzeit im Sommer werden sie
einmal gemäht, in der Regel nach dem Heuet der Fettwiesen in der
Talsohle. Da die Maiensässen gedüngt werden, bringen sie ein
vorzügliches Fettheu hervor.
Alpweiden
73)
Als oberste Nutzungsflächen der Viehhaltung kommen die
Alpweiden in Betracht.
|
Name der Alp |
Gesamtfläche |
Prod.Fläche |
Normale |
Weidezeit(Tage) |
Stosstage für 1 ha produktiven Weidebodens |
|
Cuolm de Vi |
150 |
110 |
66 |
30 |
18 |
|
Val Strem |
825 |
275 |
30 |
50 |
5 |
|
Caschlè |
390 |
190 |
60 |
30 |
9 |
|
Val Mila |
280 |
185 |
30 |
50 |
8 |
|
Culmatsch |
360 |
210 |
60 |
38 |
10 |
|
Val Giuv |
400 |
150 |
200 |
25 |
33 |
|
Tiarms, Cuolm Val |
588 |
484 |
200 |
75 |
31 |
|
Puozzas de nuorsas |
1200 |
400 |
380 a) |
100 |
95 |
|
Tschamut |
595 |
320 |
100 |
47 |
14 |
|
Val Maighels |
900 |
460 |
60 |
60 |
8 |
|
Val Curnera |
1875 |
600 |
120 |
63 |
12 |
|
Cavradi |
138 |
85 |
29 b) |
75 |
25 |
|
Mut-Nual |
500 |
375 |
38 |
75 |
7 |
|
Tgom |
190 |
189 |
66 |
50 |
17 |
|
Nalps Kloster |
1440 |
600 |
230 a) |
86 |
33 |
|
Nalps Genossenschaft |
1280 |
490 |
150 |
86 |
26 |
|
Cuolm Cavorgia |
300 |
265 |
54 |
73 |
11 |
|
Tujetscher Alpen |
11411 |
5388 |
1873 |
68 |
23 |
|
Tujetsch |
13390 |
8540 |
|
|
|
a) = Schafalp
b) = vorwiegend Schafalp
In Anbetracht der Bevölkerungszahl (1920: 867 Personen) ist das Tujetsch sehr reich an Alpbesitz; 63,1 % der produktiven Fläche entfallen auf die Alpweiden. Aus dieser Zahl ist die grosse Bedeutung der Alpwirtschaft ersichtlich.
Im morphologischen Teil wurde darauf hingewiesen, dass die Tujetscher Alpen nicht in den Seitentälern liegen, wie z. B. im Kanton Uri, sondern zur Hauptsache auf den glazial gerundeten Kammrücken, die gegen das Haupttal gerichtet sind. Die Alpweiden sind also nicht von hohen Bergwänden umgeben, sondern erheben sich frei über der Talschaft.
Der Grossteil der in der Gemeinde Tujetsch liegenden Alpen befindet sich in Gemeindebesitz, es sind sog. Gemeindealpen. Der Gemeinde steht das Recht zu, Alpen oder Anteile an solchen an Gemeindebürger oder an Ortsfremde zu verkaufen; die Gemeindealpen werden dadurch zu Genossenschafts- oder Privatalpen; durch Rückkauf entstehen neuerdings Gemeindealpen. Diese grundlegenden Bestimmungen, die den Alpbesitz klassifizieren, sind typisch für das gesamte Bündner Oberland. Es liegt im Interesse der Arbeit, die engern Zusammenhänge der Alpverhältnisse, die Herausbildung der heutigen territorialen Zugehörigkeit etwas näher kennen zu lernen.
Jede Alp ist als Sommerweideland ein Zubehör der Heimgüter; die Besitzer der Höfe haben während des Sommers Anspruch auf Alpweiden. Nun hatte in früherer Zeit das Kloster Disentis im Tujetsch Herrschaftsrechte inne, d. h. es besass mehrere Höfe samt den zugehörigen liegenden Gütern, inbegriffen die Sommerweiden auf den Alpen. 74) In diesem Zusammenhang entstanden die sog. Klosteralpen, die nach ihrer rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung als feudale Lehensalpen zu bezeichnen sind. Das Eigentumsrecht hing am Kloster, das Nutzungsrecht verblieb den Hubern und Maiern der Klosterhöfe gegen Abgabe des Alpzinses, der in Naturalien der Alpproduktion bestand und einen Teil der Grundzinsen der Huber auf die Heimgüter darstellte. Die ursprünglichen Klosteralpen waren die Alp Tgom auf der Südseite, die Tschamuteralp im Talschluss des Tujetsch und die Alpen in Val Val und Val Giuv. Das Kloster besass diese Lehensalpen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gestützt auf ein Bundesgesetz, das die Ablösung des Lehenszinses erlaubte, drängten die Genossen der Tujetscher Klosteralpen auf diesen Loskauf, der nach längern Verhandlungen im Jahr 1866 zustande kam. Damit wurden diese Alpen zu Gemeindealpen, d. h. sowohl das Nutzungs- wie auch das Eigentumsrecht gehörte von nun an der Gemeinde.
Neben den Klosterleuten besassen aber auch die freien Tujetscher Alpen, die schon zu jener Zeit Gemeinbesitz waren. Der Bedarf an Weideland war aber nicht so gross wie der gesamte kommunale Besitz; die Folge war , eine nur geringfügige Nutzung der weniger guten Alpweiden. Im Laufe der Zeit wurden solche Flächen an Auswärtige verkauft, eine Kuhalp in Val Nalps an eine Genossenschaft in Disentis, die sie heute noch in Besitz hat, und im gleichen Tal eine Schafalp, die zur Zeit den letzten Rest klösterlichen Besitzes im Tujetsch darstellt.
Die Alpgeschichte des Tujetsch ist reichlich durch Urkunden belegt; doch ist es nicht angängig, sich in weitere Einzelheiten zu vertiefen. Für näheres Studium sei auf die Arbeit von Muoth: «Die Talgemeinde Tujetsch» (Bündner Monatsblätter 1898) verwiesen; uns ist es vor allem darum zu tun, die Herausbildung und Verteilung des Alpbesitzes kennen zu lernen.
Eine bewegte Geschichte hat die Alp Curnera hinter sich. Die Alp, befand sich ursprünglich im Besitz des Klosters und wurde einem adeligen Geschlecht im Urserntal für eine Dienstleistung als Lehen übergeben. Nach dem Absterben des Geschlechts fiel die Alp im Jahr 1487 auf das Kloster zurück und wurde 1540 an Bürger aus der Gemeinde Faido im Tessin verkauft. Die Tujetscher haben nie Interesse an der Alp bekundet, da sie. schwer zugänglich ist. Die Bestossung vom Tessin her erfolgte mit grosser Mühsal über die Gletscher des Talhintergrundes. Fast vierhundert Jahre blieb Curnera im Besitz der Tessiner; erst 1913 wurde die Alp von privater Seite aus dem Oberland gekauft und wird jetzt auf dem Umweg über Val Maighels vom Tujetsch her bestossen. Curnera hat nie zum Tujetscher Gemeindebesitz gehört.
Eine weitere Sonderstellung nimmt die Alp Cavradi ein. Ursprünglich Gemeindealp wurde sie 1625 an Tujetscher Bürger verkauft, es entstand damit eine Genossenschaftsalp. Nach wenigen Jahren muss die Alp bereits wieder in Gemeindebesitz übergegangen sein, denn 1629 wird sie neuerdings von der Gemeinde verkauft, diesmal aber an Ortsfremde, so dass Cavradi zur Privatalp wurde. Sie ist es bis heute geblieben und befindet sich durch Schenkung im Besitz der Pfarrei Trun.
Es ist erwähnenswert, dass alle Privatalpen im Süden des Haupttales: liegen, d. h. in Gebieten, wo die Insolation nicht so ausgiebig ist, wie auf der südexponierten Nordseite. Die Tujetscher haben sich vor allem diese gut exponierte Seite gesichert, die bei Intensivierung des Weidebetriebes fast den gesamten Weidebedarf decken könnte.
Gegenwärtig sind alle Alpen mit Ausnahme von Curnera, Cavradi und den zwei Nalpser Alpen Eigentum der Gemeinde Tujetsch. Der grosse Besitz gereicht der Gemeinde nicht zum Vorteil, da die Alpen der Südseite infolge geringer Nutzung viel vom einstigen Wert eingebüsst haben; die Talschaft hat zu viele Alpen, um sie richtig pflegen zu können. Die Alpen Tgom, Muot und Nual sind von Grossviehweiden zu Jungvieh- und in neuester Zeit zu Schafweiden geworden. Verkäufe oder Verpachtung eines Teils der minderbenutzten Alpen wären im Interesse der Gemeinde zu begrüssen; die Gemeindekasse erhielte willkommenen Kapitalzuschuss und die Alpwirtschaft würde intensiver betrieben. Der Grundsatz: «Nicht so viel Boden als möglich besitzen, sondern so viel als möglich aus dem Boden gewinnen!» gilt auch für die Alpwirtschaft. Dem Verkauf oder der Verpachtung von Alpmatten und der damit verbundenen Bestossung mit fremdem Vieh stehen allerdings Hindernisse im Weg, die durch natürliche Faktoren bedingt sind. Die Weidezeit auf den Tujetscher Alpen ist infolge der späten Schneeschmelze sehr kurz; aus diesem Grund hält es schwer, fremde Anwärter für den Tujetscher Alpbesitz zu finden.
Ueber den Wirtschaftswert der einzelnen Alpen orientiert die Rubrik der auf eine Hektare produktiver Weidefläche entfallenden Anzahl von Stosstagen. Je grösser die Zahlen, d. h. je länger auf der Einheitsfläche geweidet werden kann, desto wertvoller ist die Alp. Das Mittel der Schweiz beträgt 55 Stosstage 75) ; das Tujetsch mit 23 Stosstagen bleibt erheblich darunter, sogar unter dem schlechten Mittel von 31 Tagen für den Kanton Graubünden 76); der Wirtschaftswert ist also gering. Für Uri beträgt die mittlere Zahl der Stosstage 39, für Schwyz 61 und für Appenzell A.-Rh. sogar 104 77). Die Pflege, die einer Alp zukommt, ist in hohem Grad mitbestimmend für ihren Wert; wenn nun die Zahl der pro Hektare möglichen Stosstage im Tujetsch so klein ist, liegt dies zum guten Teil an der mangelnden Pflege der Alpweiden. Durch Düngung, durch Reutung der Wucherpflanzen und Ausräumung der Steinschlag- und Lawinentrümmer, durch Bewässerung und Entwässerung könnte der ökonomische Wert der Weiden erheblich gesteigert werden. Hier zeigt sich der Nachteil des übergrossen Weidebesitzes; wenn z. B. eine Alp vergandet oder von Unkraut überwuchert wird, überlässt man sie ihrem Schicksal und bestösst eben eine andere! Solche Zustände sind nicht zum Vorteil des Landes; eine Intensivierung durch vermehrte Pflege ist dringend zu empfehlen.
In früherer Zeit existierten noch keine straffen Verordnungen über den Weidebetrieb. Jeder konnte auf die Alp gehen, wo es ihm beliebte; dies hatte zur Folge, dass nur die besten Alpmatten bestossen und nach einer Reihe von Jahren erschöpft waren. Diesen Zuständen wurde ein Ende gemacht durch Alpreglemente, die den gesamten Alpbetrieb normierten.
Die Bewirtschaftung der Alpmatten erfolgt genossenschaftlich. Gegen Entrichtung einer Weidetaxe 78) steht jedem Viehbesitzer die Benutzung der Weiden frei.
Vieh, das nicht in der Gemeinde überwintert wurde, kann nur gegen Aufschlag des Weidegeldes gealpt werden.
Jeder Bauer kann angeben, auf welcher Alp er seine Viehhabe weiden lassen will. Bei der Zuteilung der Weidebezirke wird den privaten Wünschen nach Möglichkeit Rechnung getragen. Nach der Verteilung muss jeder Viehbesitzer während zehn Jahren auf die ihm zugewiesene Alp laden; nach Ablauf dieser Zeit erfolgt eine neue Verteilung. Wer nicht sömmern will, kann sein Anrecht verpachten.
Bis zum Beginn dieses Jahrhunderts war Selbstkäserei üblich. Die Alpgenossen gingen der Reihe nach auf die Alp; jeder käste einen oder mehrere Tage selbst, je nach der Anzahl der gesömmerten Kühe. Auf den auch andernorts bekannten «Tesseln» wurde Rechnung geführt über den Milchertrag 79) ; am Ende der Alpzeit erfolgte an Hand dieser hölzernen Messinstrumente die richtige Verteilung der Alpprodukte zwischen den Alpgenossen. Seit 1901 verzichteten die Bauern auf die Selbstkäserei; fachkundige Sennen übernahmen den Oberbefehl auf den Alpen, die allerdings die Alpung infolge hoher Löhne verteuerten 80), anderseits aber eine Qualitätssteigerung der Milchprodukte herbeiführten. Mit der Einführung des «Senntums» wurden die einfachen, aber sehr praktischen «Milchtesseln» verabschiedet; die Papierrechnung trat an ihre Stelle.
Im Untersuchungsjahr (1927) bestanden vier Kuhalpen im Tujetsch, nämlich Culmatsch. Cuolm Val, Val Val-Tiarms und Cuolm Cavorgia. Der Personalbestand dieser Kuhalpen umfasst einen Senn, einen Zusenn, ein bis drei Hirten und je einen Schweine-, Schaf- und Ziegenhirten, gewöhnlich Knaben aus der Gemeinde. Die Dingung des Alppersonals erfolgt gewöhnlich schon im vorhergehenden Jahr und fällt dem Alpvogt zur Aufgabe, der als Aufseher aus der Reihe der Alpgenossen ausgelost wird. Er gibt nach Besichtigung der Weideverhältnisse im Frühjahr sein Gutachten ab über den Zeitpunkt des Auftriebs, er ordnet ferner die Wanderungen innerhalb der Weidezone an usf.; das Amt ist ohne Bezahlung, da jeder Alpgenosse früher oder später Alpvogt wird. Die Sorge für den Lebensunterhalt des Alppersonals obliegt den Alpgenossen. Jede Woche holen die Bauern die Butter von der Alp; bei dieser Gelegenheit wird das Personal mit Brot, Käse und gedörrtem Fleisch versorgt. Die Lieferung der Nahrungsmittel verteilt sich proportional dem Viehbestand des einzelnen.
Sobald das zarte Gras der Maiensässen frei wird, zieht das Grossvieh hinauf und beginnt die Beweidung. Der alljährliche Zeitpunkt des Auftriebes auf die Maiensässen schwankt nur wenig um den 20. Mai herum.
Die Maiensässen befinden sich seit alters her in privatem Besitz, im Gegensatz zu den Alpweiden, die Eigentum der Gemeinde sind. In der Regel sind es nur wohlhabende Bauern, d. h. Leute mit grösserem Viehstand, die Anteil haben an den Maiensässen; durch Erbschaft sind aber auch Minderbegüterte in ihren Besitz gelangt, haben aber ihre Anteile wegen unvollkommener eigener Nutzung zum grossen Teil verkauft. Das Tujetsch besitzt nur vier Maiensässen in Scharinas, Milez, Mulinatsch und Perdatsch, befindet sich also damit gegenüber andern Gemeinden des Bündner Oberlandes im Nachteil; ein gewisser Ausgleich wird allerdings geschaffen durch die zahlreichen Alpen.
Die Alpauffahrt fällt ungefähr in die Zeit vom 8. bis 18. Juli; die Schnee- und Temperaturverhältnisse sowie der Graswuchs sind massgebend für die Bestimmung des Auftriebstermins. Die Auffahrt findet nicht für alle Alpen gleichzeitig statt; jede Genossenschaft bestimmt den Zeitpunkt nach Gutdünken. Leider finden sich keine Aufzeichnungen über die Alpfahrtstermine der vergangenen Jahre; die Extreme fallen ungefähr auf den 1. und den 20. Juli. Auf alle Fälle ist das Tujetsch um zwei bis vier Wochen im Rückstand gegenüber den Alpfahrtsterminen anderer Gebirgsgegenden; dadurch ist die relativ kurze Weidezeit von ungefähr 70 Tagen zu erklären.
Die Staffelzahl der Tujetscher Alpen ist im allgemeinen niedrig. Nachfolgend sind die hauptsächlich benützten Alpen mit den verschiedenen Staffeln aufgeführt:
| 1. Val Strem-Cuolm de Vi-Val Strem-Caschlè-Val Strem | (3 Staffeln, Galtvieh) |
| 2. Val Mila-Caschlè-Val Mila | (2 St., Galtvieh) |
| 3. Val Giuv-Mulinatsch-Culmatsch-Liez-Val Giuv | (4 St., Kuhalp) |
| 4. Milez-Cuolm Val (2 St.) -Milez | (3 St., Kuhalp) |
| 5. Val Val-Tiarms-Val Val-Scharinas | (3 St., Kuhalp) |
| 6. Surpalix-Milez-Tgetlems-Tuma-Tgetlems-Milez-Surpalits | (4 St., Galtvieh) |
| 7. Nual-Maighels-Nual | (2 St., Galtvieh) |
| 8. Perdatsch-Cuolm Cavorgia-Perdatsch | (2 St., Kuhalp) |
Die Tabelle über die Alpverhältnisse von A. Strüby bedarf insofern einer Korrektur, als dort Staffel einer Alp als vollwertige Alp eingesetzt wurden; daher rührt auch die für einzelne Alpen (in Wirklichkeit Staffeln) angegebene kurze Weidezeit.
Die geringe Staffelzahl der Tujetscher Alpen ist von Vorteil für die Milchproduktion; denn viele Staffeln, wie sie z. B. aus dem Kanton Uri bekannt sind 81), bedingen starken Wechsel der Weideplätze, womit regelmässig Milchverluste verbunden sind. Mit dem Staffelwechsel vollzieht sich auch die Umsiedlung des Alppersonals; abwechslungsweise helfen mehrere Alpgenossen bei dem Transport des Mobiliars zum folgenden Siedlungsplatz mit. Für den Alpbetrieb ist es deshalb auch aus diesem Grunde vorteilhaft, wenn nur wenige Staffel vorhanden sind, d. h. dass der umständliche, zeitraubende Wechsel auf ein geringes Mass reduziert werden kann. Ebenso erwachsen den Alpgenossen weniger Kosten durch die Gebäulichkeiten des Sennereibetriebes. Die Alpung auf wenigen Staffeln hat allerdings den Nachteil, dass der Weideboden zu stark beansprucht und im Herbst vollständig erschöpft ist; einen gewissen Schutz bietet der Weidewechsel auf der gleichen Staffel. Die Beweidung einer Staffel erfolgt nicht während einer bestimmten Anzahl von Tagen, wie z. B. in gewissen Teilen der Urner Alpen 82), sondern richtet sich nach dem Wetter und dem Graswuchs.
Jede Staffel trägt eine Sennhütte und die zugehörigen Speicher für die Molkereiprodukte. Diese Lagerräume sind erst erbaut worden, als die Selbstkäserei der Bauern aufhörte, die ihre Produkte vorweg zu Tal brachten: Die Sennen haben nicht nur die Verarbeitung der Milch übernommen, sondern auch die weitere Pflege der Milchprodukte, vor allem des Käses, für dessen Lagerung Steinbauten aufgeführt wurden. Die Grosszahl der Sennhütten und Speicher ist aus Stein erstellt, da sie über der Waldgrenze liegen, und Waldarmut herrscht. Auch die obersten Viehställe sind aus Stein erbaut; an lawinengefährlichen Hängen wurden sie mit Spaltecken versehen (Abb. 11). Die Instandhaltung der Gebäulichkeiten ist Sache der Alpgenossen; es müssen Frondienste geleistet werden, deren Dauer sich nach der Grösse des Besitzstandes richtet. Solche Frondienste oder Regiearbeiten erstrecken sich nicht nur auf die Alpwirtschaft, sondern überhaupt auf die gesamte Ökonomie der Talschaft; beim Bau von Strassenanlagen, von Waldwegen, für Aufforstungen usf. leistet jede Familie Frondienste, um die Steuerlasten zu verkleinern; wer nicht an diesen Arbeiten teilnimmt, muss der Gemeindekasse eine entsprechende Zahlung leisten.
Die obersten Staffel besitzen keine Ställe, das Vieh bleibt während der Alpzeit Tag und Nacht im Freien. In Fällen von Schneeflucht werden die Tiere in die mit Trockenfutter versehenen Maiensässenställe abgetrieben und zwar von der Alp Culmatsch nach Mulinatsch, von Cuolm Val nach Milez, von Tiarms nach Scharinas und von Cuolm Cavorgia nach Perdatsch. Die Alp Tuma am Badus besitzt grosse Ställe, ebenso die Alpweiden im Becken von Milez. Die übrigen Alpen besitzen keine Ställe; das Galt- und Kleinvieh wird in die Seitentäler hinab-, wenn der Kälterückfall mehrere Tage andauert, heimgetrieben. Bedeutend schlimmer sind die beiden Disentiser Alpen im Val Nalps daran, die keine Ställe tragen; das Vieh muss bei stärkern Schneefällen nach Disentis zurückgebracht werden.
Der Abtrieb von der Alp vollzieht sich Ende September. Nach Gemeindebeschluss ist es untersagt, die Alpen vor dem 24. September zu entladen; diese Bestimmung ist aufgestellt worden, weil ein Teil der Alpgenossen ihr Vieh abtrieb, bevor der Weideboden ganz ausgenützt war. Je nach Wetter und Grasbestand werden für wenige Tage die Maiensässen beweidet; anfangs Oktober beginnt die Gemeinatzung, welche die Alpzeit endgültig beschliesst. Nach der Entladung werden von den Alpgenossen die Milchprodukte sowie die für den Unterhalt des Alppersonals gebrauchten Kleider, Wäschestücke, Bettücher usf. zu Tal geführt; die Objekte des Molkereibetriebes überdauern den Winter in der Sennhütte.
Neben den Alpweiden befinden sich in der Alpregion noch Wirtschaftsflächen, die nicht als Weideland in Betracht kommen, sondern zur Gewinnung von Trockenfutter genutzt werden; es sind dies die Wildheuflächen. Sie stehen wirtschaftlich dem Wiesbau des Talbodens nahe, sind aber regional von ihm geschieden.
Das Wildheu, das an für das Grossvieh unzugänglichen Stellen in oder - über der Alpregion wächst, bildet einen wertvollen Zuschuss für die Trokkenfütterung im Winter. Die Wildheuflächen werden durch die Gemeinde verpachtet, da sie als in der Alpzone liegendes Gebiet Gemeindeeigentum sind. Die verschiedenen Komplexe werden in öffentlicher Gant dem Meistbietenden zugeschlagen. Für die Preisbildung sind die Qualität des Heus, die Entfernung vom Stadel und die Schwierigkeit der Gewinnung ausschlaggebend. Das Wildheuen ist nicht, wie vielfach geglaubt wird, eine Angelegenheit der armen Leute; auch wohlhabende Bauern bewerben sich um dessen Nutzung und besorgen den Schnitt persönlich, der gewöhnlich in den Monat August fällt und erst nach dem Heuet in der Talsohle besorgt wird. Die Wildheuparzellen werden nur alle zwei Jahre gemäht, um dem kargen Boden Erholung zu gönnen. Je nach der Entfernung der Wildheuflächen sind die Bauern gezwungen, mehrere Nächte in einer Alphütte zu verweilen. Sofern sich Heustadel in der Nähe befinden, wird das Heu in Bündeln dorthin getragen, andernfalls an Ort und Stelle in sog. «Tristen» aufgeschichtet, die auch im Flachland bekannt sind. Damit das Heu im Herbst von den Ziegen oder Schafen nicht angefressen wird, werden die Tristen mit Tüchern eingehüllt oder mit einem Gehege umgeben. Die Heimfahrt erfolgt erst im Winter, wenn die Schneedecke einen guten Abtransport erlaubt. Wer Wildheu zu bergen hat, lädt seine Nachbarn zur Mithilfe ein; das Einholen des zarten; duftigen Futters gestaltet sich zu einem frohen Ereignis, das seinen Abschluss in einem guten Mittagessen findet. Wo sich die Reliefgestaltung eignet, wird das Wildheu hoch oben sorgfältig in Tücher verpackt, mit Seilen vor dem Herausfallen gesichert, und nach abgekürztem Verfahren sausen die Bündel viele hundert Meter zur Talsohle hinunter, wo sie auf Schlitten geladen und in die Heimstadel geführt werden.
Im Anschluss an die Abschnitte Ackerbau und Viehhaltung sollen einige Hinweise auf die Veränderungen und den heutigen Grad der Selbstversorgung folgen.
Nach mündlichen Mitteilungen ist der Ackerbau während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts intensiver betrieben worden als in neuester Zeit. Ein grosser Teil des heutigen Wieslands ist als ehemaliger Ackerboden anzusprechen; die betreffenden Stücke sind leicht zu erkennen, da sie sich durch die Bearbeitung des Bodens gegenüber den umgebenden Wiesenflächen eingesenkt haben und als viereckige Gruben mit geringer Tiefe kenntlich sind.
Aus den Selbstversorgern des Tujetsch sind vor allem Viehzüchter geworden; die reine Naturalwirtschaft ging über in die Geldwirtschaft, die ihrerseits die Marktwirtschaft ins Leben rief. Solange die guten Verkehrsverbindungen der modernen Zeit fehlten, waren die Bauern auf sich selbst angewiesen; seit durch die verbesserten Verkehrsmöglichkeiten fremdes Getreide zu mässigen Preisen in die Landschaft eingeführt wird, gibt der Bauer immer mehr den Getreidebau auf. Obschon der Ackerboden des Tujetsch ausserordentlich fruchtbar ist, kommt das Getreide nicht immer zur Vollreife; auch ist die Qualität nicht gleichmässig gut, denn die Höhenlage bedingt eine allzu kurze Vegetationszeit, die unter Umständen durch schlechte Witterungsverhältnisse noch mehr verkürzt wird. Alles in allem stehen dem Anbau verschiedene Hemmungsfaktoren entgegen, die die Rentabilität verschwinden machen. Darum ist auch seit der Zeit der Verkehrsverbesserungen, die den Austausch von Produkten begünstigte, die Viehzucht immer stärker in den Vordergrund getreten; der Acker-, vor allem der Getreidebau flaute ab. Wie stark die Bedeutung des Getreidebaus gesunken ist, ersieht man aus der Tatsache, dass in vielen Fällen nicht mehr wegen der Frucht angebaut wird, sondern wegen der Streue, die der Viehzüchter höher einschätzt als das Korn. Je ausgeprägter sich die Geldwirtschaft gestaltete; um so mehr musste man auf gleichmässiges Einkommen bedacht sein. Anfänglich hatte aber die aufkommende Viehzucht, die sich vor allem dem Verkauf von Jungvieh zuwandte, stark zu kämpfen gegen die Konkurrenz des Mittellandes. Als nun die Selbstversorgung des Tujetsch immer mehr zurückging, und der Erlös aus dem Viehverkauf als einzige Einnahmequelle fortwährend schwankte, da gestaltete sich die Lage wenig bemittelter Bauern recht schwierig. Eine Folge dieser unsicheren Lebensverhältnisse war die starke Auswanderung, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einsetzte.
Das Tujetsch produziert in guten Jahren ungefähr die Hälfte des benötigten Brotgetreides. Für den Anbau kommt wegen der Meereshöhe nur Roggen in Betracht; das einheimische Brot ist also das sog. Schwarzbrot. Zur Deckung des Mehlbedarfs wird ausschliesslich Weizenmehl eingeführt. Als die Transporte noch mehr Zeit beanspruchten, eignete sich das unge.mahlene Korn besser zum Versand als das gegen Witterungseinflüsse empfindliche Mehl; das Korn wurde dann erst am Bestimmungsort, in den beiden Mühlen von Sedrun und Rueras, gemahlen.
Mit der zweiten Getreidesorte, der Gerste, versorgt sich das Tujetsch selbst. Das Gerstenmehl findet vermischt mit Weizen- oder Roggenmehl mannigfache Verwendung in der Küche für Mehlspeisen und Suppen. Der Gerste kommt auch Bedeutung zu als Mästungsmittel für die Schweine.
Die Kartoffelproduktion reicht in mittleren Jahren knapp zur Selbstversorgung. Wenn der Sommer nass ist, geht der Ertrag zurück, so dass fremde Kartoffeln gekauft werden müssen. Die Kartoffeln bilden ein wichtiges Nahrungsmittel, das in vielen Familien in verschiedenen Zubereitungsformen täglich auf den Tisch kommt. Für die Mästung von Kleinvieh stehen sie an erster Stelle.
Mais und Teigwaren werden in grossen Mengen konsumiert; besonders in wenig bemittelten Familien steht die «Polenta» täglich auf dem Speisezettel.
Grünes Gemüse wird weder angebaut noch eingeführt; der Nährgehalt ist zu wenig bekannt. Auch frisches Obst ist selten; hingegen werden gedörrte Früchte, wie Äpfelschnitze, dürre Zwetschgen und Birnen sowie Feigen gekauft. Das Fehlen von frischem Gemüse und Obst scheint der Gesundheit der Bauernbevölkerung nicht zu schaden.
Es wird viel Konfitüre gekauft; es liessen sich aber verschiedene Beerensorten züchten, die die Auslagen für die fabrikmässig hergestellte, teure Konfitüre reduzieren würden.
Von tierischen Produkten, die als Nahrungsmittel grosse Bedeutung erlangen, sind Fleisch, Milch, Käse und Bienenhonig die wichtigsten. Frisches Fleisch wird selten gegessen. Die Viehzucht ist auf den Verkauf der Tiere eingestellt; Grossvieh wird in der Regel gar nicht geschlachtet für den Eigenbedarf, sondern nur Schweine, Schafe und Ziegen. Einige Tage nach dem Schlachten findet man frisches Fleisch im Haushalt; der Hauptanteil wird gedörrt. Für frisches Fleisch wird nie Geld ausgegeben. Die einzige fremde Fleischnahrung sind Sardinen.
Wie weiter oben bemerkt, kommt der Milchwirtschaft nur untergeordnete Bedeutung zu. Die Kuhmilch wird im Sommer zu Molkereiprodukten verarbeitet und im Winter zur Aufzucht verwendet. Für den Haushalt kommt vor allem Ziegenmilch in Betracht, die mit sehr viel Kaffee vermischt wird. Der Milchgenuss ist allgemein gering.
Käse und Butter werden nur für den Eigenbedarf hergestellt; es wird sogar etwas Käse eingeführt, ein neuer Beweis für die untergeordnete Bedeutung der Milchwirtschaft.
Der Bienenhonig ist von hervorragender Qualität und wird zum Teil selbst konsumiert oder in ertragreichen Jahren nach auswärts verkauft.
In der Bekleidung hat sich das Tujetsch einen ziemlich hohen Selbstversorgungsgrad gewahrt. Als Rohstoffe kommen Flachs und Wolle in Betracht. Der schweizerische Flachsbau ist im Aussterben begriffen. Die Behandlung des Flachses erfordert sehr viel Zeit und Sorgfalt; diese Gründe mögen in starkem Mass am Rückgang des Flachsbaus mitgewirkt haben. Wenige kleine Gebiete, darunter das Tujetsch, haben erfreulicherweise eine gewisse Selbständigkeit bewahrt. Das Tujetsch versorgt sich zum grössten Teil selbst mit Leibwäsche und Bettzeug; mit der Steigerung der Lebenshaltung haben allerdings auch feinere Fabrikate fremden Ursprungs Eingang gefunden. Der Flachs ist ein wichtiges Erzeugnis, das dazu beiträgt, die Existenzverhältnisse des Hochtals einigermassen günstig zu gestalten.
Die Wolle ist der zweite wichtige Rohstoff für die Bekleidung. Die Schafhaltung ist immer noch recht gross, und damit die Eigenversorgung mit Kleidertuchstoffen, dem sog. Loden, der zu groben aber starken Werktagskleidern verarbeitet wird. Wie feinere Wäsche werden aber neuerdings auch leichtere, feinere Tuchstoffe oder Konfektionsanzüge gekauft.
3.
Die Waldwirtschaft
Nur
ein kleiner Anteil (6,9 %) des gesamten produktiven Areals entfällt
auf den Wald. Der Waldbestand beschränkt sich auf die tiefern
Gebiete der Gemeinde Tujetsch. Das oberste Becken von Milez ist
nicht nur wald-, sondern auch baumlos; es ist die typische Region
der Strauchheide, vor allem der Alpenrose.
Auch die zwei Becken von Tschamut und Selva sind fast waldlos bis zur östlichen Grenze, wo am Ausgang des Val Curnera die obersten mageren Bestände von Arven und Fichten anzutreffen sind. Auf der linken Talseite ist das erste Wäldchen der Crispausawald, der in jüngerer Zeit im Lawinenschutzwald von Selva eine Fortsetzung nach oben erhalten hat. Im untersten Becken, in der Ebene von Rueras-Sedrun stehen ganz vereinzelt Tannen und Ahorn. Ueber dem Becken treffen wir auf der linken Talseite ob Rueras Wald, der in verschiedene kleine Bestände aufgesplittert unter dem Namen Uaul Flurin bekannt ist (Uaul=Wald). Weiter talabwärts nimmt der Waldbestand immer mehr zu. Ob Sedrun befindet sich der Uaul Niregl, weiter unten schliesst der grosse Wald von Bugnei an.
Der schönste Wald ist der Uaul Surrein, der längs des ganzen Sedruner Beckens auf der rechten Talseite liegt, dichten schönen Bestand aufweist und bis zu 1890 m aufsteigt. Talabwärts folgt als zweiter geschlossener Wald derjenige von Cavorgia, der dann ohne Unterbruch übergeht in den langgestreckten Medelser Wald.
Der hauptsächlich waldbildende Baum ist die Fichte.
Seit Beginn der Siedlung sind grosse Veränderungen im Waldbestand vor sich gegangen. Es ist festgestellt worden, dass das ganze Tujetsch früher bis auf eine Höhe von über 2000 m bewaldet war. Pater Hager 83) setzt die Baumgrenze auf 2260 m an nach Ueberresten von Baumstümpfen, die er in den Torfmooren am Fusse des Badus aufgedeckt hat. Ebenso wurden Baumreste gefunden beim Bau der Oberalpbahn in einer Höhe von 2000 m. Placi a Spescha berichtet aus dem Jahre 1804 von einem Hospizgebäude bei Tschamut, das aus den letzten Ueberresten eines benachbarten Waldes aufgeführt war. Die heutige Waldgrenze liegt am nordexponierten Hang ungefähr bei 1800 m mittlerer Höhe, während sie am südexponierten Hang noch etwas höher steigt. Auf alle Fälle ist nachgewiesen, dass die obere Waldgrenze durch anthropogene Einflüsse eine Depression von 200 bis 300 m erlitten hat. Diese Depression von oben her ist aber jünger als die Waldvernichtung im Talgrund selbst, denn hier wurde zuerst gesiedelt und dabei der Wald gereutet, um Kulturflächen zu bekommen. Für die Tatsache des einstigen grossen Waldbestandes spricht auch der Name des Hofes Selva im obern Tujetsch, der seinen Namen heute zu Unrecht trägt. Vergleicht man den Waldbestand früherer Zeiten mit den heutigen Restwäldchen, so kommt die Waldverwüstung klar zum Ausdruck. Es besteht eigentliche Waldarmut heute (Abb. 2, 4). Für jedes Seitental gilt die Tatsache, dass es mehr Firn und Gletscher aufweist als waldbestandene Fläche. 84)
Die beiden Talflanken sind im Waldschlag nicht gleich stark hergenommen worden, was seinen Hauptgrund in der Exposition hat. Der südexponierte Hang ist mit den wenigen zitierten Ausnahmen waldlos. Der Wert des Waldes scheint früher infolge des Überflusses nicht zum Bewusstsein gekommen zu sein. Von unten herauf ist der südgerichtete Hang immer höher gerodet worden, um kulturfähiges Land, Acker- und Wiesboden zu gewinnen. Gerade der Ackerboden muss während der kurzen Vegetationszeit ein grösstmögliches Mass von Sonnenbestrahlung erhalten, um die Frucht zum Reifen zu bringen. Deshalb wird es einigermassen verständlich, dass der der Sonne zugerichtete Nordhang fast gänzlich vom Waldkleid entblösst wurde.
Für die künstliche Herabsetzung der obern Waldgrenze ist die Alpwirtschaft verantwortlich zu machen. Durch das Alppersonal ist zum Bau der Alphütten und Ställe, zur Feuerung usf. unmässig viel Holz geschlagen worden; es wurde direkter Raubbau getrieben, nur um die Alpweiden zu vergrössern. Eine Unmenge Holz wurde auch durch den Hausbau in der Talsohle verschwendet. Aber nicht nur der Mensch hat lange Zeit den Wald systematisch vernichtet, auch das Vieh wirkte hemmend auf das Leben des Waldes. Man kennt die sog. Verbissfichten, deren Name daher kommt, dass die Stämme, solange sie klein und zart sind, vom Vieh, insbesondere von den Ziegen stark benagt und dadurch in ihrer freien Entwicklung gehindert werden. Nach Untersuchungen von Fankhauser 85) kann es 40 bis 60 Jahre dauern, bis die auf solche Art und Weise geschädigten Bäumchen nur erst mit der Gipfelpartie den gefrässigen Mäulern der Ziegen entragen. Neben dem Nutzvieh sind in höherer Lage auch Wildtiere, wie Rehe und Gemsen, an der Schädigung des Jungwaldes beteiligt.
Auf die Holzverschwendung im Tujetsch ist von verschiedener Seite hingewiesen worden und speziell Spescha lässt sich in bitteren Worten darüber aus. 86) «Jeder konnte nach freiem Gutdünken im Wald schlagen und holzen, so viel er wollte; dabei gaben sie nicht acht auf den Nachwuchs, zerstampften und zerschleiften ihn rücksichtslos, nahmen im Uebermass Stämme heraus und schleppten sie nach Hause. Alle Gebäude im Tujetsch sind aus Holz gebaut, zum Ausbessern wird wieder Holz gebraucht, von der sonstigen Verwendung gar nicht zu reden. Man nahm Moos und Laub als Streue aus dem Waldboden, ohne daran zu denken, dass man damit den Wurzeln die schützende Decke, den Halt und die Nahrung entzog. Polizei 87), wache auf!» fasste Spescha seinen dringenden Appell zusammen. «Überlege deine Pflicht, kehre zur Haushaltungskunst zurück, damit deine Nachkommen, indem sie an Holzmangel leiden, nicht über Deine Unvorsichtigkeit ihren Fluch ergehen lassen!»
Seinen zündenden Aufruf unterstützt er durch praktische Vorschläge, wie dies und jenes Holz zu behandeln sei, welchen Nutzen man aus ihm zu ziehen habe, und wie es gepflanzt und gehegt werden soll. Er bringt schon dazumal (1800) den Vorschlag, dass die Aufsicht über die Wälder nicht einem Bauern zu vergeben sei, der in der Hauptsache Viehzucht treibe, sondern einem die Bedürfnisse eines Waldes von Grund auf kennenden Mann, der im Ausland eigens zu diesem Zwecke ernsthafte Studien gemacht habe, kurz, er bringt zum erstenmal die Idee des Forstberufes auf.
Spescha war überaus weitsichtig und ökonomisch veranlagt; gerade in der Bewirtschaftung und Behandlung des Waldes drückt er sich so eindeutig und kräftig aus, dass wir seine Schlussfolgerungen nicht auslassen wollen: «Man muss nicht immer mit dem Sprichwort der Faulenzer und Taugenichtse aufrücken und sagen, unsere Vorältern waren auch Leute, die lebten und doch nicht auf die Bepflanzung und Besamung der wilden Bäume und Stauden, auf eine geregelte Fällung und geordneten Transport des Holzes aus den Wäldern bedacht waren. Allein, was willst Du; dummer, fauler Esel, über einen Gegenstand das Urteil fällen, den Du so wenig begreifst und verstehst, als ein Lärchenstock im Walde. Wisse, dass nur Verpflanzung, Besamung, Schonung und Pflege der Wälder und eine wahre Polizei darüber den Nadelwald, das Laubholz und die Stauden in einem guten Zustand erhalten und in Rücksicht dessen die Einwohner befriedigen können.»
Die Waldungen teilen sich nach den Besitzverhältnissen und nach Zweckbestimmung in verschiedene Kategorien. Der Grossteil des Waldes ist im Besitz der Gemeinde Tujetsch, über dessen Bestimmung und Pflege die Gemeindeversammlung massgebend ist. Früher besassen auch ausserhalb der Gemeinde wohnende Personen Wald, sog. Privatwald; diese kleinen Anteile sind aber im Laufe der Zeit von der Talgemeinde zurückgekauft worden, so dass sich heute kein Wald mehr im Besitz fremder Hände befindet. Hingegen gibt es noch Privatwaldbesitz von Tujetscher Bürgern; auch haben sich verschiedene Familien zusammen Privatwald erworben, den man als Korporationswald bezeichnen kann. Die Korporationsgenossen teilen sich in die Verpflichtungen und in das Nutzungsrecht.
Eine besonders scharf umrissene Stellung nehmen die Lawinenschutzwälder ein; zusammenhängende und wirklich schutzbietende Bannwälder sind nur zwei vorhanden, ob Selva und Cavorgia. Diese Schutzwälder sind Gemeindegut.
Jede Familie hat einmal im Jahr Anspruch auf ein bestimmtes Mass Holz. Der Standort des zugeteilten Holzes wird durch das Los bestimmt, um keine Reklamationen wegen Hintansetzung aufkommen zu lassen. Die zu schlagenden Bäume werden vom Revierförster ausgesucht und bezeichnet. Dieses sog. Losholz findet nur Verwendung als Brennholz; für Bauholz muss eine besondere Schlagbewilligung bei der zuständigen Gemeindekommission eingeholt werden. Die Kommission entscheidet nach den Bedürlnissen der Gesuchsteller. Das Bauholz wird nicht gratis abgegeben, sondern muss nach bestimmten Preisansätzen gekauft werden; der Erlös fällt der Gemeindekasse zu. Wenn genügend Holz schlagreif ist, verkaufen die Tujetscher nach auswärts. In den letzten Jahren ist aber der externe Holzhandel stark zurückgegangen infolge Konkurrenzierung durch österreichische Holzeinfuhr. Der grösste Teil wird von der Gemeinde selbst, verbraucht, sei es als Brennholz oder als Bauholz für die Wohn- und Wirtschaftsgebäude, für Brücken, Einzäunungen, allerlei Gerätschaften, Telephonmasten usf.
Die Arbeit im Walde ist eine typische Saisonarbeit. Während der kurzen Vegetationszeit hat der Bauer alle Hände voll zu tun mit der Bestellung und Ernte der Äcker und des Wieslands; deshalb wird noch während der Dauer der Schneedecke, im spätern Frühjahr das zugeteilte Holz geschlagen und entrindet, über den Sommer an Ort und Stelle zur Trocknung liegen gelassen und erst im tiefen Winter, wenn der Schnee gute Schlefwege gestattet, heimgefahren. Im allgemeinen tragen heute die Bauern Sorge beim Schleifen; sie gehen mit den Pferden und Kühen oft sehr weite und steile Abhänge hinauf, um die Stämme so wenig als möglich «schneisen» zu müssen. Der Abtransport erfolgt auf kleinen Holzschlitten, wobei hie und da grosse Umwege eingeschaltet werden müssen. Neuerdings sorgt die Gemeindeverwaltung in umsichtiger Weise für gute Strässchen und Holzschlittwege, um den Heimtransport des Holzes zu erleichtern.
Heute befinden sich sowohl der Gemeinde- als auch der Privatwald in guter Pflege, und man scheut keine Mühe, den Waldbestand zu heben, um wenigstens teilweise wieder gutzumachen, was die Vorfahren hierin gesündigt haben. Kahlschläge und Raubbau sind neuerdings gesetzlich verunmöglicht; man nimmt im allgemeinen auf Waldverjüngung Bedacht, so dass Bäume jeden Alters in den Restwäldern stehen. Aber nicht nur dem Menschen ist Mässigkeit vorgeschrieben worden, auch die Tiere werden fürderhin dem Wald keinen Schaden mehr anhaben können; aller Jungwald wird sorglich eingehegt und gepflegt, so dass für eine ungehinderte Entwicklung des Nachwuchses gesorgt ist. Als wichtigstes Moment für die Tujetscher Waldwirtschaft ist ein grosses Projekt im Betrage von Fr. 150,000 anzusehen, das als Ziel die Wiederaufforstung des südexponierten linken Talhangs im Auge hat, jener Seite, die in früherer Zeit so stark unter der Waldverwüstung gelitten hat.
B. Die Siedlung
1.
Historisches
Über
den Beginn der Siedlung im Tujetsch 88) ist man im
unklaren. Im 7. Jahrhundert hat der hl. Sigisbert den Grundstein zum
Kloster Disentis gelegt 89) ; dem
Namen nach zu schliessen (Disentis - Desertinae) war die Landschaft
noch eine Wildnis. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich zur
Zeit des Römerreichs Kolonisten im Tujetsch niedergelassen haben,
denn Urseren und Tujetsch gehörten zum gleichen römischen
Verwaltungsbezirk. 90) Urkundlich erscheint
der Name Tujetsch zum erstenmal im Jahre 1205.91)
Nach Muoth ist das Tujetsch von drei Seiten her besiedelt worden. 92) Eine erste Einwanderung soll von Uri, möglicherweise vom Wallis ausgegangen sein; dafür sprechen deutsche Namen wie ze Mutt 93) (Tschamut), Müren, Bolliematte, Platte, im Holz (später Selva) und Bluel, ebenso Urner Geschlechtsnamen wie Gamma. Diese Einwanderung erfolgte vom Oberalp her und schob ihre Ausläufer bis zur Burg Pontaningen (Pultingen) und Rueras (Ryfaires - in der Rüfe) vor. Auch vom Val Medel und vom Tessin her hat Einwanderung stattgefunden; Zeugen davon sind die Geschlechtsnamen de Medell, de Curaglia, de Perde, de S. Gall, Soliva, Zanetti usf. Endlich ist von Disentis her eine Besiedlung des Tujetsch erfolgt und hat sich vor allem im untern Talteil ausgewirkt; Sedrun 94), Surrein, Cavorgia 95) und Bugnei 96) sind spätromanische Namen und bestärken die Annahme, dass die erste Besiedlung vom Oberalp her erfolgt sei. Damit steht allerdings in gewissem Widerspruch, dass das Urserental seit alter Zeit dem Abt von Disentis als Lehen zugeteilt wurde. 97) Diese durch Urkunden belegte Tatsache spricht dafür, dass das Tujetsch als Verbindungsstück schon bekannt und wahrscheinlich bereits besiedelt war.
2.
Die Höfe
Aus
den Urkunden zu schliessen, wurde anfänglich in Einzelhöfen
gesiedelt 98) ; in einem
Jahrzeitbuch aus der Mitte des 15. Jahrhunderts sind 66 Hofnamen
aufgezeichnet. Ein Teil der Namen wurde durch den Sprachgebrauch so
stark verändert, dass sich die Lage der betreffenden Höfe nicht mehr
ausfindig machen liess; der grössere Teil, 45 Einzelhöfe und
Hofgruppen, konnten kartographisch festgehalten werden.
99)
Die Grosszahl der Höfe lag auf dem flachen Aufschüttungsboden des
Sedruner Beckens in 1400 m Höhe (Abb. 2); Relief und Bodenart waren
wie geschaffen für Siedlung und Wirtschaft. Das Naturbild der
Landschaft ist durch den Eingriff des Menschen weitgehend
umgestaltet worden. Der ursprünglich zusammenhängende Wald des
Talgrundes wurde durch Rodung aufgelockert und verschwand
schliesslich ganz. Auch die an den Talboden anstossenden, leicht
geneigten Abhänge wurden bis in eine Höhe von 1700 m vom Wald
entblösst und zu Siedlungsplätzen und Wirtschaftsflächen
umgestaltet.
Eine zweite Gruppe von Einzelhöfen lag am Ausgang der Seitentäler Nalps und Gierm über dem rechtsseitigen Rheinufer. Leichtgewellte Terrassen, die von den Gletschern der beiden Seitentäler geschaffen wurden, boten gute Siedlungsplätze. Diese Höfe lagen zwischen 1300 und 1450 m Meereshöhe.
Eine letzte Gruppe von Hofsiedlungen befand sich im obern Teil des Haupttals, in der Umgebung der heutigen Weiler Selva und Tschamut. Wegen der grössern Meereshöhe (1650 m) waren die klimatischen Verhältnisse nicht mehr so günstig für die Besiedlung, wie im Becken von Sedrun; es sind nur fünf Höfe bekannt. Der oberste Hof lag 1740 m hoch. Neben der topographischen Lage interessiert vor allem die Lage zu den Wirtschaftsflächen und zum Verkehr.
Jeder Hof besass eigenes Acker- und Wiesland, sowie eine Heimweide 100), die allerdings im Frühling und Herbst dem Zwang der gemeinschaftlichen Feldweide, d. h. der Gemeinatzung unterlag. 101) Im Gegensatz zu den heutigen Verhältnissen lagen die Wirtschaftsflächen jedes Einzelhofes in nächster Umgebung. Dies ist leicht zu verstehen aus dem Vorgang der Besiedlung. Weiter oben wurde angeführt, dass der Wald fortschreitend vernichtet wurde, um Platz für die Ansiedlung zu schaffen. Dabei wurden natürlich Wirtschaftsflächen in der Nähe des Siedlungsplatzes geschaffen und bearbeitet. Es entstanden somit arrondierte Hofbetriebe, die sich gut und rationell bewirtschaften liessen.
Wenn sich das Hofsystem für die Bewirtschaftung als günstig erwies, so wirkte es nachteilig auf den Verkehr. Grosse Weglängen zwischen den einzelnen Höfen und zwischen den Höfen und der Durchgangsstrasse erschwerten den freien Verkehr. Schlechte Pfade und die Schneemengen des Winters waren in grossem Mass verkehrsfeindlich; die Bewohner der obersten Höfe waren wochenlang auf sich selbst angewiesen. Im ganzen war also die Verkehrslage der Einzelhöfe recht ungünstig.
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts vollzog sich ein Wechsel in der Siedlungsweise. Die hochgelegenen Höfe wurden verlassen; eine Familie nach der andern siedelte sich in der Talsohle neu an. Nähere Zeitangaben über das Verlassen der Höfe sind nicht bekannt; die letzten Einzelsiedlungen am Ende des 18. Jahrhunderts waren Nacla, Nislas, Cadanal, Mila, Mulinatsch, Perdatsch, Salins und Giuv. Giuv wies noch im Jahre 1768 fünf Haushaltungen mit 22 Personen auf. 102) Von den 66 Hofsiedlungen bestehen zur Zeit (1927) noch deren zwei: Dieni bei Rueras und Foppas oberhalb Surrein.
Die Höfe und Huben der Talsohle nahmen infolge des Zuzugs aus den höhergelegenen Einzelsiedlungen immer mehr an Grösse zu und erweiterten sich zu Weilern und Dörfern. 103) Die Umsiedlung hatte sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts grösstenteils vollzogen. Der grössere Teil der verlassenen Höfe wurde zu Maiensässen und Winterstallungen gemacht und vom Talboden aus bewirtschaftet; ein kleinerer Teil zerfiel und geriet in Vergessenheit.
Die Gründe für den Wechsel in der Siedlungsweise lassen sich nur vermuten; bestimmte Aufzeichnungen für das Verlassen des einen oder andern Hofes sind nicht vorhanden. Wahrscheinlich waren die klimatischen Verhältnisse bestimmend für die Preisgabe der höchsten Höfe. Je höher die Höfe lagen, um so länger dauerte die Schneedecke, und um so kürzer war die Vegetationszeit. Dem Ackerbau waren dadurch sehr enge Grenzen gezogen, denn die Hochäcker brachten nicht die Erträge der Äcker im Talgrund hervor. Ferner waren die Verkehrsverbindungen der hochgelegenen Höfe mit der Talsohle recht schwierig und mögen zum Verlassen beigetragen haben. Auch waren einzelne Siedlungen am Rheinlauf gegenüber Hochwasser ungünstig gelegen, andere, z. B. am Ausgang des Val Mila, waren von Lawinen bedroht und mussten mangelnden Schutzes wegen verlassen werden. Wahrscheinlich haben auch die politischen Unruhen des 18. Jahrhunderts, während welcher Zeit das Tujetsch öfters Kriegsschauplatz war 104), einen engern Zusammenschluss der Bevölkerung erwirkt.
3.
Weiler und Dörfer
Die
früheren Höfe Bugnei, Camischolas, Gonda, Rueras, Sedrun und Zarcuns
im untersten Talbecken, Cavorgia und Surrein am Ausgang des Tal
Nalps und Selva und Tschamut im obern Teil des Haupttals haben sich
durch den Zuzug aus den hochgelenenen Siedlungen stark erweitert und
den Charakter von Weilern und Dörfern (Sedrun und Rueras)
angenommen. Die politische Organisation des Tales hat sich durch die
Renderung in der Siedlungsweise nicht verändert. Alle ursprünglichen
Hofsiedlungen bildeten zusammen die Nachbarschaft Tujetsch.105)
Nach dem Zusammenschluss zu Dorfverbänden, und nachdem sich das Tal
von der klösterlichen Territorialherrschaft frei gemacht hatte, lag
die Aufteilung, der Talschaft in die verschiedenen Dorfmarken nahe,
wie sie mit wenigen Ausnahmen im Kanton Graubünden durchgeführt
wurde.106) Diese Aufteilung in Markendörfer wurde aber
nicht vollzogen; das Tujetsch blieb eine geschlossene Talgemeinde.
Die topographische Lage der heutigen Siedlungen ist nach Bodenform und -unterlage recht verschiedenartig; Sedrun, Gonda, Camischolas und. Zarcuns liegen auf den leicht geneigten Schuttböden der linken Talseite im 1400 m Höhe. Rueras steht in einer Senkung auf anstehendem Fels, der durch den Bach aus dem Val Mila blossgelegt wurde. Die fünf vorgenannten Siedlungen liegen inmitten der besten Ackerböden des Tals; die Siedlungsdichte ist hier am grössten; ungefähr drei Viertel der Gesamtbevölkerung wohnen in diesem untersten Talbecken (Abb. 2,4,14).
Der Weiler Bugnei (Abb. 15) ist ebenfalls zum Sedruner Becken zu rechnen, obwohl er nicht im Talboden, sondern am linksseitigen Hang liegt, der das Becken abschliesst. In ähnlicher Lage befindet sich Selva (1535 m) im obern Talteil; die Siedlung schmiegt sich über dem linken Rheinufer eng an den leicht geböschten Hang an. Die oberste Siedlung des Tujetsch Tschamut auf 1671 m Meereshöhe, erhebt sich hoch über Selva auf der Rundhöckerbastion, die sich durch Gletscherarbeit am Fuss des Piz Cavradi gebildet hat (Abb. 16). 107)
Auf der rechten Talseite, die nach Norden exponiert ist, stehen nur zwei Siedlungen: Surrein und Cavorgia. Surrein liegt auf dem Sporn der vom Gletscher des Haupttals und vom Nalpsgletscher herauspräpariert worden ist, Cavorgia auf einer Terrasse unterhalb der Mündungsschlucht des Val Nalps. Die übrige rechte Talflanke ist nie besiedelt worden, da sie ziemlich steil zum Rheinlauf abfällt (Abb. 9).
Eine Siedlung von nur kurzer Lebensdauer war Sut Crestas, am Fuss ,der Rundhöckertreppe von Tschamut gelegen. Sut Crestas (unter dem Grat) verdankt seine Entstehung dem grossen Lawinenunglück, das Selva im Jahre 1808 betraf. 108) Nach diesem Unglück, das viele Menschenleben kostete, wurde der Vorschlag gemacht, ungefähr 500 m talaufwärts eine lawinensichere Wintersiedlung zu bauen. Der Vorschlag wurde aufgegriffen und verwirklicht; während einiger Jahre siedelten die Selvaner zur Winterszeit nach Sut Crestas um. Später wurde über Selva ein Lawinenschutzwald aufgeforstet, der nach Jahrzehnten ein Bleiben im Winter ermöglichte. Langsam gab eine Familie nach der andern ihre Winterwohnung in Sut Crestas auf, und heute denkt kein Mensch mehr daran, im Winter umzusiedeln; die Leute fühlen sich sicher, denn der Bannwald hat sich bis zur heutigen Stunde bewährt. Für den Notfall bestehen in Selva Kellergewölbe, die beim Niedergang von Lawinen aufgesucht werden. Die Wohnhäuser in Sut Crestas wurden abgebrochen und andernorts wieder aufgerichtet; je eins in Selva und Zarcuns, zwei in Rueras, und eines fand sogar den Weg aus dem Tujetsch nach Somvix, das mehr als 25 km von Sut Crestas entfernt ist. Ein einziges Wohnhaus ist geblieben und ebenso das Schulhaus, das heute noch von Selva und Tschamut aus benutzt wird; die Schulkinder beider Orte teilen sich somit in den Schulweg.
Der vorliegende Fall ist ein Beispiel für Neusiedlungen, bedingt durch die Ungunst der lokalen Siedlungslage.
Für die topographische Lage der Siedlungen kann man folgende Einteilung gelten lassen:
| 1. Talbodensiedlung | Rueras, Sut Crestas (verlassen) |
| 2. Schuttkegelsiedlung | Sedrun, Gonda, Camischolas, Zarcuns |
| 3. Gehängesiedlung | Bugnei, Selva |
| 4. Terrassensiedlung | Cavorgia |
| 5. Spornsiedlung | Surrein |
| 6. Rundhöckersiedlung | Tschamut |
Die Lage der Tujetscher Siedlungen zu gewissen Gefährdungsmomenten ist im allgemeinen günstig. 109) Es wurde früher darauf hingewiesen, dass ein kleiner Teil der Siedlung Rueras in latenter Lawinengefahr schwebt; die übrigen Siedlungen sind lawinensicher. Auch besteht keine Hochwassergefahr, da alle Siedlungen hoch über dem Rhein liegen. Hingegen wird sich der Wildbach Drun mit der Zeit als siedlungsfeindlich erweisen, sofern keine Korrektion seines Bettes vorgenommen wird. Durch das fortwährende Nachrutschen der Steilufer sind einige Häuser der Siedlung Gonda in gefährliche Nähe des Wildbachs gerückt worden und drohen bei fortschreitender Seitenerosion des Baches abzustürzen.
Durch den Siedlungswechsel von Hof zu Weiler und Dorf hat sich die Lage der Wirtschaftsflächen zur Siedlung stark verschoben. Der Zusammenschluss zu grösseren Siedlungsverbänden wirkte sich in verschiedenen Beziehungen, z. B. für den Verkehr, günstig aus; aber für die Bewirtschaftung der Äcker und Wiesen war er von Nachteil. Beim Einzelhofsystem lagen die Wirtschaftsflächen in nächster Nähe des Wohnhauses und konnten ohne Zeitverlust bearbeitet werden. Diese rationelle Arbeitsweise hörte auf mit der Aufgabe des Hofes; die Hochäcker mussten vom Talboden aus besorgt werden, wodurch ein grösserer Zeitaufwand bedingt wurde. In grösserer oder kleinerer Entfernung vom neuen Wohnsitz wurden weitere Parzellen zugekauft; auch gelangten durch die Erbschaftsteilung ganz verstreut liegende Landstücke in den Besitz der Bauern. Es wurde bereits im wirtschaftlichen Teil darauf hingewiesen, dass sich der Grundbesitz einzelner Bauern aus über hundert Parzellen zusammensetzt. Es ist leicht zu verstehen, dass die zum Teil grossen Weglängen vom Wohnsitz zu den Wirtschaftsflächen den Betrieb unrationell gestalten; so benötigen z. B. Sedruner Bauern, die Grundbesitz in der Nähe von Tschamut haben, bis zu zwei Stunden für den einfachen Weg. Der Zusammenschluss der Bewohner in Weiler- und Dorfsiedlungen hat also im allgemeinen eine Erschwerung der Betriebsweise mit sich gebracht.
Im Gegensatz dazu hat die Verkehrslage der Neusiedlungen im Talboden stark gewonnen; viele Höfe wurden gerade wegen der ungünstigen Verkehrslage verlassen. Am günstigsten liegen die Siedlungen des untersten Talbeckens; mit Ausnahme von Bugnei stehen alle Weiler an der Oberalpstrasse. Weniger günstig liegen Selva und Tschamut, da sie 6-7 Kilometer von Pfarrkirche und Schule 110) entfernt sind. Der Verkehr mit dem untern Talteil erfolgt auf der Oberalpstrasse. Surrein und Cavorgia liegen abseits von der Durchgangsstrasse, durch den Rheinlauf von ihr getrennt. Die Verbindung mit dem Pfarrort Sedrun erfordert einen Abstieg und Aufstieg von ungefähr 80 Metern.
Neben der Lage der Weiler muss auch ihre Form Erwähnung finden. Es lassen sich zwei Formtypen unterscheiden: die Strassensiedlungen und Haufensiedlungen.
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Reine Strassensiedlungen sind nur zwei vorhanden: Camischolas und Rueras. In Camischolas stehen alle Wohnhäuser ohne Ausnahme an der Strasse; hingegen richtet sich die Wohnfront der südlich der Strasse gelegenen Häuser zum Teil nach Süden, d. h. sie ist von der Strasse abgewendet. Rueras könnte auf den ersten Blick als Haufensiedlung angesehen werden, ist aber Strassendorf, das sich allerdings nach zwei verschiedenen Strassen richtet. Der ältere Dorlteil erstreckt sich längs des alten Oberalpweges; die neuern Häuser stehen an der Oberalpstrasse.
Bugnei, Gonda, Sedrun, Zarcuns, Selva und Tschamut auf der linken, Cavorgia und Surrein auf der rechten Talseite sind Haufensiedlungen. Allen diesen Siedlungen liegt kein bestimmter Bauplan zugrunde; sie haben sich aus den früheren Höfen durch regellose Angliederung entwickelt. Die alten Kerne dieser Siedlungen lassen sich nicht nachweisen, da die Urkunden keine Anhaltspunkte über die genaue Lage der einstigen Höfe ergeben. Wahrscheinlich standen sie am alten Oberalpweg (Abb. 2,14,15,16).
4.
Das Wohnhaus
Das
Tujetscher Bauernhaus (Abb. 12) hat Ähnlichkeit mit dem Haustypus
des Oberwallis; es wird nach dem Prinzip des Ständerbaus erstellt.
Über einem steinernen Fundament erheben sich die Hauswände aus
Balken Von quadratischem Querschnitt, die horizontal
übereinandergefügt und durch lotrechte Balken versteift sind. Auf
der Innenseite werden die Balken durch Holzgetäfel verkleidet,
teils um die Räume wohnlicher zu gestalten, vor allem aber um die
Luftzirkulation zu erschweren. Auch die Aussenwände werden zum
Schutz gegen Wind, Regen und Kälte mit Schindeln überdeckt,
insbesondere die nach S und W exponierten.
Die Art der Bedachung ist je nach dem Alter des betreffenden Gebäudes verschieden. Die alten Wohnhäuser sind noch mit Holzschindeln gedacht, die durch flache Steine beschwert werden. Ganz selten trifft man noch Gneisplattenbelag an. Alle neueren Gebäude und alle diejenigen, deren Dächer repariert werden mussten, tragen Ziegel- oder Blechbedachung 111). Beide Arten schützen das Hausinnere besser und bannen vor allem die Feuersgefahr, aber sie sind nicht bodenständig; insbesondere tragen die Blechdächer eine fremde Note in das Dorfbild und beeinträchtigen die Naturfarben des Hauses (Abb. 13).
Die Wohnhäuser sind fast durchwegs zweistöckig. Im untern Stockwerk befinden sich 1 bis 2 Wohnräume, die Küche mit kleiner Vorratskammer und unter Umständen Schlafzimmer; das obere Stockwerk enthält Schlafräume, eventuell Speicher. Diese Einteilung der Räumlichkeiten gilt nur für das Einfamilienhaus; sie ändert, sobald zwei Familien das gleiche Haus bewohnen, was allerdings nicht häufig vorkommt. In diesem Fall bewohnt jede Familie ein Stockwerk für sich, in dem Wohn- und Schlafräume, aber auch Küche und Speicher sich befinden, oder es sind zwei Einfamilienhäuser unter dem gleichen Dach zusammengebaut; die Familien hausen dann nicht über-, sondern nebeneinander.
Die Front der Wohnhäuser ist meistens gegen SO, S und SW gerichtet, um recht viel Sonnenwärme und Licht aufzunehmen. Es bestehen aber Ausnahmen, die durch lokale Verhältnisse bedingt sind, z. B. durch Bodenformen, die eine Südfront nicht zu lassen, oder durch Richtung der Wohnfront nach der Strasse, wobei auf die Insolation verzichtet wird. Die Fenster sind klein, durchschnittlich von 80 cm Höhe und als Reihen- oder Zeilen- Fenster angeordnet; durch das Aneinanderfügen von zwei oder drei Fensterstöcken dringt das Licht in einem breiten Band in die Wohnräume, im Gegensatz zu den städtischen Fenstern, die vor allem in der Höhenausdehnung Licht durchlassen. Der kleinere Teil der Häuser trägt Fensterladen, hingegen werden im Winter zum Schutz gegen die Kälte allgemein Vorfenster eingefügt. Die weissgemalten Fensterstöcke leuchten aus weiter Ferne aus den sonnverbrannten Hauswänden und verleihen den Häusern einen eigenartigen Reiz, besonders wenn sich zu den Hausfarben das leuchtende Rot der Geranienstöcke gesellt, die im Tujetsch mit Vorliebe als Hausschmuck Verwendung finden.
Vielfach ist auf der Westseite des obern Stockes eine Laube angebracht, die als Trocknungsgelegenheit für Wäsche dient und an die Lauben der Bernerhäuser erinnert. Diese Lauben bilden mit ihren kunstvoll gesägten Einsatzstücken fast die einzige ornamentale- Zierde des Hauses. Sie sind vor dem Regen durch ein stark vorspringendes Dach geschützt; durch die einseitige Herabziehung des Daches wird allerdings die symmetrische Form oft gestört. Die neueren Häuser tragen die Laube selten.
Ornamente an den Häusern sind sehr selten. Das Hauptaugenmerk der Bewohner richtet sich in erster Linie auf die innere Ausstattung, auf die Wohnlichkeit, und schenkt dem Aussehen weniger Beachtung. An einigen Häusern sind auf den Querbalken sog. «Klammern» von folgender Form eingeritzt:

Wie weiter oben bemerkt, werden vor allem Blumen als Hausschmuck
verwendet.
Es ist genügend bodenständiges Baumaterial für den Hausbau vorhanden. Alle Wohnhäuser haben gemauerten Unterbau; einzelne besitzen auch gemauerte Obergeschosse, aber die Mehrzahl der Bauernhäuser ist aus Holz aufgeführt. Als Material für den steinernen Unterbau verwendet man Granit- und Gneisblöcke, die ohne grosse Kosten in beliebiger Anzahl und Grösse aus den Seitentälern geholt werden. Blöcke gleicher Grösse werden, kaum behauen, aufeinandergelegt und mit Mörtel verkittet und verstrichen. Für den Oberbau verwendet man das Holz der Wälder. Ursprünglich standen grosse Holzmengen zur Verfügung, mit denen nicht gespart wurde; vor allem war das Fichtenholz als Baumaterial beliebt, da es sich gut bearbeiten liess. Placi a Spescha war ein entschiedener Gegner der Holzbauten; er sagte ihnen hygienische Minderwertigkeit, Licht- und Luftmangel und Baufälligkeit nach. Seine diesbezüglichen Bemerkungen können nicht in vollem Umfang ernst genommen werden, denn in den Holzhäusern lässt sich ganz angenehm leben; mit der Baufälligkeit ist es nicht weit her, denn heute noch stehen Häuser in Sedrun, die zu Speschas Zeiten (1800) erbaut wurden. Seine Auslassungen haben aber einen tiefern Grund: er fürchtete für den Waldbestand, und in dieser Hinsicht kann man seinen Widerstand gegen die Holzbauten verstehen.
Dem bisher beschriebenen Typus des Tujetscher Bauernhauses reihen sich, moderne, in Stein aufgeführte Häuser an, die besondern Zwecken dienen. Es sind dies in erster Linie die Hotels und Gasthöfe, an die höhere Ansprüche gestellt werden, als an die einfachen Bauernhäuser; die Grössen- und Heizungsverhältnisse, der Komfort usw. bedingen den Steinbau. Schulhaus, Mühlen und zwei kleine Elektrizitätswerke sind ebenfalls Steinbauten, auch wenige Privathäuser.
Die Besitzverhältnisse der Häuser sind eigenartig. So viele Familien in einem Hause wohnen, so viele Hausbesitzer sind in der Regel vorhanden. Dabei können die einzelnen Flügel des Hauses verschiedene Besitzer haben oder auch übereinanderliegende Stockwerke. Die geltenden Erbschaftsgesetze bewirken die Aufteilung jedes hinterlassenen Gutes nach der Anzahl der Kinder. Wenn eines der Kinder nach dem Tod der Eltern das Haus allein bewohnen will, muss es den übrigen Erbberechtigten den Hausanteil abkaufen.
Das Mietverfahren ist nicht im Gebrauch. Jeder besitzt sein eigenes Haus oder mindestens einen Hausanteil. Vorübergehend bestehen allerdings Ausnahmen, so z. B. bei der Heirat eines Sohnes, der Miete bezahlt, bis er im Besitz eines eigenen Heimwesens ist.
5.
Die Wirtschaftsgebäude
Ausser
den ständig bewohnten Häusern des Talbodens sind gewisse
Wirtschaftsgebäude temporär besiedelt; es betrifft dies die
Sennhütten, Maiensässengebäude und bewohnbare Viehställe.
Diese Gebäude liegen bis 600 m über den ständigen Siedlungen; die obersten befinden sich ungefähr auf 2000 m Meereshöhe und sind 2 bis 3 Stunden von den Weilern entfernt.
Sennhütten und Gebäude auf den Maiensässen besitzen ein steinernes Fundament und hölzernen Oberbau wie die Wohnhäuser im Tal, sind aber bedeutend einfacher gebaut. Sie sind in der Regel einstöckig; die innere Einteilung beschränkt sich auf zwei Räume, einen Arbeitsraum für die Verarbeitung der Milch und einen Wohnraum, der gleichzeitig als Schlafstätte dient. Einzelne hochgelegene Viehställe, vielfach ganz aus Stein erstellt, enthalten einen kleinen Bretterverschlag, der als Nachtlager benutzt wird.
Die Sennhütten dienen dem Alppersonal während der ungefähr 70tägigen Alpzeit vom Juli bis September als Unterkunftsräume. Maienässengebäude und bewohnbare Viehställe sind vor und nach der Alpzeit bewohnt, dienen aber auch während des Winters als Schlafstätten, um den beschwerlichen Verkehr zwischen den Talsiedlungen und den weit entfernten Standplätzen des Viehs nach Möglichkeit zu erleichtern.
Als reine Wirtschaftsgebäude sind die Heimställe und Heustadel zu bezeichnen. Ihre Lage zu den Wohnhäusern ist ausserordentlich mannigfaltig. Bald sind Wohnhaus, Heuschober und Stall zum Dreisässenhaus zusammengebaut, bald ist nur der Stall oder der Heustadel am Wohnhaus angebaut; oder das Wohnhaus steht getrennt neben zusammengebautem Stall und Stadel; endlich stehen alle drei Gebäude getrennt. Es lässt sich also keine Einheitlichkeit in der Lagebeziehung feststellen.
Ausser den Ställen und Heustadel, die in der Nähe der Wohnhäuser stehen oder daran angebaut sind und die man als Heimställe und -stadel bezeichnen kann, gibt es solche, die oft stundenweit vom Wohnsitz entfernt sind. Das Heu von entlegenen Grasplätzen wird in der Regel nicht im Heimstadel aufbewahrt, sondern an Ort und Stelle in kleinen Heustadel gelagert. Um den mühsamen Heutransport nach dem Talboden umgehen zu können, wurden Viehställe in die Nähe dieser Grasplätze gebaut. Sobald die Heustadel in der Umgebung eines Stalles ausgefressen sind, zieht das Vieh in einen andern Stall um und gelangt erst gegen den Frühling in die Heimställe.
Sowohl die Heimställe als auch die Ställe, die über den ständigen Wohnplätzen liegen, sind gemauert und mit Schindeldächern gedeckt; gewöhnlich sind sie einräumig. Die Stadel für Heu und Streue sind fast ausschliesslich aus Holz gebaut; entrindete Baumstämme werden nach Art des Blockbaues übereinandergetügt, wodurch das Innere gut durchlüftet und das Heu vollständig getrocknet wird (Abb. 10, 14).
Aus dem vorstehenden ergeben sich bereits Schlüsse auf die Besitzverteilung und Benutzung der Wirtschaftsgebäude. Jeder Bauer, der Grossvieh züchtet, besitzt neben dem Heimstall und den Heimstadel Ställe und Heustadel, die zum Teil hoch über dem Wohnsitz liegen. Ihre Zahl und Grösse ist abhängig von der Grösse des Viehstandes. Unter Umständen teilen sich zwei oder drei Bauern in den gleichen Stall oder Stadel; in diesem Fall ist der Innenraum nach der Zahl der Nutzniesser abgeteilt. Sennhütten und Maiensässengebäude befinden sich im allgemeinen im Besitz der betreffenden Alpgenossenschaft.
1.
Verkehrsverhältnisse
des Haupttals
Es
bestehen keinerlei schriftliche Anhaltspunkte aus früherer Zeit über
die Grösse und Bedeutung des Verkehrs über den Oberalppass, denn als
Transitweg hat die Oberalpstrasse nie grosse Bedeutung gehabt. Zur
Römerzeit, zur Zeit der deutschen Kaiser und bis ins späte
Mittelalter bildeten vor allem die N - S gerichteten Bündnerpässe
die Verkehrsadern des Handels zwischen der Schweiz und den
schweizerischen Randstaaten 112); der W - O gerichtete
Übergang der Oberalp besass nur lokale Bedeutung, analog dem
Furkapass auf der Gegenseite des zentral gelegenen Urseren Beckens.
Ob der Oberalppass den Römern bekannt war, ist nicht Festgestellt,
aber als wahrscheinlich anzunehmen, da Urseren und Rheintal zum
gleichen römischen Verwaltungsbezirk gehörten .113)
Später ist das Urserental dem Kloster Disentis als Lehen
zugeteilt worden 114), was wahrscheinlich einen regern
Verkehr zwischen Lehensherr und Untertan ins Leben rief, der aber
nicht über die Bedeutung eines Lokalverkehrs hinausging, da Urseren
als ringsum abgeschlossenes Hochtal für den Handel in keiner.
Beziehung geeignet war. Wohl hat hie und da über Furka und Oberalp
ein durchgehender Verkehr vom Genfersee zum Bodensee stattgefunden
115); aber die Strassen des Mittellandes eigneten sich
für, die Handelsfuhren besser als die Passwege, so dass die direkte
Route über die zwei Pässe nach Möglichkeit umgangen wurde.
Infolge der RelieFgestaltung hat sich der Weg über die Oberalp auf der linken Talseite gehalten; die flachen Aufschüttungsböden der Wildbachkegel begünstigten den Durchgang, so wie sie später die Siedlung begünstigt haben. Mit dem Wachstum der einzelnen Höfe wurde der Passweg gleichzeitig Hauptverkehrsweg zwischen den einzelnen Siedlungen. Dieser alte Weg ist im Tujetsch heute noch an verschiedenen Stellen zu erkennen. Die Weganlage war, im Gegensatz zu den heutigen Passstrassenanlagen, die durch Kunstbauten verschiedener Art eine möglichst gleichmässige Steigung erhalten, stark an die lokale Reliefbeschaffenheit gebunden. Steigungen und Gegensteigungen waren in grosser Zahl vorhanden; jeder Wassereinschnitt bedingte ein Absteigen des Weges; Schluchten wie die Talenge unterhalb Selva zwangen den Weg zur Umgehung in die Höhe. Ums Jahr 1800 116) scheint der damalige Oberalpweg noch nicht fahrbar gewesen zu sein. Placi a Spescha legte seinen Mitbürgern den Ausbau des Weges zu einer Fahrstrasse nahe, von der er sich eine Belebung des Transitverkehrs mit der Westschweiz versprach. Aber die Gemeinde schreckte vor den Kosten zurück, um so mehr, als sich mit dem Ausbau des Weges zu einer Strasse die Erstellung von Hospizen verbunden hätte. Erst in den Jahren 1862 bis 1863 erhielt das Tujetsch eine gute Fahrstrasse von 4,2 m Breite 117), deren Erstellung vom Kanton übernommen wurde. In leichter Steigung von Disentis aus gewinnt die Strasse den Sedruner Talboden, den sie in fast horizontaler Richtung bis zur Talenge von Selva durchzieht. Um keine Gefällsbrüche zu erleiden, ist sie gezwungen, die Einschnitte der Bäche aus den Seitentälern mitzumachen, d. h. sie springt jeweils ein. Daher erklärt sich die vielfach gewundene Strassenführung auf dem sonst flachen Gelände. Durch Sprengung des Felssporns an der Talenge unterhalb Selva und durch Anlegen von Serpentinen bei Surpalix bis zur Passhöhe konnte die gleichmässige Steigung der Strasse beibehalten werden. Bei Rueras und Selva, die beide in Senkungen liegen, führt die neue Strasse oberhalb der Siedlungen vorbei, hingegen ist der alte Oberalpweg, der mitten durch die Dörfer führte, an beiden Orten gut sichtbar. An Stelle der früheren Holzbrücken sind massive steinerne Brücken getreten (Abb. 8).
Interessant war das Verhalten der Tujetscher Bevölkerung beim Bau der neuen Strasse; es waren merkwürdigerweise die ältern Leute, die das Unternehmen freudig begrüssten, während die jungen dem Strassenbau skeptisch und abweisend gegenüberstanden, wegen den Enteignungen für ihre Felder und Wiesen fürchteten und sich von der Verkehrsverbesserung wenig Nutzen versprachen.118)
Die neue Strasse erleichterte den Verkehr weitgehend. Sowohl der Lokalverkehr innerhalb der Talschaft als auch der Fernverkehr von und nach dem untern Rheintal und Urseren vergrösserten sich stetig. Die Landschaft wurde leicht zugänglich für die Errungenschaften des Mittellandes, so dass eine allgemeine Steigerung der Lebenshaltung einsetzte. Postkutschen vermittelten den Fernverkehr von Chur ins Reusstal und nach dem Wallis und brachten Leben und Menschen ins Tujetsch. Auf Grund dieser Verkehrszunahme entstanden Posthäuser, Schmieden und Gasthöfe zur Aufnahme der Reisenden. Neben den Kaufleuten wurde die Strasse immer mehr von Touristen befahren und begangen.119) Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes im Mittelland trat der Geschäftsverkehr über die Alpenpässe, im besonderen über den Oberalppass, immer stärker hinter dem Touristenverkehr zurück.
Ein wichtiges Moment in der Tujetscher Verkehrsgeschichte bildete der Bau der Furka-Oberalpbahn, der im Jahre 1911 begonnen wurde: Mit dem Jahr der Betriebseröffnung fiel der Ausbruch des Weltkriegs zusammen, der in der Folge das grosse Unternehmen, das aus französischem Geld finanziert wurde, dem Ruin entgegenführte. Die Bahn wurde als Touristenbahn projektiert; es sollte eine rasche Verbindung geschaffen werden zwischen Ost- und Westschweiz, zwischen den Fremdenkurorten im Oberwallis und dem bündnerischen Fremdengebiet im Engadin. Gleichzeitig sollten diese beiden Gebiete durch das Mittelstück der Bahn im Urserental mit der Nord- und Südschweiz (Andermatt, Göschenen) in enge Verkehrsverbindung gelangen. Um den Ansprüchen einer Touristenbahn zu genügen, wurde das Geleise womöglich auf der Höhe geführt; die Untertunnelung der Furka und der Oberalp kam also nicht in Frage, denn man wollte die Fahrt für die Reisenden möglichst genussreich gestalten.
Während der Kriegs- und Nachkriegszeit ging der Bahnkörper immer mehr dem Zerfall entgegen, und es bedurfte langer, mühevoller Unterhandlungen, bis schweizerisches Kapital 120) die Inbetriebsetzung dieser Alpenbahn im Jahre 1926 ermöglichte. Das Tujetsch ist damit relativ billig zu einer Eisenbahn gekommen. Die Gemeinde hatte ursprünglich keine Ausgaben für den Bau gemacht, die Enteignungen sind von der französischen Finanzgesellschaft gut bezahlt worden.
Das Trace der Bahn im Tujetsch folgt im allgemeinen der neuen Strassenanlage auf der linken Talseite. Alle Bacheinschnitte der Seitentäler werden durch Viadukte überbrückt (Abb. 8); auf den flachen Schwemmfächern des Sedruner Beckens ist Adhäsionstrieb möglich, hingegen erfordern die starken Steigungen des obern Talteils Zahnrad und Zahnstange. Die relativ geringe Höhe des Oberalppasses (2046 m) erleichtert nicht nur den Strassenverkehr, sondern wirkt sich auch in hohem Mass günstig aus für den Bahnbetrieb.
Die zwei ersten Betriebsjahre haben einen regen Durchgangsverkehr gezeitigt. Während der Sommermonate verkehrten täglich je vier Züge von Disentis durch das Tujetsch nach Andermatt und zurück. Im Winterhalbjahr, vom 1. Oktober bis anfangs Juni, bleibt nur die Strecke von Disentis nach Sedrun in Betrieb (drei Kurse in jeder Richtung), da die Schneemengen und Lawinen einen Zugsverkehr über den Oberalp stark erschweren oder verunmöglichen. Im Jahre 1927 beförderte die Furka-Oberalpbahn ungefähr 35’000 Personen durch das Tujetsch; mit Furka und Grimsel dürfte der Oberalp heute zu den meistfrequentierten Pässen der Schweiz gehören.
Wie sich die Eisenbahn auf Wirtschaft und Volksleben des Tujetsch auswirkt, ist heute noch nicht vorauszusehen. Gewiss bedeutet der Schienenstrang für die einheimische Bevölkerung eine wesentliche Erleichterung im Verkehr mit der Umgebung; wie aber auch andernorts hat der Eisenbahnverkehr den Strassenverkehr stark geschädigt. Die Oberalpstrasse hat für den Durchgangsverkehr an Wert eingebüsst; die Kutschen und Automobile der eidgenössischen Postverwaltung, die während vielen Jahren reges Leben in die Talschaft brachten, sind verschwunden; ihre Funktionen sind von der Eisenbahn übernommen worden. Der heutige Verkehr über den Oberalp mit Hilfe der Eisenbahn ist wahrscheinlich grösser als der über alle andern Bündnerpässe, die früher dem Oberalp an Bedeutung weit überlegen waren. Aber in den Dörflein spürt man wenig von der plötzlich stark angestiegenen Verkehrsfrequenz, denn die Eisenbahn umgeht die Siedlungen, in denen es nun stiller geworden ist, als vor dem Bahnbau.
2.
Lokalverkehr
Neben
dem Durchgangsverkehr im Haupttal müssen die Wege des Lokalverkehrs
Erwähnung finden. Aus dem morphologischen und wirtschaftlichen Teil
ist bereits der Uebergang der Viehherden von Faido nach dem Val
Curnera bekannt, die durch das Val Cadlimo über den Passo Vecchio
den Curneragletscher traversierten und auf den Weiden des Tujetscher
Seitentals gealpt wurden. Es ist noch ein zweites Beispiel solcher
Viehtriebe bekannt aus dem Val Nalps. Vom Val Medels aus sind
Bergamaskerhirten mit ihren Schafen durch das Val Rondadura zum
Rondadurapass aufgestiegen und haben nach dem Überschreiten eines
kleinen Stücks des Nalpsgletschers auf den Nalpser Schafweiden, die
heute dem Kloster Disentis gehören, ihre Tiere gesömmert.121
Ein dritter Pass im Norden; bekannt unter dem Namen Krüzlipass, ist
vor dem Bau der Gotthardbahn rege benutzt worden für den Verkehr vom
Tujetsch nach dem Maderanertal und dem untern Reusstal; vor allem
haben die Tujetscher Bauern ihre Ferkel über dem Krüzlipass nach
Bristen zum Verkauf gebracht.122) Dieser Passübergang
hatte wahrscheinlich auch grössere Bedeutung für den Verkehr mit
dem nördlichen Teil des Kantons Uri, zur Zeit, als das
Verkehrshindernis in der Schöllenen noch nicht überwunden war.
Für den Ausbau
und die Erstellung von Weganlagen im eigenen Wirtschaftsgebiet, in
den Maiensässen, Alpweiden und Wäldern, hat sich die Gemeinde
Tujetsch seit Beginn dieses Jahrhunderts grosse Verdienste
erworben; die Fahrwege im Surreinerwald und nach den Maiensässen
der vier Kuhalpen sind vorbildlich angelegt und unterhalten. Das
Wegnetz auf der linken Talseite ist infolge der stärkern Besiedlung
und Bewirtschaftung demgemäss grösser als auf der Südseite; der
Verkehr zwischen beiden Ufern wird durch die drei Brücken von
Sedrun, Rueras und Selva ermöglicht. Infolge der Reliefgestaltung
der südlichen Seitentalausgänge ist die direkte Begehung der
Talsohle nicht möglich; sowohl die Mündungsschluchten von Nalps und
Curnera; wie auch die Stufenmündung des Val Maighels müssen seitlich
umgangen werden.
D.
Die Bevölkerungsverhältnisse
1.
Allgemeine
Bevölkerungsbewegung
Ueber
die Bevölkerungsbewegung des Tujetsch erhält man einen Ueberblick
durch nachfolgende Tabell. 123)
Wohnbevölkerung des Tujetsch in den Jahren:
|
1718 : 832 |
Personen |
|
1860 : 858 |
Personen |
|
1730 : 798 |
Personen |
|
1861 : 863 |
Personen |
|
1768 : 888 |
Personen |
|
1863 : 863 |
Personen |
|
1778 : 811 |
Personen |
|
1870 : 847 |
Personen |
|
1786 : 904 |
Personen |
|
1872 : 844 |
Personen |
|
1791 : 994 |
Personen |
|
1875 : 844 |
Personen |
|
1796 : 1027 |
Personen |
|
1880 : 782 |
Personen |
|
1802 : 858 |
Personen |
|
1888: 768 |
Personen |
|
1805 : 860 |
Personen |
|
1900 : 810 |
Personen |
|
1835 : 1121 |
Personen |
|
1910 : 832 |
Personen |
|
1848 : 879 |
Personen |
|
1920 : 867 |
Personen |
(Private Zählungen) (Amtliche Zählungen)
Die Zahlen sind nicht gleichwertig in bezug auf die Genauigkeit. Die Ergebnisse der sieben eidgenössischen Volkszählungen seit 1860 dürften den tatsächlichen Verhältnissen genau entsprechen; die Zahlen vor 1860 stammen von privaten Zählungen, deren Genauigkeit nicht nachgeprüft werden kann, die aber doch ein genügendes Mass von Wahrscheinlichkeit besitzen, um sie mit den neueren Zahlen vergleichen zu können.
Die voramtlichen Zählungen zeigen sprunghafte Renderung der Volkszahlen in kurzen Zeiträumen. Nach den vorliegenden Angaben hat z. B. in den zehn Jahren von 1768 bis 1778 eine Verminderung um 77 Personen, in den 13 darauffolgenden Jahren bis 1791 eine Vermehrung um 183 Personen stattgefunden. Die Richtigkeit dieser Angaben kann nicht überprüft werden; auf alle Fälle ist es schwer verständlich, dass in so kurzer Zeit solch grosse Unterschiede aufgetreten sein sollen; denn das Fassungsvermögen einer Landschaft wie das Tujetsch wechselt unmöglich so sprunghaft, da sich die Existenzverhältnisse jener Zeit nur langsam verschlechtern oder verbessern konnten. Sichere Gründe für diesen raschen Wechsel im Volksbestand sind nicht bekannt; vielleicht kommen Missernten oder Epidemien in Betracht. Erstmalig wird 1796 eine Menschenzahl über 1000 angegeben; der starke Abfall 1796 bis 1802 rührt wahrscheinlich her von den Verlusten durch die französischen Revolutionskriege, während welcher Zeit das Tujetsch öfters Kriegsschauplatz war. Die Volkszahl von 1835 ist unwahrscheinlich hoch. Nach Wettstein 124) ist diese Zählung unkorrekt durchgeführt worden; die gleichen Personen wurden vielfach doppelt gezählt.
Die eidgenössischen Volkszählungen seit 1860 zeigen eine viel grössere Stabilität der Volkszahl gegenüber früheren Zeiten. Mit wenigen Ausnahmen bewegt sich die Zahl der Wohnbevölkerung zwischen acht- bis neunhundert, genauer um eine Mittelzahl von etwa 835 Personen. Bis 1888 nahm die Volkszahl ab; seither ist sie wieder regelmässig gestiegen und weist im Jahr 1920 gleiche Höhe auf wie 1860.
Die nachstehenden Ergebnisse der verschiedenen Volkszählungen zeigen den Wandel in den Bevölkerungsverhältnissen.
Aus der Tabelle ergibt sich, dass bei der Abnahme der Bevölkerung nicht unbedingt die Zahl der Haushaltungen und der bewohnten Häuser sinkt und umgekehrt. Dies rührt davon her, dass nicht jede Familie ein eigenes Haus bewohnt, sondern dass mehrere unter einem Dach hausen können; sodann kann durch Heirat innerhalb der Gemeinde die Zahl der Haushaltungen erhöht werden, ohne dass damit ein Bevölkerungszuwachs verknüpft ist.
|
|
1860 |
1870 |
1880 |
1888 |
1900 |
1910 |
1920 |
|
Wohnhäuser |
132 |
127 |
134 |
132 |
117 |
130 |
144 |
|
Haushaltungen |
205 |
200 |
193 |
199 |
193 |
180 |
177 |
|
Wohnbevölkerung |
858 |
847 |
782 |
768 |
810 |
832 |
867 |
|
Ortsanwesende Bevölkerung |
863 |
844 |
784 |
768 |
810 |
828 |
867 |
|
Gemeindebürger |
827 |
785 |
706 |
717 |
719 |
722 |
784 |
|
Kantonsbürger |
27 |
40 |
60 |
44 |
86 |
103 |
81 |
|
Uebrige Schweizerbürger |
6 |
3 |
- |
- |
5 |
2 |
2 |
|
Ausländer |
3 |
16 |
18 |
7 |
- |
1 |
- |
|
Männlich |
417 |
407 |
382 |
- |
400 |
393 |
444 |
|
Weiblich |
446 |
437 |
402 |
- |
410 |
435 |
423 |
|
Katholiken |
863 |
844 |
783 |
767 |
809 |
828 |
866 |
|
Romanische Muttersprache |
857 |
845 |
780 |
766 |
804 |
822 |
846 |
Der Volksbestand
von 1860 bis 1920 hat sich nur wenig geändert:
|
1860 - 1870: |
- |
1,3 |
% |
|
1888 - 1900: |
+ |
5,5 |
% |
|
1870 - 1880: |
- |
7,7 |
% |
|
1900 - 1910: |
+ |
2,7 |
% |
|
1880 - 1888: |
- |
1,8 |
% |
|
1910 - 1920: |
+ |
4,2 |
% |
|
|
|
|
1860 - 1920: |
+ |
1 % |
|
|
|
Von 1860 bis 1888 erfolgte ein Bevölkerungsrückgang, von 1888 bis 1920 eine stete Zunahme; die Gesamtbilanz von 1860 bis 1920 erweist eine geringe Zunahme um 1 %. Von Entvölkerung im engsten Begriff des Worts, d. i, der Rückgang der Bevölkerungsziffer gegenüber früheren Zählungen, kann also im Tujetsch nicht gesprochen werden.
Die Geburtenüberschüsse sind gross; im letzten Jahrzehnt sind pro Jahr auf 15 Todesfälle 28 Geburten gefallen.125) Familien mit nur 1 bis 3 Kindern sind seltener als Familien mit 4 bis 6 Kindern; es existieren sogar mehrere Familien mit 12 und eine mit 14 Kindern.
Aus dem vorstehenden ergibt sich folgende Problemstellung: Trotzdem grosse Geburtenüberschüsse vorhanden sind, ist die Bevölkerungszahl stabil geblieben. Was geschah also mit dem Geburtenüberschuss?
Der Ausgleich wurde geschaffen durch Abwanderung aus der Gemeinde. Der Wegzug erfolgte teils durch Heirat vor allem der weiblichen Personen ausserhalb des Tales, grösstenteils aber wegen der schweren Lebensbedingungen in der Heimat, unter welchen besonders die kinderreichen Familien litten. Bevor auf die Abwanderung eingetreten wird, sollen noch einige Volkszählungsergebnisse angeführt werden.
Die folgende Tabelle gibt einen Einblick in die Bürgerverhältnisse des Tujetsch, berechnet in Prozenten126) der Gesamtbevölkerung.
|
|
1860 |
1870 |
1880 |
1888 |
1900 |
1910 |
1920 |
|
Gemeindebürger |
95,8 |
93,0 |
90,1 |
93,4 |
88,8 |
87,2 |
90,4 |
|
Kantonsbürger |
3,1 |
4,7 |
7,7 |
5,7 |
10,6 |
12,4 |
9,3 |
|
Übrige Schweizerbürger |
0,7 |
0,4 |
- |
- |
0,6 |
0,2 |
0,2 |
|
Ausländer |
0,4 |
1,9 |
2,2 |
0,9 |
- |
0,1 |
- |
Im allgemeinen blieb der Anteil der Gemeindebürger durchweg sehr hoch im Gegensatz zu der Bevölkerung im Mittelland, vor allem in den Städten; die Tujetscher Bevölkerung ist ungewöhnlich bodenständig.127) Es mussten starke Kräfte an der Arbeit sein, die den Tujetscher zum Wegzug veranlassten, und immer wieder kehrte ein Teil der Ausgewanderten zurück, gezogen vom Bann der Heimat. Die meisten ortsfremden Bürger stammen aus dem Kanton Graubünden aus ähnlichen Verhältnissen, so dass sie als fast einzige Ortsfremde den schweren Existenzkampf in der neuen Heimat weiterführen konnten, unterstützt durch gemeinsamen Glauben und gemeinsame Sprache.
Mit Ausnahme der letzten Zählung waren die weiblichen Personen immer in der Mehrzahl. Die Differenzen sind aber so geringfügig, dass keine bestimmten Schlüsse daraus gezogen werden können.
Interessant ist das Verhalten der einzelnen Weiler im Tujetsch bezüglich der internen Bevölkerungsbewegung. Wie weiter oben bemerkt, sollen in früheren Zeiten über 60 Höfe ständig bewohnt gewesen sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurden die meisten dieser Höfe aus verschiedenen Gründen verlassen; die Besiedlung konzentrierte sich auf das Haupttal und führte zu einer Reduktion auf 12 ständige Siedlungen. Vor dem Beginn einer amtlichen schweizerischen Statistik hatte sich, die erwähnte Umsiedlung zur Hauptsache bereits vollzogen. Das seit 1888 publizierte «Schweizerische Ortschaftsverzeichnis» beweist, dass der erwähnte Vorgang noch nicht vollständig zum Stillstand gekommen ist, sondern dass sich die kleinen Siedlungen immer noch zugunsten der grössern entvölkern. Das. «Schweizerische Ortschaftsverzeichnis» von 1895, 1906 und 1920 fusst auf den eidgenössischen Volkszählungen von 1888, 1900 und 1910 und enthält die Angaben über Zahl der Wohnhäuser, Haushaltungen und der Bevölkerung jeder Teilsiedlung einer politischen Gemeinde.128) Für das Tujetsch sind die Einzelsiedlungen Dieni und Foppas zu Rueras, und Surrein gerechnet, da sie in den beiden ersten Verzeichnissen nicht besonders angeführt werden.
|
|
Wohnhäuser |
Haushaltungen |
Bevölkerung |
Höhe |
||||||
|
|
1888 |
1900 |
1910 |
1888 |
1900 |
1910 |
1888 |
1900 |
1910 |
|
|
Tujetsch |
132 |
117 |
130 |
199 |
193 |
180 |
768 |
810 |
828 |
|
|
Bugnei |
6 |
4 |
5 |
9 |
7 |
6 |
34 |
31 |
18 |
1436 |
|
Camischolas |
13 |
11 |
13 |
17 |
18 |
16 |
61 |
48 |
100 |
1424 |
|
Cavorgia |
8 |
9 |
9 |
11 |
12 |
11 |
54 |
46 |
43 |
1349 |
|
Gonda |
17 |
1 |
15 |
23 |
1 |
19 |
85 |
68 |
82 |
1401 |
|
Rueras |
33 |
35 |
34 |
53 |
52 |
48 |
201 |
223 |
223 |
1401 |
|
Sedrun |
25 |
21 |
28 |
46 |
49 |
42 |
172 |
200 |
192 |
1401 |
|
Selva |
9 |
11 |
9 |
13 |
14 |
14 |
49 |
67 |
71 |
1535 |
|
Surrein |
7 |
5 |
6 |
10 |
8 |
10 |
43 |
50 |
38 |
1409 |
|
Tschamut |
9 |
9 |
7 |
11 |
12 |
9 |
44 |
39 |
44 |
1671 |
|
Zarcuns |
5 |
5 |
4 |
6 |
6 |
5 |
25 |
18 |
17 |
1414 |
Während das ganze Tujetsch von 1888 bis 1910 einen Bevölkerungszuwachs von 7,8 % erfährt, weisen die drei Einzelsiedlungen Bugnei, Cavorgia und Zarcuns einen steten Bevölkerungsrückgang auf, der zum grössten Teil zurückzuführen ist auf den Wegzug nach einer grösseren Siedlung der Gemeinde; auf diese Weise haben sich die zwei Hauptsiedlungen Rueras und Sedrun vergrössert. Die Bevölkerung von Selva hat sich bei ungefähr gleichbleibender Anzahl der Haushaltungen ständig vermehrt; gerade hier ist also eine Entvölkerung nicht eingetreten, auch nicht bis zum Jahr der vorliegenden Untersuchung (1927). In Tschamut hat die Zahl der Haushaltungen abgenommen, aber die Kopfzahl der Bevölkerung ist sich bis 1910 gleichgeblieben, wahrscheinlich durch vermehrten Kinderzuwachs. Heute haben , die Verhältnisse allerdings geändert; die Zähl der Haushaltungen und der Bewohner hat sich stark vermindert, so dass mehrere Wohnhäuser zu Wüstungen geworden sind. Ein Teil der Tschamuter Bevölkerung ist nach dem tiefer liegenden Selva gezogen und hat zu dessen Vergrösserung beigetragen.
|
Es entfallen in |
|
1888 |
1910 |
|
1888 |
1910 |
|
|
Tujetsch |
auf ein Haus |
1,5 |
1,4 |
Haushaltungen, |
5,7 |
6,4 |
Bewohner |
|
Bugnei |
auf ein Haus |
1,5 |
1,2 |
Haushaltungen, |
5,7 |
3,6 |
Bewohner |
|
Camischolas |
auf ein Haus |
1,3 |
1,2 |
Haushaltungen, |
4,7 |
7,7 |
Bewohner |
|
Cavorgia |
auf ein Haus |
1,4 |
1,2 |
Haushaltungen, |
6,7 |
4,8 |
Bewohner |
|
Gonda |
auf ein Haus |
1,3 |
1,3 |
Haushaltungen, |
5,0 |
5,5 |
Bewohner |
|
Rueras |
auf ein Haus |
1,6 |
1,4 |
Haushaltungen, |
6,1 |
6,6 |
Bewohner |
|
Sedrun |
auf ein Haus |
1,8 |
1,5 |
Haushaltungen, |
6,9 |
6,9 |
Bewohner |
|
Selva |
auf ein Haus |
1,4 |
1,6 |
Haushaltungen, |
5,4 |
7,9 |
Bewohner |
|
Surrein |
auf ein Haus |
1,4 |
1,7 |
Haushaltungen, |
6,1 |
6,3 |
Bewohner |
|
Tschamut |
auf ein Haus |
1,2 |
1,3 |
Haushaltungen, |
4,9 |
6,3 |
Bewohner |
|
Zarcuns |
auf ein Haus |
1,2 |
1,2 |
Haushaltungen, |
5,0 |
4,2 |
Bewohner |
Analog der Abnahme der Bevölkerung sind in Bugnei, Cavorgia und Zarcuns auch die Bewohnerzahlen pro Wohnhaus zurückgegangen. Die andern Siedlungen erfahren in der Zeit von 1888 bis 1910 eine Steigerung in der Hausbewohnerzahl, obschon im allgemeinen die Zahl der Haushaltungen eher gesunken ist. In dieser Beziehung macht sich der Einfluss der kinderreichen Familien geltend; die grossen Geburtenüberschüsse haben seit 1888 ein Übergewicht erlangt über die Summe der Bevölkerungsverluste, die sich zusammensetzt aus den Sterbefällen und der Abwanderung.
Für 1910 berechnet entfallen pro Haushaltung in
|
Tujetsch |
4,6 |
Personen |
Rueras |
4,6 |
Personen |
|
|
|
|
Sedrun |
4,6 |
Personen |
|
Bugnei |
3,0 |
Personen |
Selva |
5,1 |
Personen |
|
Camischolas |
6,2 |
Personen |
Surrein |
3,8 |
Personen |
|
Cavorgia |
3,9 |
Personen |
Tschamut |
4,9 |
Personen |
|
Gonda |
4,3 |
Personen |
Zarcuns |
3,4 |
Personen |
Das ganze Tujetsch nimmt mit 4,6 Personen pro Haushalt eine günstige Stellung ein, wenn man bedenkt, dass in den verschiedenen Teilsiedlungen eine Anzahl von Haushaltungen auf Einzelpersonen fallen.
2.
Das Problem der Abwanderung
Von
Entvölkerung kann im Tujetsch nicht gesprochen werden, denn die
Einwohnerzahl von 1920 steht über derjenigen von 1860. Dass aber
doch Bevölkerungsverluste aufgetreten sind, kann nicht bestritten
werden, denn trotzdem die Zahl der Geburten das Doppelte der
Sterbefälle ausmacht, ist die Bevölkerungszahl nicht wesentlich
gestiegen; eine dem Geburtenüberschuss entsprechende Anzahl Leute
ist demnach ausgewandert.
Es wurden im ganzen 526 Personen ausfindig gemacht, die im Zeitraum von 1850 bis 1927 ausgewandert sind. Diese Zahl mag gross er scheinen bei einer Gesamtbevölkerung von zirka 870 Personen, aber diese Abwanderung verteilt sich auf 77 Jahre. 129) Es hat seit 1850 bis heute immer Abwanderung stattgefunden; dies ist ersichtlich aus den wenigen genauen Zeitangaben. Es lässt sich vermuten, dass die Entvölkerung bis 1888 auf eine verstärkte Auswanderung zurückzuführen ist; einen sichern Nachweis lassen die vereinzelten Zeitangaben der Abwanderung nicht zu. Nach mündlichen Mitteilungen soll die Abwanderung in den letzten 30 Jahren zurückgegangen sein, wodurch das Ansteigen der Bevölkerungsziffer durch den Geburtenüberschuss eine glaubwürdige Erklärung fände.
a)
Ursachen der Abwanderung
130)
Sie sind verschiedener Art; eine einzige Ursache bewirkt im
allgemeinen noch keine Abwanderung, sondern erst das Zusammenwirken
mehrerer, die Existenz erschwerender Faktoren. Die Ursachen können
unterschieden werden in objektive und subjektive. Die objektiven
Ursachen setzen sich zusammen aus einer absoluten Verschlechterung
der Existenzverhältnisse in der Landschaft selbst und einer
relativen Erschwerung des alpinen Lebens durch die Verbesserung der
Existenzverhältnisse im Unterland.
Die absolute Verschlechterung der Lebensverhältnisse ist bedingt durch die Natur und Wirtschaft des betreffenden Landes. Elementarschäden wie Hochwasser und Lawinen können im Tujetsch nicht massgebend gewesen sein für die Abwanderung, denn ihr Auftreten in den letzten Jahrzehnten war selten und niemals von ausserordentlichen Schäden begleitet. Wohl verwüsten die Lawinen in den Seitentälern jedes Jahr kleinere Flächen von Weideboden, doch ist das Tujetsch reich genug an lawinensichern Alpen. Der Boden der Seitentäler wurde von jeher nur in untergeordneter Weise als Sommerweide benützt, so dass die Vergandung keine einschneidende Verschlechterung bedeutete.
Hingegen besteht
in einem alpinen Hochtal wie das Tujetsch ein wichtiger
naturgegebener Hemmungsgrund für die Bevölkerungsentwicklung in der
ausserordentlich kurzen Vegetationszeit. Der lange Winter ist
allerdings seit Beginn der Siedlung ein mehr oder weniger konstanter
Faktor geblieben, von einer Verschlechterung der natürlichen
Grundlagen kann also nicht gesprochen werden; aber trotzdem ist
seine erschwerende Wirkung auf die Existenz vorhanden und darf nicht
bloss als eine Selbstverständlichkeit übergangen werden. Die
Erwerbstätigkeit des Tujetsch ist zusammengedrängt auf 5 bis 6
Sommermonate; diese kurze Zeit angestrengter Arbeit muss den ganzen
Jahresunterhalt bestreiten, denn die rein landwirtschaftlich
eingestellte Bevölkerung entbehrt während der langen Wintermonate
des Verdienstes. Damit kommen wir dem Problem der Abwanderung aus
dem Tujetsch einen Schritt näher. Aus früheren Angaben ist
ersichtlich, dass die Bevölkerungszahlen von 1860 und 1920 sich
ungefähr gleich geblieben sind. Aus dieser Konstanz der Volkszahl
ist mit grosser Wahrscheinlichkeit zu schliessen, dass die
Landschaft eben nicht mehr als eine bestimmte Anzahl von Menschen
ernähren kann. Für das Tujetsch hat sich seit einem Jahrhundert eine
Volkszahl herausgebildet, die sich ungefähr zwischen 800 und 900
Personen hält. Bei der starken natürlichen Bevölkerungsvermehrung
war es unvermeidlich, dass der überschüssige Teil der Bevölkerung
abwandern musste. Eine kontinuierliche Verschlechterung der
Existenzverhältnisse hat nicht stattgefunden, das beweist wiederum
die Konstanz der Bevölkerungsziffer. Die Entvölkerung beschränkte
sich daher auf das Abstossen der Bevölkerung, die in der Gemeinde
nur ungenügenden Erwerb fand. Die lange Winterszeit, die zu fast
vollständiger Erwerbslosigkeit verdammt, ist ein Haupthemmungsgrund
der Vergrösserung des Volksbestandes. Besonders leiden die
vielköpfigen Familien darunter, denn die Menge der
selbstproduzierten Nahrungsmittel richtet sich
neben andern Gründen nach der Dauer der Vegetationszeit;
wenn nun diese an und für sich kurze Erwerbszeit von ungünstigen
Witterungsverhältnissen begleitet ist, gestaltet sich die Lage der
Familien für die Dauer des Winters ausserordentlich schwierig. Um
der Bevölkerung befriedigende Lebensverhältnisse zu schaffen, müssen
vor allem geeignete Erwerbsmöglichkeiten für die Wintermonate
ausfindig gemacht werden.
Von grosser Bedeutung in den Bevölkerungsverhältnissen war ferner der Uebergang von der ursprünglich reinen Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft, der eine Auswanderung überzähliger Elemente nach sich führte. Das Tujetsch betrieb in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts intensiven Ackerbau. Man war in allen Teilen auf sich selbst angewiesen; die Nahrung stammte vom eigenen Boden, der Wert der Rindviehhaltung lag in der Milch- und Fleischnutzung und in der Arbeitsleistung der Tiere. Die solchermassen auf die eigene Tüchtigkeit angewiesene Bevölkerung war zu sehr einfacher, karger Lebenshaltung gezwungen, die jedoch anderseits die Existenzgrundlage für eine maximale Bevölkerungszahl bildete. Mit dem Ueberhandnehmen der Geldwirtschaft durch verstärkte Viehzucht ging gleichzeitig ein Rückgang des Ackerbaus Hand in Hand. Durch den Viehverkauf gelangte Geld in die Talschaft, damit war auch die Marktwirtschaft ins Leben gerufen, deren Ausmasse sich proportional der Kaufkraft der Bauern steigerten. Eine Steigerung der Lebenshaltung war unvermeidlich; alle möglichen «Bedarfsartikel» wurden eingeführt, die man früher nicht kannte und gleichwohl ohne sie leben konnte; die Leute verschwendeten unüberlegt ihr sauer erworbenes Geld, denn alles, was neu war, musste unfehlbar in den Haushalt aufgenommen werden, wollte man nicht als rückständig erscheinen. Auf diese Weise ist manche Existenz untergraben worden, und Auswanderung schien der einzige Ausweg aus der Not zu sein. In diesem Jahrhundert haben sich die Verhältnisse glücklicherweise gebessert; der Sparsinn ist mehr und mehr aufgekommen, verstärkte das Sesshaftbleiben der Bevölkerung und schuf grössere Befriedigung an der heimatlichen Existenz.
Eine Verschlechterung der Existenzverhältnisse durch Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge kann nicht konstatiert werden. Wohl ist der Grad der Selbstversorgung infolge teilweiser Aufgabe des Ackerbaus gesunken, aber eine vermehrte Benutzung des Weidelandes durch die aufkommende Viehzucht und die Verbesserung ihrer Produkte schufen einen gewissen Ausgleich in den Erwerbsverhältnissen. Die Erwerbsumstellung von gemischter Landwirtschaft zu einseitiger Viehzucht kann daher nicht unmittelbar für die Abwanderung verantwortlich gemacht werden, sondern erst die mittelbare Entstehung der Marktwirtschaft. Mit der Zunahme des privaten Kapitals wuchsen auch die Ansprüche der Gemeinde und des Kantons. Wenn auch die Steuerverhältnisse nicht ungünstiger sind als im Mittelland, so liegt doch in den Erwerbsverhältnissen des Gebirgsbauers das grössere Risiko als beim Flachlandbauer, dessen Erträge nicht in dem Mass starken Schwankungen unterliegen, wie sie durch die ungünstigeren Naturverhältnisse grösserer Höhenlage oft bedingt sind. Durch Viehverlust und gedrückte Viehpreise wird die Existenz des Bergbauers stark erschwert, um so mehr, als sich die Steuerpraxis zu wenig nach wirtschaftlichen Rückschlägen richtet, sondern vom Steuerzahler eine ständige Kapitalvermehrung erwartet.
Von ausschlaggebender Bedeutung für die Abwanderung war während allen Zeiten der Mangel an Ackerboden. Von 134 km2 Gesamtfläche entfallen ganze 45 Hektaren (1/3 %) auf die Ackerfläche! Gerade diese Zahl macht einem die bedingte Lebensfähigkeit klar verständlich; wer nur kleine Anbauflächen besitzt, kann nur wenig Getreide und vor allem die so notwendigen Kartoffeln nicht in genügender Menge anpflanzen; der Erlös aus der Viehzucht reicht aber unter Umständen nur knapp aus zur Beschaffung der Nahrung. Der Bodenmangel war und ist im Verein mit der Erwerbslosigkeit im Winter der Hauptanstoss zur Abwanderung gewesen. Zu viele Arbeitskräfte, zu wenig Arbeit, weil zu wenig Boden! ist die knappe Fassung der wirtschaftlichen Notstände. Eine Folge des Bodenmangels sind die extremen Preise, die für die Ackerböden bezahlt werden. In neuester Zeit sind Landkäufe erfolgt, bei denen 2 bis 3 Franken pro Quadratmeter Boden bezahlt wurden! Diese hohen Bodenpreise sind auf keinen Fall eine Folge der hohen Bodenerträge, sondern rühren her von starker Nachfrage und kleinem Angebot. Familien, die nicht auswandern wollen, müssen unbedingt genügend Boden haben, um sich eine Existenz schaffen zu können; wegen der Seltenheit des Objekts werden solche übersetzte Preise bezahlt, unbekümmert um die eintretende Bodenverschuldung. Der Zweck dieser Ankäufe, die Möglichkeit des Sesshaifbleibens, ist damit erreicht, aber auf eine gefährliche Art und Weise, die sich an anderer Stelle schädigend auswirkt.
Eine relative Verschlechterung der Lebensverhältnisse, bedingt durch die Verbesserung der Existenzverhältnisse im Unterland, ist im Tujetsch nicht fühlbar eingetreten. Die Landschaft ist bei weitem nicht so abgelegen wie manches andere Hochtal der Alpen; die Verkehrsverhältnisse sind seit verschiedenen Jahrzehnten relativ günstig, so dass sich nie ein schroffer Gegensatz in den Existenzbedingungen des Gebirgstals gegenüber dem Voralpenland herausbilden konnte. Wenn auch verspätet, haben sich die Tujetscher, doch die Neuerungen der Wirtschaftsentwicklung im Unterland zunutze gemacht. Es hat niemals Abwanderung nach den Industrieplätzen stattgefunden, obschon die Erwerbsverhältnisse der Mittellandbevölkerung günstiger waren. Die Tujetscher liessen sich aber durch feste Lohnsätze und geregelte Arbeitszeit nicht verblenden, so anziehend sie auch schienen; die Auswanderer blieben in der grossen Mehrzahl Bauern und taten gut daran, denn die wenigen, die sich der Industrie zuwandten, fanden nur Stellung als ungelernte Arbeiter und verbesserten damit keineswegs ihre früheren Lebensverhältnisse.
Subjektive Ursachen für die Abwanderung aus dem Tujetsch sind von weit geringerer Bedeutung als die objektiven Gründe. Im allgemeinen ist der Bauer ausserordentlich fest mit dem von seinen Vorfahren ererbten Grund und Boden verwachsen, er liebt seine Heimat mit ganz andern Gefühlen als der von Grund und Boden unabhängige Städter; die Leute wandern heute nicht mehr gern aus, sofern das Bleiben ohne ständige Rückschläge möglich ist. Wie weit die Fremdenindustrie bis heute zur Abwanderung beitrug, ist schwer zu bestimmen; ihr Einfluss wird leicht überschätzt. Die stärkste Abwanderung fand statt, als der Fremdenverkehr noch in den Anfängen steckte.
Der lange Winter ist auch auf die Geistesverfassung von schädlichem Einfluss. Der Gegensatz zwischen der arbeitsüberhäuften Sommerszeit und dem Arbeitsmangel im Winter ist so gross, dass gewisse moralische Schädigungen eintreten, das Gefühl, während eines halben Jahres nur reduzierte Arbeit leisten zu können, führt zur Unzufriedenheit. Die Leute würden gern arbeiten, wenn sie nur Gelegenheit hätten. Sobald eine geeignete Verdienstmöglichkeit besteht, wird sich das Gefühl der Unzufriedenheit verfieren, und damit ein Grund mehr aus der Welt geschafft sein, der zur Abwanderung mitbestimmend sein kann.
Zusammenfassend soll nochmals darauf Gewicht gelegt werden, dass nicht eine absolute oder relative Verschlechterung der Lebensverhältnisse die Abwanderung in der Hauptsache bewirkte, sondern Hemmungsfaktoren, die immer dagewesen sind. Die Landschaft hat ein bestimmtes Fassungsvermögen; darum ist eine stetige Bevölkerungsvermehrung auf Grund der Geburtenüberschüsse nicht möglich.
Um die Gesamtlage der Tujetscher Bevölkerung richtig würdigen zu können, sollen nicht nur die ungünstigen Momente Erwähnung finden, sondern auch die Vorzüge und Neuerungen, die das Sesshaftbleiben der Bevölkerung begründen. Seit 1863 besitzt die Landschaft eine gute Durchgangsstrasse vom Vorderrheintal nach Urseren. Die Verbindung mit der Umwelt gewann stark durch den Bau dieser Strasse; die Verkehrsinstitutionen der eidgenössischen Post, Postkutschen und später die Postautomobile, liessen die Abgelegenheit der Talschaft immer weniger fühlbar werden. Seitdem die Furka-Oberalpbahn dem Betrieb übergeben wurde, sind die Verkehrsverhältnisse des Tujetsch sehr günstig geworden. Der Einfluss, der Verkehrsverbesserungen für die Alpentäler im allgemeinen ist bis anhin recht verschieden taxiert worden; vielfach wurde die Befürchtung laut, dass durch Schaffung guter Zufahrtsstrassen oder durch Bahnbau die Entvölkerung dementsprechend leichter vor sich gehe. Für das Tujetsch ist durch die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse entschieden ein günstiger Einfluss auf das Sesshaftbleiben der Bevölkerung festzustellen. Die rasche Zufuhr aller für den Lebensunterhalt benötigten Artikel ist damit gewährleistet; auch erleichtert das Gefühl der ständigen Verbindung mit der Umwelt den Bewohnern das Ausharren in der Heimat. Die Verkehrsverhältnisse innerhalb der Gemeinde erleiden natürlich während der Dauer der Schneedecke eine Verschlechterung, doch werden immer mehr technische Hilfsmittel, wie Schlitten, Ski usf., auf dem Arbeits- und Schulgang benützt.
Ein weiteres wichtiges Kapitel für die Existenzverhältnisse der Bergbevölkerung bildet die Gesundheitspflege. Alkoholismus, epidemische Krankheiten und Tuberkulose haben keine grössere Schäden verursacht. Die Leute sind gesund, kräftig, zäh und führen einen soliden Lebenswandel, der sie ein hohes Alter erreichen lässt. Trotz starker Inzucht treten keinerlei Merkmale von Degeneration auf. Die Leute sind einfach, aber sauber gekleidet und wohnen in saubern Räumen; das Essen ist nahrhaft. Die Bedingungen für das leibliche Wohlergehen sind in der Hauptsache erfüllt. Die Gemeinde wird von Disentis aus ärztlich versorgt; jede Familie ist Mitglied einer Krankenkasse. Die Gesundheitsverhältnisse im ganzen stehen also auf guter Stufe und wirken entschieden zugunsten der Sesshaftigkeit.
c)
Formen der Abwanderung
Für
das Tujetsch kommen zwei Abwanderungsformen in Betracht: die
Binnenwanderung innerhalb der Schweiz; und die Auswanderung. Von den
526 Personen, die seit 1850 ihre Heimatgemeinde verlassen haben,
sind ihrer 135, etwas mehr als ein Viertel, in der Schweiz
geblieben. Abgesehen von drei Familien war dies immer
Einzelabwanderung infolge Heirat ausserhalb der Gemeinde; 123 von
den 135 Personen sind als Brautleute sukzessive weggezogen; der
Hauptanteil mit 89 Köpfen wurde gebildet vom weiblichen Geschlecht.
Zufolge der Sprachverhältnisse blieb der grössere Teil innerhalb des
Kantons Graubünden; der Rest verteilte sich auf die Kantone der
Inner- und Ostschweiz.
Der Hauptanteil der Bevölkerungsverluste entfällt aber auf die Auswanderung. Es müssen verschiedene Arten der Auswanderung unterschieden werden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es allgemein Sitte im Tujetsch, die kleinen Mädchen von 8 bis 12 Jahren während eines Teils des Jahres ins Ausland zu verbringen. Eine Frau versammelte jeweil sein Trüpplein von 20 bis 30 Kindern um sich, zog mit ihnen rheintalabwärts und verteilte sie auf bayrischem Landesgebiet um den Bodensee herum auf einzelne Familien. Diese temporäre Auswanderung wurde vor allem von den kinderreichen Familien benützt; jede arme Familie war froh, wenn sie ein oder zwei hungrige Mäuler von anderer Hand gesättigt wusste. Diese Mädchen halfen den Hausfrauen im Haushalt, verrichteten die ihrem Alter angemessenen kleinen und leichten Arbeiten, wurden dafür beköstigt und bekleidet und erhielten nach den wenigen Monaten ihres Aufenthalts in der Fremde eine kleine Entschädigung für ihre Arbeit. Dann wurden sie abermals von der gleichen Frau gesammelt, und diesmal ging die Reise rheinaufwärts, der Heimat entgegen. Diese temporäre Auswanderung der weiblichen Jugend soll bis zum Anfang dieses Jahrhunderts gedauert haben; statistische Angaben sind leider nicht vorhanden, da der Wegzug nur vorübergehender Natur war.
Ob diese temporäre Auswanderung einen grössern Einfluss auf die definitive Auswanderung nach Bayern gehabt hat, ist nachträglich schwer zu entscheiden; auf alle Fälle ist Bayern neben Nordamerika das bevorzugteste Land der Tujetscher Auswanderer gewesen. Es ist auch möglich, dass die definitive Auswanderung junger erwachsener Tujetscher Bürger die temporäre der Kinder hervorgerufen hat. Ueber die Auswanderungsverhältnisse ist wenig schriftliches, genaues Material vorhanden. Man stütze sich deshalb nicht allzu stark auf die hier wiedergegebenen Zahlen, denn die aus dem Bürgerregister ausgezählten Personen, die den Vermerk «Ausgewandert» tragen, sind nicht alle Personen, die überhaupt aus der Gemeinde weggezogen sind; die Bevölkerungskontrolle war je nach dem Funktionär verschieden genau geführt.
Von grösserer Bedeutung als die temporäre Auswanderung der Mädchen war die definitive der Söhne und Töchter. Es wurden seit 1850 im gesamten 119 Personen gezählt, die nach Bayern ausgewandert sind. Den Hauptanteil bestreitet wie bei der Binnenabwanderung die Einzelauswanderung, nur hat sich das Verhältnis der Geschlechter geändert. Nunmehr sind von den jungen Leuten mit 78 Köpfen die Männer in überwiegender Mehrzahl gegenüber 7 Tujetscher Mädchen, die nach Bayern heirateten. Die restlichen 34 Personen entfallen auf 6 Haushalte, von denen 1mal Vater und Mutter ohne Kinder, 2mal Vater und Mutter mit 1 Kind und je 1mal die Eltern mit 3, 6 und 11 Kindern nach Bayern auswanderten. Für die Niederlassung kam vor allem das südliche Bayern (Allgäu usf.) in Betracht.
Die Auswanderung nach Bayern hatte sich bis in die jüngsten Jahre erhalten, flaute aber, entsprechend dem allgemeinen Rückgang der Auswanderung, in diesem Jahrhundert stark ab; den Höhepunkt dürfte diese Emigration in den Jahren 1870 bis 1900 erreicht haben. Die Tujetscher Bayern sind zur Hauptsache der Landwirtschaft treu geblieben; vor ihrem Wegzug aus der Heimatgemeinde verkauften die Ledigen ihre Erbanteile an die Geschwister, erwarben sich in der neuen Heimat ein Stück Bau- und Ackerland und gründeten einen Haushalt durch Heirat einer bayrischen Staatsangehörigen. Ebenso verkauften die ausgewanderten Tujetscher Familien ihre Heimwesen an Anstösser, an Verwandte oder brachten sie im Notfall auf freiwillige Versteigerung.
Über das Los der nach Bayern Ausgewanderten ist nichts Ungünstiges bekannt. Wenn sich auch die Lebens- und Existenzverhältnisse mit einem Schlag änderten, so passten sich die jungen Leute mit viel Geschick in die veränderte Situation ein, lernten um, machten sich die neuen Arbeitsmethoden rasch zu eigen, und mit der angeborenen zähen Arbeitskraft und Ausdauer brachten sie es tatsächlich zu grösserem Wohlstand, als sie es daheim in ihrem Leben je erreicht hätten.
Die Auswanderung nach andern Staaten des Kontinents tritt hinter der bayrischen Emigration stark zurück, an folgender Stelle ist mit 26 ausgewanderten Personen Württemberg zu nennen. Nach diesem Staat sind keine Familien ausgewandert, sondern nur Einzelpersonen; wiederum sind die Männer mit 22 Köpfen in der überwiegenden Mehrzahl. Die Lebensverhältnisse waren ähnlich denjenigen in Bayern; alle Auswanderer haben deutsche Staatsangehörige geheiratet.
An dritter Stelle der kontinentalen Auswanderung folgt Frankreich mit 25 Emigranten. Ueber ihr weiteres Fortkommen ist man nicht orientiert; von den wenigsten weiss man den Niederlassungsort. Wiederum ist es Einzelauswanderung, mit Ausnahme einer dreiköpfigen Familie; 16 Söhne und 6 Töchter haben in Frankreich geheiratet. Die Emigration nach Frankreich beschränkt sich vorwiegend auf das vergangene Jahrhundert.
Mit 13 Auswanderern folgt Italien; als Niederlassungsorte sind Como, Bergamo, Mailand, Genua, Rom und Messina angegeben. Nach mündlichen Mitteilungen sollen in früherer Zeit viele Tujetscher Söhne nach Italien ausgewandert sein, um in den verschiedenen Fürstentümern und Königreichen Kriegsdienste zu nehmen, eine Erscheinung, die übrigens für den Kanton Graubünden ganz allgemein zutrifft.
Nach andern Ländern Europas sind 22 Tujetscher ausgewandert; in der Hauptsache entfallen diese Auswanderer auf verschiedene Einzelstaaten Deutschlands, die nicht besonders genannt sind, sodann auf Norwegen, England, Spanien und Siebenbürgen.
Die überseeische Auswanderung erfolgte ausschliesslich nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Mit 186 ausgewanderten Personen ist dies die stärkste aller Emigrationen und übertrifft die nach ihr grösste Binnenwanderung innerhalb der Schweiz um mehr als einen Drittel. Die amerikanische Abwanderung verteilt sich auf die ganze Periode seit Einführung der eidgenössischen Bevölkerungsstatistik im Jahre 1860; in einem kirchlichen Familienregister vom Jahr 1848 finden sich die ersten Vermerke betreffend Abwanderung nach Amerika. Im Gegensatz zu den bis jetzt beschriebenen Emigrationen ist diejenige nach Nordamerika hauptsächlich Familienauswanderung; nur 30 von den 186 Emigranten sind Einzelauswanderer. Die Grösse der ausgewanderten Familien ist recht verschiedenartig:
|
1 Ehepaar ohne Kinder |
2 |
|
Personen |
|
1 Vater mit 1 Kind |
2 |
|
Personen |
|
8 Ehepaare mit 1 Kind |
24 |
|
Personen |
|
5 Ehepaare mit 2 Kindern |
20 |
|
Personen |
|
4 Ehepaare mit 3 Kindern |
20 |
|
Personen |
|
1 Ehepaar mit 4 Kindern |
6 |
|
Personen |
|
2 Ehepaare mit 5 Kindern |
14 |
|
Personen |
|
3 Ehepaare mit 6 Kindern |
24 |
|
Personen |
|
4 Ehepaare mit 7 Kindern |
36 |
|
Personen |
|
1 Mutter mit 7 Kindern |
8 |
|
Personen |
|
Summa |
156 |
|
Personen |
In gewissem Sinn kommt den kinderreichen Haushaltungen die grössere Bedeutung zu in der Abwanderung, da sie empfindliche Lücken in den Volksbestand der Heimatgemeinde geschlagen haben.
Über das Alter der Auswanderer orientieren hie und da die Vermerke über die Zeit ihres Weggangs. Die Einzelauswanderer sind in der Regel als junge Leute unter dreissig Jahren emigriert, d. h. in einem Alter maximaler Anpassungsfähigkeit und Lebensenergie. Das Alter der auswandernden Ehegatten betrug durchschnittlich 35 bis 55 Jahre, aber es sollen bis 70jährige Personen die Auswanderung mitgemacht haben. Im Überblick erkennt man also, dass alle Altersstufen einer menschlichen Generation das Tujetsch verlassen haben, um jenseits des Atlantischen Ozeans ein neues Leben zu beginnen.131)
Über die Orte der Niederlassung ist man nur teilweise informiert; besonders über die Einzelauswanderer ist man in Unkenntnis geblieben. Der bevorzugte Staat der Familienauswanderung des letzten Jahrhunderts war Ohio; im Laufe der Zeit ist dort eine Tujetscher Kolonie mit dem Namen «Badus» entstanden 132); neuerdings richtete sich die Auswanderung in den Staat Minnesota. Einige Familien haben sich in den Städten angesiedelt; die grosse Mehrzahl hat die Landwirtschaft nach amerikanischem Muster weiter betrieben. Die schwerste Zeit erlebten die Auswanderer in den ersten Jahren nach ihrer Niederlassung; reichte das aus der Heimat mitgebrachte Kapital und ihre Arbeitskraft bis zu den ersten grössern Ernten, so durften sie mit Bestimmtheit auf steigendes Wohlergehen rechnen. Wenn aber das für die Anschaffung landwirtschaftlicher Geräte und des Saatgutes so dringend benötigte Geld aufgezehrt wurde, bevor sich der Arbeits- und Kapitalaufwand erstmals bezahlt machte, so waren die Kolonisten ohne fremde Hilfe vor den Ruin gestellt. Im allgemeinen ist nur gute Kunde von den Amerika-Tujetschern in die Heimat gedrungen; die Mehrzahl hat sich durch Auswanderung besser gestellt, denn die Haupthemmungsgründe des Fortkommens in der Heimat, der Bodenmangel und die lange Winterruhe, sind in Amerika weggefallen, so dass sie durch ihre grosse Arbeitsenergie und ihren Sparsinn zu wohlhabenden Leuten wurden. Aber ein anderer, glücklicherweise kleinerer Teil, dem der Erfolg versagt blieb, ist totgeschwiegen worden und verschollen.
Wenige der nach Amerika Ausgewanderten sind als wohlhabende Leute in die Heimat zurückgekehrt und leben als einfache Bauern weiter. Einige wanderten nach Jahren von neuem aus. Ein Tujetscher hat sich nun zum vierten Male in Amerika niedergelassen. Unstreitig hat auch Beeinflussung zu neuer Auswanderung stattgefunden durch die Erzählungen derjenigen, die «drüben» waren.
c)
Folgen der Abwanderung
Für
die zurückbleibende Bevölkerung hat die Abwanderung Vorteile und
Nachteile gezeitigt. Die für die Gemeinde Tujetsch günstigste
Abwanderung war der periodische Wegzug der minderjährigen Mädchen
nach Deutschland. Die Familien waren für die Dauer mehrerer Monate
etwas entlastet und konnten bei der Rückkehr der Kleinen noch ein
kleines Sümmchen Erspartes in Empfang nehmen. Ebenso bewirkte der
Wegzug eines Sohnes oder die Heirat einer Tochter für die grossen
Familien eine Entlastung der Haushaltungskosten. Die
Einzelauswanderung weist also gewisse Vorteile für die
Zurückbleibenden auf. Sie wirkt aber auch nachteilig durch den
Wegzug des Kapitals, worunter die Gemeinde- und Staatsfinanzen
leiden. Den grössten Kapitalverlust bringt die Familienauswanderung
mit sich, da durch sie die grössten Werte in der Heimat weggenommen
und zum Aufbau der neuen Existenz im Einwanderungsland verwendet
werden. Auch die Binnenwanderung in der Schweiz bewirkt neben der
für die Angehörigen günstigen Entlastung der Haushaltungskasse den
Nachteil des Kapitalverlusts, da das Heiratsgut der Tochter aus der
Gemeinde an den neuen Wohnsitz gezogen wird. Ob die durch die
Abwanderung geschaffenen Vorteile, oder ob die Nachteile überwiegen,
ist schwer festzustellen, denn es sind so zahlreiche Abstufungen
möglich, dass jeder einzelne Auswanderungsfall besonders daraufhin
untersucht werden müsste. Für das Tujetsch lassen sich zwei Perioden
unterscheiden, die entsprechend dem Mass der Abwanderung
verschiedene Folgen zeitigten. Die Periode von 1850 bis 1888, die
einen steten Bevölkerungsrückgang aufwies, ist für die
Zurückbleibenden folgenschwer gewesen. Durch die starke
Amerika-Auswanderung wurde so viel Privatvermögen aus der Gemeinde
weggeführt, dass der Gemeindehaushalt sich stark verschlechterte,
die Schuldenlast anwuchs, und die einzelnen Familien eine grössere
Steuerbelastung erleiden mussten. Seit 1888 ist die Auswanderung
zurückgegangen; dadurch wurde die finanzielle Lage der Bevölkerung
neu gestärkt. Durch die Auswanderung der Bergbauern verliert der
Staat auch Träger der Volksgesundheit, Menschen, die im steten Kampf
mit der Natur gesund und kräftig geworden und daher am ehesten
berufen sind, die schweizerische Mittellandbevölkerung mit gesundem,
frischem Blut zu versehen.133)
d)
Massnahmen gegen die
Abwanderung
Die
Abwanderung aus dem Tujetsch ist begründet durch das beschränkte
Fassungsvermögen der Landschaft; mithin ist die Abwanderung eine
natürliche Folgeerscheinung, die scheinbar keiner Gegenmassnahmen
bedarf. Da nun unter Umständen nachteilige Wirkungen durch die
Abwanderung hervorgerufen werden, muss doch untersucht werden, ob
sich diese verhindern oder wenigstens beschränken lässt. Die
Problemstellung heisst also: Ist es möglich, das Fassungsvermögen
des Untersuchungsgebietes zu vergrössern? Die Frage muss bejaht
werden; im folgenden ist dargelegt, wie sich eine Erhöhung der
Volkszahl erreichen lässt.
Von grosser Bedeutung für die Auswanderung ist der Grad der Selbstversorgung. Vor der grossen Entwicklung des Verkehrs waren die Tujetscher auf sich selbst angewiesen, sozusagen vollständige Selbstversorger; heute ist der Selbstversorgungsgrad gesunken. Der Übergang von einfacher, aber sicherer Existenz zu erhöhter Lebenshaltung erschwerte manchem das Auskommen; die frühere Unabhängigkeit vom Unterland war verloren, die Viehpreise mussten sich nach der Konkurrenz des Mittellandes richten; ebenso wurden die Preise der Konsumartikel von unten herauf diktiert usf. Wenn also der Grad der Selbstversorgung gesteigert werden kann, wird das Fassungsvermögen der Landschaft zunehmen. Die Durchführung einer gesteigerten Selbstversorgung stösst aber auf grosse Schwierigkeiten, man denke z. B. an die Verhältnisse im Brotgetreidebau. Infolge der Einfuhr ausländischen Getreides nahm die einheimische Produktion stark ab; der Bauer kaufte die Brotfrucht so billig, dass der eigene Anbau nicht mehr rentierte. Allerdings unterstützt die Eidgenossenschaft den Ackerbau durch Entrichtung von Mahlprämien; diese Subvention kommt aber viel mehr dem Mittellandbauer zugute als dem Bergbauer, denn dieser weiss nie zum voraus, wie sich die Ernte infolge der ungünstigeren klimatischen Bedingungen gestalten wird, während das Mittelland eine grössere Konstanz in der Ernte zeigt.
Am besten liesse sich die eigene Produktion durch vermehrte Düngung steigern. Der Naturdünger kann noch mehr ausgenützt werden als bis anhin. Der Kunstdünger ist kaum bekannt, obschon die grossen Vorteile seiner Verwendung klar zutage liegen. Ferner könnte vermehrter Ackerbau getrieben werden durch die Umwandlung von Wiesland an leicht geneigten Abhängen in Ackerland ; dieser Zuwachs an Ackerboden würde auch einer weitern Überzahlung des Bodens steuern und damit die Bodenverschuldung reduzieren. Vor allem aber soll der bestehende fruchtbare Ackerboden geschützt werden vor der Zerstörung durch Wildbäche und Rillen. Eine Verbauung des Wildbachs Drun ist unbedingt notwendig, denn im heutigen Zustand bringt er den seitlich anstossenden Ackerboden zum Absturz. Als dringend erscheint auch die Verbauung der jungen Rille zwischen Selva und Tschamut, die jedes Frühjahr die Ackerfelder von Selva verwüstet.
Eine Vergrösserung des Aufnahmevermögens der Landschaft liesse sich auch erreichen durch Schaltung neuer Wirtschaftseinheiten und durch den Ausbau der bestehenden Betriebe. Die Schaffung neuer Erwerbseinheiten in der Landwirtschaft wird kaum in Frage kommen, doch soll hier ein Vorschlag Platz finden, der unter Umständen eine Erwerbsverbesserung, in sich schliesst. Die Alpregion des Untersuchungsgebietes ist der Standort von verschiedenartigen Heilkräutern und Wurzeln, die in der Pharmazeutik Verwendung finden könnten. Die Naturheilwissenschaft besitzt neben der modernen Medizin immer noch grosse Bedeutung im Volksleben, und sie bezahlt die zur Verwendung kommenden Pflanzen, deren Hauptmasse von heilkräftigen Alpenkräutern gebildet wird, gut. In dieser Beziehung steht noch eine lohnende Erwerbsquelle offen, um so mehr, als die Arbeit des Einsammelns durch Kinder geschehen kann.
Für das Tujetsch kommt vor allem der weitere Ausbau der bestehenden Betriebe in Betracht. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Waldwirtschaft. Das Holz ist der einzige Rohstoff, der für das Erwerbsleben der Bergbevölkerung grössere Bedeutung besitzt. Heute rächt sich die Holzverschwendung früherer Zeiten; die vielen kahl geschlagenen Hänge, die später zu Magerheuland oder Alpweide wurden, werfen bei weitem nicht den Nutzen ab, den der Waldbestand repräsentierte. Das Tujetsch ist im Verhältnis zur Bestossung überreich an Alpen; besser wäre es, wenn das Weideland intensiver benutzt und der frei werdende Anteil aufgeforstet würde. Anfänge zur Wiederaufforstung sind vorhanden, sie sollten aber weitergeführt werden können. Wenn genügend Wald vorhanden ist, kann die Gemeinde über ihre eigenen Bedürfnisse hinaus Holz nach auswärts verkaufen. Der bisherige Holzhandel im kleinen hat gezeigt, dass das Alpenholz infolge seiner besondern Verwendungsmöglichkeit konkurrenzfähig ist. Neuerdings hat aber die Einfuhr von österreichischem Holz den Bündner Holzhandel stark geschädigt. Der Bund könnte durch geeignete Zollpolitik dem Alpenholz Geltung verschalten, indem er durch bestimmte Ansätze den Verbrauch der ausländischen Holzprodukte zum Nutzen der einheimischen Wirtschaft herabsetzen würde. Wenn aber bestimmte Gesetze aufrecht erhalten werden, die dem Grossteil der Bevölkerung frommen, sollten sich auch Mittel und Wege finden, den Schaden zu heilen, den die Minderheit durch die betreffenden Bestimmungen erleidet.
Eine weitere Schädigung durch die bestehenden Zollbestimmungen erfährt die Viehzucht. Der Viehverkauf bringt dem Tujetscher Bauer den einzigen Gelderwerb; es ist daher begreiflich, dass dem Viehzüchter viel an einer Fixierung der Viehpreise liegt. Durch die beständige Schwankung, durch die gedrückten Viehpreise erwachsen dem wenig bemittelten Bauern Existenzschwierigkeiten, die zur Abwanderung Anlass geben können. Die Einfuhr von Gefrierfleisch und ausländischem Schlachtvieh deckt einen grossen Teil des Fleischbedarfs und drückt dadurch den Preis des einheimischen Viehs herunter; die Qualität ist nicht mehr ausschlaggebend, sondern der Bedarf. Solange die Zollansätze für ausländisches Fleisch nicht höher sind, wird der Bergbauer nie auf zukünftige Wohlhabenheit hoffen können.
Ein wichtiger Faktor zur Verbesserung der Existenzverhältnisse besteht in der Erhaltung der Hausindustrie und in der Einführung neuer Heimarbeitszweige. Es liegt in der Natur der Landschaft, dass die Heimarbeit während der Wintermonate betrieben wird. Bis jetzt sind es hauptsächlich die Frauen gewesen, die Heimarbeit an Spinnrad und Webstuhl verrichteten. Früher wurde alle Kleidung und Wäsche selbst hergestellt; mit der gesteigerten Lebenshaltung ist aber hier ein Spinnrad und dort ein Webstuhl beiseite gestellt worden, Konfektionsanzüge und fremde Wäsche erhielten Eingang, und das Spinnen und Weben wurde unmodisch. Wenn sich also die Tujetscher Frauen wieder allgemein dieser Winterarbeit widmen würden, könnten weitgehende Einschränkungen im Geldverbrauch erzielt werden.
Es ist aber von grösserer Wichtigkeit, Verdienstmöglichkeiten für die Männer ausfindig zu machen. Der lange Winter legt einen grossen Teil der Manneskraft brach; mit dem Besorgen des Viehstandes und der gelegentlichen Waldarbeit füllt der Bauer den Winter, der ein halbes Jahr andauert, nicht aus. Wenn im Winter Verdienst vorhanden gewesen wäre, hätte sich die Existenz wenig begüterter Bauern nicht so oft zu einer Notlage ausgewachsen.
Es ist schwierig, geeignete Erwerbsmöglichkeiten ausfindig zu machen. Es muss darauf Rücksicht genommen werden, dass die für Heimarbeiten zu verwendenden Rohmaterialien wenn möglich aus der Landschaft selbst stammen oder wegen der Transportkosten nicht aus zu grosser Entfernung bezogen werden müssen. In früherem Zusammenhang ist der Speckstein erwähnt worden, der im Sericitschiefer des Tujetscher Zwischenmassivs eingelagert ist. Die Lager sind von der Gemeinde an Einzelpersonen zur Ausbeutung verpachtet worden; die Konzessionäre fabrizieren aus dem Talk oder Giltstein die sog. Tujetscher Öfen. Hier bietet sich der Gemeinde Gelegenheit, durch Übernahme des Betriebes den Männern Verdienst zu schaffen, einmal durch die Ausbeutung, die auch im Winter vor sich gehen kann, vor allem aber durch die Verarbeitung des Gesteins. Der Talk ist als weiches Gestein leicht zu bearbeiten; wir denken uns eine Verarbeitung des Materials in Luxus-, Zier- und Gebrauchsgegenstände, ungefähr nach dem Muster der Serpentinverarbeitung in Andermatt.
Es wäre von grossem Vorteil, wenn sich die Männer einige handwerksmässige Kenntnisse erwerben könnten, um sie im Winter nutzbringend anzuwenden. Wir denken vor allem an Kenntnisse aus der Schreinerei und Tischlerei, um bodenständiges Material verwenden zu können. In den Städten bestehen für die Schüler unzählige Kurse in verschiedenen Holzarbeiten, sog. Handfertigkeitskurse, die die reine Geistesarbeit der schulpflichtigen Kinder wohltätig unterbrechen und mithelfen, die Jugend zu praktischen Menschen zu erziehen. Es wäre vorteilhaft, wenn auch die Bergbevölkerung solcher wohltätiger Institutionen teilhaftig würde, nicht nur zu Nutz und Frommen einer vielseitigen Erziehung, sondern um die Lebensverhältnisse etwas verbessern zu können. Solche Unterrichtskurse dürften aber keinesfalls mit grossen Kosten verbunden sein, sonst ist der Zweck des Unternehmens verfehlt. Hier ist dem Staat eine schöne Rufgabe vorbehalten, durch Entschädigungen an die unterrichtenden Lehrkräfte die Kurse zu ermöglichen. Aus dem zur Verfügung stehenden Fichtenholz lassen sich eine grosse Anzahl Gebrauchsartikel für den Haushalt herstellen; feinere Hände könnten sich der Schnitzerei und der Kerbschnitzerei zuwenden.
Zusammenfassend möchten wir nochmals betonen, dass der eben erwähnte Vorschlag zur Erlernung verschiedener Holzhandwerke einer der geeignetsten ist, um die Erwerbsverhältnisse zu verbessern. Am guten Willen der Bergbevölkerung zweifeln wir nicht, denn die Leute sehnen sich nach Beschäftigung im Winter, gleich welcher Art sie sei.
Die Weiden und Grünerlen der Rheinauen, die bis jetzt nicht oder nur als dürftiges Brennholz verwendet wurden, könnten als Material für Korbflechterei einen grössern Nutzen abwerfen.
Ob die weitere Entwicklung des Fremdenverkehrs im Tujetsch für die Lebensverhältnisse der Bevölkerung Vorteile mit sich bringt, kann heute noch nicht entschieden werden. Allerdings verdienen einige Gemeindebürger ihren Lebensunterhalt durch die Touristik, aber für die Allgemeinheit hat sie keine Vorteile gebracht; die erwarteten vermehrten Verkäufe eigener Produkte sind bis jetzt kaum Wahrheit geworden. Die im Zusammenhang mit der Fremdenindustrie eröffnete Furka-Oberalpbahn hatte auf die Verkehrsverhältnisse günstigen Einfluss; auch haben einige Tujetscher im Dienst der Bahn als Angestellte oder Arbeiter ihr Auskommen gefunden. Den Bauern bieten sich im Winter durch Schneeschaufeln am Bahnkörper von Disentis bis Sedrun Verdienstmöglichkeiten. Gewisse schädliche Seiten der Touristik sind nicht zu verkennen; der einfache leichtgläubige Bergbewohner macht sich unter Umständen eine falsche Vorstellung vom Leben im Unterland. Ausserdem werden die Institutionen des Fremdenverkehrs, die Hotels und die Bahn, immer mehr frequentiert. Bis jetzt sind Vor- und Nachteile geringfügig; die Erfahrungen sind noch zu klein, um das Problem diskutieren zu können.
Mittel zur Verbesserung der Existenzverhältnisse und damit zur Verhütung der Abwanderung liegen auch in der Erhaltung der bestehenden und in der Einführung neuer gewerblicher und industrieller Beschäftigungsmöglichkeiten. Für das Tujetsch wird sich in dieser Hinsicht wenig machen lassen. Industrielle Etablissemente haben sich nie eingebürgert. Es wäre zu untersuchen, ob sich die vorgeschlagene Saisonarbeit der Specksteingewinnung und -verarbeitung auf das ganze Jahr ausdehnen liesse, so dass eine richtige Industrie in Gang käme. Die Ausbeute der Granite der Seitentäler wird kaum in Frage kommen wegen der allfälligen Konkurrenzierung durch die vorzüglichen Tessiner Granitwerke und die Kunststeinfabrikation. Im letzten Jahrhundert bestanden an verschiedenen Orten im Untersuchungsgebiet Kalkbrennereien; die Qualität und die Mächtigkeit des Gesteins könnte unter Umständen zu einer Wiederaufnahme der industriellen Verwertung führen. An irgendeine Holzverarbeitungsindustrie ist vorläufig nicht zu denken, da die Waldbestände wohl ausreichen würden für kleinere Heimarbeiten im Winter, aber niemals für eine allgemeine, das ganze Jahr umfassende industrielle Tätigkeit. Die Einführung irgendwelcher anderer gewerblicher oder industrieller Arbeiten, deren Rohmaterial aus grösserer Entfernung herbeigeschafft werden muss, ist eine unrentable Angelegenheit.
Eine weitere Massnahme gegen die Abwanderung besteht in der Schaltung des Ausgleichs in der Wirtschaftsentwicklung und der Lebenshaltung zwischen Gebirge und Mittelland. Damit nähern wir uns schon stark den subjektiven Ursachen der Abwanderung. Es ist schon bemerkt worden, dass mit dem Uebergang von der Natural- zur Geldwirtschaft eine Steigerung der Lebenshaltung einsetzte. Es bestehen keine klaffenden Unterschiede mehr im Lebensniveau, denn das Tujetsch hat als Endglied des relativ gut besiedelten Vorderrheintals immerwährend Kontakt gehabt mit der Aussenwelt und Anschluss gefunden an die gesteigerte Lebenshaltung des Unterlands, im Gegensatz zu manchem andern Alpental. Die Verkehrsverhältnisse sind gut, ebenso sind die Verhältnisse in Gesundheitspflege, im Versicherungswesen, die Wohnverhältnisse usf. ausreichend für eine einfache, aber anständige Lebenshaltung.
Dementsprechend sind auch subjektive Ursachen für die Abwanderung nur in kleinem Mass ausschlaggebend gewesen. Eine dringende psychische Beeinflussung der Leute fällt demnach weg. Sie besitzen im allgemeinen frischen Geist und vor allem eine vorzügliche Moral; ein Wandertrieb besteht auf keinen Fall im Tujetsch; die Leute sind froh, wenn sie in der Heimat bleiben können.
Der persönliche Wert und die Tüchtigkeit der Bevölkerung könnte noch erhöht werden durch die Weiterbildung, nicht im Sinne vermehrten, theoretischen Schulwissens, sondern in Kenntnissen praktischer Lebensführung. Wir haben bereits auf die Handfertigkeitskurse der schulpflichtigen Stadtkinder hingewiesen; nach Beendigung der normalen Schulzeit werden die Schulentlassenen des Unterlandes auch noch in den vielseitigen Fortbildungsschulen weitergebildet, um einst tüchtige Menschen aus ihnen werden zu lassen. Diese Fortbildungsschulen sollten aber nicht ein Privilegium des Mittellands bleiben, sondern auch Einzug halten in den Bergtälern. Für das weibliche Geschlecht kämen Kurse für Schneiderei, Wäsche, Küche usw. in Betracht, für die Männer vor allem landwirtschaftliche und handwerkliche Fortbildungskurse, für beide Geschlechter zusammen Samariterkurse. Es wäre ausserordentlich zu begrüssen, wenn auch die bewährte Volkshochschule sich der Bergbevölkerung annehmen möchte, um sie praktisch und allgemein zu bilden, neue Arbeitsmethoden bekannt zu machen, volkswirtschaftliche Zusammenhänge aufzudecken usw. Die Bevölkerung wäre ausserordentlich empfänglich für solche Einrichtungen; wenn auch der praktische Nutzen hie und da klein werden sollte, so wäre einzig das Gefühl der Bergbauern, sich von den Miteidgenossen umsorgt zu wissen, schon viel wert.
Zusammenfassung des anthropogeographischen Teils
Auf Grund der Meereshöhe und der klimatischen Verhältnisse ist der Ackerbau im Tujetsch auf den Anbau weniger Kulturpflanzen beschränkt. Roggen und Gerste gedeihen gut, ebenso Kartoffeln und Flachs. Die Bodenerträge sind sehr gross. Die angebaute Fläche beträgt rund 0,35 % des Gesamtareals!
Wichtigster Zweig der Landwirtschaft ist die Viehzucht. Die Viehhaltung fusst auf dem grossen Besitz an Wiesland und Alpweiden. Die Tierbestände sind gross. Die Alpweiden werden nur extensiv bewirtschaftet. Als historische wirtschaftliche Institution ist die Gemeinatzung zu erwähnen.
Die Waldwirtsehajt ist gegenwärtig von untergeordneter Bedeutung, da die Bestände sehr klein sind. In dem ursprünglich waldreichen Gebiet wurde starker Raubbau getrieben. Die Restwälder sind zum grössten Teil im Besitz der Gemeinde Tujetsch. Es sind Aufforstungen in grösserem Ausmass projektiert.
Der Siedlungsbeginn ist unbestimmt, fällt aber vor das Jahr 1200. Ursprünglich wurde in Einzelhöfen gesiedelt; im 18. Jahrhundert wurden die meisten Höfe verlassen; es entstanden im Talgrund eine Anzahl Weiler, vor allem im Sedruner Becken, das sich infolge seiner Reliefgestaltung am besten für die Siedlung eignete. Die höchste ständige Siedlung, Tschamut, liegt auf 1650 m Meereshöhe.
Verkehrsgeographisch hatte das Tujetsch früher nur untergeordnete Bedeutung; das Tal lag abseits der grossen mittelalterlichen Verkehrswege Graubündens. Der Oberalpweg vermittelte den Lokalverkehr vom Vorderrheintal nach Urseren und Wallis. Durch moderne Strassen- und Bahnbauten hat die Verkehrsbedeutung stark zugenommen; der Oberalp ist gegenwärtig für die Touristik einer der meistbesuchten Alpenpässe.
Die Volkszahl des Tujetsch ist abhängig vom Fassungsvermögen der Landschaft. Seit 1888 ist eine leichte Tendenz zum Steigen der Bevölkerungszahl zu konstatieren; das Tujetsch macht also die allgemeine Entvölkerung der Alpentäler nicht mit. 1920 wurden 867 Einwohner gezählt; viel höher wird die Volkszahl nicht mehr steigen, denn jahrzehntelange Erfahrungen haben gezeigt, dass eine Einwohnerzahl zwischen 800 bis 900 am günstigsten ist für die Landschaft. Die Geburten betragen das Doppelte der Sterbefälle; infolge des beschränkten Aufnahmevermögens des Hochtals ist der überschüssige Volksteil zur Abwanderung gezwungen.
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Verzeichnis der Tabellen und Karten
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Sedruner Becken; Blick auf Sedrun und die Wirtschaftsflächen; in der Mitte Talenge von Santa Brida und Schlucht von Giuv; im Hintergrund «Six Madun». |
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Aufschüttungsebene von Sedrun; Mitte rechts Einschnitt des «Drun»; links Wald von Surrein, rechts Restwälder. |
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Schuttkegel von Sedrun mit Verwüstungsgebiet des « Drun »; Steilabbruch des fruchtbaren Acker- und Wieslandes gegen Rhein und «Drun», im Hintergrund Val Strem gegen Krüzlipass. |
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Lago de Siarra mit Blick gegen Glaziallandschaft von P. Tiarms, Fellilücke und Schneehühnerstock. |
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Rundhöckerlandschaft am Badus; links unten liegt die Rheinquelle, Lago Tuma. |
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Taltrog von Val Giuv als Typus der nördlichen Seitentäler. |
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Schuttkegel bei Camischolas mit Wildbachtrichter; unten Oberalpstrasse, oben Viadukt der Furka-Oberalpbahn. |
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Blick ins Val Nalps mit dem glazialen Sporn von Surrein. |
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Kornhiste und Heustadel. |
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Spaltkeil als Lawinenschutz bei Scharinas. |
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Haustypus; breit, behäbig; Reihenfenster, Laube, umzäunter Hausgarten. |
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Sedrun; rechts oben Cuolm Cavorgia; im Hintergrund Bergstöcke rechts des Val Medels. |
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Zarcuns; links in der Tiefe der Rhein; Talenge von Santa Brida. |
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Bergspitzen von l. nach r.: Crispalt, Culmatsch, P. Ner. |
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Das weltabgeschiedene Tschamut; links Eingang, ins Curneratal, rechts ins Becken von Milez. |
- Karte der
natur-
und kulturgeographischen Ausstattung
- Karte der
Gefährdungsmomente
- Karte der
Hofsiedlung
Curriculum vitae
Ich
wurde am 25. August 1902 in Töss geboren. Daselbst besuchte ich die
Primarschule. Im Herbst 1921 bestand ich an der Kantonsschule in
Winterthur die Reifeprüfung (3 Jahre Gymnasium, 31/2
Jahre Industrieschule, technische Abteilung). Bis zum Herbst 1922
arbeitete ich in den Giessereien und Werkstätten der Firma Gebr.
Sulzer in Winterthur. Nachher bezog ich die Universität Zürich,
legte im S.-S. 1923 die Prüfung als Primarlehrer ab und studierte
während 5 Monaten an der Universität Dijon (Romanistik, Geographie
und Geschichte). Vom S.-S. 1924 bis zum W.-S. 1925/26 setzte ich als
Sekundarlehramtskandidat meine Studien an der Universität Zürich
fort und bestand im März 1926 die Prüfung als Sekundarlehrer
(Hauptfach Geographie, Nebenfächer Zoologie, Mathematik, Chemie).
Bis und mit S.-S. 1927 war ich als Assistent am Geographischen
Institut der Universität Zürich tätig und belegte Vorlesungen in
Geographie und Anthropologie. Seit September 1927 arbeite ich an
meiner Promotionsarbeit.
Winterthur, im
Juli 1928.
Walter Leemann.
Anmerkungen
1)
A. Heim: «Geologie der Schweiz», 3. Teil, S. 126 ff.
2)
Nach Derichsweiler von Sax-Fels, amadere=mähen: «Fels ob der Matte».
SAC.-Jahrbttch 1917: S. 45.
3)
A. Heim: «Geologie der Schweiz», 3. Teil, S. 216.
4)
Schweiz. Arealstatistik.
5)
Schweiz: 91, Graubünden: 16.
6)
A. Heim: «Geologie der Schweiz», 3. Teil, S. 191.
7)
A. Heim: «Geologie der Schweiz», 3. Teil, S. 202 und 129.
8)
Chr. Tarnuzzer: «Talkschiefer und Lavezgesteine des Bündner
Oberlandes.»
9)
Eidg. Amt für Wasserwirtschaft: «Das Rheingebiet von den
Quellen bis zur Taminamündung», 1. Teil, S. 13.
10)
Mitteilung von Prof. Flückiger, Zürich.
11)
A. Heim: «Geologie der Schweiz», 3. Teil, S. 218.
12)
Eidg. Amt für Wasserwirtschaft: «Das Rheingebiet von den
Quellen bis zur Taminamündung», 1. Teil, S. 13.
13)
A. Heim: «Geologie der Schweiz.»
14)
P. K. Hager: «Die Verbreitung der wildwachsenden Holzarten im
Vorderrheintal», S. 26.
15)
Eidg. Amt für Wasserwirtschaft: «Das Rheingebiet von den
Quellen bis zur Taminamündung», 3. Teil, A. Der Vorderrhein.
16)
A. Heim: «Geologie der Schweiz», II. Band, 1. Hälfte, S. 203.
17)
A. Heim: «Geologie der Hochalpen zwischen Reuss und Rhein».
(Beiträge zur geol. Karte der Schweiz, Lief. 25.) S. 440.
18)
Sicher festgestellt an einem alten Glennerdelta.
19)
F. Machatschek: «Talstudien in der Innerschweiz und in
Graubünden.» (Mittlg. d. Geogr.-Ethnogr. Gesellschaft Zürich, Bd. 27
und 28.)
20)
A. Penck und E. Brückner: «Die Alpen im Eiszeitalter», S. 439.
21)
A. Heim: «Geologie der Hochalpen zwischen Reuss und Rhein», S.
441.
22)
Andere Version: «Drun» von «Dargun» oder «Dragun» = Drache, «der an
den wüsten Ausbrüchen des Wildbachs schuld ist». «Sedrun» also: «am
Drachenbach gelegen.»
23)
Pl. a Spescha: «Das Tavätscherthal.»
24)
J. Coaz: «Die Lawinen der Schweiz.» (Kartenbeilage.)
25)
Vergleiche: R. Kirchgraber: «Das Gebiet des ehemaligen Hochgerichtes
Vier Dörfer», S. 24.
26)
R. Gautier: «Le Globe», 1916, S. 23.
27)
Chr. G. Brügger: «Gotthard und Lukmanier», eine
klimatologische Parallele,. S. 3.
28)
Sie wurden veranlasst durch die vorliegende Arbeit.
29)
Die Zahlen stammen vom Beobachter der Temperaturen in Sedrun,
Herrn Pfarrer Fetz.
30)
Brügger: «Lukmanier und Gotthard», S. 15.
31) Brügger: «Lukmanier und Gotthard», S. 6.
32)
Placi a Spescha: «Das Tavätscherthal.»
33)
Gautier: «Le Globe», 1916, S. 21.
34)
Die Grundlagen zu den Berechnungen stammen aus dem Archiv und aus
den Veröffentlichungen der Schweiz. Meteorol. Zentralanstalt in
Zürich.
35)
Dr. E. Roder: «Niederschlag und Abfluss im bündnerischen
Rheingebiet während der Jahre 1894-1909», Tafel 7.
36)
Nach Vorschlag von Dr.Billwiller, Schweiz. Meteorol.
Zentralanstalt Zürich.
37)
Maurer, Billwiller und Hess: «Das Klima der Schweiz.»
38)
R. Gautier: «Le Globe», 1916, S. 25.
39)
Pl. a Spescha: «Das Tavätscherthal.»
40)
Eidg. Amt für Wasserwirtschaft: «Die Wasserverhältnisse der
Schweiz.» Rheingebiet von den Quellen bis zur Taminamündung, 1.
Teil, S. 13.
41)
R. Gautier: «Le Globe», 1916, S. 26.
42)
Eidg. Amt für Wasserwirtschaft: «Die Wasserverhältnisse der
Schweiz.» Rheingebiet von den Quellen bis zur Taminamündung, 4.
Teil.
43)
A. Heim: «Geologie der Schweiz.»
44)
Die betreffenden Untersuchungen sind vom Eidg. Amt für
Wasserwirtschaft durchgeführt worden und stützen sich auf die
wasserbautechnische und geologische Möglichkeit.
45)
Pl. a Spescha : «Das Tavätscherthal.»
46)
Vergleiche Kartenskizze!
47)
Die Zahlen sind entnommen aus der Schweiz. Arealstatistik.
48)
Äcker von Tschamut.
49)
Gemeint ist der gesamte Besitz: Äcker, Fett- und Magerwiesen,
ev. Ried und private Maiensässe.
50)
Mittlg. P. Baseli, Disentis.
51)
A. Gadient: «Das Prätigau», S. 31.
52)
Pl. a Spescha: «Das Tavätscherthal» (1804).
53)
Mittlg. P. Baseli, Disentis.
54)
1925 war nach der Statistik ein mittelgutes Jahr.
55)
Schweiz. Anbaustatistik 1926.
56)
Schweiz. Anbaustatistik 1926.
57)
Mittlg. P. Baseli, Disentis.
58)
Die Zahlen sind entnommen aus den Eidg. Viehzählungen.
59)
A. Gadient: «Das Prätigau», S. 51.
60)
R. Kirchgraber: « Das Gebiet des ehemaligen Hochgerichtes Vier
Dörfer »,. S. 62.
61)
Vergl. A. Gadient: « Das Prätigau », S. 66.
62)
R. Kirchgraber: Vier Dörfer: 1920: 24,3 Ziegen pro 100
Einwohner, S. 60. A. Gadient: Prätigau: 1910: 45 Ziegen, pro 100
Einwohner.
63)
Für jede Kuh müssen 2 Ziegen gesömmert werden.
64)
R. Kirchgraber: 1911: 38 Pferde pro 1000 Einwohner in der
Schweiz, S. 62.
65)
Vergl. A. Gadient: «Das Prätigau.», S. 60.
66)
Schweiz. Geflügelzählungen.
67)
Schweiz. Zählungen der Bienenvölker.
68)
Während des Krieges ist der Preis für Zucker stark gestiegen.
69)
Es soll vor allem auf das, vorzügliche Werk des Bündners
Curschellas: «Die Gemeinatzung», Ilanz 1926, Moritz Maggis Erben,
hingewiesen werden, worin eine Fülle rechtlicher und geschichtlicher
Untersuchungen enthalten sind.
70)
P. K. Hager: «Die Verbreitung der wildwachsenden Holzarten im
Vorderrheintal», S. 288.
71)
Zitat aus Curschellas: «Die Gemeinatzung», S. 14-15.
72)
Vergl. R. Kirchgraber: «Vier Dörfer», S. 66.
73)
Die Zahlen sind entnommen aus A. Strüby: «Die Alpwirtschaft im
Kanton Graubünden.»
74)
Urkunden aus dem Gemeindearchiv Tujetsch und J. C. Muoth: «Die Talgemeinde Tavetsch.»
75)
R. Kirchgraber: «Das Gebiet des ehemaligen Hochgerichtes Vier
Dörfer », S. 65.
76)
A. Gadient: «Das Prätigau», S. 35.
77)
H. Rebsamen: «Zur Anthropogeographie der Urner Alpen», S. 70.
78)
Kühe Fr. 14.-, 2jährige Rinder Fr. 7.-, Jährlinge Fr. 3.50,
Kleinvieh Fr.1,70.
79)
Vergl. P. Baseli Berther: «Sin Cadruvi», S. 21.
80)
Ein guter Senn erhält für eine Alpzeit von rund 70 Tagen bis
700 Fr. Lohn. Der erste oder «grosse» Hirt erhält 4-500 Fr.
81)
H. Rebsamen: «Zur Anthropogeographie der Urner Alpen», S. 105.
82)
H. Rebsamen: «Zur Anthropogeographie der Urner Alpen», S.
120-132.
83)
P. K. Hager: «Die Verbreitung der wildwachsenden Holzarten im
Vorderrheintal», S. 75.
84)
Eidg. Amt für Wasserwirtschaft: «Das Rheingebiet von den
Quellen bis zur Taminamündung», 1. Teil.
85)
Aus K. Hager: «Verbreitung der wildwachsenden Holzarten im
Vorderrheintal», S. 290.
86)
Pl. a Spescha: «Das Tavätscherthal» (1804).
87)
Als Polizei bezeichnete Spescha die verschiedenen
Kommissionen, die die Gemeindeangelegenheiten durchzuführen und zu
überwachen hatten.
88)
Romanisch Tujetsch, urkundlich Tivez, Thivethz. Erste Version:
von tegia = Alphütte; zweite Version: vom keltischen diwez - Grenze.
89)
Placi a Spescha, Urkunden des Klosters Disentis.
90)
F. Purtscher: «Zur Geschichte des Vorderrheinthals», S. 5.
91)
Kirchenarchiv der Gemeinde Tujetsch.
92)
J. C. Muoth: «Die Talgemeinde Tavetsch.»
93)
ze Mutt ähnlich ze Matt, Zermatt; Pl. a Spescha glaubt:
Tschamut von Ca mott = diesseits des Hügels gelegen (muotta -
Hügel). .
94)
Im Anniversar von 1456 stets Sor (Sur) und Sut-Dragun (Dragun
= Wildbach). Jetziges Sedrun ist Sut-Dragun, seit 1555 Sedrun.
95)
= Schlucht.
96)
Von «Pinetum»
97)
Gemeindearchiv Tujetsch.
98)
Gemeindearchiv Tujetsch, Anniversar 1455.
99)
Unter Mithilfe von P. Baseli, Disentis. Vergleiche
Kartenskizze
100)
J. C. Muoth: «Die Talgemeinde Tavetsch.»
101)
J. M. Curschellas: «Die Gemeinatzung», S. 12.
102)
Mitteilung von P. Baseli, Disentis.
103)
Vergleiche Kartenskizze!
104)
Pl. a Spescha: «Das Tavätscherthal.»
105)
Urkunden aus dem Gemeindearchiv Tujetsch.
106)
Mitteilung von Dr. Mathieu, Remüs.
107)
Siehe Abschnitt Morphologie!
108)
Manuskripte von Placi a Spescha.
109)
Siehe Kartenskizze!
110)
Primarschule in Sut Crestas, Sekundarschule in Camischolas.
111)
Kantonale Feuerverordnung.
112)
Lenggenhager: «Beitrag zur Verkehrsgeschichte Graubündens »
und Bener: «Studie zur Geschichte der Transitwege durch Graubünden.»
113)
F. Purtscher: «Zur Geschichte- des Vorderrheintals
im Mittelalter», S. 5.
114)
Gemeindearchiv Tujetsch.
115)
Handel mit Tuchstoffen, Reis, Kastanien usw. (Mittlg. P.
Baseli, Disentis).
116)
Placi a Spescha: «Das Tavätscherthal.»
117)
Aus Lenggenhager: «Beitrag zur Verkehrsgeschichte
Graubündens», S. 192.
118)
Mitteilung P. Baseli, Disentis.
119)
Im Winter ist die Oberalpstrasse von Tschamut an aufwärts
nicht oder nur schwer gangbar; der Verkehr mit dem Urserental ist
auf ein Mindestmass reduziert. Innerhalb der Siedlungen ist die
Strasse während des ganzen Winters gang- und fahrbar.
120)
Schweiz. Eidgenossenschaft und die beteiligten Kantone
Graubünden, Uri und Wallis.
121)
Derichsweiler, SAC.-Jahrbuch 1917, S. 30 und 31.
122) Mitteilung
P. Baseli, Disentis.
123)
Die Bevölkerungszahlen bis 1848 stellte mir Herr Pater Baseli
Berther in Disentis freundlichst zur Verfügung; die Zahlen seit 1860
sind in der Hauptsache den Veröffentlichungen der Eidg.
Volkszählungen entnommen.
124)
E. Wettstein: «Zur Anthropologie und Ethnographie des
Kreises Disentis», S.99.
125)
Der Sterblichkeitsindex beträgt ungefähr 17,6 °loo, der
Geburtenindex 33 °loo.
126)
In dieser Berechnung der prozentualen Anteile der
Bürgerzugehörigkeit mussten die Zahlen der ortsanvesenden
Bevölkerung verwendet werden, da nur sie die Bürger nach Herkunft
unterscheiden. Der Unterschied zwischen ortsanwesender und
Wohnbevölkerung ist aber geringfügig, so dass trotzdem Vergleiche
angestellt werden können.
127)
Einige der häufigsten Geschlechter im Tujetsch sind die
Beer,
Berther, Biart, Cavegn, Decurtins, Delflorin, Deplatz, Deragisch,
Gieriet, Hendry, Jagmet, Loretz, Monn, Muggli, Riedi, Soliva, Wenzin
und Zanetti.
128)
Seit 1910 ist kein Ortschaftsverzeichnis mehr erschienen.
129)
Der Zeitraum von 1860 bis 1920 wurde nach beiden Seiten
vergrössert, da sich bereits aus dem Jahre 1850 Auswanderungsnotizen
im Tujetscher Bürgerregister finden.
130)
Die Grundlagen zur Einteilung des Abschnitts «Abwanderung»
stammen aus der Schrift von Dr. H. Bernhard: «Grundlagen zu einer
Erhebung über die schweizerische Gebirgsentvölkerung.»
131)
Der Entschluss zur Auswanderung mag manchem schwere Sorgen
bereitet haben für die zukünftige Existenz, und doch glaubten die
Leute nach langer, reiflicher Überlegung, darin den einzigen Ausweg
aus wirtschaftlicher Not und Bedrängnis zu finden. Andere haben sich
ohne lange Überlegung entschlossen, ihre Heimat aufzugeben; den
interessantesten Fall in dieser Beziehung bildet der Wegzug einer
Witwe, die 14 Tage nach dem Tod ihres Gatten mit 7 unmündigen
Kindern - das älteste war 13jährig, das jüngste noch im
Säuglingsalter - bereits auf dem Weg nach Amerika war.
132)
Andere Schweizer Kolonien der USA.: Neu-Bern, Neu-Glarus,
Neu-Bargen.
133)
Vergleiche A. Gadient: «Das Prätigau», S. 162.