
DER MÜNZFUND
VON RUERAS
Von Emil Vogt
Im Herbst 1936 wurde in der Kellermauer des Hauses oberhalb der Kirche von Rueras (casa da Duri Battesta Venzin-Monn) im bündnerischen Tujetsch bei Bauarbeiten ein Münzschatz angetroffen. Es wurden 4 Goldmünzen gefunden, wovon eine nachträglich im Schutt, und 25 Silbermünzen. Ob damit sämtlche Stücke des Fundes erfasst sind, ist nicht mit Sicherheit auszumachen. Ausser einer goldenen und zwei silbernen Münzen konnte der Schatz für die Münzsammlung des Landesmuseums erworben werden. Er bildet eine sehr erwünschte Erweiterung der topographischen Sammlung. Ueber die Art der Unterbringung der Münzen in der Kellermauer und eine eventuelle spezielle Umhüllung konnte nichts mehr in Erfahrung gebracht werden. Die Silbermünzen waren mit einer ausserordentlich harten Oxyd- und Schmutzschicht überzogen, die nur mit scharfen Mitteln, aber ohne Schaden für das Metall, entfernt werden konnte.
| Der Bestand an Geprägen, der sich ergab, ist sehr interessant und bezeichnend. An der Spitze stehen drei Florentiner Goldgulden des 14. Jahrhunderts. Die Beizeichen, links neben dem Kopf des hl. Johannes, geben sie zu erkennen als Gepräge der Münzmeister Lapo di Ghino, 1310, 1.Hälfte (1), | 1 | ![]() |
| Tano Baroncelli, 1313, 2. Hälfte (2) und des Donato dell'Antella, Münzmeister der 1. Hälfte des Jahres 1327. | 2 | ![]() |
| Sie zeigen das normale Prägebild dieser Zeit. Dazu kommt noch eine der vielen zeitgenössischen Nachprägungen der Florentiner Goldgulden, nämlich eine des Johann von Luxemburg, König von Böhmen, 1310-13461). Da in der Umschrift nur der Titel des Königs von Böhmen angegeben ist, dürfte es sich um einen Prager Goldgulden handeln (3). | 3 | ![]() |
| Die Silbermünzen scheiden sich in italienische und französische Typen. Die ersteren sind ausschliesslich Mailänder Groschen des Heinrich VII. von Luxemburg, 1310-1313. Es sind zwei Varianten vorhanden, die sich durch ein „Kleeblatt" zwischen den Füssen des hl. Ambrosius unterscheiden (4,5). | 4 | ![]() |
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| Sie zeichnen sich aus durch die Güte des Silbers2). Die französischen Gepräge sind alle Tournoser Groschen, aber mit sehr vielen Varianten. Es ist ein einziges Stück (6) vorhanden von Philipp III, 1270-1285, kenntlich durch die Schreibweise des Namens PHILIPVS mit einem P3). | 6 | ![]() |
| Neun weitere Groschen sind in die Jahre 1280-1290 zu setzen, gehören also entweder in die Endzeit der Regierung Philipps lll. oder in den Beginn der Regierungszeit Philipps IV. (1285-1314). Mit Sicherheit dem letzteren zuzuweisen ist ein Groschen der Zeit 1290-1295, ein weiterer der Emission 1298 und drei der Emissionen 1303 und 1305. (7-9) zeigen drei Beispiele dieser Stücke 4). | 7 | ![]() |
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| Das
seltenste Stück ist aber ein Tournoser Groschen des Ferri IV. von
Lothringen (1312-1328) mit den Umschriften FERRICVS DEVX und TVRONVS
DVCIS (10). Ein genau gleiches Stück habe ich nicht finden können. Die Münzsammlung der Bibliothèque Nationale in Paris besitzt ein Stück mit lateinischem statt gotischem E in Ferricus (B. N. 2795)5). |
10 |
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Das späteste Stück des Fundes ist der Goldgulden von 1327, falls nicht etwa der Prager Golden noch etwas später anzusetzen ist. Man wird also als Datum der Deponierung des Fundes ungefähr die Zeit um das Jahr 1330 angeben dürfen. Es ist meistens schwierig, das Verstecken von Münzschätzen mit historischen Geschehnissen in Zusammenhang zu bringen. In unserem Falle besteht nun aber wenigstens die Möglichkeit einer historischen Erklärung. Im Jahre 1333 kam es zu Kämpfen zwischen den Leuten des Urserentales und den Bewohnern des Vorderrheintales. Die Veranlassung zu diesem Konflikt ist nicht bekannt, doch scheint der Abt von Disentis dabei eine Rolle gespielt zu haben. Die Bündner verloren an die 500 Mann und mussten ihren in Gefangenschaft geratenen Amtsmann um schweres Lösegeld befreien6). Sollte sich unter den Gefallenen auch der Besitzer unseres Münzschatzes befunden haben?
Im Übrigen ist der Fund für die Geldgeschichte des schweizerischen Gebietes charakteristisch. Münzgeschichten pflegen meistens nur die Schweizer Gepräge zu behandeln, geben also kein Bild des Geldverkehrs. Es ist für unseren Fund nicht nur wichtig, zu sehen, wie weiten Geltungsbereich die Münzen der verschiedenen Länder hatten, sondern dass Vermögen in fremden Werten angelegt wurden. Es mag dies einerseits damit zusammenhängen, dass z. B. im Viehhandel ausländische Märkte besucht wurden, anderseits aber auch mit dem Umstand, dass damals auf schweizerischem Gebiet gemünztes Gold und grosses Silbergeld fehlte. Die Bodenfunde spiegeln diese Tatsache deutlich wieder. Schon aus diesem Grunde sollte viel mehr Gewicht auf sie gelegt werden, als es gemeinhin geschieht. Es kann hier nicht unsere Sache sein, alle mit dem Schatz von Rueras verwandten Funde auf Schweizer Gebiet zusammen zu stellen. Nur auf zwei sei hingewiesen, von denen Stücke auch im Münzkabinett des Landesmuseums liegen. 1893 wurde auf dem Friedhof von Lenk (Kanton Bern) ein Fund von 19 Goldgulden gehoben, die alle dem Florentiner Typus angehören, aber z. T. Nachbildungen anderer Münzherren sind, z. B. des Papstes Johann XXII. (Prägung von Carpentras), Johann von Luxemburg (gleicher Typus wie im Fund von Rueras), Humbert von Vienne, Raymond von Orange. Die meisten Stücke gehören in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts. Im Landesmuseum liegen sieben Stücke, der Verbleib der anderen ist mir unbekannt. Ungleich bedeutender ist der Fund von Pfinwald bei Siders (Kt. Wallis), von dem 40 Stücke im Landesmuseum liegen. Er konnte, wie leider in vielen Fällen, nur zum Teil wissenschaftlich untersucht werden. Die Gesamtzahl der Münzen betrug über 1000. Das späteste Gepräge stammt von Michel Steno, Dogen von Venedig 1400-1413. Der Fund gehört also schon in den Beginn des 15. Jahrhunderts. Trotzdem können darin nur drei Stücke aus heute schweizerischem Gebiet (Genf und St. Maurice) namhaft gemacht werden. Die Zusammensetzung des Fundes ist sehr international7).
Diese Beispiele zeigen, dass der Fund von Rueras keine Ausnahme bildet, sondern nur das Bild des Geldverkehrs in der Schweiz während des 14. Jahrhunderts in willkommener Weise bereichert.
1) Max
Donebauer, Beschreibung der Sammlung Böhmischer Münzen und Medaillen des Max
Donebauer, Prag 1888, Nr. 812.
2) Corpus Nummorum Italicorum, Milano, S.61, Nr. 10. Zweiter Typus mit
Vorderseite wie Nr. 10 und Rückseite wie Nr. 13.
3)
Catalogues des Monnaies francaises de la Bibl. Nat. A. Dieudonné, Les Monnaies
Capetiennes ou royales francaises, 2e Section. Paris 1932. Typus Nr. 72.
4) An Typen sind
vertreten Dieudonné Nr. 93 (2 Stück), Nr. 104 und 105 (2 Stück, Taf. XI. 9), Nr.
110, Variante von Nr. 111 (2 Stück), Nr. 111 (Taf. XI. 8), Nr. 141 (T ohne
Punkt), Nr. 150, Nr. 218 (Taf. XI. 7), Nr. 246 (3 Stück).
5) Nach freundlicher Auskunft von Herrn Dr. H. Nussbaum.
6) Joh. Guler von Weineck, Raetia, S. 148, - Ulrich Campell, Historia Raetica.
Quellen zur Schweizer Geschichte, Bd. 8, Basel 1887, S.331.
7) Die Beschreibung eines Teiles des Fundes in: Revue Suisse de Numismatique,
Bd. 15, S.212 ff.
Remarca:
Igl onn 2000 hai jeu raquintau ad ina 4a classa sur dil scazi da Rueras,
l'anflada dallas muneidas igl onn 1936. Ils scolars/aras han lu giu il meini,
che quellas muneidas udessien en nies museum. Sin quei havein nus scret al
museum naziunal a Turitg ina brev e retschiert la suandonta risposta:
Sehr
geehrter Herr Hendry
Liebe Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse
Ich danke für die netten Briefe aus Sedrun. Es freut mich, dass der Münzschatz von Rueras auf solch grosses Interesse gestossen ist. Es ist nämlich im allgemeinen recht schwierig, bei Nicht-Numismatikern die Freude an Münzen zu wecken, da Münzen klein und unscheinbar sind und erst bei genauem Hinsehen und mit fachlichem Spezialwissen als Träger wichtiger geschichtlicher Informationen zu erkennen sind.
Nun zu Ihren Fragen: Der Fund von Rueras wurde im Jahr 1936 durch die Vermittlung von Pater Notker aus Disentis dem Schweizerischen Landesmuseum verkauft. Ausschlaggebend für den Kauf war unsererseits die Tatsache, dass es sich dabei um einen Münzschatz von nationaler Bedeutung handelt. Er stellt eine wichtige Quelle für die Erforschung des schweizerischen Geldumlaufs in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts dar. Ausserdem finden sich unter den Münzen einzelne Raritäten.
Das Schweizerische Landesmuseum hat bekanntlich drei Aufgaben: sammeln, aufbewahren (ordnen, konservieren und sichern) und vermitteln (veröffentlichen, ausstellen). In diesem Sinn wurde der Schatz von Rueras im Museum aufgearbeitet und publiziert, seit 75 Jahren sicher aufbewahrt und damit sowohl Laien als auch Forscherinnen und Forschern jederzeit zugänglich gemacht. Zur Zeit ist der Münzschatz im „Forum der Schweizer Geschichte" in Schwyz, eine Zweigstelle des Schweizerischen Landesmuseums, zu sehen. In der dortigen Ausstellung ist der Münzschatz in seinen geschichtlichen Zusammenhang gestellt.
Beiliegend sende ich Ihnen einige Prospekte betreffend das Forum in Schwyz. Ein Schulausflug nach Schwyz wäre eine gute Gelegenheit, sowohl den Münzschatz von Rueras zu besichtigen, als auch eine faszinierende Schau über den schweizerischen Alltag bis ins 18. Jahrhundert zu besuchen. Ich wünsche Ihnen und Ihren Schülerinnen und Schüler dabei viel Spass.
Mit
freundlichen Grüssen
Schweizerisches Landesmuseum
Münzkabinett