Quella descripziun unica dalla Val Tujetsch digl onn 1805 ei publicada en: 

Pater Placidus a Spescha - Sein Leben und seine Schriften; 
edida entras prof. dr. Fried. Pieth, Cuera e prof. dr. Karl Hager, Mustér 


cun ina introducziun da pader Maurus Carnot, Mustér - 
1913; pag. 199 - 256

Per la megliera capientscha hai jeu fatg enqual midada ortografica ed era midau ils nums locals ella scripziun dad oz.
Tarcisi Hendry

Commentari
"Avon che entscheiver quella ovra, hai jeu ponderau la caussa madiramein. Mia finamira ei stada da render il carstgaun ventireivels. Ella emprema part hai jeu descret la part geografica, ella secunda la part historica ed ella tiarza la situaziun politica dalla Val Tujetsch. Priu tut ensemen hai jeu vuliu crear ina ovra economica e cheutras promover il beinstar e la beadientscha dils carstgauns e principalmein dils habitonts da Tujetsch. Per spir simpatia viers ils Tujetschins hai jeu scret quella ovra." Aschia terminescha pader Placi sia lavur sur daTujetsch.
Pader Placi a Spescha ei staus en Tujetsch sco caplon da 1809-1815. Pia biars onns suenter la descripziun da 1805. Pader Placi veva denton entras siu interess per las muntognas e cristallas visitau Tujetsch e fatg excursiuns silla pezza e suenter mineralias. 1785 eis el sin viseta a Selva tier pader Maurus Nager. L'enconuschientscha dalla val fuva segiramein fetg gronda - quei demuossa era sia descripziun. Pader Placi ei fetg critics, ei directs e critichescha tut quei che disturba el. Mintgaton banduna el il tema Tujetsch, generalisescha e moralisescha. El fa attents e porscha era ideas e sligiaziuns per biars problems ella val. Dil reminent ein plirs avis da  a Spescha vegni suandai, aschia che sia descripziun ha era giu siu success. Da l'autra vart ei era da constatar che bia caussas dalla descripziun han cuzzau tochen viaden ella mesadad dil 20avel tschentaner.
La descripziun ei unica e pli che impurtonta per nossa val. Ina tala descripziun ei ina documentaziun historica da valeta immensa. Ins sa far in clar maletg dil daviver entuorn igl onn 1805. 

Versiun romontscha scursanida!

Beschreibung des Tujetschertales im Bündner Oberland 1)
Kurze geographische Beschreibung des Tujetschertales
Polizei dieses Tales
Polizei der Alpen
Polizei der Wälder
Polizei der Pflanzen und Gärten
Polizei der Bergmatten und der Hausgüter
Polizei der Allmeinden
Polizei der Tiere
     1. Zahme Tiere
     2. Wilde Tiere
Polizei der Berge und der Mineralien
Polizei der Gebäude und der Feueranstalten
Polizei des Wasser- Strassen- und Brückenbaues
Polizei der Allgemeinheit
Polizei der allgemeinen Arbeit
Polizei der Handelschaft
Polizei des Geldes, Masses und Gewichtes
Polizei der öffentlichen Arbeiten und der Bettelschaft
Polizei der Schule, der Künste und Wissenschaften
Polizei der Geistlichkeit
Polizei der Obrigkeit
Polizei des Krieges
Natur, Lebensart und Gewohnheiten der Tujetscher
Polizei der Kranken- und Sterbefälle
Sterbefälle Epidemien
Schluss - Polizei der Ökonomie
Anmerkungen
  
   

Kurze geographische Beschreibung des Tujetschertales 2)

Das Tal Tujetsch, in welchem der vordere Rhein entspringt, ist ein Längstal von 4 Stunden und breitet sich in der Mitte fast ebenso weit aus. Es ist als eine Fortsetzung des Vorderrhein- oder eigentlich des Surselva-Tals, das bei Reichenau anfängt, zu betrachten.
Seinen Bezug [Richtung] nimmt es anfänglich von Osten nach Westen und krümmt sich in der Mitte gegen Südwesten. Es besteht aus einem Haupt- und aus zehn teils grösseren, teils kleineren Seitentälern. Viere derselben ziehen gegen Mittag und sechs gegen Westnord hinein. Nur das Seitental Nalps ist am Rande mit wohnbaren Häusern hesetzt, die übrigen sind Alp-Täler.
Das Tal wird von dem vorderen oder Surselva-Rhein durchflossen, der am Fusse des Gebirgs Badus auf der Alpweide Tuma entspringt. Er fliesst von Süden, Südwesten, Westen und Westnorden in die Tiefe des Haupttales bei Tschamut herab, rinnt alsdann 1 ½ Stunden gegen Nordosten, eine Stunde weiter gegen Osten, verlässt östlich unter Mompe Tujetsch das Tal und erreicht in einer geringen Stunde den Ort Cuflons - Lat. Confluens - und das Disentisergebiet, wo er den Mittel- oder Medelserrhein aufnimmt. Er wird von schmackhaften Forellen und Groppen [Cottus gobio] belebt, und der Frosch springt nicht selten hinein, um sich dort zu erfrischen und zu baden.
Ich kenne vier Alpseen in diesem Tal, die, wenn sie mit lebenden Tieren bepflanzt wären, den ganzen Fluss beleben würden.
Die Schönheit dieses Tals befindet sich in dessen Mitte am nördlichen Ufer des Rheins. Es ist mit Dörfern, Korn- Flachs- und Kartoffelfeldern so gemischt, dass es in dieser Art das fruchtbarste, angenehmste und reizenste Tal im Alpengebirge kann genennet werden.
Südlich von dem Ufer des Rheins und nördlich von den Kornfeldern an fangen die Tannenwälder [Fichten] bergan zu steigen und verlieren sich in die milchreichste und an Gras ergiebigsten Alpen. Über diesen erheben sich die Eis- und Schneefelder, und aus diesen die Berge, deren Gipfel bis an die Wolken emporragen. Wenn nach Dr. Ebel der Gipfel des Badus die Höhe von 9085 Fuss erreicht, kann der Piz Tgietschen - Oberalpstock als der höchste Berg dieses Tals die Meeresfläche um 12 000 Fuss übersteigen, und wenn die niedrigste Fläche vom Urserental 4356 Fuss über dem Meer sich erhebt, so mag der Mittelpunkt des Tals Tujetsch sich 4120 Fuss über das Meer erheben.3)
Eine Viertelstunde hinter Mompe Tujetsch erreicht man im Walde die Marksteine, welche Disentis von Tujetsch scheiden, und in einer Viertelstunde befindet man sich schon im Dörfchen Bugnei am Ufer des krystallenreichen Tälchens Valöglia. Jenseits des Rheins erblickt man das kleine Tal Gierm, dessen Wasser Tujetsch von Disentis und Medels trennen. An beiden Ufern desselben liegen die Höfe Cavorgia sura, S. Leci und Cavorgia sut. Gleich daran westlich zieht sich ein beträchtlich grosses Tal gegen Mittag hinein, das von der Nalpsa durchflossen wird. An ihr westliches Ufer lehnen sich die Weiler Surrein mit Foppas und die Höfe Nacla und Canadal; weiter hinein  sind Bergmatten und Alpen. Die Länge dieses Tals - sein Name ist Nalps - kann wenigstens 3 Stunden gerechnet werden [soweit Kulturland und Bergmatten vorhanden sind], und ist mit hohen Gipfeln umsäumt und mit beträchtlichen Glätschern behangen.
Von Bugnei bis Sedrun, dem Hauptort des Tals und der Pfarre, ist es nicht mehr als eine Viertelstunde. Es liegt auf einer sanft ansteigenden Fläche von Korn- und Mattland. Von da bis Rueras, wo eine Kapllanei ist, breiten sich die schönen und fruchtbaren Felder Tujetschs aus, welche mit angenehmen Ortschaften besetzt sind.

Camischolas liegt von Sedrun eine Viertelstunde entfernt. Von da aus zieht sich ein Seitental gegen Westnorden und Norden hin und wird Strem genannt. In der Mitte desselben krümmt sich der Weg westlich über den Krüzliberg in das Kärschela-Tal [Maderan] auf dem Brand [Bristen] und gegen Amsteg im Kanton Uri. Die Tallänge beträgt ungefähr 2 Stunden. Es wird durch den hohen und wilden Gipfel  Piz Tgietschen [Oberalpstock 3330 m], der ringsherum mit ungeheuren Eismassen behangen ist, geschlossen und von der Strimsa durchflossen.
Über Rueras streicht das Alptal Mila gegen Westnord hinein, und weiterhin das Alptal Juff [Giuf], welches mit beträchtlichen Eis- und Schneelagen und hohen Bergen geschlossen wird. Die westliche Seite dieses Tals [Juff/Giuf] wird von dem Kamm des Krispaltenberg begrenzt, welcher seinen Fuss in das Bett des Rheins eintaucht. Da liegt die zerstörte Burg der Herren von Pontanigen auf einein Felsen, die um die Mitte des 13. Jahrhunderts in der Geschichte auftreten.4) Der Weg, wo man über den Fuss des Krispalten geht, heisst Sumsasi.
Von da durch eine Waldung und durch Güter gelangt man in ¾ Stunden nach Selva. 5) Es war ehehin eine Waldung hier, und desshalben wird der Ort so genannt; er liegt ungefähr so hoch als Andermatt im Urserental.
Tschamut ist das höchst gelegene Dörfchen im Tale. Es ist ungefähr 4-500 Fuss über Selva erhoben und somit erhebt es sich über Meer bei 5000 Fuss. Es liegt in einein erhöhten Talgelände diesseits eines Hügels mit Namen Crestas und deswegen heisst es auch Ca mòt d. i. diesseits des Hügels.
Anfänglich bauete das Kloster Disentis hier ein Spital, um die Überfahrt des Krispaltenbergs zu erleichtern [Oberalppass]. Das Spitalhaus steht noch jetzt und ist von jenem Holz erbaut, das in der Nähe wuchs. Nun ist es von Tannenholz gänzlich los, und dessen Zufuhr ist sehr beschwerlich geworden. Diese Entblössung verursachten Bergstürze, Schneelawinen und die Unvorsichtigkeit der Einwohner.
Zwischen Tschamut und Selva quellen Schwefelbrunnen aus dem Sumpfe hervor, die zu nichts anders, als den Ausschlag zu vertreiben, gebraucht werden. Von allen Brunnenquellen, die hier in Menge und Vortrefflichkeit anzutreffen sind, ist doch das Rheinwasser am Abend und Morgen das gesundeste.
Auf der Südseite des Hügels Crestas in der Tiefe stossen zwei Arme des Vorderoder Surselvarhein zusammen. Der eine Arm fliesst vom drei Stunden langen Alptal Curnera und von seinem Nebental Maighels von Süden her; der andere rinnt von Westen herab [von Val Val] und wird „Rein de Tschamut" benamset. Wenn grosse Schmelzungen des Eises beginnen, ist ersterer [vom Curnera- und Maighelsergletscher gespeist] und wenn Schneeschmelzungen eintreten, dieser wasserreicher. [Von den ausgedehnten Alpweiden Tiarms, Val Val und Val Juff.]
Die mittelste [eigentliche] Quelle des Rheins, welche die gerade Richtung des Tals behauptet, sammelt sich am Fusse des Bergs Badus. Drei Bächlein vereinigen sich in der kleinen Ebene Tuma und fliessen in einen See gleichen Namens. Dieser 200 Schritt breite und 400 Schritt lange See ist das Becken, aus welchem der vordere Rhein seinen Ursprung nimmt. Die Gegend ist prächtig und angenehm und somit würdig, die Urquelle eines solchen Flusses zu sein. Würde der See noch mit Fischen belebt, wie es leicht sein könnte, würde der Anblick hier noch angenehmer werden. Gleich unter dem Abfluss des Sees in einer Ebene nimmt dieser Bach unter dem Namen Darvun einen anderen auf, welcher von der Gegend der Alp Maighels und von den Schnee- und Eisfeldern des Badus herkommt. Nachdem er während seines nordöstlichen Laufes zwei artige Fälle gebildet hat, fällt er in die Tiefe der Alp Surpaliz. Dort nimmt er von Westen her den Surpalizerbach auf, welcher durch die Zuflüsse von Nurschallas und Muschaneras verstärkt wird, und fliesst östlich gegen Tschamut hin. 6)

Polizei dieses Tales 7
)
Anordnung des Tals in Rücksicht seiner Einrichtungen und Bestellung der politischen Personen.8)
Alles, was man unter dem Wort Polizei versteht, begreift die gute und zum Ziel der menschlichen Glückseligkeit bezweckte Anordnung eines Landes. Dahin gehören auch alle guten Gesetze und Verordnungen desselben, welche zur Ausübung festgestellt sind.
Die Polizei teilt sich in die gerichtliche, ökonomische und geistliche ein.
Die gerichtliche Polizei unterscheidet sich in dem von der ökonomischen, dass sie die Übertreter der Gesetze und Verordnungen richtet und straft, wo hingegen die  ökonomische nur auf die Vorteilhaftigkeit der Verordnungen und Gesetze Rücksicht nimmt; sie lässt im Übrigen einen jeden seinen Nutzen daraus ziehen, wie er will.
Verordnungen und Gesetze müssen recht und billig sein und sie sind es, wenn sie dem Ort, der Zeit, den Personen angemessen, allgemein, vorteilhaft und gutgeheissen sind.
Gesetze und Verordnungen werden von den Vorgesetzten des Tals in Vorschlag gebracht, dem Volke vorgelegt, und dieses entscheidet durch Mehrheit der Stimmen, was annehmbar oder verwerflich ist.
Die Vorgesetzten werden von dem Talvolk männlichen Geschlechtes vom 40sten Jahre ihres Alters an und unentgeltlich erwählt und bleiben in ihrem Amte zwei Jahre lang.
Ihre Zahl ist festgesetzt und bestehet aus 6 Personen, denen ein Gerichtsdiener zugegeben ist. Die ersten drei werden geraus, die anderen drei cussegliers, und der Gerichtsdiener Uabel oder saltè in der Volkssprache genannt. Ihr Erwählungstag fällt auf den Pfingstdienstag, wo die schon Erwählten [der früheren Amtsperiode] ihr Amt in die Hände des Volkes niederlegen.
Einer von den cussegliers wird vom regierenden Landamman als sein Vikari oder Statthalter bestellt und hat seine besonderen Pflichten auf sich.
Gemeiniglich in der nämlichen Woche verfügen sie sich nach Disentis, um dort den Eid der Treue vor dem Landamman und Rate abzulegen, wenn sie ihn noch nicht abgelegt haben. Dort wird auch vom Landamman erklärt, wer sein Vicari oder Statthalter sein soll. Diese erwählten und beeideten Vorgesetzten sind Friedensrichter und Richter über die ökonomischen Gesetze und Verordnungen des Tals.
Die geraus haben zugleich Sitz und Stimme in dem grossen Rat zu Disentis und können auch in Communalangelegenheiten Kläger der Tujetscher dorthin sein. Die cussegliers hingegen sind nur alsdann beim grossen Rat Beirichter, wenn ein Blutgericht entsteht. - Auch der Gerichtsdiener kann und wird im Fall der Not zu den allgemeinen Diensten nach Disentis berufen und gebraucht werden.
Dem vom Landammann bestellten Statthalter liegen zwei Ämter ob, das eines Stellvertreters und das andere als Mitrichter der Ökonomie des Tals. Als Stellvertreter des Landammans übernimmt er alle zugeschickten Schriften desselben, die der Nachbarschaft sollen vorgetragen werden; er übergibt sie dem ersten gerau zur Einsicht und zum Vortrag. Er hat dabei auch die Aufsicht des Brücken- und Strassenbaues, insoweit es die Landstrass anbetrifft.  Als Mitrichter aber behält er den Rang nach den geraus und hat mit dem Dorfmeister, von welchem wir reden werden, die Aufsicht über die allgemeinen Arbeiten in der Bürgerschaft Tujetschs.
Ein jeder der drei Geschworenen und der Statthalter sind verpflichtet für die Fortpflanzung des Rindviehes zu sorgen; folglich müssen sie an verschiedenen Orten vier ganze Stiere unentgeltlich in Bereitschaft halten.
Ihre Besoldung nehmen sie von den Zufälligkeiten her und der Ehre ihres Amtes, das sie bekleiden.
Sie werden auch zum Eintreiben der Zinsen und Gefälle und des Schadenersatzes gebraucht und können zu den Ausschätzungen herbeigezogen werden.
Von diesen werden heimlicher Weise einige Personen erwählt, welche Aufsicht über die öffentliche Ordnung und vorzüglich Aufsicht über die Erhaltung der Bannwälder haben. Diese sind dann Kläger, wenn der Talrat zu Gerichte sitzt.
In einem öffentlichen Amt steht auch der cauvitg [Dorfmeister], welcher von den Dorfschaften durch Mehrheit der Stimmen erwählt wird. Er trägt die Aufsicht über Feuer- und Wasseranstalten seines Ortes, bestellt die Pfänder und Heimathirten und sorgt für ihre Besoldungen.
Der sogenannte cautegia, d. i. Alpmeister steht gleichfalls in einem Amt; für jede Alp wird ein solcher bestellt. Er führt die Aufsicht über die Ladung und Entladung der Alp, bestellt die Knechte, hat die Aufsicht über sie und auf das Vieh und dessen Weiden, steht der Milchmessung und Austeilung der Milchprodukte vor und ist besorgt um das Alpsalz und die Unterhaltung und Besoldung der Alpknechte, von welchen Dingen allen er Rechnung führen und stellen muss.
Auch der pindrer oder pinder steht im Ansehen eines öffentlichen Amtsmannes. Er wird von jeder Abteilung oder Dorfschaft bestellt. Er wird entweder aus dem Pfänderlohn oder mit einem ihm ausgestellten Lohn besoldet. Er wacht über den Schaden, den die Tiere verursachen, er pfändet d. i. er treibt sie von dem geschädigten Objekt weg und stellt sie dem Eigentümer zu Handen, von welchem er auch für die jedesmalige Pfändung einen bestimmten Lohn oder Schadenersatz zu gewärtigen hat. Wenn aber der Schaden beträchtlich ist, so kann auch eine Schätzung desselben statthaben.

Man kann den signun d. i. Alpsenn, als eine Amtsperson ansehen, denn er hat die Aufsicht über Leute, Vieh, Milch und Weid und andere Produkte der Alp zu besorgen und dient eigentlich zur Aushilfe des Alpmeisters - cautegia -.
Auch9) die übrigen Hirten, als:
vatger Kuhhirt,
starler Rinderhirt,
vadler Kälberhirt,

nurser Schafhirt,
cavrer Geisshirt und
purtgè Schweinehirt

kann man als öffentliche Amtspersonen einiger Massen ansehen, die teils die Tiere täglich oder zu gewissen Zeiten von ihren Standorten10) ab- und zutreiben müssen. Die Verköstigung erhalten sie gemeiniglich abwechselnd, selten der Zeit nach und noch seltener nach einem ausbedungenen Preise; den Lohn aber erhalten sie je nach ihrer Verichtung [Arbeit] proportioniert nach Gattung und Anzahl der Tiere ihres Amtes.
Jede Pfrund, jede Kapelle und jede Spende der Armen hat ihren Vogt, welche; „ugau parvenda, baselgia" und „spenda" genannt werden.
Auch über die Bannwälder werden Vögte bestellt, die „ugaus de tgesa" genannt werden.
Nicht minder werden Witwen und Waisen bevogtet, von welchen ein kleiner Vogtschilling kann abgenommen werden.
Auch wird ein „meister de lavur cumina" der allgemeinen Arbeit, aufgestellt, der die Aufsicht und Leitung derselben hat.
Endlich tritt der „caluster" d. i. Messmer als ein öffentlicher Angestellter auf. Seine Pflichten sind bekannt, und seine Besoldung nimmt er von den Zufälligkeiten und der ihm angewiesenen Stiftung her, wo eine Pfründe ist.
Der Organist dient nur in der Pfarrkirche, wo die einzige Orgel im Tale ist und bezieht auch von daher ein kleines Gehalt.
Als öffentliche Beamten im Tale erscheint auch die Geistlichkeit. Sie besteht aus einem Seelsorger, der seine Residenz in Sedrun hat, einem Beneficiaten in Rueras, einem in Selva und einem Schulkapllan in Sedrun. Ihre Amtsverrichtungen sind bekannt.
Diese jetzt genannten Beamten sind Vorgesetzte und Leiter der Polizei im Tale Tujetsch und durch sie wird da die gerichtliche, ökonomische und geistliche Polizei verwaltet.

 

Polizei der Alpen
Die Alpen können in Rücksicht der Zugehörigkeit, der Alpordnung und des Benutzungsrechtes betrachtet werden.
In Rücksicht ihrer Zugehörigkeit bestehen sie aus veräusserten, privaten und allgemeinen Alpen.
„Nalps da magher" und „Nalps de grass", Curnera und Cavradi sind veräusserte Alpen, die Alp Tschamut ist ein Eigentum der Tschamuter, und die übrigen sind allgemeine [Gemeinde-] Alpen.11)
Die Alpordnung darin ist folgende: jede Alp hat ihren Alpmeister - cautegia. Dieser besichtigt die Alpen, ob die Ladung derselben statt haben könne oder nicht. Er stattet den „pursanavels" d. i. den Alpgenossen seinen Bericht und seine Meinung ab; dann wird durch Mehrheit der Stimmen entschieden, ob man zur Alp fahren wolle.
Die Alpfahrt wird gemeiniglich um den 7. oder 14. des Heumonats vorgenommen. Ein jeder treibt sein Vieh dahin; ungefähr 7 Tage nach der Alpfahrt stellen sich die Alpgenossen nach Anordnung des Alpmeisters - cautegia - und des Senns - signun - wieder ein, um die Ebnung und Messung vorzunehmen. - Ebnen heisst im Rhätischen: ulivar und messen: miserar.
Man bestimmt durchs Los, welcher Alpgenosse diese oder jene Kühe seiner Alpgenossen melken soll; diese Anordnung wird so getroffen, dass keiner seine eigenen Kühe zu melken bekommt. So gehet das Melken zu gleicher Zeit an.
Nach Verlauf von 20 Stunden geht jetzt die Messung an. Sie wird mit angehängtem Hauszeichen eines jeden Alpgenossen in den „Milchstecken" eingeschnitten; Rhätisch, heisst der Milchstecken: fest de latg,[stiala da latg], ist ein im Viereck geschnittenes ungefähr zwei Schuh langes und anderthalb Zoll dickes Holz. Von diesem Milchstecken nimmt der Senn eine Kopie ab, damit er bei der Austeilung der Milchprodukte sich richtig zu benehmen wisse; das Original aber nimmt der Alpmeister in seine Verwahrung.
Als man vor etwelchen Jahren nicht allgemein zur Alp trieb und nur einige Bauern ihre Kühe zusammenlegten, ward nicht gemessen, sondern die Milch täglich gewogen und aufgezeichnet.
Eine Mass Alpmilch „mesira dad alp" bestehet aus 4 gemeinen Massen; ein „caz" ist eine Mass; „miez caz" eine halbe Mass; ein "tschadun" ein Quärtlein und „miez tschadun" ein halbes Quärtlein. „bignera," welches um die Helfte weniger ist als ein „miez tschadun" hat man meines Erinnerns hier keine.
Wenn nur einmal gemessen wird, bleiben die Kühe ungefähr 20 Stunden ungemolken; wenn aber zweimal gemessen wird, welches mir zuträglicher erscheint, so geschieht, das Melken zur gewöhnlichen Zeit. Zur Messzeit hat der Alpmeister die Aufsicht über den Weidgang der Kühe.
Hier kommt der Ausdruck „better giu latg" zum Vorschein. Dies geschieht, wenn nämlich ein Alpgenoss zu einer noch zu bestimmenden Zeit eine oder mehrerer seiner Kühe „galt" d. i. ungemolken gehen lassen will. Diese Zeit wird vom Alpmeister bemerkt und nach Massgab der Zeit wird dann von der gemessenen Milch abgezogen. Nachdem die Alpgenossen ihre mitgenommenen Esswaren mit den Alpknechten geteilt und ihnen ihre Kühe zu melken angewiesen haben, kehren sie nach Hause.
Fürderhin steht die Alp unter der Aufsicht des Alpmeisters und des Sennen. Dieser giebt dem Alpmeister Bericht von den Bedürfnissen und dem Zustand der Alp und jener ist besorgt für Alles.
Jede Alp hat ihre „untgidas" d. i. Rückzugsrechte, wohin bei einfallendem Schnee das Alpvieh kann getrieben werden. 12) Wenn dieser Fall eintritt, begibt sich der Alpmeister in die Alp und steht der Not bei. Ihm steht sodann die Bestimmung zu, was man mit dem Vieh vornehmen soll; wann der Rückzug in die Alp wieder beginnt, muss er sich ebenfalls dabei einstellen.
Ehe die Alp entladen wird d. i. ehe man von der Alp abfährt, welches hier, wenn nicht ein Hinderniss einfällt, den 28. des Herbstmonats geschieht, begibt sich der Alpmeister nebst den Alpgenossen in die Alp, um dort der Verechnung und Verteilung der Alpprodukte beizuwohnen; die Tat wird „spendivas" genannt,
Von der Alp geht das Vieh in die Heimgüter, wenn die Feldfrüchte versorgt sind, oder in die Bergmatten und Allmeinen, wenn die Feldfrüchte noch ausständig sein sollten.
Zu einer gelegenen Zeit im Wintermonat kommen der Alpmeister, die Alpgenossen und die Alpknechte zusammen, um die Alprechnung aufzunehmen und den Alpknechten ihren Lohn anzuweisen; diese Handlung nennt man „tagliar pustretsch" den „Alpschnitz" vornehmen. Erstlich kommt das Viehsalz zur Berechnung; dieses fällt auf die Gesammtmenge des Viehes. Dann kommt die Berechnung des genossenen und verbrauchten Salzes in Beziehung zu den Milchprodukten; das wird über die gemessene Milch „verschnitzet" [berechnet]. Dahin gehört auch das genossene Brot, Mehl, Reis u.s.w., welche von den Alpgenossen zum Verbrauch den Alpknechten abgegeben waren; und auch noch das Rückständige kommt zur Berechnung. -
Nach Massgab der gemessenen Milch oder nach Anzahl der Melkkühe werden auch Schweine in die Alp getrieben; hier kommen auch diese zur Berechnung. Nachdem man die Ablöhnung der Alpknechte an die Alpgenossen gewiesen hat, wird, ehe die Versammlung auseinandergehet, geschmauset.
Hier ist noch nachzutragen, dass 1.) wofern eine Kuh „vergaltet", ihr alpgenössiger Besitzer nach Massstab der Zeit ihrer Vergaltung einstehen müsse, dass 2.) wenn eine Kuh zerfällt oder sonst wie zu Grunde geht, ihr alpgenössiger Besitzer an seiner gemessenen Milch nicht leiden dürfe [durch Abzug], und dass 3.) ohne wichtige Ursache und Genehmhaltung des Alpmeisters keine Kühe aus der Alp können genommen werden.
Eine andere Bewandniss hat es aber mit den Schaf- Rinder- und Rossalpen. Die Hirten dazu werden vom Dorfmeister - cauvitg - bestellt. Sie erhalten entweder Speis und Lohn oder einen gewissen Lohn überhaupt, den sie von den Eigentümern der Tiere je nach deren Gattung beziehen. Die An- und Abfahrt der Rinder und Rosse wird mit jener der Kühe vorgenommen; jene der Schafe aber ist unbestimmt. Gemeiniglich treibt man selbe früher zu der Alp und ab derselben.
In Rücksicht der Nutzniessung der Alpen, welche zur Ökonomie gehört, hat meines Erachtens Tujetsch noch bei weiten nicht seine möglichste Vollkommenheit erreicht, weder in Rücksicht der Liegerstätten, Fütterung und Gebäude, noch in Rücksicht der Gewässer und Wasserleitungen, noch in Rücksicht der Räumung, Weidgänge und Sicherung, und endlich auch nicht in Rücksicht der Verfeinerung der Milchprodukte der Alpen.
Die Alpen liegen gemeiniglich über dem Wachstum der Tannen [Waldgrenze] wild und hoch. Man ist da zu keiner Zeit von starken Regengüssen, die mehrere Tage und Nächte andauern, von Schnee, Hagel, Sturmwinden, und Mark und Bein durchdringender Kälte versichert; mithin wie nützlich, ja wie notwendig wären da nicht Stallungen, worin man wenigstens des Nachts das Vieh einstellen und erquicken könnte?
Wenn die Alp mit Schnee belegt wird, wenn ein starker Reif oder schneidende Kälte sich einstellt, wie vorteilhaft wäre es nicht, das Vieh dort für wenige Tage füttern zu können, um ihm eine weite Reise [untgidas d, h. Rückzug in die schützenden Wälder] oder gar eine Entladung von der Alp zu ersparen. Wenn ein schwaches oder erkranktes Tier sich vorfindet, was geschieht? Es muss entweder dort zu Grunde gehen oder halb tod von der Alp getrieben oder gezogen werden. Wenn aber eine Polizei der Verpflegung, Einstallung und Heusammlung da wäre, könnte alles dieses vermieden werden.

Wenn ich die Alphütten betrachte, so überfällt mich ein Schauder. Sie sollten Wohnstätten der Menschen, Fabriken der notwendigsten und edelsten Produkte und die Niederlage der niedlichsten und kraftvollsten Gaben der milchreichen Alpen sein, aber sie dienen kaum zu einem Zufluchtsorte der Bären. Die Hütten sind von losen und nicht auf einander passenden Steinen aufgeführt und gemieniglich mit einem Schindeldach bedeckt, welches mit Latten und Steinen beschwert ist. Es sind darin nur zwei Gemächer angebracht. Vorne ist die Sennerei und zugleich das Schlafzimmer mit allen Geschirren und dem Vorrat für Menschen und Schweine; hinten aber ist der Milchkeller mit Käse, Zieger und Butter und anderen Esswaren, alles durcheinander. Mithin kann man sich vorstellen, wie kömmlich verwahrt und angepasst hinsichtlich der Säuberlichkeit und Unverdorbenheit alles sein müsse.13) Eine wohlgeordnete Polizei leidet [gestattet] eine solche Anordnung nicht; vielmehr baut sie in den Alpen, vorzüglich in jenen der Kühe, allgemeine und private Stallungen fürs Vieh, legt einen Heuboden an und lässt an einigen, dem Vieh unzugänglichen Orten, Heu zur Notdurft sammeln. Sie lässt ordentliche Häuser aufführen, welche mit unterschiedlichen Kellern, einer heizbaren Stube und Schlafzimmer und einer Sennerei versehen sind, worin die Milch- und andere Geschirre aufbewahrt werden, wo der Käs und Zieger gekocht [bereitet] und die Butter gezogen 14) wird. Ein dauerhaftes und zu diesem Zwecke geeignetes Gebäude soll von Kalkmauern angelegt, dessen Keller gewölbt, gepflastert und mit Zuglöchern versehen sein und das Dach entweder, mit Platten oder mit einem Nageldach versehen sein. Diese Anordnung kostet zwar, aber weit weniger, als wenn Menschen, Vieh und die Produkte verdorben werden und zu Grunde gehen.
Ebenso unpassend sind die Wasserleitungen und Wassertränken in den Alpen bestellt. Eine sorgfältige Polizei leitet das Wasser von weitem her, teils um für das Vieh Vorsorge zu treffen, teils aber auch, um dürre Weiden zu bewässern, um die Lagerstätten des Viehes auszuspülen, denn dadurch wird die Alp verbessert. Es gibt in den Alpen, viel stehendes, halb oder ganz vermodertes Wasser; es sind mehr Pfützen und Moräste. - Es gibt Bäche, die sich in viele Arme teilen, den Rasen und die gute Erde wegschwemmen oder über ihre Ufer treten und somit die guten Weidgänge versanden; auch hier wacht eine gemeinnützige Polizei!
Die Räumung oder Säuberung und die Sicherung der Weidgänge der Alpen ist ein wesentlicher Vorteil derselben. Dazu muss man wahre Kenntnisse der Alpengegenden, der Kultur und Mechanik inne haben. Nicht alle Stellen der Alp können gesäubert werden; man muss dabei wohl erwägen, auf was für Grund der Schutt liegt; liegt er auf Steinen, so ist die Arbeit vergebens; liegt er aber auf erdreichem Boden, so lässt sieh Vorteil erhoffen. Auch versteht sich hier von selbst die Räumung von dem Gestäude [Sträucher], und den unützen und giftigen Pflanzen. Unter dem Gestäude kommt die Alprose und der sogenannte Breusch [Heidekraut, Calluna vulgaris] zum Vorschein. Diese nehmen viele Alpengegenden unütz ein, und wo ein Vorteil dabei erscheint, sollen sie ausgerottet werden. Man kann sie auch anstatt des Holzes mit Vorteil verbrauchen. Viele unütze und giftige hochwachsende Pflanzen [Kräuter] nehmen öfters die besten Plätze der Alpen ein; diese können nicht anders als durch Ausgrabung vertilgt werden.

Wenn die Weidgänge den möglichsten Vorteil bringen sollen, müssen sie ordentlich eingeteilt und abgeweidet werden; denn das Vieh ist begierig und vorwitzig, und wenn man ihm die Zügel lässt, läuft es gleich die ganze Alp aus und zertritt mehr, als es abfrisst. Um diesem Übel abzuhelfen, hat man verschiedenen Wechsel der Alphütten vorgenommen; allein ohne Umzäunung des Viehs kann der Erfolg nicht vorteilhaft genug sein. Nichts wird meines Erachtens auch passender sein, als das Vieh im Abend in einen Verschluss oder an einen sicheren Ort zu treiben und es daran gewöhnen, dass es bis zum anbrechenden Tag oder bis zur Ankunft der Hirten dort liegen bleibt. Auch kostet es Mühe, allein der Vorteil dabei ist gross, wenn man an gefährlichen Orten Gräben aufwirft, Verammlungen anbringt oder bequeme Wege daselbst herstellt.
Allein was nützt es, eine Alp wohl zu ordnen, sie genau zu sichern, wohl zu pflegen und die Milch zu ihrem höchsten Grad der Ergiebigkeit zu bringen, wenn man indessen auf die Verfeinerung der Alpprodukte nicht ein genügendes Augenmerk richtet?
Wenn ein Käse gut geraten soll, muss die Milch durchgängig gleich sein und wie die gerade gemolkene erwärmt werden. Der Keller und der Laden, worauf der Käs liegt, und alles, was um ihn ist, muss sauber und geruchlos sein; er muss öfters gekehrt, gesäubert und mit süsser Sirte gewaschen werden, und die herumstehende Luft muss so gemässigt sein, dass der Käs weder zu lind, noch zu steif werde. Die Kunst, einen guten Käs, vorzüglich einen fetten, zu machen, lässt sich nicht anderst als durch fleissige Beobachtung mehrerer Jahre erlernen.
 

Nachtrag
„Alle Alpen von Tujetsch werden gemeinschaftlich benützet; nur die Alp Tschamut gehört den Tschamutern, welche an den übrigen Alpen von Tujetsch keinen Anteil haben; sie wird also von Rindvieh, Kühen, Geissen und Schafen benützt. Sie ist eine Lehenalp des Gotteshaus Disentis, welche jährlich demselben 140 Krinnen15) Käse entrichtet. Sie ist zwar eine hochgelegene und wilde, aber sehr milchreiche und ausgedehnte Alp, welche die Ehre hat, von den Hauptquellen des vorderen Rheins, des berühmtesten Flusses Europas, bespült und bewässert zu werden.16)
Von der Gegend des Oberalpsses zwischen dem Calmut und Nurschallas zieht sich ein Alptal gegen Mittag herab; hier liegt die Alp Surpaliz. Im gegenwärtigen Jahr 1805 wurde sie mit der Alp Maighels vereinigt und mit Kühen besetzt. Weiter südlich liegt das Alptal und die Alp Maighels. Sie ist zwar klein und wild, aber schön, sicher und mit sehr niedlicher Weide bewachsen. Maighels wird von Curnera durch ein Gebirge getrennt, hängt aber mit ihm zusammen, wo der Bach Maighels der Curnera zueilt [Quertal: Plattas].
Die Alp Curnera war ehehin ein Eigentum des Klosters Disentis und mit Maighels nur als eine Alp betrachtet. Der Abt Paulus Nicolai17) aber liess sichs beigehen, diese Alp ohne Vorwissen und Genehmigung des Kapitels [der Klosterbrüder] mit Ausschluss von Maighels, das er den Tujetschern vorbehielt, um die niederträchtige Summe von 400 fl. den Livinern im Jahre 1540 zu veräussern.
Dieser Absprung der edlen Gesinnung des Mannes gereicht nicht nur der religiösen, sondern auch der weltlichen Gesellschaft zum grössten Nachteil. Alpen, die man den Fremden abtritt, werden sehr selten eingelöst und von ihnen meist schwer und wenig benutzt. Der Zugang dieser Alp ist den Livinern sehr mühsam und gefährlich und läuft selten ohne Unglück ab. - Der Fürstabt Bernhard18) wollte diese Alp wiederum an sich ziehen; allein weil er sah, dass die einheimischen Herren wider ihn und den Nutzen des allgemeinen Besten eingenommen und bestochen waren, musste er die Einleitung dazu abbrechen, um nicht fruchtlos sein Geld zu verschwenden. - In der Alp ist kein Tannenwuchs, und es sind nur wenig wilde Erlen [Grünerle]; folglich muss sie sich mit dem Breusch [Heidekraut] oder mit der Alprose begnügen, oder das Holz von den Tujetschern abnehmen. Wenn die Tujetscher Eigentümer dieser Alp wären, würden sie doppelten Nutzen aus ihr ziehen.
Nächst daran auf der östlichen Seite des Piz Cavradi liegt die Alp dieses Namens. Sie ist sehr eingeschränkt, wird aber in Rücksicht der Weide gerühmt und ist Eigentum der Pfründe von Trun. - Man benützt sie bald mit Schafen, bald mit Rindvieh, und selten mit Kühen.19)
Im Tal Giuf liegt die Alp Val Giuf. Sie ist klein, aber sehr schön und wohlgelegen. Westlich dieser im Tal Val Val steht die Alp Val Val. Val Val und Val Giuf sind Lehenalpen des Gotteshauses Disentis, welchem sie jährlich 600 Krinnen an fettem Käs entrichten. Im Jahre 1804 auf das Jahr 1805 war zwischen dem Kloster und den Tujetschern ein neues Abkommen in Rücksicht dieser Alp abgeschlossen worden, vermöge welchem das Vorkaufsrecht und das immerwährende Bezugsrecht zugestanden wurde. Den Alpgenossen kommt es zu, ehe sie die Alp entladen, den gemachten Käse reihenweise aufzustellen, wie es ihnen gutdünkt. Das Kloster aber hat das Recht, an jeder Stelle, wo es anfangen will, den ihm zugehörigen Käs zu erheben; es muss aber in der angefangenen Reihe den Käs zu erheben fortfahren, bis es sein ihm gehöriges Gewicht erhoben hat. Diese Alp ist immer als die vornehmste im Tujetsch angesehen worden, sie ist reich an Pflanzen und ergiebig an Schmalz, aber auch sehr hoch gelegen und wild.20)

 

Polizei der Wälder 21)
Unter den Alpen, um die Bergmatten und nicht selten nahe an den Dörfern liegen die Wälder.
Sie sind meist mit Rottannen, und nur selten mit Weisstannen und Zirmen [Arven] bewachsen. 22) Die Föhre hat, meines Wissens, das Bürgerrecht nicht erhalten. Zerstreut liegt die Birke, der Ahorn und die Weide, häufiger ist der Vogelbeerbaum und die wilde Erle [Grünerle] darin. Ich zweifle, ob die Esche hier zu Hause sei. Von Stauden [Sträuchern] gibt es hier nicht viel mehr Gattungen als die Haselstaude, Dornstaude, die Sabine [gemeiner Wachholder gemeint] und Wachholderstrauch [der niederliegende Alpenwachholder]. An Fruchtbäumen gibt es nur den Kirschbaum, einige wenige wilde Apfelbäume, und den Mehlbeerbaum.23)
Gleich beim Eingang in das Tal [linksufrig] zwischen Mompe Tujetsch und Bugnei liegt eine grosse Waldung, die teils zu Disentis und teils zu Tujetsch gehört. Ob Sedrun liegt eine andere minder beträchtliche, über Zarcuns und Rueras eine dritte, über Giuf eine vierte und zwischen Sumsasi und Selva eine fünfte. - Jenseits des Rheins [rechtsufrig] ist eine im Tal Curnera, eine andere Tschamut und Selva gegenüber und eine dritte südlich vom Dorf Rueras. Dann folgen die grossen Waldungen von Surrein und Cavorgia und jene im Tal Nalps.
Die Waldungen teilen sich in allgemeine, private, Korporations- und Bannwälder. Erstere sind zum beliebigen Gebrauch angewiesen und stehen mithin unter keiner Polizei, weil darin keine Ordnung herrscht; die zweiten sind Eigentum der einzelnen Familien und wachsen auf deren Besitztum und stehen unter derer eigenen Aufsicht; die dritten stehen auf dem Grund mehrerer Eigentümer; sie gehören zu den Alpen, an welche sie anstossen, können zu keinem anderen Gebrauch verwendet werden und stehen unter der Obhut der Alpgenossen; die vierte Gattung Wälder endlich enthält die Bannwälder, worin eine Polizei obwaltet. Letztere wurden desswegen so genannt, weil aus selben ohne ausdrückliche Erlaubniss der Ortsobrigkeit niemand Holz nehmen darf. Die Polizei hat sie desswegen in ihren Schutz aufgenommen, um den Bürgern Sicherung ihres Eigentums und ein Hilfsmittel für die Not zu schaffen.
Noch zu Ende des 17. Jahrhunderts war die Obhut dieser Wälder dem regierenden Landammann anvertraut, der durch seine Statthalter sie besorgen liess. Die Frevler darin wurden auch von der allgemeinen Obrigkeit zur Verantwortung gezogen. Vermöge eines Dekretes vom Jahre 1701 aber ist die Obhut, Verwaltung und das Strafrecht den Ortsobrigkeiten anvertraut worden. -
Wie wichtig sind nicht die Wälder für die Allgemeinheit! Warum wacht die Ortspolizei nicht fleissiger darüber? Warum nimmt sie nicht auch die allgemeinen Wälder [in denen ein jeder nach Belieben Holz schlagen kann] in ihren Schutz und  ihre Obsorge auf? So wichtig ist die Waldung in kalten Ländern, dass man auswandern oder erfrieren müsste, wofern sie abginge. Tujetsch ist zwar bis dahin mit Holz versehen gewesen; allein wird es wohl auch inskünftig damit versehen sein?
In Tujetsch sind über 1000 Gebäude aus Holz und diese müssen wieder mit Holz unterhalten werden; der Holzverbrauch ist ohne Kunst und ohne Schonung. Jährlich wird mehr oder weniger nur aus Kurzweil in den Wäldern angezündet und unütz verbrannt, nur um Rauch oder eine grosse Flamme zu sehen. 24)
Jährlich werden die Ziegen, und nicht selten täglich in die Wälder getrieben; vorzüglich im Frühjahr beissen sie die ersten Schösslinge weg, und der Nachwuchs wird verhindert und verderbt. Man nimmt Mies [Moos] und Streue aus den Wäldern ohne Schonung und Achtsamkeit; dadurch werden die Wurzeln der Tannen von ihrem Verdeck und ihrer Nahrung entblöst. Ein jeder sucht Latten, d. i. hohe und schlanke junge Bäumchen, die zur Verzäunung und zur Unterlage der Dächer gebraucht werden, nach Belieben aus; ein jeder Bürger fällt darin [im allgemeinen Wald], was und wo er will; wälzt und schleift das Gefällte durch die Wälder ohne Rücksicht und Schonung.
Polizei! wache auf, überlege deine Pflichten, kehre zur Haushaltungskunst zurück, damit deine Nachkömmlinge, indem sie an Holzmangel leiden, nicht über deine Unvorsichtigkeit ihren Fluch ergehen lassen!
Eine wohlgeordnete Polizei bekümmert sich um die Kenntniss aller nützlichen und notwendigen Holzarten, die da wachsen oder auch wachsen würden, wenn sie gepflanzt und versetzt würden. Die Birke, il badugn, liefert einen vortrefflichen Saft; deren Laub, Reiser und Holz sind teils unentbehrlich, teils sehr nützlich in der Ökonomie. Aus dem Eschen- und Lindenbaum- fraissen = Esche und glienda = Linde - werden nicht nur vortreffliche Medizinen zubereitet, sondern auch aus derem Laube ein milchreiches Futter 25) und von derem Holze schöne Tischlerarbeiten gezogen; sie sind zwar hier nicht zu Hause, könnten aber wohl, vorzüglich beim Eingang des Tals, gezogen werden. Der Ahorn - ischi -, die Zitterpappel - triembel -, die Grauerle - ogn -, der Vogelbeerbaum - culeischen -, Weiden - salisch -, Hollunder - suitger -, die wilde Erle - draussa -, der Mehlbeerbaun - figniclè -, Apfel- und Kirschbaum - maler, tscherscher -, welche Laub und treffliches Holz, auch Latwerge und Branntwein liefern, dienen in der Haushaltung. Nicht minder nützlich sind die Gesträuche: Haselstauden, Dornhecken und -sträucher - spinèr, frosler -, besonders aber die Nadelhölzer. Unter diesen dienen die Lärche - larisch -, Zirme - schiember, [Arve], und der Föhrenbaum - tieua - zu Flechtwerk, zu Geschirren, zum Brennen und im Baufach.
Allein kann eine [Forst-] Polizei ihre Pflichten erfüllen, wenn sie nur zu Hause erzogen ist und sich der Feldarbeit widmet. Nein, ein politer [geweckter] und zu diesem Amt tauglicher Mann muss vorzüglich bei der gegenwärtigen Lage der Ökonomie von Tujetsch im Ausland seine Studienjahre zubringen, mehrere Reisen in wohleingerichtete Länder unternehmen, darin alles nützliche und wohlgeordnete beobachten, prüfen und selber seinem Vaterlande zuwendbar zu machen trachten. Ein solcher Mann sollte dann nicht, wie es gewöhnlich geschieht, der Feldarbeit sich widmen, sondern einzig seinem Berufe nachgehen und auch dafür besoldet werden.
Man muss nicht immer mit dem Sprichwort der Faullenzer und Taugenichtse aufrücken und sagen: unsere Voreltern waren auch Leute, die lebten; und doch nicht auf die Bepflanzung und Besamung der wilden Bäume und Stauden, auf eine geregelte Fällung und geordneten Transport des Holzes aus den Wäldern dachten. Allein was willst du dummer fauler Esel über einen Gegenstand das Urteil fällen, den du so wenig begreifst und verstehst, als ein Lärchenstock im Walde. Wisse, dass nur Verpflanzung, Besamung, Schonung und Pflege der Wälder und eine wahre Polizei darüber den Nadelwald, das Laubholz und die Stauden in einem guten Stand erhalten und in Rücksicht dessen die Einwohner befriedigen können.

 

Polizei der Pflanzen und Gärten 26)
Das Pflanzenreich ist im Tujetsch sehr wenig untersucht und noch viel weniger der Welt bekannt gemacht worden. Ich bereiste dieses Tal öfters, allein weil mein Gegenstand nur auf die Geographie und Mineralogie zielte, und ich damals nur ein kenntnissloser Anfänger in der Botanik war, achtete ich die Pflanzen wenig. Unter tausend anderen Pflanzen nenne ich folgende: Sonchus alpinus, Cirsium spinosissimum, Erigeron uniflorum, Gnaphalium supinum, Chrysanthemum Halleri, Pinguicula alpina, Lilium bulbiferum [croceum], Linnaea borealis, Cardamine bellidifolia, Pedicularis rostrata, Empetrum nigrum, Potentilla grandiflora, Cherceria, u.s.w.27) Hieher werden auch allen Tannen- Laub-, und Staudenarten gerechnet. Sie sind schon in der Polizei der Wälder angezeigt worden.
Nur die weisse Enzianwurzel steht einigermassen unter politischer Ordnung; denn wenn sie zur Branntweinbereitung gegraben werden soll, muss eine Erlaubniss des Eigentümers vorangegangen sein.
Das Muttenkraut und seine Wurzel werden benützt zum Tabackschmauchen; und die Wurzel des Baldrian, um Bauchgrimmen zu dämpfen. Die übrigen Pflanzen aber werden den Tieren oder der Erde zur Nahrung überlassen.
Man muss sich nicht einbilden, hier Baumgärten anzutreffen; es gibt hier kein Obst; es sind nur etwelche Kirschenbäume bei Nislas.28) Wenn man also von den Gärten Tujetschs spricht, so sind Kraut- und Gewürzgärten zu verstehen.
Die Gärten im Tujetsch sind, wie die Bergmatten, eingeschlossenes Privateigentum; sie werden nach Belieben angelegt und sind unbeschwert [vom allgemeinen Weidgangsrecht]. Anfangs waren hier keine Krautgärten; man wusste nichts vom Krautwesen. Jetzt aber haben die Gärten ein ganz anderes Ansehen bekommen, nachdem man, wie die Bauern zu sagen pflegen, auch Kraut wie die Geissen [Ziegen] zu essen angefangen hat.
Man pflanzt weissen und roten Mangold, Spinat, Kohlrabi, Kohl und Kabis, Räben, gelbe Rüben, Salat, Erbsen, Knoblauch u.s.w.
Von Kabis, Kohlrabi und Kohl werden die Setzlinge herbeschickt, aber die Kohl- und Kabisköpfe werden selten gross. Sehr gross dagegen werden der Randig, die gelben Rüben und die Räben. Ich habe deren im Jahre 1785 in Selva bei dem P. Maurus Nager gesehen, welche 7 bis 10 Pfund mochten gewogen haben. Auch der Rettich wächst hier gut, gross und saftig. -
Von den Gewürzkräutern werden folgende gepflanzt: Salbei, Polei, Majoran, Petersilie, rote und weisse Münze, Meerrettig, Schnittlauch und Sellerie.
Auch die Rose würde in ihrer Schönheit gedeihen, wenn sie gepflanzt und gepflegt würde.29) Merkwürdig ist, dass alle Pflanzen, welche hier in den Gärten wachsen, saftig, zart und von einem besonderen Wohlgeschmacke sind. Allein man sollte auch die Wartung der Gartenprodukte ihrer Natur entsprechend einzurichten trachten. Weder das Klima noch der Grund leidet hier, sondern vielmehr die Kultur und Wissenschaft [sachgemässe Behandlung].
 

Polizei der Bergmatten und der Hausgüter
A. Die Bergmatten liegen gemeiniglich an Alpen und Wäldern, auch unter und zwischen diesen. Sie werden in rätischer Sprache: „cuolms" oder „mises" genannt. Sie werden hauptsächlich im Frühjahr, ehe man zur Alpfahrt sich anschickt, als Weide benutzt. Man mäht sie nur einmal ab; das Heu aber wird gewöhnlich im Frühling, nicht selten auch im späten Herbst und Winter verfüttert.
Talschaften, aber desto mehr Allmeinden. Die mehresten Bergmatten liegen in Pardatsch, Caspausa und Tgomjöri und geben allenthalben ein vortreffliches Futter.
Der Dung wird entweder im Frühling oder Herbst ausgebreitet, selten aber der ganze Boden wohl belegt [wegen Dungmangel] und vorteilhaft auf dem Erdreich veriheilt. Das Vieh kann auch von den Bergmatten in die Allmeinden und bis zu der näher zu bestimmenden Zeit [des Alpauftriebes] auch in die Alpen zur Weide getrieben werden.
Die Bergmatten sind entweder mit Hägen, losem Mauerwerk oder gar nicht umschlossen. Ställe und Sennhütten sind darin gemeiniglich baufällig; verwahrlost, unbequem gebaut und ziemlich unsäuberlich gehalten.
Das Futter und die Weide ist gut, das übrige aber seufzet nach guter Anstalt und Polizei. Tujetsch hat verhältnissmässig nicht so viele Bergmatten als andere benachbarte.
In die Scheunen der Bergmatten wird auch öfters das Bergheu [Wildheu] eingestellt und sie sind gemeiniglich ein Zufluchtsort des Viehes, wenn Schnee und Ungewitter sich zeigen [wenn die Alpen wegen Schneefall verlassen werden müssen]. Diese Bergmatten sind aber Eigentum der reichen Bürger30); daher treiben die Dürftigeren ihr Vieh entweder nach Hause [wegen Mangel einer schützenden Stallung], oder sie lassen es unter freiem Himmel stehen [in jenem Falle, wo den Alpgenossen keine „untgidas." d, i. Zufluchtsorte in benachbarten Waldungen zu Gebote stehen].

B. Die Hausgüter liegen um die Wohnorte und grenzen an die Allmeinden und Bergmatten. Gleichwie die Bergmatten cuolms oder mises zum Unterschied der Alpen genannt werden, so heissen die Hausgüter „praus de tgèsa [casa], weil sie um die wohnbaren Häuser stehen.
Sie teilen sich in Güter „de graun" und „de fein"; erstere heissen „èrs" und die andern „pradas" d. i. Äcker- und Wiesenfelder.
Die Äckerfelder werden nur zwei Jahre nach einander aufgepflüget oder aufgegraben und bleiben dann drei bis 5 Jahre Heufelder. Die Wiesenfelder aber bleiben immer die nämlichen und teilen sich in die mageren und fetten: prada magra und grassa. Fette Wiesen sind solche, worauf gedüngt, und magere, worauf nicht gedüngt wird.
Das Hausgüterheu unterscheidet sich also in drei Gattungen, nämlich in „fein de graun, fein de magher und de grass d. i. in Ackerheu, Mager- und Fettheu.
In Rücksicht der polizeilichen Ordnung der Hausgüter kann man sie als Weidgänge [zeitweise für allgemeine Weide offenstehend] und als Arbeitsgüter [während der geschlossenen Weidezeit] betrachten.
Als Weidgänge werden die Hausgüter von St. Micheli an [29. September], wofern die Feldfrüchte eingesammelt sind, bis zum Frühling allgemein abgeweidet und zwar zuerst vom Rindvieh, hernach auch von anderen Gattungen Haustieren.
Im Frühling bestimmt jede Abteilung der Bürgerschaft, insgesammt gleichzeitig, wann das „mundi" sein soll, d. h. wann die Haustiere - jede Gattung besonders - von den Gütern müssen ausgeschlossen werden;31) hernach können die Tiere [beim Zuwiderhandeln] abgepfändet werden.
Wer diese Anordnung kennt und ihre Folgen erfahren hat, muss mit mir bekennen, dass die erwähnten Anordnungen der Weidgänge unzweckmässig und verderblich seien. Ich will es beweisen.32)
Bei dieser Anordnung der Weidgänge im Frühling und Herbst wird die Oberfläche der Güter vom alten und vermoderten Abgang, wie vom neuen Nachwuchs [Herbst und Frühjahrsgras] entblöst, so dass alles bis auf die Wurzeln und nicht selten diese  noch angebissen und entfernt werden. Allein sowohl das vermoderte Gras, als der allzujunge Nachwuchs, welcher noch nicht zu einer gewissen Abreifung gelangt ist, sind den Tieren, wie die Erfahrung und die Natur der Sache es mit sich bringt, nicht nur nicht gedeihlich, sondern auch sehr schädlich.
Ferner teile man ein Stück Gut, das durchgehend gleich an Güte oder Ergiebigkeit ist, in zwei gleiche Teile ab. Den einten Teil schliesse man mit einem Zaune ein, damit kein Tier hinzukommen kann. Man behandle beide Stücke gleich und man mähe beide zur gleichen Zeit ab, so wird man die Probe haben, dass das eingezäunte Stück Gut wenigstens um einen Viertenteil wenn nicht um einen Drittteil mehr Heu gegeben habe, als das andere Stück.
Mit diesem Überschuss an Heu kann man auch den Vorteil an Grummet [Emd] berechnen; denn mit mehr Heu kann man die Tiere länger und besser im Stalle füttern, als wenn sie auf den Weidgängen genährt werden. Zugleich hat man auch den grossen Vorteil an Dung, den man sammelt und der zur fruchtbringenden Zeit ausgelegt werden kann. Eine andere Probe. Wer gewohnt ist, 5 Kühe, 5 Rinder, 5 Schafe, 5 Geissen und 3 Schweine einzustellen, der stelle nur drei Kühe, 3 Rinder, 3 Schafe, 3 Geissen und zwei Schweine ein. Er wird sehen, dass er eben so viel Nutzniessung von 14 als von 23 Stücken haben werde. Der Vorteil besteht erstens darin, dass die 14 Tiere fetter und fleischiger sein werden, als jene 23. Ferner hat der Eigentümer wenigstens um einen Viertenteil mehr Futter im künftigen Herbst zu erwarten; mit diesem Überschuss kann er dann im nächsten Jahre seine Tiere um den Viertenteil vermehren, im dritten und vierten Jahre ebenso, und so hat er schon im 4. Jahre ein Wachstum an Futter, dass man 9 Tiere mehr auswintern kann.
Der Bauer ist wie ein Kind, das noch nicht gehen kann; man muss ihn also so mit Geduld in die Haushaltungskunst hineinführen, bis er selbst darin, ohne zu straucheln, gehen kann.
Gute Gewohnheiten arten aus, wie die guten Sitten; und kluge Männer müssen immer daran arbeiten, um das gemeine Volk wiederum zu seiner Vernunft und zum eigenen Vorteil zurückzuführen.
Die alten Tujetscher fütterten ihre Tiere, hatten einen erheblichen Nutzen davon, die Milch- und Fleischprodukte waren vorteilaft und im Überflusse zu Handen. Die heutigen Tujetscher [im Jahre 1805 geschrieben] aber hungern ihre Tiere des Winters aus, foltern und martern sie, die Nutzniessung davon ist sehr gering, der Dung hat keine Kraft, viele Tiere gehen im Frühling zu Grunde; die Bauern essen zu Hause mageres Fleisch und verschicken kleines mageres Vieh in fremde Länder, da sie ihre Güter und Alpen bis auf die blutte [nackte] Erde abweiden lassen. Politiker und kluge Männer müssen somit ihre Nebenmenschen, die von den guten Gewohnheiten ihrer Altvordern abgewichen sind, wiederum zu deren Wohlstand zurückführen und sie im Tone der Geduld und Sanftmut der falschen Vorurteile und ihrer unökonomischen Unternehmungen zu entheben trachten. Dann wird der vorige Wohlstand im Tujetsch wiederum eintreten,
Die Polizei der Feldarbeit hat im Tujetsch etwas eigenartiges an sich. Die erste Arbeit auf dem Felde, nachdem man den Dung beim Schlittweg ausgeführt hat, ist die Erde an einer Stelle hervorzugraben und sie über jene Flächen zu verbreiten, welche noch mit Schnee bedeckt sind und geackert werden sollen. Diese Erde, wie auch die Asche und der Dung haben die besondere Kraft an sich, um den Schnee zu zerschmelzen. Weil aber Tujetsch ein hochgelegenes Land ist [1400-1600 m. ü. M.] und meistens ein sanft ansteigendes Ackerfeld hat, so würde der Schnee zu spät abschmelzen, das Ackern müsste verschoben werden, und mithin würde das Getreide nicht, oder selten ausreifen, wenn diese Arbeit nicht vorgenommen würde. So hat es sich öfters zugetragen, dass am Rande des Ackers der Schnee noch über zwei Schuh tief lag, während man den Acker schon gepflügt und besäet hatte.
Der Keimling geht so auf, und es trifft öfters zu, dass er schon 4 Zoll hoch gewachsen ist, ehe der Schnee ringsherum zerschmolzen ist.33)
Die Zeit des Ackerns lässt sich wegen der Verschiedenheit der Jahre nicht bestimmen; gewöhnlich aber fängt man mit dem Maimonat an. Man bedient sich beim Ackern zweier Werkzeuge, welche paarweise vom Vieh gezogen werden [beim Aufbrechen von Wiesboden]. Mit dem einen wird die Erde durchschnitten, und mit dem andern aufgewühlet und umgeworfen. Die Erdschollen werden mit Hauen zerschlagen; es wird gesäet, geegget und mit dem Rechen geebnet. Wenn aber das Feld schon ein Jahr zuvor geackert war, bedient man sich gemeiniglich nur eines Werkzeuges.
Der Acker wird wenigstens einmal, öfters aber zweimal gejätet. In dieser Arbeit, zu welcher man eines messerähnlichen Instrumentes sich bedient [Rom. „zarclet" genannt], um das Unkraut mit der Wurzel auszuheben, können die Weibspersonen von Tujetsch als Muster vorgestellt werden,
Es wird hier Sommerroggen, Gerste und Dinkel, Rätisch: tridi oder tredi, selten aber Hafer und Weizen angepflanzt, obschon letzterer ausserhälb Sedrun zu Bugnei und Nislas [windgeschützte milde Lage] ohne Zweifel wachsen würde. Wintersaat pflegt man keine anzulegen; sie würde auch von den weidenden Tieren sehr beschädigt werden.
Hanf wird selten angebaut, aber desto mehr Flachs, der ausserordentlich gut geratet, geschickt verarbeitet und viel davon verkauft wird.
Die Getreideernte fällt gewöhnlich in den Herbstmonat, nicht selten auch in den Weinmonat. Die Getreidehalme werden insgesamt selten gelblichweiss, sondern gemeiniglich nur gelblichgrün und nicht selten nur blassgrün [in sonnenarmen, regnerisch-kalten Sommern].
Man beiget das geschnittene Getreide, welches in Garben [kleine Garbenbüschel] gebunden wird, in freiem Felde auf die Kornleitern [Kornkisten, Rom. chischnès, nach Spescha: chischners] und dröschet es zu Ende des Weinmonats oder im Wintermonat mit Flegeln aus. Das Mehl dient, wenn das Getreide wohl gesäubert, gewaschen, getrocknet und fein gemahlen wird, sowohl zum Backen als Kochen und ist sehr weiss, zart und schmackhaft.
Die Sperlinge, Rhät. paslers oder spazers, sind hier schaarenweise zu Hause und lieben das Getreide sowohl auf den Äckern, als auf den Kornleitern recht sehr. Man darf sicherlich berechnen, dass diese Tiere im Tujetsch jährlich 50 Viertel Getreides [Rom. curtauna] verzehren, ohne dass sie in ihren Mahlzeiten gestört werden. Was die Polizei bis dahin übersehen hat, darauf wollen wir aufmerksam machen; sie soll erstens überlegen, dass diese Vögel weder wegen ihres lieblichen Gesanges und ihrer körperlichen Schönheit, noch wegen anderen guten Eigenschaften geduldet werden sollen, um so weniger, weil sie der Ökonomie des Tales jährlich bei 200 fl. entreissen, die für die Hausarmen mit grösserem Vorteil könnten verwendet werden. Ihre gewöhnliche Vertilgung geschieht durch Schiessen und Fangen, allein ich vermute, die Wurzel der giftigen Pflanze „fava ded alp" [auch fava piertg genannt], welche gemeiniglich um die Alphütten als hohe Stauden mit blauen und gelben Blumen wachsen,34) würde zerstossen und mit Getreide vermischt, das man diesen Vögeln vorlegt, am geschwindesten, sie ausrotten.
Die zweite Arbeit der Einwohner ist die Auslegung des Dungs im Frühjahr; selten findet sie im Herbst statt, wo der Dung gewiss um vieles vorteilhafter könnte ausgelegt werden. Aber warum nicht? Es ist der augenscheinliche Fehler der Ökonomie des Tales in Rücksicht der Weidgänge auf den Hausgütern. - Ein zweiter Fehler der Ökonomie ist es, den neugemachten Dung des Winters auf die Felder zu führen, denn ein unverjässter Dung ist zur Fruchtbarkeit untauglich, und sollte er auch verjässt35) sein, so verliert er seine Kraft, wenn er der Kälte und Wärme, der Nässe und Trockene blosgestellt wird.
Von Güllen [Jauche] Kästen, von Sammlung und Verbrauch der Gülle, Rhät. broda, kann hier nicht einmal die Rede sein; mithin entsteht ein Verlust vom Dritteil des Dungs; ein neuer Fehler der Okonomie des Tales. Eine wohlgeordnete Polizei empfiehlt und befiehlt den Bau der Güllenkästen, Rhät. brodera, ohne weitere Anfrage; denn dieses ist dem Lande sehr nützlich.
Die Heuernte geht gemeiniglich vor oder um die Mitte des Heumonats an. Das Heu ist gewöhnlich unreif und sehr nieder; vorzüglich desswegen, weil die Weidgänge auf den Gütern nicht verboten sind.
Ebenso wenig trägt die Sammlung des Grummets oder Emdes ein, weil die Weide der Hausgüter selbe verspätet und verdirbt.
Auf das Heuen der Hausgüter fällt das Mähen der Bergmatten ein, dann die Sammlung des Bergheues; dann folgt das Emden gleichzeitig mit der Ernte des Getreides und endlich das Ausgraben der Erdäpfel. Diese letzte Frucht ist erst vor ungefähr 30 Jahren zum pflanzen eingeführt worden. Man hat seitdem verspürt, dass die Grösse, Schönheit und Stärke der Tujetscher abgenommen haben, nicht so fast desshalb, weil diese Frucht nicht nützlich wäre, sondern vorzüglich desswegen, weil man zu viel derselben pflanzt und zu übermässig davon isst.
Die Sammlung des Flachses wird im Augustmonat vorgenommen. Die Ernte ist reich und einträglich. Der Flachs wird zum Einweichen in die Teiche, Rhät. puozs, gelegt, auf den Wiesen ausgebreitet, dann gebrochen, geschwungen und gehechelt. 36)       Der verarbeitete Flachs ist feinfaserig, zart, von weissgelber Färbe und lang. Die Einwohner von Tujetsch wissen denselben wohl anzubauen, ohne Verkünstelung ihn wohl zu bearbeiten und den gehörigen Nutzen daraus zu ziehen. Die Aussaat des Flächses wirft an Samenvermehrung 20 und an Flachsfaser 30 Gewinnteile ab; das Getreide aber wirft einen Vorschlag , von 20, 30 bis 40 Teilen ab. - Tujetsch sammelt jährlich ungefähr 7000 Viertel Getreides; 100 Viertel Leinsamen, 2000 Krinnen Flachs und 3000 Viertel Erdäpfel. Vielleicht möchten einige wissen; wie viel Klafter Heu und Grummet Tujetsch jährlich sammle.37) Wenn man eine Fütterung von 800 Kühen und ebenso viel Rindern; 2000 Schmaltieren und ungefähr 20 Pferden; welche Tujetsch auswintert, berechnet, so dürfte es ungefähr ein Quantum von 4300 Klaftern geben.
Man sammelt hier viererlei Gattungen von Heu, nämlich: Ackerfeldheu, Wies-  Bergmatten und Wildheu. Das Heu ab den Wiesen teilt sich in das fette und mgere; das Wildheu ; wird sowohl von den Alpen [von Spescha bereits als Bergheu fein de pastg, aufgeführt] und von unzugänglichen Orten gesammelt, wozu ein gewisser Tag bestimmt wird.38) Riedheu gibt es hier wenig, weil es nur wenige Riedfelder gibt; an Ried ist Selva und Cavorgia am reichsten. Welches Heu vor dem andern den Vorzug verdiene, lässt sich kaum bestimmen. Für Milchmenge [Milchproduktion] halte ich jenes vom Ackerfeld für das beste; für Fleisch und Fett aber das Bergmatten- und Wildheu.39) Mit dem Mager- und Riedheu werden die Schmaltiere und Pferde gefüttert; nicht selten verwendet man auch das geringere Wildheu dazu; das übrige wird für das Grossvieh bestimmt.
Stroh und Stoppeln werden vorzüglich als Streue verbraucht; wenn aber das Stroh grünlich ist, und die Stoppeln mit Gras vermischt sind, so werden sie sowohl den Schmaltieren als dem Rindvieh zur Nahrung vorgelegt.
Einige sammeln Vorrat von Laubsträuchern40), Tannenbart und Tannenreisern. Das Laub ist sowohl für das Rindvieh als für die Schmaltiere als eine gute Fütterung anzurechnen. Tannenbart [Bartflechten, Usnea] und Tannenreiser aber sind nur eine Notfütterung. Im Jahre 1803 und im gegenwärtige Jahre 1805 war eine solche Heunot, dass die Selver und Tschamuter und mehrere von den übrigen Tujetschern mit abgerupftem vermodertem [vorjährigem, auf dem Boden stehen gebliebenem. Rom. nitschuns] 41) Bergheu ihr ganzes Hab und ihre Schmaltiere vom Märzen bis zum Brachmonat ausfüttern und verpflegen mussten. Einige wenige Stücke von ihrer Viehhab gingen drauf.
Merkwürdig ist die Sammlung des Krautes „laphazes" oder „lavazas", vom Latein, Lapathum, welches eine Gattung des Sauerampfers ist, der Blackenen [Rumex alpinus]. Dieses Kraut wird um die Mitte des Heumonats abgepflückt, zerhackt oder auch unzerhackt abgesotten, in einer dazu vorbereiteten Stande [Rom. bignera] beschwert, dann warm gemacht und abgerührt. Es gibt für die Mästung der Schweine ein gutes Futter. 42)

Polizei der Allmeinden
Die Allmeinen oder Allmenden, in der Landessprache pastiras genannt, sind ollgemeine Weidegänge [Weidplätze], welche im Frühling, Sommer und Herbst von verschiedenen Haustieren gemeinschaftlich benützt werden. Diese Weidgänge haben in Tujetsch eine politisch ökonomische Einteilung veranlasst, nämlich in: Tschamut, Selva, Rueras mit Giuf, Camischolas mit Zarcuns, Sedrun mit Gonda und Salins, Bugnei mit Nislas, Cavorgia, Surrein mit Nacla, Canadal und Foppas.
Jeder dieser Teile hat seine eigenen Allmeinden und mithin auch seine eigenen Weidgänge. In Rücksicht der vortrefflichen allgemeinen Weidgänge übertrifft Tujetsch alle anderen Nachbarschaften der Landschaft Disentis; denn die Weide ist zart, sehr milchreich und überall wohlgelegen.
Jeder kann, wenige Fälle ausgenommen, seine eigenen Tiere auf die Allmeinden zu allen Zeiten treiben. Kauft er aber Tiere nach „calonda mars" d. i, nach der Mitte des Märzmonats, muss er der Gemeinde [Korporation] den Weid- oder Alpzins erlegen.
Durch Mehrheit der Stimmen in jedem der oben genannten Teile [Korporationen] wird im Frühling bestimmt, wann die Tiere von den Hausgütern sollen abgetrieben und zur Weide der Allmeinden zugelassen werden.43) Im Herbst wird wiederum gemehrt [durch Mehrheitsbeschluss der ganzen Gemeinde bestimmt], wann diese oder jene Tiergattungen von den Allmeinden können abberufen und zum Weidgang auf den Hausgütern können zugelassen werden.
Die Allmeinden sind von Polizei und Kultur verlassene Waislein. Sie werden weder, geputzt [gereinigt z. B. von Steinen], noch gewässert und geordnet; mithin kann man auch, nachdem diese Allmeinden zu allen Zeiten und von allen Tieren geplagt worden sind, darauf schliessen, was für einen Nutzen sie der Allgemeinheit [dem Gemeinwesen] werden abwerfen können. Es liegt nicht mir, sondern dem Tujetsch ob, jene Mittel zu ergreifen, welche tauglich sind, den gehörigen Nutzen aus der Gabe Gottes und dem Erbteil der Voreltern herauszuziehen.

 

Polizei der Tiere

1. Zahme Tiere
Unter allen zahmen Tieren ist das Rindvieh das vornehmste; denn von diesem und dem Getreide leben und ernähren sich die Einwohner beinahe ganz. Das Vieh ist allgemein von kleiner Statur; es ist meistens von brauner, grau- und weisslicher Farbe, selten braunschwarz, schwarz oder bunt. Man achtet wenig auf verhältnissmässige Schönheit des Viehs, sondern nur auf Ergiebigkeit der Milch; man sollte aber auf beides Achtung haben; denn beide Eigenschaften bringen Nutzen.
Die Ochsen von Tujetsch verdienen nicht in Betracht gezogen zu werden; denn entweder werden sie geschlachtet, oder als junge Rinder verkauft.
Die Schafe sind von Farbe meist weiss, auch schwarz; sie sind klein; aber ihr Fleisch ist niedlich [zart].
Die Ziegen, welche man in der Schweiz lieber Geissen nennt, sind gross und fett und von verschiedener Farbe.
Die Schweine sind klein und gemeiniglich von gelbroter Farbe; auch gibt es schwarze und bunte; sie haben ein sehr schmackhaftes Fleisch.
Das Geflügel im Tujetsch besteht aus Hähnen und Hennen; sie sind von ziemlich grosser Statur und sehr nutzbar.
Die Polizei, der Tiere erstreckt sich hier nur auf die Weidgänge in den Alpen, Allmeinden und den Hausgütern, und auf den Ankauf und die Gesundheit derselben. Wenn die Tiere, vorzüglich das Rindvieh, erkranken, oder als krank geschlachtet werden sollen, nimmt die Polizei einen Augenschein vor und erteilt ihre Verordnung. Man muss sich aber merken, dass diese Polizei nur alsdann wacht, wenn es das Rindvieh und dessen Lungensucht44) betrifft. Wie hinkend und beschränkt eine solche Polizei, wo kein Vieharzt ist, sei, ist leicht zu begreifen. Gibt es denn beim Rindvieh keine anderen Krankheiten, die ansteckend sind, als die Lungensucht? Sind die übrigen Haustiere nicht ebenso nützlich für die Ökonomie, wie das Rindvieh?
Die vorzüglichste Polizei der zahmen Tiere betrifft deren Nachzucht; desswegen stehen dort 6 ganze Stiere in Bereitschaft. -
Wer mit den Haustieren glücklich sein und von ihnen den gehörigen Nutzen ziehen will, der muss sie lieben. Lieben wird er sie, wenn er sie oft säubert und putzt, wenn er sie fleissig, aber mässig mit guter und reiner Kost füttert und tränkt, wenn er für eine geschützte und bequeme Liegerstätte sorgt, wenn er sie vom Ungewitter und vor allzugrosser Wärme und Kälte schützt, wenn er sie öfters mit Leckerbissen ermuntert, auf sie selten schimpft und schlägt, wenn er sie weder zum Zorn, noch zu Betrübniss anreitzet. Es sind zwar nur Tiere, aber von Gott zu unserem Nutzen und nicht zum Martertum bestimmt,

2. Wilde Tiere
An der Spitze steht der Bär, welcher gemeiniglich jährlich viel Kummer und beträchtlichen Schaden anrichtet.45)
Es gibt viele Füchse, Dachse, Iltisse, Marder. Schädlich sind der Fuchs, der Iltis und der Marder, obschon man von ihren Bälgen sich Nutzen schafft. Der Dachs wühlt das Matten- und Getreideland auf und ernährt sich von Wurzeln. Auch graue und weisse Hasen, Eichhorne, Maulwürfe, Ratten46) und Mäuse finden sich. In den Alpen werden viele Gemsen und Murmeltiere angetroffen. Ein gewisser Hans Jacob von Rueras hat letztere an mehreren Orten beinahe ausgerottet.
Unter dem Geflügel steht der Bergadler47) voran und der Hennendieb [Hühnerhabicht]. Ersterer richtet grossen Schaden an den Lämmern, jungen Ziegen und Gemsen an, der andere am zahmen Geflügel.
Es ist mir nicht bekannt, dass der Urhahn [Auerhahn] sich aufhält48), allein desto ergiebiger sind die Spielhahnen [Birkhahn]49), Pernisen [Steinhühner], Hasel- und Schneehühner; auch gibt es wilde Tauben und Enten, verschiedene Arten Amseln, Nussjäcker, grüne und rote Baumpicker [wohl Grün- und grosser Buntspecht gemeint], Raben, Dohlen [Bergdohle] und allerlei kleine Singvögel.50)
Es gibt auch Schlangen [glatte Natter und am Calmut zahlreiche Kreuzottern]; Kroten sind selten, aber desto häufiger die Frösche [Grasfrosch], die sehr schmackhaft sein sollen.
Unter den Fischen sind im Tujetsch die Forellen; sie befinden sich meist im Hauptflusse und selten in den Seitenbächen. Die Forellen sind klein, selten über drei Pfund schwer.
Die Groppen [Kaulkopf], eine Art kleiner Fische, welche mit einem dicken Kopf gestaltet sind und in romanischer Sprache „rambots" genannt werden, lassen sich auch hin und wieder gehen.51)
Wenn mehrere der wilden Tiere, als nur die Gemsen, unter der Obhut der Polizei stünden, so würde ich aus Achtung vor ihr diese unter einem besonderen Titel verzeichnet haben. Es gibt noch ziemlich viele Gemsen im Tujetsch. Es ist eine obrigkeitliche Verordnung ausgegangen und selbe zu wiederholten Malen erneuert worden, dass von Martini an [11. November], wo die Brunstzeit gemeiniglich anfängt, bis Jacobi [25. Juli] keine Gemsen dürfen geschossen werden. Allein man achtet diese Verordnung nicht, und die Polizei schläft dabei.
Nachdem man angefangen hat, den Murmeltieren nachzugraben und selbe bei ihrem harten Schlafe zu überfallen, sind diese Alpentiere fast als ausgerottet anzusehen.52) Der Mörder lebt noch [siehe oben], aber in Dürftigkeit samt seinen Mitschuldigen.
Der Steinbock, dieses Prachtstier, weidete vor Alters auch in den Alpen von Tujetsch; er war damals von keiner Polizei geschützt und ist jetzt vertilgt.
Auf den Schuss eines Lämmergeiers [Steinadler] ist ein Taler, auf jenen des Bären 100 fl. gesetzt; allein das unschuldige Murmeltier wird beim Schlafe erwürgt; beim Bären aber schläft man selbst ein. Im Übrigen ist die Jagd und Fischerei zu allen Zeiten und an allen Orten frei; man schiesst, fängt und schlägt die wilden Tiere so viel und wo man kann.

Polizei der Berge [Felsfluren] und der Mineralien
Über die Berge wacht keine Polizei. Als Felsen und Steinlager liegen sie unbrauchbar da, ausgenommen dass der Serpentin [Talkstein, Lavezstein, rom. scalegl] zu Stubenöfen und der Kalkstein zu Kalk verarbeitet wird. Man kann die Berge als ein Mineral- und Kristallreich betrachten. Als Mineralien [Gestein] blieben sie bis dahin beinahe ununtersucht; als Kristallreich aber sind sie Eigentum des Finders.53) Als Kristallreich ökonomisch betrachtet werden die Berge nachlässig durchsucht; die Kristalle werden beim Graben verdorben, unvorsichtig eingepackt und verwahrt. Eine Schleifmühle [zum Schleifen der Kristalle und Mineralien] gehet ab; eine solche würde dein Tale vielen Nutzen schaffen und manchem Brotlosen das Brot geben.
Ich habe im Tujetsch keine Gebirgsgattung angetroffen, als Gneuss [Gneiss] und Granit von verschiedener Farbe und Gemenge. Doch gibt es auch Serpentin [Talkstein] über Rueras und auf dem Calmut. Man gibt vor, dass die Thäler Nalps und Curnera vor Zeiten etwas Bleierz enthalten haben; man will auch Bleistufen im Drun [Nordseite von Sedrun] gefunden haben. Von Gips ist bis dahin nichts entdeckt worden, Ton aber gibt es an allen Orten.
Obschon Tujetsch sehr mager an Mineralien [Erzen] ist, so ist es um so reicher an Kristallen. Man wird kaum ein Tal finden, das reicher an Kristallen wäre, als Tujetsch. Die Tujetscher Kristalle sind manigfaltig und von seltenem Feuer, Von Farbe sind sie meist weiss und von verschiedenem Braun, selten aber gelblich. [Spescha spricht hier vom Quarz: Bergkristall].
Um das Jahr 1780 zeigte sich im Tale Bugnei ein Ausbruch von Kristallen von einer ausserordentlichen Schönheit, deren Wert man über dreihundert Taler schätzen kann; die seltensten bekam ich davon. Ein ganz durchsichtiger und unverletzter Kristall war darunter, der 36 Krinnen [27 kg] wog. Der Finder dieses Schatzes war ein gewisser Vigilius Nut von Segnas [Disentis]. Ein gewisser Hans Jacob Bär [Beer] und ein anderer mit Namen Piader haben aus den Nebentälern von Tujetsch mehrere tausende Kristalle erhoben. Es gibt auch schöne Adulare, kristallisierten Glimmer, undurchsichtige Granaten, sehr grossen schwarzen Schörl, gelbroten Antimonit in Nadeln [wohl Rutil gemeint], grüngelbe Chrysolythen [entweder Sphen oder Epidote, die beide im Val Drun sich finden], blassrote Hyacinthen [Hessonit, ein Kalk-Tongranat am Badus] und noch, andere, deren Namen mir nicht bekannt sind.54)

   
Polizei der Gebäude und der Feueranstalten
Unter beiläufig 300 Gebäuden,55) die wir hier erblicken ist mit Ausnahme der Pfarrkirche in Sedrun und vielleicht der Kirche in Zarcuns kein einziges Gebäude, dass die Eigenschaften eines vollkommenen Gebäudes in sich vereinigt besässe, nämlich: Bequemlichkeit; Dauerhaftigkeit und Ansehnlichkeit.     .
Viele bauen aus der Ursach schlecht, weil sie vorgeben, dass ihre Mittel nicht hinreichend seien, recht zu bauen. Allein wenn ich kein Vermögen und auch keinen Credit habe, so sagt die Vernunft: baue nichts; lasse jene bauen, die das Vermögen dazu haben. Hier entsteht die Frage, aus welcher Materie die Gebäude im Tujetsch sollten bestehen, wenn sie dem wahren Vorteil entsprechen sollten. Zu den Gebäuden, vorbehalten die Kirchen und Kapellen, wird gemeiniglich Holz genommen, da man doch statt des Holzes Steine nehmen könnte.
Wenn man aber die Vernunft unbefangen reden lässt, was sagt sie? dass die steinernen, und wo Erdbeben wüten, jene mit Riegelspan verstrickten Häuser den Vorzug verdienen, weil sie zur Verschönerung tauglicher, dauerhafter und auch bequemer sind, weil sie leichter Wärme, Kälte, Regen und Wind abhalten, weil sie füglicher sind, allerlei Genusswaren zu versorgen, das Ungeziefer zu verscheuen, und auch ausserdem ruhiger sind als die hölzernen Häuser. Diese hingegen sind erstlich zur Verschönerung untauglich und unwert, werden in Zeit von 50 Jahren braun und schwarz; hernach in Zeit von hundert Jahren vermodern sie und fallen zusammen, erzügeln und halten gern Ungeziefer, Ratten, Mäuse und Schaben56). Man haut das Holz dazu entweder im Mai oder Brachmonat, folglich gerade zur ungeschicktesten Zeit, wo das Holz voll des Saftes ist; man lässt es nur halb dürre werden, ehe man es verbauet; legt in die Fugen Moos aus dem Walde; das Holz zieht sich aber zusammen und schützt weder gegen Wärme noch Kälte.
Und wenn keine anderen Ursachen vorhanden wären, als die durch den Holzbau bedingte Vertilgung der Waldungen, so sollte man den Bau der hölzernen Gebäude einstellen und jene der gemauerten empfehlen. Alle mir bekannten Gebäude, die Gotteshäuser und ein einziges Haus ausgenommen, sind in Tujetsch von Holz gebaut; nun überlege man, wie viel Holz für Bau- und Unterhaltung man verbrauchen muss, und ob die Waldungen bei dieser Verfügung in die Länge andauern können.
Die Heu- und Viehställe sind mit aufeinandergelegten und nicht zusammenpassenden [unbehauenen] Balken gebaut. Sie helfen gleich den hölzernen Häusern die Waldungen Tujetschs zu vernichten. Von den Alphütten ist keine Beschreibung nötig, wohl aber eine sehr verbesserte Bauart.57)
Nur die öffentlichen Gebäude und die Kamine der Privathäuser stehen unter der Aufsicht und Leitung einer Polizei; alles Übrige wird entweder der Klugheit oder Unwissenheit der Einwohner überlassen.
Die Feuersicherung der Kamine liegt dem Dorfmeister mit Beizug der Vorgesetzten [Geschworenen, nach heutigem Begriffe: Gemeinderäte] ob; sie werden zu gewissen Zeiten von denselben in Augenschein genommen und auf Unkosten des Eigentümers in richtigen Stand gesetzt; auch wird letzterer nicht selten bestraft.58)
Jeder kann, vorbehalten eines berechenbaren Schadens des Nächsten, bauen und verschleissen, wann und wo er will; folglich stehen die Gebäude da, wie etwa die Köpfe und Sinne der Bauern sein mögen. Eine solche Art von Polizei der Gebäude kann nicht anders als der Okonomie unzählige Wunden schlagen; allein die grösste Wunde wird der Waldung im Tujetsch zugefügt.


Polizei des Wasser- Strassen- und Brückenbaues

Vorwort der Redaktion
Spescha macht hier rein lokales Interesse bietende Angaben und Verbesserungsvorschläge über Wasser-, Strassen- und Brückenbauten. Wir bringen nur, was weitere Kreise interessieren kann. In vorhistorischer Zeit hatte nördlich über Sedrun an den steilen Halden des Cuolm da Vi eine starke Erdbewegung eingesetzt, die zu einer bösen Rüfe anwuchs, deren schlammige Gewässer sich südwärts zwischen den Ortschaften Sedrun und Gonda dem Rheine zuwandten und die naheliegende Pfarrkirche und Häuser gefährdeten. Laut Urkunde vom Jahre 1557 hiess der Wildbach „Dragun“ oder „Drun„. Wahrscheinlich dürfte der Name vom rom. Worte „dargun", d. i. Rüfe, Wildbach, stammen. Prof. Muoth leitet den Namen von dargun, drac, d. i. Drache, ab. Siehe Bündn. Monatsblatt Jahrg. 1897, Nr. 2, p. 37.

P. Spescha schreibt:
„Der Drun ist ein Talgeländ, welches zwischen Sedrun und Gonda streicht und sich an den Rhein öffnet. Unter dem Cuolm de Vi macht er seinen Anfang mit abschüssigen Schroffen und Schlüpfen, über welche Schneelawinen, Felstrümmer, Steine, Sand und Letten hinabglitschen und das enge Thälchen ausfüllen. Man setzte vor  200 Jahren die Pfarrkirche weiter zurück gegen Osten, man baute Gegenwehren von Holz und Steinen, man bemühte sich nach allen Kräften, dem Schaden vorzubeugen; allein man ging nicht klug zu Werke, und alle Bemühungen waren vergebens.
Ich habe öfters den Drun in Augenschein genommen und gefunden, dass er sein Spielwerk noch mehr als hundert Jahre forttreiben werde und von ihm kein Nachlass zu erhoffen sei, bis nicht seine Seitenwände so flach geworden, dass Gras darauf wachsen kann.59) Der Drun muss jährlich besichtigt werden. Steine oder Felsenstücke, die zur Fortwälzung untauglich oder zu gross sind, müssen verkleinert werden. Wenn man dem Übel vorbeugen will, muss man mitten durch den Rüfenbach einen breiten und hohlen Graben aufwerfen und denselben mit grossen Steinen gleich einem Pflaster belegen. Denn nur so wird die sich vorwärts wälzende Materie ohne Krümmung und Widerstand abgeführt, und dem Schaden ist vorgebeugt."
Über den Strassen- und Brückenbau bemerkt Spescha: „Über die Strassen oder Wege der Talschaft wacht und ordnet der Dorfmeister mit Hilfe der Vorgesetzten. Die Lage von Tujetsch ist so geeignet, dass da eine bequeme und sichere Hauptstrasse könnte angelegt werden. Es fragt sich dann, ob die darauf au verwendenden Unkosten dem Nutzen entsprechen würden. Diese Berechnung ist folgender Art. Wenn des Tags nur 15 Personen durchreisten und wegen der Bequemlichkeit und Kürze des Wegs 4 Kreuzer ersparten, so trüge dies schon in einem Jahre 365 fl ein.
Wenn in einem Jahre 1000 fremde Personen durchreisten und 500 Stück Viehes durchgetrieben würden, und jeder Kopf einen Kreuzer erlegte, trüge dies schon 26 fl. ein. Wenn jährlich nur 100 Säume hierdurch geführt würden, und jeder Säumer 30 Kreuzer Aufschlag bekäme, würde dieses schon jährlich 50 fl. eintragen.
Wenn jährlich nur 30 Saum von Tujetsch aus- und eingetragen würden und jeder Saum um 20 Kreuzer gepfändet würde, trüge dies schon jährlich eine Summe von 10 fl. , dem Tale zu. Wenn Tujetsch jährlich um 400 Gulden Schuhnägel ankauft und dabei nur ein Viertel ersparte, hätte es schon einen Vorteil von 100 fl. Dies trüge insgesammt einen jährlichen Eintrag von 500 fl.
In Tujetsch sind nur 3 Brücken, welche über den Rhein führen: bei Selva, Rueras und Surrein; alle diese mit anderen mehr sind sehr dürftig und einfach gebaut.60) Sie stehen unter der nämlichen Polizei und Aufsicht, unter welcher der Strassenbau steht; diese kann auch vom Rate belangt werden, wenn sie sich darin nachlässig zeigen würde.

 
Polizei der Allgemeinheit
[Der Gemeindeversammlung]
Es kommen mehrere Angelegenheiten vor, die von der Allgemeinheit müssen beraten, entschieden und angeordnet werden; sie werden vom Landamman an seinen Statthalter geleitet; dieser trägt entweder selbst und durch den ersten Geschworenen die Sache der Gemeinde vor, welche dann das Vorgetragene in Beratung zieht und durch Stimmenmehrheit entscheidet. Der Beschluss wird vom Statthalter in das Bürgerschaftsprotokoll gingetragen und eine Abschrift für den Landamman genommen.
Gemeiniglich wird die Versammlung an Sonn- und Feiertagen veranstaltet. Wenn aber eine Sache keinen Aufschub gestattet, kann sie auch an anderen Tagen statthaben. In letzterem Falle berichten die Vorsteher einander, diese zeigen den Fall den Dorfmeistern und diese wieder dem gemeinen Volke an.
Wenn es die Aufnahme oder Abdankung der Geistlichen betrifft, wird die Versammlung in der Kirche gehalten, sonst aber ausser der Kirche. Sobald der Bürgerschaftsweibel die Anzeige bekommt, dass eine Versammlung statt haben soll, so ruft er nach vollendetem Gottesdienste in der Kirche die Abhaltung der Gemeindeversammlung aus.
Wenn der Landamman nicht im Orte wohnt, so führt der erste Geschworene das Wort. Nach dessen Vortrag befrägt der WeibeI ihn und die übrigen Vorsteher [Geschworenen] und hernach auch alle jene, welche ehemals beeidet [Geschworene] waren, um ihre Meinung; auch jeder Privatbürger kann hernach seine Gesinnung eröffnen. Nachdem dieses geschehen ist, nimmt der Weibel die Mehrheit der Stimmen auf; an der Mehrheit der emporgehobenen Hände entscheidet der Weibel; sollte aber ein Zweifel entstehen, so werden die Stimmen gezählt. Der Beschluss der Mehrheit wird von den Vorstehern in das Protokoll, cudisch de vischnaunca, eingetragen.
Es ist noch zu bemerken, dass ein jeder Bürger seine Meinung ungescheut und ungehindert vor der Versammlung anbringen kann und dass man über seine Meinung, wenn er es verlangt, eine „tscharna", d. i. eine Abstimmung vornehmen muss. Auch kann er, wofern es sein Interesse angeht, den Abschluss der Mehrheit vernichten. Er muss aber vor der Versammlung eine Protestation einlegen und von ihr dann abtreten. 61) Es ist zweitens auch anzumerken, dass der erste Vorsteher zu bestimmen hat, welche „tscharna" die erste sei [sofern mehr als eine Einspruchsabstimmung stattzufinden hat].

 

Polizei der allgemeinen Arbeit
[Öffentlicher Frondienst]
Polizeimeister der allgemeinen Arbeit ist der Gemeinde- oder Bürgerschaftsstatthalter, insbesondere aber der Dorfmeister, cau de vitg.
Diese Arbeit erstreckt sich auf den Strassen- und Brückenbau, auf die Ausreutung des Gewächses und die Räumung des Schuttes [bei Überschwemmungen z. B, auf den öffentlichen Wegen] und wird in der Landessprache lavur cumina genannt; sie wird für das allgemeine Wohl unternommen.
Jede Haushaltung gibt, je nach der Arbeit, eine oder mehrere Personen dazu und das Zeichen zur Arbeit wird mit einer Glocke gegeben. Man unterscheidet die allgemeine Arbeit, welche die Talkirche oder Pfründe betrifft, wozu das ganze Tal berufen wird, oder jene, daran nur ein Teil der Gesammteit arbeitet. Alles richtet sich nach der Anordnung, die getroffen wird.
Ich muss gestehen, dass hier als einem den wildesten Orte der Alpen eine gute Polizei herrsche, die nicht zu verachten ist, wenn die Arbeit auch nicht allemal kunstgemäss ausfällt. Freilich wäre es für das Interesse des Tals besser, wenn fachgemässe Leute zu solchen Arbeiten verordnet würden. Allein in einem Land, wo man zur Einsammlung seiner Früchte und zur Bearbeitung des Feldes nur etwa 4 Monate arbeiten kann, wo kein Handelsverkehr ist, muss beinahe eine Stockung der Unternehmungen und der Wohlhabenheit eintreten, was der Einführung des Nützlicheren hinderlich ist.

 

Polizei der Handelschaft 62)
[Des Handels]
Der Handel steht jedem ausser und innert des Landes frei. Ich kenne in Tujetsch keinen Kaufmann, wohl aber mehrere Viehhändler und einen Säumer, der etwas Wein und Branntwein zuführt, aber keinen Weinkeller unterhaltet. Es sind in Tujetsch keine Weinschänken, Gasthäuser und Brotladen.63) Die Durchreisenden müssen bei der Geistlichkeit einkehren, wenn sie Unterhalt finden wollen.
Zur Hebung des Viehhandels wird am Ende des Herbstmonats ein Viehmarkt abgehalten, welcher aber nicht stark besucht wird.
Die Einfuhr besteht aus Salz, Wein, Branntwein, Reis, Kastanien, Kleidern und Eisenwaren, gegärbtem Leder, Gewürzen, Taback; die Ausfuhr aus Flachs, Leinwand, Leinöl, Getreide, Butter, Unschlitt, Käse, Wildpret, Pelzen, Häuten, Kristallen, vorzüglich aber aus Vieh und Schmaltieren. Der Haupthandel aber besteht im Vieh und ihren Häuten, in Flachs und Käse.
Wenn man berechnet, dass jährlich aus Tujetsch 1000 Krinnen [die Krinne = ¾ kg], fetter Käs, 300 Krinnen Flachs, 400 Rinder, 50 Kühe, 300 Schafe, und 100 Ziegen ausgeführt werden und setzt die Krinne Käs zu 24 Kreuzer, die Krinne Flachs zu 23 Kreuzer, das Rind zu 60 Gulden, die Kuh zu 55 Gulden, das Schaf zu 4 und die Ziege zu 8 Gulden, so wirft das eine Summe von 29’310 Gulden Churerwährung ab. Wenn man noch die übrigen minder beträchtlichen Artikel der Ausfuhr berechnet, so übersteigt sie 30’000 Gulden. [30’000 fl. = 52’500.- fr. - 1 Gulden = Fr. 1.75 ]. Die Summe der Einfuhr ist mir nicht bekannt; sie könnte aber auf 10 bis 15’000 Gulden ansteigen. Das Rindvieh wird auf den Lauisermarkt [Lugano] getrieben, die Kühe werden im Lande und nach Urseren verführt, die Schafe nehmen gemeiniglich die Glarner und Zürcher weg, die Ziegen kommen auf Urseren und im Lande herum; auch der Flachs und der Käs werden hauptsächlich im Lande verkauft.64)
Die Häute übernehmen die Krämer aus dem St. Jacobstal65), welche die Einwohner auch mit ausländischen Krämereien versehen. Die Pelze werden entweder auf Urseren und Altorf, oder nach Ilanz und Chur getragen, die Mineralien auf Urseren hin.
Hier entsteht die Frage, warum Tujetsch an Reichtum nicht zunehme, indem es mindestens einen jährlichen Überschuss von 15’000 fl. erhält. Die wichtigste Ursache dabei ist die beträchtliche Ausfuhr an den schönen Jungfrauen, welche ihr Vermögen mit in die zähmeren Gegenden nehmen [durch Heiraten ausser Landes].66) Dazu kommt noch der unütze Aufwand an Kleidungsstücken, welche ohne Not gekauft werden und das unreife Obst, das man wider die Gesundheit von zähmeren Orten anschafft und geniesst.
Tujetsch könnte durch Einpflanzen der Fische in ihre leeren Seen, durch Anlegen neuer Fischteiche nicht nur für sich, sondern auch für das benachbarte Ursern mit Vorteil Vorsorge treffen. Es könnte durch Verbesserung der Viehzucht und Milchprodukte, durch Veredelung der Hausgüter, Bergmatten und Alpen, durch kluge Verordnungen und Schonung der Jagd und Wälder, durch eine wohl angepasste Aus- und Einfuhr, endlich durch Ausdehnung der Künste und Handwerke, durch einen angemessenen Unterricht der Jugend, durch Stiftung milder Anstalten für Kranke und Arme eines der glücklichsten Täler der Alpen werden.

 

Polizei des Geldes, Masses und Gewichtes 67)
In Rücksicht des Geldes richtet sich Tujetsch nach dem Beispiel der Landschaft Disentis, und diese nach dem ganzen Kanton.
Die einzige Landesmünze ist der Blutzger, welcher 3 Pfennige in sich enthält. Man bedient sich auch des Geldes der benachbarten Länder, dessen Wert man nach dem Blutzger bestimmt. Selten aber wird fremdes Kupfergeld angenommen und es hat auch hier keinen Umsatz.
Man idealisiert die Blutzger in Kreuzer, Batzen und Gulden; demnach ist ein Kreuzer. 3 ½ Pfennig, 3 Blutzger 2 Kreuzer, 4 Kreuzer 4 ½ Blutzger, 8 Kreuzer 9 Blutzger oder 2 Batzen; 70 Butzger sind 60 Kreuzer oder ein Gulden.
Man bedient sich auch öfters des Wortes cruna; diese enthält in sich 24 Batzen oder einen Gulden und 36 Kreuzer. Wie unpassend hier der Geldschlag und Umlauf desselben sei, ist jederman einleuchtend, allein eine Änderung scheint für jetzt unmöglich.
Gemessen werden sowohl alle flüssigen und halbflüssigen Materien, auch das Getreide, Obst, Heu und das Feld.
Die Sämereien, das Getreid und Obst werden mit der sogenannten Quartauna gemessen, die wieder in 2, 4, 6, 8 und 12 Teile zerfällt. Die Quartauna hält ungefähr 378 französische Cubikzoll in sich.
Die Flüssigkeiten werden nach der Mass gemessen, welche wieder in 2, 4 und 8 Teile zerfällt und ungefähr 67 französische Cubikzoll enthält.
Das Heu wird mit der Elle gemessen, welche in 2, 4, 8 bis 16 Teile wieder abgeteilt wird. Die hiesige Elle enthält 11 Zoll und 1 Linie französischen Masses. Das Heu wird auch Viertel- und Klafterweise gemessen. Ein Viertel misst 27 Quarten und ein Klafter 21 Ellen; 3 Viertel und 3 Quarten machen ungefähr ein Klafter Heues.
Das Feld wird Klafterweise gemessen. Man macht gemeiniglich ein Viereck daraus, das man verdoppelt [multipliziert]; das übrige wird zu einem Dreieck geschlagen und durch eine kreuzweise Messung berechnet.
Die Messung der Länge wird nach deutschen Stunden und Meilen abgekürzt [berechnet] und in Rücksicht dessen ist man nicht genau.
Gewicht. Man wiegt Schmalz, Käs, Zieger und Fleisch, und auch den Wein, wenn ganze Legeln verhandelt werden. Eine Legel Wein wiegt gemeiniglich 90 Krinnen und enthält 48 Mass Wein. Für das Gewicht wird die Waage d. i. stadera gebraucht, welche in Krinnen eingeteilt ist. Letztere wird auch in zwei, vier und acht Teile unterschieden und enthält ein Gewicht von 24 Unzen.
Wenn die Milch gewogen wird, welches selten und nur in den Alpen, oder wenn mehrere ihre Milch zusammen vermelken, geschieht, so wird eine Mass Milch als zwei Krinnen angesehen.
Ein einfacher „Peikorv“68) in der Waage wiegt 6 Krinnen und ein doppelter 50[?] Krinnen. Die einheimischen und fremden Kauf- und Verkaufsmänner richten sich nach der Elle und dein Pfundt und teilen selbe auch in verschiedene Unterteile ein; jedoch ist beim gemeinen Volk nur die Quartauna, Elle und Krinne im Gang.

Man bedient sich im gemeinen Leben der Wörter:
Ster heisst 4 Quartaunen oder 10 Krinnen für Butter,
Quart = 4 Halbe.
tozzel = ein Dutzend.
chischlet, zu 4 Stück, z. B. Nüsse, Äpfel,
curtè 69) = 12 Mass, für Milch.
Bril = 45 Mass, z. B. Wein, Schotten.
Krinne ist ein Rhätisches Wort, das vom Einschnitt in die Waage hergeleitet wird; Rhät. = crena.

Polizei der öffentlichen Arbeiten und der Bettelschaft
[Der Armenfürsorge]
Hier ist kein Leibarzt, kein Feldscheerer, kein Vieharzt, keine erfahrene Hebamme, kein Armen- Waisen- und Schulhaus; auch sind keine Zünfte hier, keine Magazine und Kassen. 70)
Kurz, es gibt etwa eine Person, die schlechthin eine Ader eröffnen, abgebrochene Beine und verrenkte Glieder zu Rechte bringen will. Aus Mitleid nimmt sich der Herr Pfarrer des Orts der Notleidenden an. Ich würde meinem Vorhaben nicht Genüge leisten, wenn ich der Kenntnisse des Herrn Pfarres von Sedrun mit Namen Laurentius Schmid 71) im medizinischen Fache nicht erwähnen würde. Dieser gelehrte Mann bedient sich nur der einfachsten und leicht vorzubereitenden Mittel, mit welchen er innerlich und äusserlich den Menschen zu heilen weiss. Allein seine ausserordentliche Menschenliebe und Dienstbereitwilligkeit machte ihn so glücklich in seiner Kunst, dass er gleich einem gradierten Medicus kann angesehen und um Hilfe angegangen werden.
Wir müssen aber auch von der ärmsten und bedrücktesten Klasse der Menschen eine Beschreibung liefern. Zum Troste der Armen ist hier eine Gattung milder Stiftung eingerichtet worden, worüber ein Vogt bestellt ist. Diese Stiftung wird in der Landesprache „spenda", vom Latein. expensa, Ausgabe, genannt. Sie bestehet aus Getreide, das von gewissen Grundstücken abgeliefert und gesammelt werden muss und das alle Quartale oder zu gewissen Zeiten mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der einheimischen und nicht selten auch der fremden Armen vom Vogt ausgetheilt wird.72)
Auch gibt es Anlässe, wo den Armen Trost gebracht wird. Wenn eine vermögliche und barmherzige Person stirbt, so werden meist Brot, Käs, Kleider und Salz den Armen ausgespendet.73)
Den Bettlern ist zu allen Zeiten und an allen Orten zu hausieren erlaubt. Fremde Bettler werden des Nachts entweder in die Häuser oder Viehställe aufgenommen. Hier ist kein Bettelvogt und kein Spital.
Wenn ein armer Ausländer hier krank wird, führen ihn der Weibel oder eine andere Gerichtsperson gegen Disentis oder Medels oder sogar über den Berg auf Ursern hin. Man legt den Kranken entweder in einen Heukorb oder auf das Pferd, dabei wohl bedeckt, und führt ihn von einem Ort zum anderen hinüber. Wenn ihn so das Schütteln noch seinen Leben erhält oder ihn gar herstellt, so ist der Kranke glücklich, wenn aber diese Arznei fehl schlägt, reicht man ihm auch keine andere. Stirbt aber der Kranke im Tal, so wird er ebenso, wie jeder andere Bürger begraben. Der Seelsorger hält für ihn das gewöhnliche Leichenbegängnis und der Vorsteher der Bürgerschaft begleitet ihn zu Grabe.

 

Polizei der Schule, der Künste und Wissenschaften

Schule
Diese Beschwerde ist dem Kaplan von Sedrun auferlegt. Die Kinder werden in das Haus des Kaplans des Tags zweimal zugelassen und erhalten dort Unterricht im Lesen und Schreiben nach der rhätischen und lateinischen Litteratur. Auch die Beneficiaten [Hilfspriester] von Rueras und Selva haben Schulpflichten auf sich; nicht selten werden zugleich auch Weltliche an entlegenen Orten dazu angestellt. Die Schulen nehmen ihren Anfang mit dem Wintermonat und dauern bis zum Palmsonntag [Sonntag vor Ostern].
Meines Erachtens würde diese Beschäftigung weit anständiger den weltlichen Personen beiderlei Geschlechtes, als einem Priester anstehen; denn diesem sollte man eine seinem Charakter angemessenere Arbeit des Unterrichtes an die Hand geben, nämlich die Sittenlehre, Sprachen und andere Künste und Wissenschaften und zwar nur für die männliche Jugend.
Im Gegenteil sollten betagte und gebildete Jungfrauen den Mädchen reiferen Alters in der Sittenlehre, im Kochen, Nähen, Spinnen, und nicht minder in den Umgangsformen und der Haushaltungskunst gute Anleitung geben.
Nirgendswoher kommt das wahre Unglück als von der Unwissenheit, Unachtsamkeit und Bosheit, und will man Unglück verhindern, so muss man die Jugend - denn das Alter nimmt selten etwas an - wohl unterrichten und erziehen. Wo wahre Polizei wacht, wo kluger Unterricht der Jugend erteilt wird und wo die Menschen zu lernen und klug zu werden Lust zeigen, da ist alles Gute zu hoffen; wo aber dieses nicht der Fall ist, schlummert man in der Untätigkeit ein und wacht in der Unwissenheit und Dummheit auf.
Den Grund zu den Wissenschaften gibt die Muttersprache her, und wer darin ungelehrt ist, wird immer ein dummer Kerl verbleiben. Eine Sprache muss der gesittete Mensch von Grund aus kennen und sie vollkommen beherrschen, richtig sprechen, lesen und schreiben lernen. Welche muss ihm aber natürlicher vorkommen als die Muttersprache? wer unwissend hierin ist, baut ohne Grund.74)

Künste
Unter den Künstlern und zwar in der Malereikunst, finde ich nur den Herrn Diog, der mütterlicher Seits ein Tschamuter war und noch jetzt in der Schweiz lebt.75) Zu den Künsten werden auch die Handwerke gezählt. Tujetsch beschränkt sich aber nur auf einige halbausgelernte Tischler, Schumacher, Zimmermänner, einige Näherinnen, Rothgärber und auf einen Schmid. Tujetsch ist in diesem Falle nicht einmal für die Not versorgt.

Wissenschaften
Wenn ich von den Wissenschaften rede, so verstehe ich darunter das Fach der Litteratur; hierin tat sich Tujetsch immer hervor; allein die Kenntnisse erstrecken sich meist nur auf die Politik, die kirchlichen Rechte und vorzüglich auf die Gottesgelehrtheit. Unlängst zählte Tujetsch 14 Geistliche Herren und jetzt noch 11, unter welchen mehrere in der Gelehrsamkeit sich sehr auszeichnen und meist Seelsorger sind.
Im vorhergehenden Jahrhundert zeichneten sich drei Männer von Tujetsch in den Wissenschaften aus, so der P. Martin Biart, Religios von Disentis, welcher ein erstaunungswürdiges Gedächtniss besass; denn den Virgilius und andere Werke sagte er auswendig her; ferner der Jesuit Hiz von Selva und ein gewisser N. Venzin, welche in mehreren Fächern der Wissenschaften sehr wohl bewandert waren. Im laufenden Jahrhundert starben drei andere Männer, die wohl verdienen, angemerkt zu werden: der Herr Dekan Christian Venzin, vierzig Jahre Seelsorger in Tersnaus, welcher die Lebensbeschreibung der Heiligen in romanischer Sprache sehr fein geschrieben uns hinterlassen und das Urbarium der Pfarre zu Tersnaus in lateinischer Sprache sehr genau und urkundlich verfasst hat; ferner der Herr Vigili Venzin, Pfarrherr in Sedrun und der Herr Exdekan Jacob Antoni de Gonda, von welchen der erste ein trefflicher Prediger und Schriftgelehrter, der andere ein tiefsinniger Staatsmann war, von welchem wir mehrere Anmerkungen in der Tujetschergeschichte gefunden haben.
Es leben noch heut zu Tage zehn mir bekannte Geistliche aus Tujetsch, von welchen mehrere sich in den schönen Wissenschaften auszeichnen und als Seelsorger an verschiedenen Orten angestellt sind; sie versehen die Seelsorge in Tujetsch, Medel, Sumvitg, Ruschein und Neukirch und wissen mit der Ökonomie sehr wohl umzugehen. Sie sind in der Redekunst, Moral und Schriftgelehrtheit wohl bewandert, und auch die Naturgeschichte, das Kirchenrecht, die Kenntniss der Welt- und Kirchengeschichte und der Länder und Völker ist ihnen nicht unbekannt.76)

 

Polizei der Geistlichkeit 77)
Die Geistlichkeit von Tujetsch bestehet aus einem Seelsorger [Talpfarrer], einem Kaplan im Hauptdorfe Sedrun, einem Beneficiaten in Rueras und einem in Selva.
Hier wird jährlich ein Landkapitel [für die gesamte Landschaft Disentis] meist im Heumonat abgehalten.
Man kann den Priester zweifach betrachten, nämlich in seinen Amtspflichten und hinsichtlich seiner Besoldung. In seinen Amtspflichten ist er ein Seelsorger und Seelenarzt, ein Ausspender der Sakramente, Richter, Lehrer und Wegweiser zum Himmel und Vorsteher des öffentlichen Gottesdienstes.
Hinsichtlich seiner Besoldung ist er Einnehmer und Verwalter seiner Pfründe. Seine Einkünfte bestehen in liegenden Gütern, Kapitalien, Stipendien, Stolgebühren und Zehnten.
Alles in allem bezieht ein jeder gemeiner Priester [Kaplan, Beneficiat] jährlich ungefähr 350 bis 400 Gulden Churer Währung, der Pfarrherr aber 1000 bis 1200 Gulden. 78)
Sowohl die Einkünfte des Seelsorgers als jene der Kapläne sind unzureichend, wenn sie sich standesgemäss erhalten und die Gastfreundschaft nach jetziger Mode ausüben wollen. Die Einkünfte sind aber nicht so fast deswegen amzureichend, weil sie einen kleinen Ertrag geben [Verwaltung der pfrundlichen Liegenschaften], sondern vielmehr deswegen, weil sie unordentlich eingerichtet sind,
Der Priester, welcher seinen Amtspflichten, seinem Stande und Berufe gemäss leben will, sollte mit den Beschäftigungen der Ökonomie nicht beladen sein, sonst tritt er aus seinem Stand und wird entweder ein Bauer oder ein Handelsmann oder beides zusamsnen. Damit aber dieses nicht geschehe, was bei der jetzigen Lage der Dinge unausweichlich geschehen muss, dachte ich auf einen Vorschlag, der sowohl der Geistlichkeit als dem Volke gefällig sein muss.

Redaktionelles
P. Placi a Spescha gibt auf 12 folgenden Textseiten eine einlässliche Berechnung der Auslagen im Haushalte eines katholischen Geistlichen und rechnet seinen Tujetschern vor, was sie den Geistlichen für eine Besoldung an barem Gelde an Stelle der Naturalabgaben anweisen sollen; Spescha passt die Bedürfnisse eines Landgeistlichen dem einfachen Lebensunterhalte und den Landesprodukten der einheimischen Bevölkerung an. Wir wählen als Text an Stelle der einlässlichen Auseinandersetzung des zu Grunde gelegten Ms. B 43. III die kurze tabellarische Aufstellung des Ms. Pl Sp 5. II. Diese gewährt dem Leser zugleich einen Einblick in die Lebensmittelpreise eines bündnerischen Hochtales am Anfange des 19. Jahrhunderts. - Mit der Besoldung an barem Gelde sollten aber auch die Stolgebühren in Wegfall kommen; der Geistliche sollte ohne Sondervergütung alle seine Amtspflichten erfüllen.

P. Placi a Speacha schreibt weiter:
Nun möchte vielleicht einer wissen, wie viel ein solcher Priester, der ohnedem seine anständige Behausung sammt dem Unterhalte derselben hat, jährlich der Gemeinde kosten möchte.

fl.
Für Kleider  80
Rindfleisch, um einzusalzen, nach Landesgebrauch 37 30 79)
Schweinefleisch, die Krinne à 24 Kreuzer    28
Salz, die Quartauna à 44 Kreuzer 8 48
Unschnitt, die Brinne à 44 Kreuzer   11 44
Baumwolle zu Lichtdochten à 4 Kreuzer 1 4 80)
Für Brennholz   20
Für Wein, die Mass à 20 Kreuzer   106 40
Für Butter, die Krznne à 24 Kreuzer  48
Für Käs, die Krinne à 12 Kreuzer 16
Für Schmeer, die Krinne à 30 Kreuzer 4
Für Getreid, die Quartauna à 4 Gulden  64
Für Erdäpfel, die Quartauna à 48 Kreuzer   3 12
Für Flachs, die Krinne à 32 Kreuzer  6 24
Für Wolle, die Krinne à 40 Kreuzer 
Für Erbsen, die Quartauna à 1 Gulden 2
Für Reis, die Quartauna à 2 Gulden     8
Für Kastanien, die, Quartauna à 1 Gulden 40 Kreuzer  9
Für Zucker, das Pfd. à 1 Gulden 30 Kreuzer  16
Für Kaffee, das Pfd. à 1 Guld. 40 Kr   24
Für Branntwein, die Mass à 1 Gulden 12
Für Eier 1
Für Fisch, Stock- oder andere Fisch à 36 Kreuzer die Krinne 10
Für Fleisch zu vier Fleischtäg in der Woche, die Krinne à 12 Kreuzer  41 36
Für Milch, die Mass à 4 Kreuzer,
zu vier Fleisch- und drei Magertagen
gerechnet, macht mit der Fasten ungefähr 260 Mass Milch
17 16
Für den Jahreslohn der Magd  20
   
Summa 600  14
In Tujetsch sind 4 Priester, folglich kostet der Unterhalt 2400 56
Die Zulage des Pfarrherrn 81) vermehrt die Summe um 64 56
Totalsmnme 2465 fl. 12 82)

An einem jeden Ort, wo die Priester wohnen, wird ein Vogt oder Verwalter bestellt. Dieser bezieht für seine Bemühung jährlich 10 Gulden. Einem jeden Priester soll eine Behausung, die seines Standes würdig ist, und ein geräumiger Garten angewiesen werden. Die Köchin bearbeitet den Garten und besorgt das Geflügel; der Priester aber bezieht aus dem Garten das Zugemüss. Er bedarf eines Zehrgeldes und eines Stückes Geldes für Anschaffung nützlicher Bücher und notwendiger Hausmobilien. Diese Artikel bestreite der Priester mit dem Stipendium seiner freien Messen. - Hiemit gibt Tujetsch seinen Priestern, was ihnen gehört. Die Priester aber, auf diese Weise wegen ihres Unterhaltes unbesorgt, können ihrem Amte und ihrem Berufe ganz sich widmen und werden mit ihren Bürgern glücklich sein.
Der öffentliche Gottesdienst soll zur bestimmten Zeit zwar andächtig, aber kurz sein; denn ein langer Gottesdienst schadet den Alten und Kindern an ihrer Gesundheit und macht das übrige Volk missmutig und zerstreut.
Überhaupt soll eine Predigt nie länger als eine halbe Stunde andauern; denn was der Priester nicht in dieser Zeit zur Fassbarkeit und Begnügung des Volkes hersagen kann, gehört zum Überfluss und zur Unvermögenheit der Beredsamkeit und des Verstandes des Priesters selbsten.
Tujetsch ist eine wilde Gegend, das Volk ist bedürftig, und die Arbeitszeit kurz; wer also da nach seiner Notdurft essen will, muss fleissig arbeiten. Mithin soll das Feiern gemässigt werden. Gott hat in der Woche sechs Arbeitstage und nur einen zur Ruhe bestimmt, und unsere Vorfahren haben in Rücksicht dessen keine für uns verbindende Gelübde festsetzen können; folglich ist dieser angegebene Satz nützlich, billig und recht. Wenn jährlich 12 Feiertage eingestellt würden, ersparte es Tujetsch über 666 fl. Diese an die Schulen der Jugend angewandt, würden meines Erachtens nützlicher und erbaulicher sein als lau betten, halb feiern und müssig gehen.

 

Polizei der Obrigkeit 83)
Die Obrigkeit ist einerseits ein Teil der Obrigkeit der Landschaft Disentis und bildet andererseits ein Ganzes des Tales Tujetsch. Man kann sie in politischer, ökonomischer und gerichtlicher Hinsicht betrachten.
In politischer Hinsicht kommt ihr die Anordnung des Vorschlags und der Gesetze zu, in ökonomischer die Ausübung der Gesetze betreffs des zeitlichen Nutzens, und in gerichtlicher die Bestrafung der Frevler zu.
Gleichwie die Obrigkeit von Tujetsch mit Genehmhaltung seiner Bürger Gesetze für ihre eigene Ökonomie entwerfen kann, also kann sie auch die Eingreifer [Zuwiderhandelnden] in ihre Ökonomie zur Verantwortung und zur Strafe ziehen. Die Gesetze der Ökonomie erstrecken sich auf Alles, was der Allgemeinheit einen Vorteil oder Nachteil oder ein Hinderniss im Benutzungsrecht herbeiführen kann.
Vorzüglich aber nimmt die gerichtliche Polizei Rücksicht auf die sogenannten Bannwälder.
Sie bestellt nämlich heimlicher Weise gewisse Aufseher darüber. Zu Anfang des Winters sitzt die Obrigkeit zu Gerichte, hört die Kläger an und fordert die Übertreter vor sich. Wenn diese des Frevels überwiesen sind, werden sie an Geld nach Schwere des Frevels gestraft. Die Strafen [Bussgelder] werden zum allgemeinen Besten verwendet, wenn die Obrigkeit nicht etwa sich einen Trunk Weines daraus zu bestreiten erlaubt.

Polizei des Krieges
Tujetsch macht einen Vierteil der Landschaft Disentis aus und mithin gibt es auch nur den vierten Teil der Mannschaft dazu her. Allein wie löblich und nützlich wäre es nicht für Tujetsch, wenn es eine Abteilung der jungen Mannschaft, eine Waffenübung, einen Kriegsvorrat und jenes, was zur Vorbereitung eines Krieges dient, veranstaltete?
Jeder Bürger einer Republik sollte ein Kriegsmann sein, und ein jeder Kriegsmann muss sein Handwerk kennen und sich darin fleissig üben, damit er dazu geschickt werden möge.
Wie seltsam muss es nicht sein, wenn ein Krieg ausbricht, und der Soldat nichts als etwa seine Mist- und Heugabel brauchen kann? Der letzte Krieg [1799] hat genugsam bewiesen, was Unachtsamkeit und Unkenntniss des Krieges sei, und ich wünschte, dass man wenigstens durch Schaden möchte witzig werden.
Wer in der Zeit schläft, erwacht gemeiniglich in der Dummheit.

Natur, Lebensart und Gewohnheiten der Tujetscher 84)
Was der Diamant unter den Kristallen, und das Gold unter den Metallen, das ist der Mensch unter den lebenden Geschöpfen.
In Rücksicht des menschlichen Geschlechtes kann ich von den Tujetschern, ohne ihnen schmeicheln zu wollen, sagen, dass sie unter die Klasse der schönsten Menschen der Alpen können gezählt werden.
Von Natur aus werden die Tujetscher als schöne Menschen geboren und zeichnen sich mit einer angenehmen weissroten Farbe am Leibe aus; nachdem sie aber an Wachstum zugenommen, so verliert sich diese Schönheit der Natur bei vielen; denn man achtet die Reinlichkeit bei den Kindern zu wenig, man fäscht [wickelt] sie zu sehr ein; man nimmt zu wenig Rücksicht auf die Reinlichkeit ihrer Liegerstätten, man öffnet die Zimmer, worin die Kinder liegen, zu selten, man badet sie zu selten oder gar nie, man lässt sie von Kindern [älteren] oder alten Muhmen verpflegen, aufheben und tragen, aber auch von ihnen fallen, erdrucken und verderben.
Die Mannsbilder sind durchgängig nur von mittlerer Länge; aber mehrere messen 6 Schuh und darüber, sie sind wohl gestaltet und stark. Seit 50 Jahren hat die Stärke und Grösse der Tujetscher sehr abgenommen. Ob diese Veränderung vom vielen Genuss der Erdäpfel, vom Brot- und Milchmangel, vom Druck der Arbeit, von allzuschwerer Schuldenlast, von einer Unachtsamkeit der Erziehung oder anderswoher komme, ist mir unbekannt.
Wenn man die Stärke eines Jünglings von 24 Jahren mit Namen Mihel de Paly, welcher eine Legel von ungefähr 50 Mass 86) Flüssigkeiten mit seinen zwei kleinen Fingern von der Erde hob, mit jener der jetzt Lebenden vergleicht, muss man staunen. Starke Männer lupfen jetzt kaum mit ihren längsten und stärksten Fingern einen solchen Legel von der Erde. - Wenn die Männer von Tujetsch mit besser gefärbten und geschnittenen Kleidern angetan wären, wenn sie ihre Haare in ansehnlichere Ordnung stellten und ihren Bart öfters abscheerten, so würden sie ein weit angenehmeres Ansehen bekommen.
Die Weibsbilder sind allgemein von anständigem und ansehnlichem Wuchs; ihre Gesichter sind liebreich, deren Farbe ist schön vermischt,87) ihre Haare sind lang und blond, ihr Gang ist schnell und aufrecht; ihre Anrede schnell und lebhaft. - Ihre Haare könnten füglicher gestellt und ihre Kleider anpassender sein; überhaupt ihre ganze Kleidung könnte einfacher und sollte nicht so verkünstelt, bunt und ausländisch sein.
Viele der jungen Mädchen nehmen anderswohin Dienste, werden dort wegen ihrer Schönheit verliebt [heiraten auswärts], ziehen aus dem Tal ihr Vermögen und verarmen dadurch ihr Geburtsland. Man sagt, dass in Zeit von 70 Jahren das Tal 100’000 Florin [175’000 Fr. nach heutigem Wert] auf solche Weise verloren habe.88)
Obschon die Weibsbilder sehr fruchtbar sind, so wächst die Anzahl des Volkes dennoch nicht; denn das Wegheiraten der Weibsbilder, das Dienstenehmen der Männer in fremde Länder 89) und öftere Sterbefälle hindern recht sehr die Vermehrung der Bevölkerung. Tujetsch zählt jetzt wirklich nicht mehr als ungefähr 860 Personen. Selten erlebt hier eine Person das 100.ste Jahr.90)
Die Lebensart begreift auch die Nahrung des Volkes in sich; man lebt hier ohne Schonung für die Gesundheit. Man arbeitet hier im Winter zu wenig und im Sommer zu viel, weil nur die Sommerarbeit den Einwohnern ihre Nahrung bringt. Dieselbe suchen die Tujetscher aus dem Vieh und dem Ackerbau zu ziehen. Sie verbrauchen jetzt Tabak, auch Wein, Branntwein, Salz, Spezereien, Reis, Kastanien und Obst; diese Artikel müssen eingeführt werden.
Den guten Veltlinerwein, auch wenn er nur mittelmässig ist, lieben sie; ebenso alles, was süsse ist: das Obst, den Reis, die Kastanien, den Honig; die Kuchen, den geschwungenen und ungeschwungenen Rahm.
Der Stoff der Landeskleider besteht aus Wolle und dem Flachse, die im Lande gezogen und von den Weibsbildern zugerichtet und verarbeitet werden, dann aus ausländischer Wolle, Baumwolle, Leinwand und Seide. Die Mannspersonen finden keinen besonderen Geschmack an ihren Kleidern, sie kehren sich weder an die Farbe und den Schnitt, noch an die Reinlichkeit und Unzerissenheit derselben. Alles ist unebenmässig und altmodisch an ihnen.
Die Weibsbilder aber finden Geschmack an niedlichen Kleidern; sie schaffen sich fremde Waren an und erscheinen nicht selten wie artige Pfauen. Sie sind zwar allgemein wohlgestaltet, würden es aber noch mehr sein, wenn sie sich hierin mit den Landesprodukten, deren Farbe und Schnitt [Landestracht] begnügen wollten. Die zarte Wolle und der geschmeidige Flachs von Tujetsch liessen sich zu allen Zeugen [Tuchen] verwenden, wenn die Kunst der Weberei und Färberei geachtet und eingeführt würde.
Die Tujetscher sind mit schönen Talenten begabt; man erblickt bei ihnen vielen Witz, Leutseligkeit, Biederkeit, Sanftmut und Mitleid. Überhaupt lässt sich von den Tujetschern sagen, dass sie noch eine von der boshaften Welt abgesonderte, Gottesfürchtige, emsige, arbeitsame und unverfälschte Natur haben.
Zum Spielen zeigen die Tujetscher eine sehr grosse Neigung. Es wird mit Karten, Kegeln und Platten 91) gespielt. Dieses zeigt an, dass sie eines gesellschaftlichen und fröhlichen Gemütes sind.
Die Gebräuche der Tujetscher verteilen sich in jene der Taufe, der Firmung, der Kindsbett und der Sterbefälle; dazu gehören auch die Bewillkommungen, Einsegnungen [Hochzeiten], Gastmähler, Feierlichkeiten und Lustbarkeiten.
Bei der Taufe bittet der Vater um einen Götti und eine Gotta. Letztere trägt das Kind zu und von der Kirche; ersterer schafft nach der Taufe ein Glas Wein an, davon alle Angehörigen bei der hl. Verrichtung geniessen. Der väterliche und mütterliche Namen mit allen übrigen werden in das Taufbuch eingetragen, und der Götti beschenkt das Kind nach Willkür.
Schon die Entbindung zieht Gewohnheiten nach sich. Wo immer Vermögen hervorsieht, wird ein paar Legel Wein eingestellt, oft auch nur eine, selten nichts. Den ersten Angriff auf sie macht der Hausvater und die Hebamme und nachgehends auch die Kindbetterin und die Gäste, welche dazu eingeladen werden.
Nach Verlauf der Reinigung wird das Kind von der Mutter in die Kirche getragen; sie empfängt die kirchliche Segnung und beschänkt den Priester mit einer Wachskerze und einem Stückchen Geldes.92) Es werden dann von Seiten der Eltern ein oder mehrere Gastmähler gehalten, wozu Götti und Gotta und die Weibspersonen der befreundeten Nachbarschaft nach Willkür eingeladen werden.93) Die Gäste bringen dem Kinde die ihnen möglichen Opfer dar und es wird tapfer gesprochen und geschmauset und der eingestellte Wein schmilzt dabei sehr gut zusammen.
Das Kind wird hernach, bis es erwachsen ist, jährlich am Neujahrstag vom Götti und der Gotta beschenkt; die Schenkungen bestehen aus weissem, mit Birnen und Kirschen öfters vermengtem Brot,94) süssen Kuchen,95) Kleidungsstücken u.s.w. Der Götti nennt fürhin das Kind figliel, d. i. „kleines Kind" oder figliola, wenns ein Mägdlein ist. Das Kind aber nennt den Götti padrin d, i. „der kleine Vater" und die  Gotta madretscha d. i. „die kleine Mutter". Die Ältern nennen den Götti und die Gotta cumpar und cumar: Mitvater und Mitmutter. Wenn das Kind minderjährig stirbt d. i. vor dem Empfang der ersten Kommunion, so trägt es der Götti allein zu Grabe.
Bei Sterbefällen wird der entseelte Leib in Leinwand gehüllt, zwischen 4 oder mehrere Bretter gelegt [Sarg] und prozessionsweise nach der Hauptkirche getragen oder geführt. Der Seelsorger kommt bis zum Eingange des Friedhofes entgegen, begleitet den Toten bis zu den Staffeln des Chores, wohin er während des Gottesdienstes gelegt wird. Nach dem Grade der Verwandschaft wird er bis zum Grabe geleitet, wo er von jenen, die Tränen haben, nur zu viel beweint wird. Das Opfer, welches in Kerzen und Schmalz besteht, wird dem Sarge nachgetragen und nachher der Kirche geschenkt.96)
Man geht ein, zwei bis drei Jahre je nach dem Grade der Verwandschaft in Trauerkleidern von schwarzem Zeuge einher und enthält sich ebenso lang von den Gesellschaften und Lustbarkeiten.97)
Die Weibspersonen der nächsten Verwandschaft umhüllen dabei ihr Haupt gleich den Klosterfrauen mit weisser feiner und gestärkter Leinwand, Rhät. „stuorz" genannt,98) oder sie behangen ihr Haupt und den Rücken nach der neuen Mode mit einem schwarzen Flor, Rhät. „sandal" genannt. Auch die Männer fangen jetzt an, statt der Trauerkleider ihren Hut und ihren Arm mit einem Flor zu umwinden. - Nach der Bestattung wird Salz, Brot, und Käs u.s.w. den Armen ausgeteilt.99)
Bei dem Bewillkommen [Begrüssung] entblössen die Mannspersonen ihr Haupt, und höfliche Weibspersonen neigen sich etwas mit den Knien.
Der Gruss besteht in: bien di und buna sera, Guten Tag und Guten Abend, und die Antwort in: bien onn, Gutes Jahr. Der Dank ist also weit grösser als der Wunsch. Wenn ein Freund oder Anverwandter ankommt, begrüsst man ihn mit: Seigies beinvegnius, Sei willkommen oder beinvegni und an die Weibspersonen: Seigies beinvegnida. Die Antwort ist: Dieus engrazi oder paghi Dieus, Gott vergelt's, Gott bezahle es.
Gemeiniglich setzt man auch den Grad der Verwandschaft hinzu, z. B. Seigies beinvegnius bab [Vater], mumma [Mutter], frar [Bruder], sora [Schwester], nevs [Neffe], niaza [Nichte], cusrin [Vetter], cusrina [Base], zavrin [Kanon. III. Grad lateral], basrin [Kanon. IV. lateral], baseret [Kanon. V. lateral], aug [Onkel], onda [Tante], tat [Grossvater], tatta [Grossmutter], basatta [Urgrossvater -Mutter], surbasatta [Ahne, IV. Grad aufsteigend], uratta [Urahne, V. Grad aufsteigend].
Auch bedient man sich dabei des Wortes: Son Bab, son nevs u.s.w.
Keine mir bekannte Sprache kann die Verwandschaft so genau und vollkommen benennen, wie diese.100)
Nach der Begrüssung und Bewillkommung befragt man sich gewöhnlich um die Gesundheit und die Geschäfte des andern und man rechnet es sich zur Ehre an, es genau zu erzählen.
Der Abschied geschieht mit folgenden Worten: Dieus te pertgiri, Gott erhalte dich; Va el num de Diu, Geh im Namen Gottes; Stai legers, Bleibe munter; Seigies salidaus, Sei gegrüsst u.s.w.
Auf die Gastmähler sind die Tujetscher sehr begierig. Die Gastmähler teilen sich in jene der Kirchweihen [rom. perdanonzas], Hochzeiten *[rom, nozzas] und der Fassnacht [tscheiver]. Bei diesen Gelegenheiten stellt man alles, was man Gutes haben kann, auf den Tisch: geräuchertes und frisches Fleisch, gebraten, gekocht und verdämpft, Reis, Kastanien, Rahm, Kuchen, petlaunas, fava de près, tustgets, nudels plats, capuns, raviuls und verschiedene Käse- und Ziegergattungen, peiver [Pfeffer], Milch, aber selten Wein. 101)
Auch die Festtage der Kirchweihen werden ebensogut auf dem Tische, wie auf dem Altare gefeiert. Vor alters, als man noch leidentlich fromm sein wollte und mit  Erholungen des Leibes und des Gemütes selig zu werden glaubte, war die wechselseitige Liebe und Geselligkeit grösser. Es gesellten sich in den letzten Fassnachtstagen mehrere Bauern zusammem, schafften sich Wein an, nahmen Esswaren mit sich oder bestellten eine kleine Schmauserei, Rhät. postgeina, 102) marenda, und führten ihre Gemahlinnen dahin, wo in Liebe und Eintracht gegessen, gesprochen, öfters auch getanzt, und die Säure der strengen Arbeit einigermassen abgespült wurde.
Den wichtigsten Anteil aber nahm die Jugend ehehin an den Schmausereien. Allein sie wurden nur zur Fassnachtzeit unternommen. Da ging die kleinere und die erwachsene Jugend zusammen. Bei der kleineren trennten sich die Geschlechter; bei der erwachsenen nicht allemal. Von der ersteren nahm jedes Mitglied die Esswaren mit sich; man begnügte sich gewöhnlich mit einem geschwungenen Rahm, Rhät. groma tratga. Wenn ein Pfeiffer oder Maultrummler vorhanden war, belustigten sie sich dabei.
Wenn aber die erwachsene Jugend gemeinsam zusammentrat, brachten die Mädchen die Esswaren mit sich, welche aus Brot, Würsten, Fleisch und gebackenem Teig [Kuchen] bestanden; die Knabenschaft aber war mit Rahm, Reis, Kastanien und Wein versehen. Diese Gattung Schmausereien wurden ein, zwei oder höchstens dreimal unternommen und endigten gemeiniglich mit Possierlichkeiten oder Tänzen, oder mit beiden zusammen.
Hieher können auch die gewöhnlichen Mahlzeiten des Volkes gezogen werden. Man speist hier zwei, drei bis viermal des Tages und richtet sich hierin nach den Zeiten, der Notdurft und den Beschäftigungen. Die Bauernmahlzeiten werden meist mit Brot und Käse angefangen, nachgehends an Fleischtagen folgt die Suppe, dann Fleisch und Zugemüse oder dicke Knöpfli, die bisweilen mit Kirschen vermengt sind; dann abermals Suppe und endlich öfters noch Brot und Käs. An mageren Tagen [Fasttagen] folgt nach Brot und Käs die Speise und etwas Zugemüse, dann erst die Suppe und nicht selten noch Brot und Käs.
Die Tujetscher halten sehr viel auf die Prozessionen und öffentlichen [kirchlichen] Umgänge. Sie gehen zweimal des Jahres nach Disentis, einmal auf den Gotthardsberg,103) halten sowohl die sonntäglichen Bruderschaftsumgänge, als zur Sommerszeit jene samstäglichen nach Zarcuns; auch stellen sie jährlich zu Gunsten der Witterung noch mehrere an.
Die Gewohnheiten bei den Einsegnungen [Hochzeiten, rom. nozzas] haben etwas besonderes an sich, weil sie ländlich sind. Nach Vermögen und Landesgebrauch ist die Braut mit dem Kranze geschmückt; die Brust ist in Scharlach, die Lenden in Karmosin eingehüllt; der Hals ist mit Korallen und Granaten niedlich und sauber behängt; der Bräutigam aber ist mit dem Majen ausgeschmückt. Beide werden von ihren Führern, welche in ihren jugendlichen Jahren ihnen am schätzbarsten waren, zur Kirche begleitet, wo sie vom Seelsorger gepaaret werden. Der Zug der eingeladenen Freunde und Verwandten folgt ihnen nach.
Sowohl beim Hin- als Rückzug steht der Hauptmann der erwachsenen Jugend in Putz und Parade, und zur Freude und Ehre des Paares werden Musketen losgeschossen. Auf dem Platz hat die Jugend einen Tisch mit Wein und Brot zubereitet. Der Hauptmann reicht diese dem Paare dar; es wird wechselseitig Gesundheit getrunken, und der Knall des Pulvers erschallt wiederum durch Berg und Täler. Der Hauptmann hält dann an den Bräutigam eine Rede; worin er zu dem freudigen Ereigniss Glück wünscht, dabei aber das Bedauern ausdrückt, dass zwei der schönsten und wohlriechensten Blumen, und zwar zur Unzeit und im Schmucke der Blüte aus dem Garten der liebreichsten und zartesten Jugend ausgepflückt worden seien. Die sämtliche Jugend sei, wie billig, darüber untröstlich und beweine recht sehr diesen Verlust; er aber mit der gesammten Jungmannschaft hoffe von dem Mitleiden und der Grossmut des Paares getröstet zu werden; er wünscht sodann den Vermählten Segen und Glück und eine reiche Nachkommenschaft. [Die Anrede heisst: plaid de nozzas.]
Der Bräutigam erwiedert dem Hauptmann mit einer Gegenrede [Contra plaid de nozzas], worin er sich der Jugend gegenüber höflichst bedankt, ihren Verlust bemitleidet, sie aber vermittelst der zärtlichen Denkungsart seiner Braut tröstet und verspricht, sich der Liebe und Gütigkeit der Jungmannschaft zu erinnern, ihnen sodann die nämliche Laufbahn vorzeigt und sich ihrer Wohlgewogenheit empfiehlt.
Der Donner des Geschützes bricht wieder los, die Lieblichkeit der Musik stimmt ein, und der Zug geht zur Tafel. Es wird gespiesen, geschossen und gegenseitig vivaziert [viva, Lebehoch gerufen]. Nachher war schon bis zum Nachtessen und dann bis tief in die Nacht hinein getanzt. Am Ende des Nachtessens erscheint der Hauptmann wieder mit drei Gesellen. Er erinnert den Bräutigam an den Trost, den er der Jugend in Aussicht gestellt hatte. Sie werden nun bewirtet und beschenkt, und diese Schenkung dient zur Aushilf der Jugend in der folgenden Fassnacht.
Gleichwie man die Särge der Verstorbenen mit Hobelspänen belegt, also belegte man auch vor Alters das Bett des Brautpaares drei Nächte hintereinander mit dergleichen Spänen, und wollte dadurch anzeigen, memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris: Gedenke Mensch, dass du mit deinen Lüsten Asche seiest und wieder zu Asche werdest.
Die Possierlichkeiten [Jugendspiele] lassen, sich nur in der Fassnacht sehen und bestehen in Verkleidungen, Anstrichen, Verhüllungen, worin man solche Possen mit Bewegungen und Gebärden führt, welche die Zuschauer zum Lachen antreiben; sie werden bagordas genannt.
Man veranstaltete aber noch eine andere Gattung Lustbarkeiten, welche den Witz reizten und das Herz vergnügten, die man mantinadas 104) nannte. Man kleidete ein Knäblein als Genius sehr polit [nett] an, gab ihm einen Stab oder ein Spiesschen in die Hand; diesen schickte man in die Häuser der vornehmeren Bürger, um den Hausvater anzufragen, ob er es erlaube, eine mantinada von der Knabengesellschaft zu seiner Ehr und zur Belustigung der Jugend zu veranstalten. Wenn er es erlaubte, so ging der Zug dahin und belustigte sich vor oder in dem Hause.
Dieser Zug der Belustigung glich einem Schauspiel, welches das Lächerliche mit dem Angenehmen verband. Zu diesem Ende kleidete man sich sehr prächtig und schön und zwar als Manns- und Weibsbilder. In klingendem Spiele zog man zu ein, zwei oder mehr Paaren erstlich auf den Hauptplatz. Der obgedachte Kurier, welcher das Spiel ansagte, ging voraus, ihm folgten die Musikanten, dann die schön oder scheusslich Gekleideten und endlich der Nachzug der Knaben in ihrem Putze. Auf dem Platze geschah die erste mantinada d. h. es war das erstemal getanzt und Possen getrieben, und dies der Ortschaft zu Ehren. Dann begab man sich in die betreffenden Häuser der Vornehmeren geistlichen und weltlichen Standes. Dies geschah von der grösseren und kleineren Jugend gewöhnlich nur einmal; sie war dafür belohnt. Diese Belohnung bestand in Brot, Wein oder Geld und diente zur Aushilf in der Fastnacht.
Gewöhnlich am ersten Fastensonntag Abends belustigte man sich mit Scheibenwerfen [rom. better schibas]. Man stellte zu diesem Ende nahe an den Dörfern auf einem erhabenen Platz einen Scheiterhaufen auf, den man mit Stroh anfüllte. Man machte Scheiben aus Holz gleich den runden Glasscheiben, welche im Mittelpunkte mit einem zolldicken Loche angebohrt waren. Durch dieses Loch steckte man sie an einen langen grünen Hagelstecken fest an, liess sie beim Scheiterhaufen anbrennen, schwang sie über ein dazu vorbereitetes Brett und bezeichnete mit einem lauten Ausruf, wem zu Ehren und Gunsten sie geworfen worden waren.
Diese Belustigung war eine Art wohlfeiles Feuerwerk; die feurigen Scheiben, welche leuchtend meist eine sehr beträchtliche Luftreise machen, ziehen eine grosse Menge Zuschauer an, vorzüglich viele junge Mädchen, und werden auch diesem Geschlechte meist gewidmet.
Nach beendeter Lustbarkeit begaben sich die Knaben zu den Mädchen, denen zu Gunsten sie ihre Scheiben geworfen hatten; diese aber versüssten diese nächtliche sehr angenehme Beschäftigung mit Gebackenem, Molken, auch mit weissem Brot und nicht selten mit geistigen Getränken. Wenn noch ein Tanz angestellt wurde, nahmen die Mädchen zugleich die Esswaren mit sich, die Knaben aber schafften den Wein an. Man labte und belustigte sich und tanzte bis tief in die Nacht hinein.
Diese Lustbarkeit hatte ihr besonderes Sinnbild an sich. Der Winter war bald vorüber; man hatte die Guttaten Gottes genossen; der Frühling und mit ihm die saure Arbeit begann; man wollte noch alles zu Pulver und Asche machen, bevor man sich der Arbeit näherte.
Dies ist eine sehr unschuldige Freude der Jugend; aus der Ursache aber, sie wäre von ihren heidnischen Voreltern entsprossen, stellte man sie ein. Den Gebrauch der Buttermilch haben wir gewiss auch von unseren heidnischen Voreltern ererbt, warum hat man nicht auch diese eingestellt. 105)

Bei dem Tanz nimmt ein Jüngling ein Mädchen zu sich und tanzt mit ihm allein. Oder es stellen sich zwei Paare auf dem Tanzboden auf und tanzen abwechselnd. Man bewundert dabei die Gebärden, die Possierlichkeiten, die Geschwindigkeit, Regelmässigkeit, wie auch die Kunst und die Natur dabei. Man bedient sich gemeiniglich dazu einer Geige, eines Hackbretts; kommt aber noch eine Pfeife oder ein Bass hinzu, so hält man die Musik für vollständig. Öfters gegnügt man sich mit Maultrommeln oder mit Vorsingen und Vorpfeiffen. Wenn aber auch nur eine Sackpfeife oder ein Holzschlag vorhanden ist, kann man sich der Belustigung nicht enthalten. Man schätzt sowohl die Rhätischen wie auch die Deutschen Walzer sehr hoch; selten tanzt man noch Rondo oder Minuette.
Allein was vorzüglich der Jugend am liebsten war, raubte die Schwärmerei des Bären weg. [Der Bär richtete damals unter den Viehherden arge Verheerungen an.] Unter dem Scheine des Aberglaubens, der Bär wäre desswegen in das Tal gekommen und falle dessen Tiere an, bildete man die unvernünftige Folgerung: der Bär müsse vermöge der Einstellung aller Lustbarkeiten der Jugend den Anfall ihrer Tiere [Haustiere] aufgeben und sich aus den Talschaft flüchten. Man stellte somit das Tanzen und die Lustbarkeiten der Fassnacht: die mantinadas ein.
Dies war aber ein dummes, liebloses und grausames Benehmen. Der Bär ist nicht in das Tal gekommen, weil die Jugend lustig war; er wird auch nicht aus dem Lande gehen, weil jetzt die Jugend traurig ist. Entweder ist die Ankunft und das schädliche Dasein des Bären eine Strafe Gottes, oder es ist ein natürlicher Zufall. Ist's das erste, so hätten alle Klassen der Einwohner den Busssack anlegen sollen, um die Strafe abzuwenden; ist's aber das zweite, so war das Gebot zwecklos. Gesittete Länder und Völker verbieten die gleichgültigen Lustbarkeiten der Jugend nie; sie suchen selbe nur zu mässigen und sind klüger und frömmer als wir. Die Einschränkung der Jugend zieht schlimme Folgen nach sich. Sie macht die Jugend traurig, niedergeschlagen, trägt und neigt sie zur Unmässigkeit des Genusses, zum Spielen und zu Ausschweifungen. Dies ist die Frucht des Samens, welchen die Heuchler und Pedanten, die der Jugend das Liebste rauben, ausstreuen.
Die Lustbarkeiten sind Produkte der angenehmen Künste. Sie dienen, um den Leib und das Gemüt zu erfreuen und aufzumuntern und finden ihre Nachahmung in der Natur. Die Natur gibt dem Maler den Pinsel, dem Poeten die Feder und dem Tonkünstler die Luft, damit sie hinwieder die Natur beleben, erheben und angenehm machen. Wie der Musikant seine bewunderungswürdige Kunst in der Luft [den Tonwellen], so zeigt der Bildhauer die seine in dem Holze, der Maler in der Stellung und in den Farben, der Tänzer aber in seinen Bewegungen und Gebärden. Ein jeder ist Künstler, jeder hat seine eigene Materie und Gegenstand vor sich, aber alle sind Nachahmer der Natur, um die Natur zu erheben und den Menschen zu ergötzen. Unser Gegenstand bezieht sich auf die Singkunst, vermischt mit der Poesie, welche ja auch gestattet wird, und auf das Reich der Töne mit der Tanzkunst, welche jetzt verboten ist.
Gott ist sowohl der Urheber der Sing- und Reimkunst, wie er Urheber ist der Ton- und Tanzkunst. Folglich, warum duldet man das eine, aber das andere nicht? Die Alten belehrten uns, dass man den Baum wohl säubern, nicht aber ihn aus der Wurzel heben soll; sie lehrten, dass man den Honig nehmen, nicht aber die Bienen töten, dass man den Bart wohl scheren, nicht aber den Kopf abschneiden soll. Bei vernünftigen Nationen lässt man die Künste bestehen und säubert sie nur von ihren Missbräuchen.
Ein anderes Lustspiel war am Abend der heiligen drei Könige [6. Januar] angestellt, welches leicht den Aberglauben nähren konnte. Man nannte es giugar las  scadialas , wozu ich kein deutsches Wort finde. Man stellte ein Spiel an - ich weiss eigentlich nicht recht wie -, aus welchem man beurteilte, welches Glück oder Unglück im künftigen Jahr bevorstehen werde.
Merkwürdig aber ist das Spiel, welches man dertgira nauscha , das böse Gericht, nannte.
Man vollzog es während der Fassnachtzeit . Man stellte aus der Mitte der Knabenschaft eine vollständige Obrigkeit auf. Durch das Los war jedem der Knaben ein Mädchen zugeteilt. Man gab genaue Achtung auf die Sittlichkeit derselben. Wenn ein kleiner Fehler der Unachtsamkeit von den Mädchen begangen wurde, war es der Obrigkeit regelmässig angezeigt. Diese sass zu Gerichte, verhörte die Angeklagte; der Knab aber [der durch das Los bestimmt war] verteidigte sein Mädchen; war es aber dennoch eines Fehlers überwiesen, so wurde der Knabe dafür bestraft. Diese Strafe war zur Bestreitung der Fastnachtsunkosten verwendet. Dies war, wofern es ordentlich abgehandelt wurde, ein sehr possierliches, witziges und angenehmes Spiel, welches, wenn auch einige Liebeshändel damit unterliefen, dennoch sehr lehrreich war. Auch dieses Spiel ward der Jugend entrissen. 106)
Wir kommen endlich noch einmal zu den Naturanlagen der Tujetscher. Wir erblicken sie so, wie ihre reine Luft und ihr leichtes Wasser, ihre Lage und deren natürlichen Eigenschaften es mit sich bringen. Sie zeigen allgemein grosse Neigung zur Ton Poesie- Maler- und Tanzkunst. Sie haben in der Gottesgelehrtheit mehrere sehr ausgezeichnete Männer geliefert.107) Woher kommt es aber, dass sie in den anderen Künsten und Wissenschaften keine solche hervorbrachten? Es fehlt an dem lehrreichen Unterricht der Jugend und an der Unterdrückung der natürlichen Gaben, die Gott ihnen verliehen hat. Ich habe es öfters betont und wiederhole es noch einmal: die Glückseligkeit und der Wohlstand eines Staates, er mag so klein sein wie er will, kommen von den Wissenschaften, der Litteratur und Kunst her.

Polizei der Kranken- und Sterbefälle
Er ist ein wichtiger Artikel und würdig, dass man ihn von Grund aus beschreiben sollte. Allein je wichtiger er ist, um desto mehr verdiente er einen in diesem Fache erfahrenen Mann, der ihn ausführte.
Da wir an mehreren Orten angemerkt haben, dass die Bevölkerung Tujetschs seit mehreren Jahrhunderten nicht zugenommen habe, so muss wohl eine Ursache, welche darauf Bezug hat, einleuchtend sein; und diese ist keine andere, als die öfteren Krankheiten und die darauf folgenden Sterbefälle. Es wäre sehr zu wünschen, dass einst ein Mann sich da einfinden würde, der die Ursache dessen entdecken und anpassende Gegenmittel verschreiben könnte. Ich meinerseits glaube, dass die unordentliche Lebensart die grösste Schuld daran habe und glaube auch, dass eine ordentliche Lebensart das wirksamste Gegenmittel wäre.
Wer das Glück haben will, mit einer gesunden und dauerhaften Natur begabt zu sein, der muss von gesunden Eltern geboren sein. Er muss eine sorgfältige und kluge Mutter haben, die ihn mit Achtsamkeit trage und ernähre, ihm eine gesunde und nahrhafte Milch beibringe, ihn wohl kleide und verpflege, ihm nur die gesundesten Speisen Getränke erlaube und ihn ferner so unterrichte, dass er vom guten und schädlichen Genusse Kenntniss habe und solche Fertigkeit besitze, dass er sich nichts erlaube, als was die Vernunft für nahrhaft und gesund vorgibt.
Meine Mutter verehelichte sich im 26. Jahre ihres Alters; sie war voll Feuer, rot von Farbe und vollkommen gesund. Sie wurde Mutter von fünf Kindern, die sie in Zeiträumen von je drei Jahren gebahr. Sie erreichte das 80. Jahr, ohne jemals krank gewesen zu sein. Aus Verdruss, dass ich als Geissel entführt war und aus Unachtsamkeit zu ansteckenden Kranken zu gehen, wie sie ehehin ohne Vorsicht zu tun pflegte, starb sie, da sie leicht hundertjährig hätte werden können. Von fünf Kindern war nur ein einziges stark von den Blattern befallen, und die Mutter bekannte, dass sie sich bei dessen Schwangerschaft nicht genug geschont habe.
Der Vater, ein Mann von ausserordentlicher Leibesstärke, verheiratete sich im 28. Jahre seines Alters. Er schonte sich weder in der Arbeit, noch im Genusse der stark abkühlenden Getränke. Nüchtern und erhitzt erkrankte er in Folge eines Trunkes kalten Wassers und starb im 40. Jahre seines Alters.
Der gesund sein wollende Mensch muss notwendiger Weise, über sich gänzlich Meister sein und seine Gelüste im Zaume zu halten wissen, dass er nichts tut oder unterlässt, was nicht zum Ziele seiner Gesundheit führet. Der Gesundheitsliebende muss sich vom Zorn, der Rache, Schwermut, Eigensinn und überspannten Kümmernissen hüten und sich der Mässigkeit, Geduld und Sanftmut befleissen. Mässig muss er im Schlafen, Wachen, Arbeiten, Gehen und Stehen, im Liegen, Denken und Lesen, bei der Frau, beim Tische und an allen Orten sein.
Die Kleider sowohl, als das Bettzeug müssen gemäss der Umstände, der Witterung, der Wärme und Kälte, des Orts und zugleich der Person, des Alters und Standes angemessen sein; zu grosse Kleider sind läppisch, zu kleine unbehaglich und schädlich.
Kein Glied ist meines Erachtens so heikel als die Fusssohle. Strümpfe und Schuhe müssen nicht nur dem Fusse, sondern auch der Zeit angemessen sein. Nie soll eine Person sich zu Bette legen, ehe ihre Fusssohlen und Zehen erwärmt sind. Nie soll ein Mensch mit kalten und nassen Füssen stehen bleiben; entweder soll er gehen, sich erwärmen oder den Ort verändern.
Auch sind die Wohnungen der Menschen so einzurichten, dass sie der Gesundheit nicht nachteilig werden können. Man soll im Hause keinen unangenehmen Geruch dulden; man muss durch Eröffnung der Türen und Fenster das Haus und die Zimmer oft auslüften und mit gesundem Rauchwerk einräuchern lassen. Die Hausgeschirre, alle Küchen- und Tischgeräte sollen rein und sauber gehalten werden.
Lieber soll man auf einer Bank, als in einem unsauberen Bette liegen. Nie soll man ohne die nötige Vorsicht zu den Kranken gehen; vorzüglich hüte sich ein jeder vor ansteckenden Krankheiten.
Bewahre sich ein jeder vor dichtem, feuchtem und kaltem Nebel (rät. brentina); und vor beissender Kälte. Keiner soll unter solchen Umständen sich an die freie Luft wagen, ohne den Mund bis an die Nase verhüllt zu haben und ohne wohlgefütterte Kleider zu tragen.
Man soll sich vor allem schädlichen Staube, vorzüglich vor Kalk- Gips- Hanf- und Flachsstaub hüten. Die Arbeiten des Flachses und des Hanfes sollten allemal auf dem freien Felde und nicht in den Wohnzimmern verrichtet werden; denn der üble Geruch, welcher von dem vermoderten und giftigen Wasser, worin die Stengel gebeizt werden, herrührt, ist der Gesundheit sehr nachteilig. Allein alles, was ich von der Gesundheit geschrieben habe, wäre unütz, wenn nicht eine saubere kluge und wohlerfahrene Köchin da ist, die sich nicht nur auf die talgebräuchliche Kochkunst, sondern auch auf das Brotbacken wohlversteht.

Redaktionelles
An diese allgemeinen einsichtigen Ratschläge reiht P. Spescha im Einzelnen die verschiedenen Krankheiten, welche die Bevölkerung von Tujetsch heimsuchen. Spescha gibt zuerst eine Diagnose und empfiehlt entsprechende Volksheilmittel. Auch hierin zeigt Spescha eine scharfe Beobachtungsgabe. Als Laie im Fache der Heilkunde vermag er freilich manche Krankheiten nicht von einander zu unterscheiden. Spescha schreibt:
„Die Tujetscher werden meist von den Kindsblattern, dem Seitenstich, dem Faulfieber, der Erschöpfung der Naturkräfte und von unmässiger Traurigkeit ob ihrer möglichen Bestimmung hinweggerafft. Selten sterben hier Leute an der Auszehrung und an anderen Krankheiten. Aber auf dem Kindsbette sterben hier aus Mangel an erfahrenen Hebammen viele Mütter und Kinder, und an den Kindsblattern sterben möglichst viele Säuglinge. Ich könnte den Tujetschern die Einimpfung der Blattern, die im ganzen gesitteten Europa im Schwunge ist, anraten. Allein ich bezweifle recht sehr, ob ich bei den vermummten [für Belehrung unzugänglichen] Weibsbildern Anklang finden würde. Die Kindsblattern zeigen sich in einem geringeren oder beträchtlicheren Ausschlag der Haut, welcher erstlich in Blattern und hernach in Rauden sich umwandelt usw."
Herr Dr. med. Stiafen Berther in Disentis, selbst aus dem Tujetsch gebürtig, hatte die Güte, die einschlägigen Artikel von P. Spescha einer Durchsicht zu unterziehen und der Redaktion den nötigen Aufschluss zu erteilen. Unter „Faulfieber"; von dem P. Spescha eine weitläufige Diagnose gibt, sind verschiedene Leiden zusammengefasst; z. B. chronische Tuberkulose, deren Charakter damals noch nicht festgestellt war; die Kühe waren vielfach perlsüchtig, und die Leute gewohnt, ungekochte Milch zu trinken. Infolge der sogenannten „Schwabengängerei", des Verdingens der Kinder nach Süddeutschland, kamen selbe vielfach auch mit chronischer Tuberkulose behaftet nach Hause. Ferner sind unter „Faulfieber" zu rechnen: bösartige Tumoren, Magenkrebs usw.
Wenn P. Spescha schreibt: „Selten sterben hier Leute an der Auszehrung," so ist darunter die im Tujetsch selten auftretende akute primäre Lungenschwindsucht; Rom.: trer anavos, zu verstehen, die Phthysis florida.
P. Spescha spricht auch von den häufigen Augenleiden seiner Zeit im Tujetsch. Dieses Leiden der damaligen Bevölkerung ist zurückzuführen auf das schlechte Licht der primitiven Unschlittlampen jener Zeit, wohl auch auf die überheizte Luft der Bauernstuben im Winter, wo die Frauenwelt dem Spinnen und Weben der Flachsprodukte oblag. P. Spescha spricht von der grossen Kindersterblichkeit infolge der Blattern; die er ausführlich schildert. Seine Diagnose weist nicht auf die Pocken oder Blattern (med.: variola, Rom. virola) hin, sondern auf die Scrophulose, Impetigo faciei usw., das Ekzem oder den „Grind". Rom. la rugna, die Spescha mit den Pocken in der Bennenung verwechselt; übrigens traten damals auch die wirklichen Pocken sporadisch auf. Die bitteren Anklagen von P. Speacha gegenüber den Müttern hatten insofern ihre Berechtigung, als schlechte Hygiene und Ernährung und Unreinlichkeit die Infektion unter den Kindern stark beförderten.
Unter „Seitenstich", Rom. „malcostas", ist die im Tujetsch auch heute noch stark auftretende fribrinöse Pneumonie, die Lungenentzündung, zu verstehen.
Eigenartig sind die beiden letzten Bezeichnungen von P. Spescha : „Die Tujetscher werden meist von der Erschöpfung der Naturkräfte und von unmässiger Traurigkeit ob ihrer möglichen Bestimmung hinweggerafft." P. Spescha zeichnet nach seiner Redeweise gut. Um das Jahr 1800 war die durchschnittliche Lebensdauer der einmal herangewachsenen Tujetscher noch 80 Jahre. Somit starben die meisten Erwachsenen an Altersschwäche, dem Marasmus senilis. Endlich ganz originell, wenn auch für uns etwas unklar, ist die Ausdrucksweise von P. Spescha : „Die Tujetscher sterben aus unmässiger Traurigkeit ob ihrer möglichen Bestimmung." Die Tujetscher besassen nämlich keine Hebammen, keine Bader, keine Ärzte. Im Falle einer schweren Verwicklung sahen die Kranken sich selbst überlassen; es fehlte das direkte Vertrauen auf Besserung mangels ärztlicher Hilfe. (Siehe auch Artikel: Polizei der öffentlichen Anstalten.) Es trat zwar eine bei dem religiös veranlagten Volke christliche Ergebung ein, aber mit Ausschaltung der Selbsthilfe und der Selbstaufraffung und der eigenen Unterstützung. Diese Erscheinung tritt noch heute bei manchen Gebirgsvölkern auf, wo ähnliche schwierige Verhältnisse obwalten.
Die Heilmittel, welche P. Spescha anrät, sind meist hygienischer und prophylaktischer Natur. Spescha war ja nicht Arzt und wollte es nicht sein; er schreibt: „Ich trete hier nicht als Arzt, sondern als Geograph auf." Teils vermerkt P. Spescha auch die alten Kurmittel des „Pedemontanus" aus dem 17. Jahrhundert, teils hält er sich an die gebräuchlichen Volksheilmittel, wie solche ein medizinisches Manuskript Cudisch de medischinas [Klosterbibliothek] zusammenfasst, das von Prof. Dr. K. Decurtins in seiner „Raetomanische Chrestomathie", Bd. 1, p. 322 ff., veröffentlicht worden ist.

Sterbefälle Epidemien
Bis zum Jahre 1584 finden wir in Tujetsch keine Sterbefälle aufgezeichnet. In diesem Jahre setzen die Jahrbücher des Klosters Disentis 800 Personen an, die an der Pest starben. Man nannte diesen Sterbfall „la muria gronda", das grosse Sterben. Eine alte Handschrift von Tujetsch setzt im Jahre 1558 oder 1568 einen Sterbefall von 600 Personen und ein Jahr darnach einen von 200 an; ich glaube aber, dass jener erstgenannte Sterbefall von 800 Personen zu verstehen sei. Dieser Sterbefall war so gross, dass man von Waltensburg [28 km entfernt] Helfer mieten musste, um die Verstorbenen zu begraben.108)
Nach dem Jahre 1618 fiel ein anderer Sterbefall ein; die Geschichte aber hat uns nicht hinterlassen, wie viele Personen dabei das Leben verloren.
Im Jahre 1637 riss der dritte Sterbefall ein. Die vorigen zwei Sterbefälle hiessen nur „Pest" la muria gronda, dieser aber wurde „Beulenpest" la muria de las biergnas, benamset, weil sich Beulen zeigten; diese Seuche raffte 70 Personen in die Ewigkeit hinüber. Ein gewisser Landammann Udalricus de Florin ersann ein bewährtes Gegenmittel. Als die Seinigen zum Gottesdienst abgegangen waren, schnitt er seine Beule auf, daran er zu sterben glaubte, und genass.
In Cungieri [Bergwiese nördlich von Sedrun] fand man eine geflüchtete adelige Frau aus dem alten Geschlechte „de Medell" tot, an der noch zwei Zwillinge säugten; der einte dieser war hernach zur Ehrenstelle eines Landrichters und der andere zur Amtswürde eines Abten von Disentis unter dem Namen Adelbert II. erhoben.109) Diese Seuche breitete sich bis Segnas im Disentiser Gebiet aus. Der damalige Abt Augustinus Stökli verordnete Gebete, Fasten und Gelöbnisse; die Pest verschwand ohne besonderen Schaden.
Seither sind im Tujetsch keine solche Sterbefälle unseres Wissens entstanden; wohl aber mehrere minder beträchtliche von 30, 40, 50 bis 60 Personen [Tod durch Lawinenkatastrophen; siehe Lawinenchroniken], ohne die Kinder mitzurechnen, deren Jahre [der Kinderepidemien] uns nicht bekannt sind.

Schluss
Polizei der Ökonomie

Wir haben zwar schon alles gesagt, was wir jetzt noch sagen werden; allein wir haben es zerstreut gesagt. Nun wollen wir es sammeln.
Die Ökonomie ist die Kunst, alles, was zur Notdurft und zur Bereicherung des Menschen gereicht, wohl zu erkennen, zu pflegen und sich anwendbar zu machen. Sie setzt die Kenntniss der Dinge und deren Beurteilungsvermögen voraus und hofft durch Sorgfalt, Bemühung, Pflege und Sparsamkeit wahre Nutzniessung und ständiges Wohlsein zu erziele. Sie ist die Seele der Staaten und wenn sie von ihnen weicht, ihr Tod. Tujetsch muss sich vorstellen, nicht nur ansehnliche und reiche Familien, sondern auch grosse Staaten und Königreiche wären aus Mangel der Ökonomie verarmt und verblichen und dass dieser Zufall für jeden Staat und jede Familie möglich sei.
Die Ökonomie erstreckt sich nicht nur auf die Kunst, aus dem Glücke und Unglücke Nutzen zu ziehen, sondern auch aus dem Bösen und Guten und zugleich aus dem Gleichgültigen. Sie setzt zuerst die Kenntniss der Sachen, die Pflege derselben und die Kenntniss des wahren und nützlichen Gebrauches davon voraus; um aber das vorgesetzte Ziel zu erreichen, müssen noch Klugheit, Vorsicht, Besinnen, ausharrendes Bestreben in Verbindung mit Achtsamkeit auf Zeit und Umstände dazugelegt werden.
Jenen Spruch der Weisen muss der Ökonom nie aus den Augen verlieren: Besinne dich wohl, ehe du etwas unternimmst, was und wie du es tun willst und was aus diesem Tun und Lassen, erfolgen wird.  

Ehe ich dieses Werk anfing, besann ich mich reiflich. Mein Ziel war der Nutzen in Rücksicht auf die Glückseligkeit der Menschen. Im ersten Abschnitt beschrieb, ich, die geographische, im zweiten die historische und im dritten die politische Lage des Tales Tujetsch und im Ganzen wollte ich ein ökonomisches Werk verfassen, das die Glückseligkeit der Menschen und insbesondere der Einwohner Tujetschs befördern sollte. Vorzüglich den Tujetschern zu lieb habe ich dieses Werk geschrieben.

Rabius, den 7. des Winterm. 1805
P. Placidus Spescha  

 

  
   

Anmerkungen

1) Entnommen den Mss.; B 43 I u. III, PI Sp 5 und Pl Sp 9. Vgl. oben I, S. 1, Anm. 1.

2) Die einleitende, rein geographische Beschreibung des Tujetschertales wurde dem Ms. Pl Sp 9 entnommen und der Urtext an einigen Stellen gekürzt, um Wiederholungen mit der folgenden volkswirttschaftlichen Beschreibung des Tales zu vermeiden.

3) P. Spescha versucht als gewissenhafter Geograph annähernd möglichst richtige Höhenwerte zu geben. Dies war um die Wende des 18. Jahrhunderts eine recht schwierige Sache. Die damaligen Höhenmessungen waren noch äusserst lückenhaft und auf wenige Landschaften beschränkt. Das Bündner Oberland besass deren noch keine. Die barometrischen Höhenmessungen kamen erst kurz vorher durch Scheuchzer, Deluc und Saussure in Anwendung. Siehe Näheres in der Einleitung zum naturwissenschaftlichen Teil.
Andermatt=1444 m; Sedrun in Tujetsch, 1401 m; Selva, ebendort 1538 m; Tchamut 1648 m; Badus 2931 m; Oberalpstock 3330 m.-

4) Siehe oben: I, 1, Petrus de Pontaninga.

5) Vgl. III. 9. b. Unglück von Selva usw. unten.

6) P. Spescha hat hier die Urquelle des Vorderrheins äusserst präzis geschildert; er kommt noch einmal darauf zurück in seiner „Besteigung des Badus", wobei er ebenso schön die Quellen des Mittelrheins behandelt. In seinen sämtlichen Bergreisen legt P. Spescha auf die hydrographische Beschreibung grosses Gewicht.

7) Die Redaktion hat jeweilen die geographischen und volkswirtschaftlichen Motive desselben Gegenstandes aus den beiden Mss. B 43 I u. 3 und Pl Sp 5 zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt unter dem ursprünglichen Titel: „Polizei etc."; es wurden dadurch zahlreiche Wiederholungen vermieden.

8) Vgl. I 8, oben: Politische Einteilung der Landschaft Disentis; und: Uordens de Tujetsch, Decurtins rätoromanische Chrestomathie, B. I, S. 507-513; und: Peter Vincenz, Trun: Fuormas de seraments pils ufficials della Ligia Grischa e pils ufficials dil Cumin grond della Cadi, in Annalas della Societa reto-romantscha, XXI. Jahrg. 1906. In den daselbst veröffentlichten Schwurformeln des Grauen Bundes und der Officialen der Landsgemeinde der Cadi sind die Pflichten der Magistratspersonen scharf und präzis wiedergegeben. Die Darstellung von P. Spescha weicht in einigen Punkten ab. Spescha schreibt 1805. Die von Adv. Peter Vincenz veröffentlichten Schwurformeln sind etwas älteren Datums.
Ebenso sei verwiesen auf die in deutscher Sprache erschienene Arbeit von Prof. J.C. Muoth; „Die Thalgemeinde Tavetsch. Ein Stück Wirtschaftsgeschichte aus Bünden" (aus dem XVI. und XVII. Jahrh.), in; Bündn. Monatsblatt 1898, S. 8, 33, ,74, 97 ff.

9) Vgl. Berther, P. Baseli: Sin Cadruvi. Disentis 1304,

10) Die „Standorte", Sammelpunkte für die Tiere, befinden sich meist in der Nähe der Ortschaften, am Wege, auf dem die Schmaltiere, Ziegen und Schafe vom gemeinsam bestellten Hirten zur täglichen Weide auf die Berge oder Allmeinden getrieben werden.

11) Über die Entwicklung der Alpwirtschaft in einer Bündnergemeinde kann Tujetsch als Typus dienen. Wir finden vom 16. bis 19. Jahrh. sogenannte Gemeindealpen, über welche die Nachbarschaft ( Gemeinde) frei verfügen kann, und feudale Lehensalpen, deren Eigentum dem Kloster Disentis zustand. Aus Gemeindealpen entstanden durch Veräusserung an Mitbürger (vischins) Genossenschaftsalpen und durch späteren Rückkauf derselben wieder Gemeindealpen; ferner entwickelten sich durch Verkauf an einen Fremden, sei es von seiten der Herrschaft des Klosters Disentis, sei es von seiten der Gemeinde, reine Privatalpen. Dieser Entwicklungsgang findet schon im 16. und 17. Jahrhundert statt. Siehe: Thalgemeinde Tavetsch, von Prof. J. C. Muoth, Bündner Monatsblatt 1898.
Heutige (1912) Gemeindealpen von Tujetsch sind: Cuolm Cavorgia (40 Kühe); Tgom mit Cuolm da Vi (48 Kühe); Val Giuf mit Tschatmut (120 Kühe); Maighels mit Surpaliz (130 Kühe); Val Val mit Tiarms (120 Kühe); Culmatsch mit Tuma (48 Kühe); Caschlè mit Strem und Mila (98 Galtstück); Puzzas (1000 Schafe); die Art der Bestossung der Alpen ist übrigens hätigem Wechsel unterworfen. Privatalpen von Tujetschbürgern gibt es nicht; wohl aber von auswärtigen Gemeinden oder Privaten: Nalps (Disentis) 120 Stösse; Nalps (Kloster Disentis), Schafalp, 600 Stück; Cavradi, Privatalp der Pfründe Trun. Curnera gehört den Livinern im Tessin.

12) Untgidas sind die Schneefluchtsrechte.

13) P. Spescha schildert hier mit photographischer Naturtreue die Alphütten, wie sie meist noch heute nach 106 Jahren aussehen. Moderne Einrichtungen und Unterkunftsräume auf den Alpen finden wir heute z. T. in den Gemeinden Disentis (Val Russein) und Brigels.

14) Die Ausdrucksweise Speschas entspricht der romanischen Redeweise: trer panaglia, Butter ziehen, schlagen).

15) Die Krinne zu 0,75 kg. Der Gulden Churer W., Fr. 1.75.

16) Jetzt gehört die Alp Tschamot (denter auas) ebenfalls der Gemeinde, und die Bewohner von Tschamut haben wie die übrigen Bürger Anteil an allen Alpen der Gemeinde Tujetsch. Freundl. Mitteil. von P. Basilius Berther, Disentis.

17) Vgl. I, 2. p. 31; Paulus Nicolaj; oben.

18) Vgl. I, 2. p. 56; Bernardus Frank; oben. Gegenwärtig ist die Alp Curnera an Private von Tujetsch verpachtet.

19) Die Alp Cavradi, im 16. Jahrhundert Genossenschaftsalp der Tavetsoher, ging im 17. Jahrhundert an die Erben eines gewissen Florin Spescha über. Etwas später wurde diese Alp der Pfrund St. Martin zu Trun einverleibt. Der Stifter soll ein Spescha von Trun gewesen sein.

20) Die Alpen in Val Val und Val Giuv waren Eigentum des Klosters Disentis und von diesem seit uralter Zeit den Nachbarn von Tujetsch als Erblehen zur Benutzung überlassen, wofür diese dem Kloster jährlich einen bestimmten Alpzins (ewigen Zins, rom.: tscheins fier) zu entrichten schuldig waren, der in Käse, Butter usw. bestand, Von 1861-66 walteten Verhandlungen betreffs .Loskauf. Die Ablösungssumme kam auf 7650 Fr. zu stehen. Schwierigkeiten bereitete bei diesem Loskauf die Berechnung einer Gegenleistung des Klosters, des sogenannten „Martiniessens". Nach alter Sitte erhielten die Männer, welche die Naturalzinse in ein Stift ablieferten, bei solcher Gelegenheit daselbst eine reichliche Mahlzeit. Diese Gegenleistung des Klosters war seine Pflicht als Lehensherr. Später nahmen an diesem Essen auch alle teil, die ein öffentliches Amt bekleideten, Landrichter, Landammänner, Weibel, Statthalter, Geschworene, neu und alt, am grossen Klosterfesttag zu Ehren des ersten Patrons der Klosterkirche St. Martin. Zu diesem Martiniessen (perdanonza) erschienen denn auch die Honorationen von Tujetsch recht zahlreich. Das Martiniessen der Tujetscher war für das verarmte Kloster keine geringe Last geworden. Um die Summe von 2000 Fr. wurde diese Last im Jahre 1866 abgelöst. Siehe: Berther, P. Baseli: Sas era nua Giuf ei? in R. Chrestomathie I. Bd. Siehe: Die Thalgemeinde Tavetsch, von Prof. J.C. Muoth, Bündn, Monatsblatt 1898.

21) Dieser Artikel wurde kombiniert aus II. T.: „Wälder" mit dem III. T.: „Polizei der Wälder", Ms. B. 43 und mit Ms. Pl Sp 5, II. T.

22) Weisstannen, Abies alba, finden sich im Waldbezirk von Cavorgia: Arven, Pinus Cembra, im Gebiet von Nalps und Curnera.

23) Die freilich nur kollektiv gemachten Angaben von Spescha bestätigen sich auch heute noch.

24) Siehe auch: Polizei der Obrigkeit; unten.

25) Die Verfütterung des Laubes der Bäume, besonders von der Esche und z. T. vom Ahorn, der Birke und Ulme, ist auch heute noch im mittleren Bündner Oberlande stark im Gebrauch. Von Ladir bei Ilanz bis nach Disla bei Disentis finden wir überall die eigenartigen zahlreichen Gruppen von Eschen-Schneitelbäumen. Die Ahorn-Schneitelbäume steigen bis nach Tschamut hinauf, 1600 m ü. M.

26) Ms. B 43 II und Ms. Pl Sp 5 II.

27) Die freilich sehr spärlichen Angaben von P. Spescha bestätigen sich auch heute noch. Einige Spezies sind nur auf das Gebiet von Tschamut am Calmut beschränkt, das die reichste Alpenflora des Tujetschertales beherbergt.

28) Bei Bugnei, nördlich von Nislas, 1430 m, findet sich jetzt ein Apfelbaumgarten, der vorzügliche Apfelsorten gut ausreift; ebenso Spalierkernobst im Pfarrgarten zu Sedrun.

29) Das Gebiet von Bugnei und Nislas bis nach Valzeinza birgt eine artenreiche Flora von Wildrosen. Vgl. Hager, Dr. P. K., Die Verbreitung der wildwachsenden Holzarten im Bündner Oberland  Verlag des eidgen. Oberforstinspektorates in Bern, 1913.

30) Es gab im 16. und 17. Jahrhundert auch Gemeindelöser, die an einzelne Petenten als sogenannto „,Maiensässe" gegen Lehenzins abgegeben wurden; dieser Zins wurde zur Gemeindekasse geschlagen, Besonders viele Maiensässe wurden zu Cavorgia abgegeben. Siehe: Die Thalgemeinde Tavetsch, von Prof. Muoth, Bündner Monatsblatt, 1898.

31) Siehe auch unten: Polizei der Allmeinden.

32) Die weitausholenden Ausführungen von Spescha mussten gekürzt werden; bei einigen Stellen ; konnte die diplomatische Wiedergabe nicht genau beibehalten werden.

33) Diese Art, das Ackerland im Frühjahr vom Schnee zu befreien, ist, noch heute in Übung; sie wird hie und da selbst für das Weideland angewendet, um eher zur Frühjahrsweide zu gelangen, wenn etwa Heumangel eintritt. Das Auswerfen der ausgegrabenen Erde geschieht meist mittelst kleiner Kartoffelkörbe, den „canastras de truffels"; das Auswerfen der Erde heisst: „better a tiara".

34) Fava ded alp oder fava piertg sind Aconitum Napellus und Lycoctonum, blauer und gelber Eisenhut.

35) „Verjässt" = aufgeschlossen.

36) Interessant ist heute noch im Tujetscher- wie Medelsertal und bei Disentis das Flachssamen rupfen. Auf freiem Felde werden, grosse weisse Leinen ausgebreitet. Eine Holzbank (Doppelsitz) hat in der Mitte die Flachssamenhechel. Die einander gegenübersitzenden Personen ziehen in schlagender Bewegung rhythmisch abwechselnd je ein kleines Bündel Flachsstengel durch die Hechel, um den Samen abzurupfen. Gleichzeitig bindet ein Mann die vom Samen befreiten Flachsstengel zu Garben, um selbe dann den oben beschriebenen puozs, Flachsrosen oder Wassertümpeln zu übergeben.

37) Die Krinne beträgt  ¾ kg. Die Quartauna oder das Viertel fasst ungefähr 7,5 Liter. Die Elle hatte 66.7 cm, das Kläfter somit, schwach 3 m3.

38) Man unterscheidet Wildheu, das von den grossen steilen Flächen unte und zwischen den Alpen meist regelrecht jedes zweite oder dritte Jahr gesammelt wird; die sogen. Mähder;, dieses Heu wird „fein de pastg" genannt; die Gemeinde vermietet ,diese Bergheuwiesen. Ausserdem wird Wildheu von den obersten Felsfluren gesammelt: fein de pastg de cuolms aults.

39) Als milchreiche Kräuter schätzen die hiesigen Älpler Meum Mutellina (Ligusticum), die Muttern, Rom. „muot", ferner die Alchemillen, vorzüglich die Alchemilla vulgaris, Rom. „runcidia" genannt; als schlechte Futterkräuter aber Nardus stricta, das Borstgras, Rom. „peil alv" oder „netsch" und Athyrium rhaeticum, Alpenmittelfarn, Itom. „pervèsa" genannt. Daher stammt das romanische Sprichwort:

Muot e runcidia caldera pleina,
peil alv e pervesa caldera mesa.
Muttern u. Alchemillen geben einen vollen Kessel (caldera),
Borstgras u. Farnkraut geben einen halben Kessel.
Freundliche Mitteilung von Präs.-Advocat Peter Vincenz in Trun.

40) Vgl. oben: Polizei der Wälder-, Anm. über Verfütterung des Laubes.

41) Auch heutzutage kommt es öfters vor, dass man im Tujetsch bei Futtermangel und Heunot zur Benutzung der „nitschuns", des letztjährigen unbenutzten, stehengebliebenen dürren Grases der Berghänge und Wildheuplanken, der sogen. Mähder, schreitet.

42) Rumex alpinus, der Alpenampfer, besitzt einen horizontal kriechenden Erdstock; diesem entspringen auf langem mastigem Stiel die grossen Grundblätter und die hohen Stengel mit den dichtgedrängten blütenreichen Rispen. (Siehe Schröter: Das Pflanzenleben der Alpen, p. 508.) Die Pflanze wird auch Stafelblacke, Schmeissblacke, Blackten, Mistblacke, Süüblacke, Münchsrhabarber, Sürelen usw. genannt. (Stebler.) Auch Alpen haben von dieser Pflanze ihren Namen erhalten; so die „Blackenalp" am Bristenstock; „Blackenalp" am Surenenpass. (Stebler.) Die Pflanze bildet oft um die Sennhütten ausgedehnte, fast reine Bestände. Im Talboden des Tujetsch findet sie sich auf wasserzügigem Boden der Fettwiesen zahlreich. Die übel beleumdete Pflanze wird daselbst nicht eigens kultiviert, sondern nur als Schweinefutter ausgenutzt. Nach Stebler enthält die Pflanze einen hohen Nährstoff.

43) Siehe oben: Polizei der Hausgüter; Erlass des „mundi" behufs Schluss des Weidganges auf den Hausgütern.

44) Die häufig auftretende Perlsucht des Rindviehes; siehe auch Anmerkung: Polizei der Krankheiten.

45) Der Bär ist jetzt im Bündner Oberland ausgestorben. 1850 wurden im Medelsertale noch zwei Bären vom bekannten Disentiser Jäger Peter Tenner geschossen. Im Jahre 1881, 18. Sept., schoss Lehrer Jos. Janka im Zavragiatal (Obersaxen) den letzten Bären des Bündner Oberlandes.

46) Der Name„ Ratten", rattuns in rom. Sprache, wird von den Oberländern kollektiv genommen für alle grossen Mäuse, wie für die einheimischen: Arvicola terrestris, Scheermaus; die grosse schöne Alpenratte oder Schneemaus: Arvicola nivalis; Myosis Glis, Siebenschläfer, und Eliomys Nitela, Gartenschläfer.

47) Aquila Chrysaetus Steinadler horstet in den Seitentälern Nalps und Curnera im Tujetsch, ist jetzt beinahe ausgerottet. Im Val Cristallina des benachbarten Medelsertales waren im Sommer 1912 drei Adlerhorste besiedelt.

48) Auerhahn ist sehr selten, noch 1896 ein Exemplar erlegt.

49) Der Birkhahn bewohnt sehr häufig die ausgedehnten Alpenrosen- und Grünerlenbestände der rechten Talseite von Rueras bis über Tschamut, sollte aber besser geschont werden. Die Titl. Redaktion musste vor etwa 4 Jahren mit eigenen Augen zusehen, wie drei patentierte Jäger - nicht Kantonsbürger - in der Umgebung von Selva-Tschamut innert 5 Tagen 42 Stück Birkhahnen - leider - niedergeknallt haben.

50) Die häufigsten kleinen Singvögel im Tujetsch sind: Goldammer, Gartenammer, Fichtenkreuzschnabel, Gimpel, Kirschkernbeisser, Stieglitz, Zeisig, Bergleinfink, Bluthänfling, Grünfink, Buchfink, Haussperling, Feldsperling, Feldlerche, Baumläufer, Spechtmeise, Mauerläufer, Rauchschwalbe, Hausschwalbe, weisse Stelze, Gebirgsstelze, Viehstelze, Wiesenpieper, Wasserpieper, Baumpieper, Alpenbraunelle, Graukehlchen, Goldhähnchen, Grasmücken, Zaunkönig, Wasseramsel, Rotkehlchen, Garten und Hausrotschwanz, Steinschmätzer, Braunkehlchen, Misteldrossel, Wachholderdrossel, Ringdrossel, Schwarzdrossel, Grosser Würger, Dorndreher, rotköpfiger Würger, Schwanzmeise, Haubenmeise, Kohlmeise, Tannenmeise, Sumpfmeise usw. Die Aufzählung macht keinen Anspruch auf Vollständigkeit.  Viele der aufgezählten Arten beschränken sich auf das milde, buschreiche Gebiet von Bugnei bis Valzeinza.

51) Als dritte Fischart beherbergt das Tujetschertal in dem Wassertümpel des Surreinerwaldes: Phoxinus laevis, die Ellritze.

52) Die Befürchtungen von P. Spescha haben sich glücklicherweise infolge der vorzüglichen späteren Jagdgesetze nicht bewährt. Das Murmeltier besiedelt alle Alpen von Tujetsch recht zahlreich und bildet eine wahre Zierde seiner Berge. - Dagegen dürften Uhu, Bubo maximus, und der Kolkrabe, Corvus corax, ausgerottet sein; um die Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts horsteten sie noch in der Cavorgiaschlucht.

53) Die Gemeinde Tujetsch hat heutzutage eine Verordnung erlassen, welche das Graben nach Mineralien auf Gemeindegebiet allen nicht Ortsansässigen verbietet, bezw, abhängig macht von der Erlegung einer Taxe; dasselbe gilt vom Graben der Ofensteine (scalegl) oder Giltsteine.

54) Die vorzüglichsten Mineralfunde von heute im Tujetschertal sind: Bergkristall, Morion, Amethyst, Eisenglanz, Rutil, Brookit, Anatas, Pyrit, Antimonit, Albit, Adular, Epidot, Sphen (Titanit), Milarit, Apatit, Turmalin, Hessonit (Granaten), Kaliglimmer. Am Calmut wird Speckstein (Ofenstein, Lavezstein) gebrochen.
Vgl. auch: Carte specielle . . . par le père Placidus a Spescha etc.; und Königsberger, Dr. J., Das Strahlen und die Strahler. Jahrb. S.A.C., Bd. XXXIX,1903.

55)P. Spescha spricht im Original von 3000 Gebäuden; es dürfte ein Schreibfehler vorliegen. An anderer Stelle schätzt Spescha sämtliche Gebäude auf über 1000. Die Zahl, 300 (mit Weglassung der letzten Null der Zahl 3000) dürfte dagegen richtig sein in bezug auf die Gebäude in geschlossenen Ortschaften; in letzterem Sinne besitzt die Talschaft Tujetsch heute zirka 362 Gebäude; laut Botschaft des Kl. Rates betreffend Brandversicherung vom Jähre 1906. Dazu kommen freilich noch die zählreichen Alphütten und Scheunen der Maiensässe und Alpen.

56) Sicherlich ungerechtfertigt sind die Auslassungen von P. Placi a Spescha über die Bündner Oberländer Holzhäuser. Diese anmutigen, sonnenverbrannten, tiefbraünen Holzhäuser mit ihren Lauben und vielen Fensterreihen lassen hinreichend Licht und Luft in die heimeligen Stuben einfliessen und sind der Natur und Umgebung wohl angepasst; sie können dem engeren Heimatschutz nicht genug empfohlen werden. Diese Holzhäuser bieten im langen halbjährigen Winter den besten Wärmeschutz; tias gut gemauerte Erdgeschoss hat hinreichende Kellerräumlichkeiten. Aus der Zeit von P. Spescha (1805) stehen in Sedrun noch jetzt stattliche hübsche Holzhäuser,
Der ausgeprägt nüchterne, ökonomische Sinn von P. Spescha liess sich leiten von der traurigen Beobachtung eines vielfach auftretenden Schlendrians bei den Häuserbauten, vorzüglich aber, um dem Schutz der Wälder das Wort zu reden. Spescha sah in der Aufführung von steinernen Bauten das einzige Mittel, der damaligen argen Waldverwüstung Einhalt zu tun. Gewiss würde der gute Pater heute sowohl seine helle Freude haben an den jetzigen vorzüglichen Forstgesetzen, wie auch an den hübschen Holzhäuschen seiner engeren, von ihm geliebten Heimat.

57) Siehe oben: Polizei der Alpen.

58) Aus Tujetsch sind seit über hundert Jahren keine Grossbrände mehr zu verzeichnen (Selva: brannte 1785 ab); es wurden meist nur einzelne Gehöfte von Bränden betroffen.

59) Heute fangen die Ränder der Rüfe Run wirklich an, sich stellenweise mit einer Grasnarbe zu, überziehen. Übrigens scheint die Talkirche zu Sedrun infolge vernachlässigter Eindämmung des Drunbaches neuerdings gefährdet zu werden; früher wurden starke Wuhren angelegt.

60) Auch heute noch führen daselbst drei einfache grössere Holzbrücken über den Rhein; sie werden von der Gesamtgemeinde unterhalten; vielfach wurden den Brücken steinerne Widerlager gegeben, die aber von den Hochfluten meist wieder zerstört wurden.

61) Es dürfte hier wohl nur von der Ausübung eines Vetorechtes die Rede sein.

62) Diesem Artikel liegt Ms. Pl Sp 5. II zugrunde.

63) Jetzt drei Kurhäuser: eines in Tschamut und zwei in Sedrun.

64) Die heutige Ausfuhr und Einfuhr im Tujetsch zu berechnen, war der Redaktion unmöglich, Dagegen dürfte es den Leser interessieren, einen Einblick zu erhalten in die Ausfuhr von geschlachteten Zicklein (Gitzi) im Frühjahr vieler Bündner Oberländer Gemeinden. Die Gemeinde Tujetsch allein führt jedes Frühjahr für 6000 Fr. geschlachtete „Gitzi" aus. Das Rohgewicht (inkl. Fell) eines drei Wochen alten Gitzi kommt per 1/2 Kilo auf 70-75 Cts. zu stehen. - Bedeutend stärker ist die Ausfuhr an Ferkeln und Schinken.

65) Die Valle St. Giacomo bildet die südliche Passhälfte vom Splügen; dessen Bewohner hatten regen Handelsverkehr mit dem Bündner Oberlande; manche handelstüchtige Familien liessen sich in Bündner Oberlande naturalisieren.

66) Siehe unten Artikel: Natur, Beschaffenheit und Gewohnheiten der Tujetscher.

67) Hier mag eine teilweise Überführung der alten Mass-, Gewichts- und Geldwerte in die neuen Platz finden, soweit sie in der vorliegenden Arbeit von Interesse sind;
die Elle = 66.7 cm; das Klafter ungefähr 3 m3;
die Mass für Flüssigkeiten ca. 1.5 l;
die Quartauna oder das Viertel = ca. 7.5 l Inhalt;
die Krinne = 0,75 kg;
der Bündner Gulden = 1.75 Fr.

68) Das Wort „Peikorv" entspricht dem alten Wort „Hahnenfuss" = 6 Krinuen = 4.5 kg.

69) Das Wort „curtè" entspricht nicht einem bestimmten Mass, wie Spescha es taxiert; es bezeichnet ein Milchgeschirr, deren es grosse und kleine gibt. Der Romane unterscheidet: curtè de vaccas = Kuhmilchgeschirre, und curtè de tgauras = Ziegenmilchgeschirre. In Tujetsch werden sie mit Vorliebe aus Arvenholz hergestellt. Die wenigen lebenden Arvenrefugien stehen unter strengem ortspolizeilichen Schutze.

70) Diese Angaben von P. Spescha sind nicht genau und können irreführen. - An Stelle des Schulhauses trat das Kaplaneihaus, wo ein Schulzimmer reserviert war, wie auch der Ortskaplan zugleich als pflichtiger Schullehrer amtete. Noch heute werden mancherorts grössere Räumlichkeiten in geistlichen Pfrundhäusern als Schulzimmer benutzt. - Ferner besass schon im 16. Jahrhundert die „nachpurschaft", d. i. die Gemeinde, ihre gemeinsame Gemeindekasse. Daneben gab es noch eine Pfrundkasse, die vom Kirchenvogt, und eine Armenkasse, die von den Spendvögten verwaltet wurde. Die Gemeindekasse, vom Statthalter und Rat verwaltet, wurde gespeist aus Polizeibussen, aus Einbürgerungsgeldern, aus gewissen Taxen und hauptsächlich aus dem Lehenzinse für an einzelne Bürger ausgestellte Allmeinden, doch niemals aus direkten Steuern in unserem Sinne.
Aus diesen Geldern, sowie auch bei der Pfrund- und Spendkasse, (Armenkasse) wurden grössere und kleinere Beträge an Ortsbürger ausgeliehen gegen Grundpfand und 5 % Zins. Also spielte die Nachbarschaftskasse (Gemeindekasse) etwa die Rolle unserer Kantonalbanken und die Gemeinde selbst erschien gegenüber den Gemeindebürgern als eine Art Kapitalist.
Siehe: Talgemeinde Tavetsch. Muoth, B. Monatsbl. 1898.

71) P. Spescha bemerkt, dass er viele Aufschlüsse über das Tujetschertal von dem ihm befreundeten Pfarrer Schmid erhalten habe. Siehe auch unten: Lawinenunglück von Selva.

72) Die Armenfürsorge war in jeder Gemeinde der Landschaft Disentis ebenso geordnet, wie in Tujetsch, und zwar den zeitgenössischen Verhältnissen entsprechend recht gut. Die zu leistenden Abgaben der Bürger sowohl wie jene, die an Stiftungen hafteten und deren Verabfolgung an die einheimischen wie ortsansässigen Armen geschahen in Naturalien. Diese bestanden in Getreide, Käs, Butter und Salz. Die Kartoffelfrucht kam noch nicht in Betracht, weil sie erst nach der Mitte des 18. Jahrhunderts in den Oberländer Gemeinden Eingang fand.
Die für die Armen gesammelten Früchte, die „spenda", wurden in eigenen Behältern, den „arcuns", aufbewahrt, die in einem Anbau der Kirche, z. B. dem unteren Geschoss des Turmes oder in der Vorhalle der Kirche (Tujetsch) sich befanden. - Wie die Spendgüter im ganzen deutschen Reich von frommen Stiftungen herrührten, so flossen auch in den bündnerischen Ortschaften diese „spendas" sehr reichlich infolge testamentarischer Vermachungen und Stiftungen an Viktualien, die an Grund und Boden hafteten - sogenannte ewige „tscheins fier" -.
Es mag hier ein Beispiel folgen aus der Gemeinde Trun: „Junker Christoffel von Ryngenberg hat gelassen alle Jar järlich zu eyner Ewiger Spend armen lüten drytzechen Mütt khorn und ain Schilling werd käs uss und ab mynes aygne guether im qssersten boden ze Ryngenberg." Aus dem Jahrzeitbuch der Gemeinde Trun. Durch gütige Mitteilung von Advoc. Präs. Peter Vincenz in Trun. Obige spende stellt einen Geldwert von rund 300 Fr. jährlich dar.

73) An die Stelle des Salzes trat später Polentamehl. Jetzt haben diese Armenspenden an Naturalien grösstenteils in Sedrun aufgehört. Die Trauerfamilie verabfolgt meist eine Geldspende an die Armenbehörde.
Freundliche Mitteilung von hochw. Herrn Pfarrer Engler in Sedrun.

74) Besonders Zeit- und Hausgenossen des P. Spescha machten sich um die Schule verdient. So gab der Benediktiner P. Basil Veith, Dekan des Klosters Disentis (1805, Bregenz), eine Grammatik heraus: Grammatica Ramonscha per emprender il Lungatg Tudeschg zur Erlernung der deutschen Sprache für die Romanen. Schon 1771 erschien von demselben Verfasser: Nova grammatica Ramonscha e Tudeschgia, in der damaligen Klosterdruckerei Disentis, Ein anderer Mitbruder von P. Spescha, P. Beat Ludescher, der verdienstvolle Pfarrer von Disentis, veröffentlichte nebst einem Volkskatechismus eine Arithmetik: Arithmetica u codisch de quin. B. L. (Feldkirch 1803) und 1823 (Chur): Historia dil veder e niev testament, von P. Sigisbert Frisch; letzterer hat in der Pfarrkirche zu Trun neben P. Spescha seine letzte Ruhestätte gefunden.

75) Siehe II. Histor. Neujahrsblatt des Kt. Uri 1896: Kunstmaler Diog, von Jos. Müller.

76) Die von Spescha sowohl hier wie in andern Mss. genannten Persönlichkeiten, meist Zeitgenossen von ihm, wurden ausgeschaltet, da sie der engerenTalgeschichte angehören und bei Bearbeitung einer solchen berücksichtigt werden. Das Tujetschertal hat von jeher bis zur Stunde ein grosses Kontingent seiner intelligenten männlichen Jugend dem Theologiestudium und dem geistlichen Stande zugeführt. Wenn aber Pater Spescha der historisch berühmtesten Männer des Tujetschertales keine Erwähnung tut, so setzt er dies jedenfalls als dem Volke bekannt voraus. Das berühmteste Tujetscherkind ist der Disentiser Fürstabt Peter von Pontaningen, dessen weitem politischen Scharfblick der Graue Bund sein Entstehen in erster Linie verdankt. (Vgl. I 1 oben, Petrus de Pontaningen.) Auch Adalbert II. de Medel, gewählt 1655 und einer der tüchtigsten Äbte der Abtei Disentis, stammte aus dem Tujetsch (siehe Artikel: Sterbefälle und I 2 oben: Adalbertus de Medèl); ferner gab es der Landschaft Disentis tüchtige Magistratspersonen, Landrichter und Landammänner.

77) Der Artikel wurde kombiniert aus Ms. B 43 III und Ms. Pl Sp 5 II.

78) Der Gulden zu Fr. 1.75.

79) Unter „Rindfleisch, eingesalgen, nach Landesgebrauch" ist das bekannte und geschätzte luftgetrocknete Bündner Bindefleisch zu verstehen, das noch heute, selbst in den ärmsten Familien, im Gebrauch ist; Verwendung zur Zubereitung findet neben dem Ochsen-, Kuh- und Rindfleisch auch Pferde-, Ziegen-, Schaf- und Gemsenfleisch.

80) Noch vor 50 Jahren waren an Stelle der Leinöl- und späteren Petrollichter im Bündnerland die Unschlittlichter, Cazolas de seif, in Gebrauch. Sie stellten mannigfaltig geformte schmiedeiserne Ständer, z. T. mit Aufhängevorrichtung, dar; auf einer tellerartig verflachten Schüssel des Ständers wurde durch Einsetzen eines Baumwolldochtes der Unschlitt verbrannt. Diese Zimmerbeleuchtung war selbstverständlich mangelhaft und erzeugte Augenkrankheiten, wie P. Pl. a Spescha berichtet.

81) Aus dieser Zulage, die Spescha dem Pfarrherrn gegenüber den Hülfsgeistliehen des Tales zuergrkannt, ersehen wir deutlich, dass Spescha es auf die pekuniäre Besserstellung dieser Hülfsgeistlichen auf Kosten der Pfarrerbesoldung abgesehen hatte; diese war damals 1000-1200 fl.; jene der Hülfsgeistlichen belief sich aber nur auf 350-100 fl., wie Spescha berichtet. Nach Specha's Aufteilung sollte jeder der 4 Geistlichen 600 fl. erhalten mit einer Zulage für den Pfarrherrn von fl. 64.

82) Der Gulden nach Churer Währung = 1.75 Fr.;
die Krinne  = 0.75 kg;
die Quartauna = 7.5 l;
die Mass = 1.5 l.
Siehe auch beim Artikel: Polizei des Masses und Gewichtes.
Die Umrechnung der alten Werte in die neuen konnte nur annähernd genau gegeben werden; der Leser möge aber im Auge behalten, dass der Geldwert vor 110 Jahren um das Doppelt höher stand wie heute.

83) Siehe auch: Polizei der Wälder.

84) Diese drei Artikel wurden zusammengezogen. Die interessanten kulturhistorischen Angaben sind im Wortlaut wiedergegeben. P. Spescha schiebt dazwischen oft lange religiös-moralische Reflexionen, welche weggelassen wurden; ebenso mussten Wiederholungen von bereits in früheren Artikeln besprochenen Gegenständen vermieden werden.
Vgl. Muoth, J. C., Nachrichten über bündn. Volksfeste und Bräuche, im Archiv für schweiz. Volkskunde, II.

86) 1 Legel Wein zu 48 Mass wiegt nach Spescha 90 Krinnen. Die Krinne entspricht 0.75 kg; die Mass = 1,5 l. Es entsprechen somit 50 Mass etwa 70 kg.

87) Die Redeweise von P. Spescha: „ihre Farbe ist schön vermischt" ist der romanischen Redeweise entnommen und soll etwa heissen: „wie von Milch und Blut". Der Romane drückt sieh aus: „Ina colur sco vin e latg = eine Farbe wie Wein und Milch."

88) Siehe auch Artikel: Polizei der Handelschaft. Dem ökonomischen Sinn von P. Spescha war es zuwider, dass durch Wegheiraten der Landestöchter dem Tale Steuervermögen entzogen wurde. Der im Artikel: Polizei der Handelschaft von Spescha gebrauchte Ausdruck: „die Jungfrauen ziehen gern in zähmere Gegenden" ist nur die romanische Ausdrucksweise „setillan bugen el dumiesti" und dem Spruche des romanischen Volkshumors entnommen: „Las bialas e frestgas mattauns setillan bugen el dumiesti ed in proverbi di: Ins sa mai, nua las mattauns ed ils cavals laian lur ossa," d. i. die schönen und jugendfrischen Mädchen ziehen gerne in mildere Gegenden und ein Sprichwort sagt; man weiss nie, wo die Mädchen und die Rosse ihre Knochen lassen.

89) Auch später im Laufe des 19. Jahrhunderts suchten viele Tujetscher als sogenannte Milchschweizer in Bayern und Württemberg ihr Auskommen; die meisten wurden selbständig und brachten „ es zu grossem Wohlstand in der Fremde. Vor einigen Jahrzehnten wanderten viele nach Amerika gus. Die Bevölkerung von Tujetsch beträgt jetzt 831 Seelen (Volkszählung 1910).

90) Zur Zeit von P. Spescha erreichten die erwachsenen Tujetscher, abzüglich der damals grossen Kindersterblichkeit wegen Mangel an Hebammen und richtiger hygienischer Wartung, ein Durchschnittsalter von 80 Jahren; heute noch ein solches von 65 bis 70 Jahren. - Gütige Mitteilung von Pr. med. Steph. Berther.

91) Das Knabenspiel: Plattenwerfen, Rom, „dar plattas", wird noch, heute in vielen Dörfern von Jung und Alt betrieben. In einiger Entfernung wird ein Stecken, „cuitg" (von cauvitg, Dorfvorsteher, Ortspräsident, hergenommen) in den Rasen gesteckt. Diesem Steckenziel werden von den Jungen der Reihe nach Steinplatten zugeworfen. Wer mit seinem Plattenwurf dem cuitg zunächst kommt, heisst gl'emprem, der Zweite il secund usw. Der schlechteste Wurf heisst „il cac".
Jeder Wurf kostet einen Einheitspreis, der auch verdoppelt werden kann. Die eingesetzten Geldstücke, z. B. je 10 Ct., werden nun auf einem rechteckigen Holzklötzchen senkrecht zu einer Säule aufgebeigt; das Holzklötzchen mit dem Gelde heisst „il stetgel". Der beste Plattenwerfer, der „emprem", darf nun mit seiner Platte den stetgel erschüttern, so dass die aufeinander gebeigten Geldstücke herunterfliegen; alle Stücke, die den Avers zeigen, kann der Glückliche sein eigen nennen; sodann kommt der zweitbeste Werfer an die Reihe, der sein Glück mit dem noch übrigen Reste ebenso versucht usw. Fehlt ein Spieler den stetgel, so muss er gewinstlos abtreten. Das harmlose Spiel verlangt auch seinen Trick. - Die muntere Schuljugend bedient sich statt des Geldes der Hosen- und Rockknöpfe als Einsatzpreis. Mancher arme Schlingel kommt schuldbewusst zu Muttern heim, nachdem er im eifrigen Spiel die letzten seiner Rockknöpfe abgeschnitten und der ihm unholden Glücksgöttin geopfert hat.

92) Bis in die jüngste Zeit bestand das Geldopfer nebst einer Kerze für einen Knaben in 25 Cts., für ein Mädchen in 20 Cts.

93) Das Festmahl welches die Mutter für die dem Kinde dargebrachten Geschenke den befreundeten und verwandten Frauen gibt, heisst: vischdunzas, und zu diesem Festmahl gehen: ir vischdunzas. Wöchnerin heisst in rom. Sprache: piglialaunca.

94) Petta cun péra = Birnbrot.

95) Süsse Kuchen = patlaunas; Öhrli = Küchli. Siehe: Gastmähler.

96) Die Butter wurde der Kirche geopfert und in besonderen kupfernen Lichtkesseln entweder vor dem Sakramentshäuschen oder im Beinhaus verbrannt (Butter- und Unschlittlichter) an Stelle der erst später auftretenden Öllampen. Im Tujetsch wurden mit der Schaufel Stollen in den Inhalt des Butterfasses gestochen und diese konzentrisch auf einem Zinnteller aufgetürmt. Dieser Butterstock hiess „glimera" und wurde auf den Chorstufen oberhalb der Leiche aufgestellt. Der Sigrist steckte eine Kerze in die Butter und liess sie unter dem gesamten Totenofficium brennen. Bei dem Begräbnis nach dem Seelenamte wurde der Butterstock mitgetragen und nachher der Kirche geschenkt; diese Schenkung war eine konventionelle Verpflichtung (mit Ausnahme der Armen) der Kirche gegenüber; jetzt ist sie an den meisten Orten durch eine Geldspende eingelöst. Siehe Schw. Archiv für Volkskunde, Bd. XIV, 1910: Eine Totenspende, von P. Notker Curti, O.S.B., Disentis.

97) Für Eltern und Ehegatten sind meist drei Trauerjahre; für Geschwister ein und ein halb bis zwei Trauerjahre; für die übrigen Verwandten ein Jahr. An einigen Orten für Erbonkel und -tante je 12 Wochen. Frauen „trauern" länger als Männer.

98) Der Stuorz wurde im Jahre 1863 im Tujetsch zum letztenmal getragen. In den Collectanea Speschas, Ms. Pl Sp 30, bemerkt Spescha 1828: „In diesem Jahre fing man zu Trun an, die weissen Schleier der Weiber beim Trauergottesdienste wegzulassen. Seit mehr als 70 Jahren erinnere ich mich an diese Gewohnheit bei Leichenbegängnissen."

99) Rom.: spenda genannt. Siehe Artikel:, Polizei der Bettelschaft, Anmerkung.5 daselbst.

100) Entsprechend dieser feinen Unterscheidung im sprachlichen Ausdruck der Verwandtschaftsgrade hat die romanische Sprache die Sprichwörter: „Baserin, Baseret, dat lètg", d. i. der vierte und fünfte Grad lateral erlauben nach kanonischem Recht die Ehe; und „Cun baserin, baseret, finescha la parentela bein ed endretg", d. i, mit dem vierten und fünften Grad schliesst die kanonische Verwandtachaft gut und richtig ab.

101)Patlaunas" sind Festtagsküchli, zu deren Bereitung Eier, Rahm oder süsse Butter und Weizenmehl verwendet werden. Der Teig wird gut gewalzt, in Quadrate geschnitten und gebacken. „Öhrli-Küchli".
Tutgets" sind eine Krapfenart, oft mit Konfitürenfüllung; Fastenspeise.
Fava de pres" sind „Pfaffenbohnen"; zur Bereitung werden Eier, Zucker, Butter und Weissmehl verwendet. Die Masse wird zu einem Brotteig gerührt, mit der Hand in lange Stengel gewalzt, mit dem Messer in Klötzchen zerschnitten und diese in heisser Butter gebacken. Verwendung an Festtagen und Kilbi oder Kirchweihe. Doch backen die Tujetscherfrauen diese. „Fava de près" in grosser Menge, wenn die Familie mit dem Einsammeln des Berg- oder Wildheues auf den Bergen beschäftigt ist.
„Raviuls". Es wird ein fester Teig ausgewalzt und mit Kastanien oder geröstetem Brot oder Birnen gefüllt und diese Einlage mit Teig überlegt, sodann die fertige Speise mit heisser Butter oder Käs übergossen gleich den Makkaroni; die „Raviuls" bilden eine gewöhnliche Bauernfastenspeise.
„Capuns". Sie haben die Form einer sehr grossen Nuss; es wird ein mittelfester Teig angerührt, dieser mit Speck oder Schweinefleisch und Grünem besetzt; der Teigballen wird sodann in Mangoldblätter gewickelt, im heissen Wasser abgekocht und endlich mit heisser Butter und Käs übergossen; sie sind eine Art „Knödel" und Bauernkost, aber heute nicht mehr häufig.
Nudels plats", eine Art Bauernnudeln. Mehl, Eier und Milch werden zu einem ziemlich festen Teig angerührt (ohne Butter) und dünn ausgewalzt, fein zur Makkaroniform geschnitten, im Salzwasser gesotten und endlich wieder mit heisser Butter und Käs übergossen; ebenfalls gewöhnliche Bauernkost.

102) „Postgeina", heute meist „puschegn" genannt, ist eine nächtliche Mahlzeit, die erst 11 oder 12 Uhr Nachts oder noch später eingenommen wird. Meist werden Milchkaffee, Butter, Käse, Honig usw. aufgetischt. Veranlassung zu dieser späten Mahlzeit geben z. B. das sogenannte „Leichenbeten", wenn abends um die Bahre eines Verstorbenen Verwandte und Freunde sich zum Gebete einfinden; um Mitternacht wird dann die obepgenannte Erfrischung geboten.
Ganz eigenartig für das Tujetschertal sind die „puschegns", wenn eine Familie oder mehrere vereinigte Personen, sowohl Männer wie Frauen, die Bereitung des feinen Flachssamenöles vornehmen. Diese Arbeit, das Zerdrücken, Rösten und Pressen der Flachssamen zur Gewinnung des beliebten Speiseöles wird regelmässig in der Nacht vorgenommen und dauert oft bis gegen Morgen. Ein wohlverdientes Mahl unterbricht die seriöse Aufmerksamkeit erfordernde Nachtarbeit.

103) Die Prozessionen nach Disentis und auf den Gotthardsberg sind abgeschafft worden. P. Spescha spricht sich an mehreren Stellen energisch gegen die Missbräuche bei Prozessionen aus und dringt auf Verminderung der zu vielen Feiertage und Wallfahrten. Spescha schreibt im Ms. 5 II, p. 397, Stift Disentis: „Löblich ist es, die guten Gewohnheiten der Altvordern zu beobachten, aber noch weit rühmlicher, sie gehörig zu verrichten oder sie gänzlich abzustellen. Die Opfer der Andacht sind Gott angenehm, allein sie müssen nicht faul und verdorben sein. Gott ist auch so gütig, dass er von uns nicht mehr fordert,als was wir ihm mit Leichtigkeit und Fröhlichkeit geben können u.s.w." Diese und ähnliche freimütigen Äusserungen und Bestrebungen zogen P. Spescha während seines Aufenthaltes im Tujetsch Anfeindungen zu, und er geriet beim Volke z. T. in Misskredit. Siehe Artikel; Polizei der Geistlichkeit u. II. 2. Landschaft Disentis; Anm.

104) Vgl. Decurtins, Chrestomathie, I. Ergänzungsband, p. 173.

105) Das Scheibenwerfen, better schibas, war früher vielerorts in Übung und hat sich z. T. bis auf unsere Zeit erhalten. Im Bündner Oberland kam das Spiel erst vor wenigen Jahren in Abgang; dessen Einstellung zur Zeit von P. Spescha muss nur eine temporär vorübergehende gewesen sein, denn es kam erst Anfangs der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts in Tujetsch ausser Übung.
Vgl. Decurtins, Chrestomathie, I. Ergänzungband, p. 113.

106) Über die Art und Weise, wie die Dertgira nauscha vorgenommen wurde, sind noch genaue Formulare aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vorhanden. Dieselben wurden im Wortlaut veröffentlicht. 1890 hat in den Annalas della Societad Rhaeto-Romanscha, 5. Jahrg,. pag. 339, Herr Advokat Peter Vinzenz von Trun ein Manuskript veröffentlicht, das ein Pieder Anton Spescha von Chiltgiadiras bei Trun geschrieben hatte (kein Verwandter zu P. Pl. a Spescha). 1896 veröffentlichte Herr Prof. Dr. K. Decurtins in seiner „Räto-romanische Chrestomathie", I. Bd., p. 439 ff., zwei weitere Ms.: Ms. Z. mit dem Spielmodus von Brigels und Ms. Bal. mit jenem von Sumvitg. Laut freundlicher Mitteilung von Herrn Advokat Peter Vincenz in Trun wurde das kulturhistorisch interessante Spiel der erwachsenen romanischen Jugend auf der Landsgemeinde zu Disentis um die Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts offiziell verboten, weil es allmählich ausgeartet war. - Das Spiel, welches P. Spescha leider nur allzuknapp schildert, hatte zur Zeit seiner Blüte eine ins Volksleben tief eingreifende Bedeutung; es wurde eine Art öffentliche Sittenpolizei ausgeübt, und die scheinbar harmlose Kritik des Spieles verschonte weder die Jugend, noch etwaige Unarten geistlicher und weltlicher Herren.

107) Siehe Artikel: Polizei der Künste und Wissenschaften.

108) Laut Synopsis (Chronik) der Abtei Disentis starben an der Pest von 1585 in Disentis 500 und, im benachbarten Sumvitg 455 Personen.     

109) Spescha hat diese tragische Episode wohl der Klosterchronik Synopsis entnommen. Die Synopsis nennt den Abt Adalbertus II. einen „Vir doctiasimus et prudentissimus, verus Monasterii nostri reformator", einen sehr gelehrten und sehr klugen Mann, einen wahren Erneuerer unseres Klosters. Vgl, I, 2 oben: Adalbertus de Medèl.