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Die hölzernen Milchrechnungen des Tujetschertals
Von Dr. J. Focke, Syndikus in Bremen Aus Schweizerisches Archiv für Volkskunde 7. Jahrgang, 1903
Das von romanisch redender Bevölkerung bewohnte Tujetschertal mit seinem Hauptorte Sedrun, die nach allen Seiten von hohen Bergen umschlossene, oberste Stufe des Vorderrheinthals, hat sich bei der Bewirtschaftung seiner Alpen in den hölzernen Milchabrechnungen mit den Hausmarken der Viehbesitzer, in den „stialas dil latg", bis zum Jahre 1901 eine Antiquität bewahrt gehabt, die wegen ihres kulturgeschichtlichen Interesses mit einigen Worten in der Erinnerung festzuhalten sich verlohnen dürfte.1)
Das Milchvieh der Gemeinde Tujetsch wird auf mehrere Jahre hinaus durch vorherige Bestimmung auf die verschiedenen Alpen so verteilt, dass die Kühe des einzelnen Besitzers auf einer Alp vereinigt sind. Die Alpen werden nicht, wie es sonst überall eingeführt zu sein scheint, von berufsmässigen, bezahlten Sennen, sondern noch von den Bauern selbst bewirtschaftet. Die ca. 300 Kühe des Tujetschtals verteilen sich auf die drei Alpweiden Cavorgia, Tgetlems und Tiarms. Die Alpen Tgetlems und Tiarms haben je drei Hütten, Cavorgia besitzt nur eine Hütte. Auf den Alpen Tgetlems und Tiarms weiden je etwa 120 Kühe.
Nach einer durch das Los festgestellten Reihenfolge beziehen nun die an der betreffenden Alp mit ihrem Milchvieh beteiligten Bauern für einen oder mehrere Tage die Alp und gewinnen während der Zeit ihres Aufenthalts für sich den gesamten Milchertrag aller Kühe einer Hütte. Die Länge der Bewirtschaftungszeit des Einzelnen richtet sich nach der Zahl seiner Kühe und schwankt gewöhnlich zwischen zwei Tagen und einer Woche. Nach Ablauf einer Wirtschaftszeit führt jeder Bauer die gewonnene Milch in Form von Butter und Käse zu Thal und wird sofort von seinem Nachfolger bei der Bewirtschaftung abgelöst.
Über den Milchertrag während der Wirtschaftszeit jedes Bauern wird eine Rechnung aufgestellt, aber nicht mit Tinte oder Bleistift, mit Namen und Zahlen auf Papier, sondern mittelst, Gewichtszeichen und Hausmarken auf vieleckigen, rotgefärbten, kurzen Holzstäbchen. Das Aufstellen der Rechnungen, d. h. das Schneiden der Stäbe, erfolgt durch die Hirtenjungen. Als Material dient das Holz der Erle, die sich an den Bachläufen entlang, bis nahe zu den Alpweiden hinauf, in Büschen vielfach vorfindet. Die meist 2-4 cm im Durchmesser dicken und 7-15 cm, langen Stäbe werden je nach der Zahl der beteiligten Viehbesitzer mit der entsprechenden Zahl von Flächen (5, 7, 8, 10; gewöhnlich findet man 8 Flächen) versehen und dann mittelst feingeriebener und angefeuchteter roter Kreide gefärbt. Rote Kreide wird auch zu andern Zwecken, besonders zum Märken des Viehs, auf den Alpen ständig gebraucht.
Entfallen auf eine Alphütte beispielsweise 40 Kühe, die sich auf die Eigentümer so verteilen, dass besitzen:
14 Besitzer mit dem Ertrage von 40 Kühen auf einem Stäbchen dazustellen sind, so bedarf es dazu eines 7flächigen Stabes. In der Mitte des Stabes werden nämlich in dem angenommenen Falle rings um den Stab in zwei Reihen von je 7 Stück die 14 verschiedenen Hausmarken der Besitzer eingeschnitzt, so dass für jeden die Hälfte einer Stabfläche zum Vermerken des Milchertrags verfügbar ist. Darauf wird neben jeder Marke nach dem Stäbchenende hin das Milchgewicht durch eingeschnittene Striche eingetragen, und zwar erfolgt die Gewichtsberechnung nicht nach dem schon bald nach 1848 in der Schweiz eingeführten metrischen Gewichtssystem, nach Kilo oder Pfund, sondern nach dem alten Gewicht der crena 2) (Plural: crenas) = 5/4 Pfund.
Ein die einzelne Stabfläche quer überschneidender Schnitt, durch den ein Holzstreifchen aus dem Grunde herausgeschnitten wird, so dass ein heller Strich auf dem dunkleren roten Grunde entsteht, bedeutet 10 crenas. Ein ebenso langer, blosser Ein-schnitt, durch den kein Holz entfernt wird, bedeutet 5 crenas. Nach den Enden zu, und zwar nahe den Kanten der einzelnen Flächen, sind durch kurze Doppelschnitte (durch die je ein Holzteilchen herausgeschnitten wird) die Einer angegeben, während ein kleiner Einschnitt (der kein Holzpartikelchen entfernt) 1/2 crena bedeutet. Auf dem einen Querschnitt des Stäbchens wird oft, noch das Zeichen eingeschnitzt, über dessen Wirtschaftszeit der Stab die Rechnung enthält. Auf dem andern Querschnitt hat in den letzten Jahren auch oft der Hirtenjunge seine Buchstaben (Marke) eingetragen. |
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Soll der Stab über die Milch der Kühe von 10 Eigentümern Auskunft geben, so muss er fünf Flächen, soll er die Milchrechnung von 20 Eigentümern angeben, so muss er zehn Flächen haben. Kommen noch mehr Eigentümer in Frage, so werden zwei oder mehr Stäbchen geschnitzt werden müssen. Bei ungerader Zahl der Eigentümer wird eine halbe Fläche unbenutzt bleiben. Ein Milchhölzchen der gewönlicheu Art ist unter Nr. 1 der beigefügten Tafel abgebildet.
Die Kuhbesitzer und Hirtenjungen, welche die hölzernen Rechnungen aufstellen, sind begreiflicherweise besonders gute Kenner der Hausmarken.
Die Hausmarke vererbt im Tujetschtal vom Vater auf den jüngsten Sohn, was vielleicht, wenngleich jetzt dort keinerlei Anerben- oder Höferecht besteht, vielmehr gleiche Teilung des elterlichen Nachlasses unter allen Kindern stattfindet, auf eine früher bei Übernahme des Bauernhofes in Geltung gewesene Bevorzugung des jüngsten Sohnes (Minorat) hindeutet. Die älteren Söhne wählen sich eine beliebige Marke, die jetzt meistens einfach aus den Anfangsbuchstaben des Ruf- und Familiennamens besteht, womit dann das Zeichen den Charakter der Hausmarke verloren hat. Da stets alte Marken in Wegfall kommen und neue Marken hinzutreten, so ist es schwer, einen zuverlässigen Kenner aller Marken zu finden. Vor ein paar Jahren ist daher ein Buch mit allen Hausmarken, das beim Gemeindepräsidenten des von etwa 900 Seelen bewohnten Tujetschtals hinterlegt ist, angefertigt.
Ihre bedeutsamste Anwendung finden die Hausmarken in der geschilderten Weise bei der Alpwirtschaft. Trifft man auf alte Türen in den Alphütten, so findet man, dass dieselben mit eingeschnittenen Marken übersät sind. Man sieht aber die Marken auch sonst noch vielfach. Manche Bauern haben ihr Grossvieh mit der Hausmarke auf den Hinterschenkeln gezeichnet; das Kleinvieh wird sonst allgemein mit einfacheren Zeichen: Einschnitt an den Ohren gemärkt, ähnlich wie man bei uns an den Schwimmhäuten die Enten im Blocklande und früher die Gänse in Borgfeld zeichnete. |
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Sehr oft sieht man gefällte Holzstämme und Bretter im Wald und in den Dörfern mit Hausmarken in roter Kreide versehen. Ich habe die Marken ferner an hölzernen Eimern, an Heugabeln, Harken, Schaufeln, Schabeisen, an Handtüchern, einmal auch an einer Futterschneidemaschine gesehen. Dagegen habe ich sie oft vergeblich gesucht an den Stielen der Sensen. Auch die grossen leinenen Laken, in denen, das Heu von den Wiesen getragen oder gefahren wird, sind fast immer markiert. An Häusern oder Ställen sind die Hausmarken selten; wenn sie sich dort vorfinden, so stehen sie nicht an auffallender oder bedeutsamer Stelle, sondern sind offenbar mehr zufällig angebracht.
Wenn jeder Kuhbesitzer auf seiner Alphütte einmal gewirtschaftet hat, die erste durchs Los ermittelte Reihenfolge also erledigst ist, erfolgt für die an der Hütte Beteiligten eine gemeinschaftliche Rechnungsablage. Da sieben Hütten auf den Milchviehalpen vorhanden sind, so ergeben sich also für das ganze Tal sieben verschiedene Abrechnungsgruppen. Sonntags nach dem Gottesdienst in der Hauptkirche des Tals zu Sedrun treten die an jeder Hütte beteiligten Bauern auf der Strasse zusammen; jeder zieht seine hölzernen Milchrechnungen aus der Tasche und nun wird miteinander abgerechnet. Wer noch am meisten Milch nach Verhältnis seiner Kühe zu gute hat, kommt nun bei der zweiten Reihenfolge zuerst zur Bewirtschaftung auf die Alp; wer bei der ersten Reihenfolge am besten gefahren ist, kommt zuletzt an die Reihe. Je nach Bedarf wird die Zeit der Bewirtschaftung verlängert oder verkürzt. Die Milcherträge sind natürlich je nach der Witterung sehr verschieden und lassen sich nicht im voraus genau bestimmen; der Bauer, der während seiner sechstägigen Bewirtschaftung schlechtes Wetter und Schneefall gehabt hat, erzielt vielleicht kaum mehr, als ein anderer, der während drei Tage bei gutem Wetter wirtschaftete. Nach Erledigung der zweiten Reihenfolge wird dann in gleicher weise die dritte fortgesetzt. Schliesslich übrig bleibende Ungleichheiten werden in Geld, nach einem zu Anfang des Sommers festgesetzten Einheitspreise für die Milch, ausgeglichen. Wenn die hölzernen Milchrechnungen erledigt sind, so werden sie quittiert, indem jeder von seinem Stäbchen die Gewichtsangaben rund um das Stäbchen wegschneidet, so dass nur die Hausmarken stehen bleiben. Er wirft dann das quittierte Hölzchen fort, welches nun zum Kinderspielzeug wird. Die Nr. 2 der Tafel zeigt ein quittiertes Hölzchen.
Um Martini, wenn das Vieh die Alpen längst wieder geräumt hat, wird über jede Alp, über die Verpflegung und Bezahlung der Hirtenjungen, über etwaige sonstige Aufwendung, Reparaturen usw. und insbesondere auch über die Milcherträge eine Generalabrechnung gehalten.
Im Jahre 1901 wurde, mit Ausnahme einer Alp, die Milchabrechnung auf Papier eingeführt. Im Jahre 1902 haben die Holzstäbchen auch auf der letzten Alp dem Papier weichen müssen. Charakteristisch ist aber, dass auf den Papierrechnungen anfangs die Namen der Kuhbesitzer nicht mit Buchstaben, sondern nur mit den Hausmarken bezeichnet sind. Schon im Jahre 1902 hat man aber die Hausmarken in den Rechnungen durch die ausgeschriebenen Namen ersetzt. Mehr als ein Landmann hat mir indessen seine Ansicht dahin geäussert, dass doch die Abrechnung mit den Stialas da latg viel einfacher sei, als diejenige auf Papier.
Früher wurden die Milchhölzchen an den Enden noch mit Verzierungen, Köpfchen oder Türmchen versehen. Mir ist indessen nur ein einziges älteres Stück dieser Art zu Gesicht gekommen. Ich habe mir von einem Manne, der früher als Hirtenjunge so verzierte Stäbchen (stiala cun tur = mit Turm) verfertigt hat, ein solches Stück nachschnitzen lassen. Es ist in Nr. 3 der Ansichtstafel abgebildet. Oben in der turmartigen, durchbrochen geschnitzten Verzierung ist eine rotgefärbte kleine Holzkugel eingelassen, die sich in der Durchbrechung frei bewegt. Beachtenswert ist, dass bei den mit einer durchbrochenen Spitze versehenen Stäbchen die Anordnung der Hausmarken und der Rechnung anders vorgenommen wird, als bei den gewöhnlichen Milchhölzern. Bei jenen richtet sich der schnitzende Hirt beim Einschneiden der Marken und Milchgewichte danach, dass die Stäbchen ein unteres stumpfes und ein oberes spitzes Ende besitzen; bei den gewöhnlichen Hölzchen sind die beiden stumpfen Enden völlig gleichwertig und es erfolgt das Einschneiden von der Mitte aus nach beiden Enden hin. Man vorspürt in dieser verchiedenen Behandlung der Stäbchen ein feines. urwüchsiges Stilgefühl, einen Hauch wirklicher Volkskunst.
1)
Weitere
Litteratur über „Tesseln" s. in diesem Archiv III, 60 (Nr. V, 5) ; V, 74
(Nr. V, 1a); VI, 70 (Nr. II, 6) |
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