TAVETSCH/TUJETSCH
(seit
1976 romanisch: Tujetsch)
Von Walram Derichsweiler
in:
Die Alpen Nr. 10/1929
avetsch?
Was ist das für ein eigentümlicher Name? Liegt das auch im Bündner Oberland?
Tavetsch, romanisch Tujetsch, ist eine bündnerische Gemeinde des Bezirkes
Vorderrhein im Kreise Disentis. Wer ist nicht schon einmal von Andermatt aus dem
Urserental über den Oberalppass - die Tujetscher sagen „sur Cuolm
d'Ursera“, in Abkürzung „sur Cuolm“ - nach Disentis ins Vorderrheintal
gewandert oder umgekehrt? Dann kam er durch das ganze Tujetsch hindurch. Dort,
wo der Bach der Val1 Gierm (romanisch = Grenztal) von Süden in den
Vorderrhein fliesst, durchschneidet die Talstrasse die östliche, und oben auf
der Oberalppasshöhe beim Gasthaus zum Hospiz die westliche Grenzlinie der
Gemeinde Tujetsch. Meist kurze, steile Täler laufen dazwischen von der Talsohle
zum nördlichen Grenzkamm von Uri hinauf. Lange Täler ziehen nach Süden zum
Tessiner Grenzkamm. Etwa 130 km2 umfasst, auf der Karte gemessen, das
Gebiet dieser obersten Gemeinde des Bündner Oberlandes. Es weist zum grössten
Teil unproduktiven Eis-, Fels- und Schuttboden auf. Daher beträgt die Bevölkerung
da oben in 1400 bis 1600 m Höhe bloss etwa 830 Personen. Ständig bewohnt ist
das Haupttal, die Seitentäler werden nur im kurzen Sommer mit Vieh bestossen,
sind im Winter verlassen.
Einen Ort
Tujetsch gibt es nicht und hat es auch nie gegeben, obwohl alte Karten einige Häuser
andeuten mit diesem Namen, obwohl alte Landesbeschreibungen einen solchen als
Ortsnamen anführen und obwohl Resch sogar eine Stadt der Rätier an den Quellen
des Rheins, Taxgaetium, die er bei Ptolomaeus (138 bis 161 n. Chr.) fand, im
Anhang zu seiner 1755 gezeichneten Karte Rätiens im 5. Jahrhundert als Tujetsch
erklärt, was aber gar keine Berechtigung hat. Der Name Tujetsch umschliesst
eine Gemeinde aus mehreren Ortschaften. Sedrun ist der Hauptort, ob der älteste
Ort ist fraglich. In einer Urkunde von 1456 sind zwei Höfe Sur- und Sut-Dragun
angegeben. Aus Sut-Dragun (d. h. unterhalb des Drun Wildbach) ist dann der Name
Sedrun entstanden, wie er 1555 vorkommt neben Sudragun. Ein Sur Sedrun (Sedrun
sura) besteht noch. In Sedrun (wenn nicht in Rueras) dürfte wohl die älteste
Talkirche gestanden haben, nach welcher der Ort auch romanisch Sogn Vigeli genannt
wurde. Bei der Besetzung der Hauptämter der Gemeinde wechseln jetzt Bürger von
Sedrun mit solchen der benachbarten Ortschaften Rueras und Camischolas ab.
Ausser den genannten Ortschaften zählen noch folgende zur Gemeinde Tujetsch:
Bugnei, Cavorgia, Gonda, Selva, Surrein, Tschamut, Zarcuns und einige Höfe. Die hauptsächlichsten der dortigen Geschlechtsnamen
sind: Berther, Deflorin, Monn,
Cavegn, Venzin, Caduff,
Curschellas, Soliva, Beer,
Schmid, Riedi, Peder, viele schon in alten Urkunden und Rodeln genannt.
Die Tujetscher sind ausschliesslich Rätoromanen und katholischen Glaubens.
Was weiss man aus alten Zeiten von Tujetsch? Da müssen wir weit ausholen.
Die lange Scharte, welche die Alpen von Chur bis gegen Genf in einem Zuge
durchreisst und welche nur stellenweise durch einige Gebirgsknoten leicht
unterteilt ist, muss jedenfalls schon zu früher Zeit die Aufmerksamkeit der
Menschen auf sich gezogen haben. Da wanderte Volk in ihr hin und her. Schon
unter dem Kaiser Augustus waren Wallis und Rätien zu einer einzigen römischen
Provinz vereinigt. Gemäss einer im Arvetal (Vallée de Chamonix) aufgefundenen
lateinischen Inschrift wurden um das Jahr 74 n. Chr. das südliche Ufer des
Genfersees, das obere Rhonetal und Rätien von einem einzigen römischen
Procurator verwaltet. Daraus darf mit Berechtigung der Schluss gezogen werden,
dass sich zu jener Zeit schon ein für Krieger begehbarer Weg von den östlichen
Bündnerpässen ab Italien über Chur, Oberalppass, Furka und durch das Wallis
zum Genfersee hinzog. Ziehendem Kriegsvolk schlossen sich Händler an, teils des
Handels mit dem Heere, teils des Schutzes wegen, den das Heer den Händlern
bieten konnte. Aus dem Mittelalter haben sich Urkunden erhalten, welche erkennen
lassen, dass ein reger Handelsverkehr mit Ochsenwagen, Eseln, Saumtieren und Trägern
zwischen Sitten und Chur, also auch durch das Tujetsch, bestand.
1253 z. B. findet man in Sitten im Wallis als Zeugen einen Warnerus und
einen Martinus, beide Säumer (asinarii = Eseltreiber) aus Chur, angegeben. Ein
anhaltender Handelsverkehr zwischen Wallis und Chur geht auch aus einer Urkunde
von 1420 aus Ursern hervor, in der es heisst: „als denne die von Kurwalchen
(Chur) und die von Wallis durch unser tal farent und fil Wandlung (Wanderung)
hant mit ir som (Saum) rossen.“ So war Tujetsch zunächst ein Durchgangsgebiet
für Kriegs- und wohl noch mehr für Handelsvolk. Um 614 wurde das Kloster
Disentis gegründet. Die Überlieferung lässt dabei den Gründer, St. Sigisbert
(romanisch soing Zipert) den Oberalppass überschreiten. Demgemäss sagt Muoth
in seinem Gedicht „Igl eremit s. Sigisbert“:
(Über den Oberalppass kam hurtig des Weges der ehrwürdige Pater Sigisbert.)
Und in einem Liede des Geistlichen Blumengartens von 1685 heisst es:
Sant Sigisbert vom Papst gesandt,
Verliesse
sein Gespanen.
Von
Ursern kam in dises landt,
Zu
predigen Christi namen.
Schon im 12. Jahrhundert stand das ganze
Gebiet von Tujetsch unter dem Kloster Disentis, dessen Grundherrschaft sich
sogar über das Urserntal erstreckte, weshalb beide Landstriche auf eine
verwandte Geschichte zurückschauen können. Gatschet ist der Ansicht, Tavetsch
und Tujetsch kämen
beide von dem mundartlichen Wort tigia = tegia = Sennhütte und der Endung -etia
her, hätten also die Bedeutung „Tal mit Sennhütten“. Diese Namendeutung
des Tales durch seine ersten spärlichen Bestosser erscheint natürlich. Diese dürften
im Tujetsch Oberländer gewesen sein, wie aus alten Familiennamen (de
Medel, Soliva) erkennbar ist. Im Urserental hatten sich Walser aus dem Wallis
angesiedelt, deren sprachlicher Einfluss über den Pass ins Tujetsch zeitweise
vordrang, findet man doch auch Familien- und Ortsnamen deutschen Stammes. Die
rege Verbindung zwischen dem Wallis und Chur beweisen auch die Tatsachen, dass
Bischof Friedrich I. von Chur mit dem Bischof Peter von Sitten 1282 ein Schutzbündnis
abschloss und im Verein mit dem Abt Simon von Disentis 1288 in Vsera (Ursern)
ein solches mit fünf Walliser Herren.
Den Namen
Tujetsch findet man zuerst in einer Urkunde von 1285. 1325 zeichnen die
Tujetscher eine Urkunde als „vicini de Tuvez“, also als Gemeindebürger. Um
diese Zeit muss sich daher die Gemeinde gebildet haben. Die älteste Urkunde mit
einem Tujetscher Gemeindesiegel, die ich fand, stammt aus dem Jahre 1681, obwohl
schon früher ein solches bestanden haben dürfte. 1380 heisst es aber noch:
„von wir lüten von Thyfetz aigner insiglen nit han.“
Das jetzt in Gebrauch befindliche Gemeindesiegel von Tujetsch
(siehe Initiale) zeigt St. Vigilius3, den Bischof von
Trient, mit der Märtyrerpalme in der Hand und einer Kirche auf dem Arm. Die
Inschrift lautet: „SIGILLUM COMUNITATIS AETHUATIENSIS“ (= Siegel der
aethuatischen Gemeinde). Diese Inschrift beweist, dass dieses Siegel nicht vor
1560 entstanden sein kann, denn in diesem Jahre erfolgte zuerst die Bezeichnung
der Tujetscher als Aethuatier. Gilg Tschudi, der Geschichtsschreiber von Glarus,
schrieb nämlich 1560:
„Die
ersten so ob alle voelkern by dem Rhin wonendt / sind die Etuatiker / dene der
vrsprung des Rhins nach ist in de berg Adula / schrybt Strabo. Disen nainen
habend noch die oeberste bysessen by dem vordern Rhin behalten / werdendt vhs
verboeserung nach grobheyt yetziger art der spraach / Tauetier / oder Tauetscher
genannt /.“
Allerdings schrieb Strabo : „Am Rhein als die ersten von
allen wohnen die Aethuatier.“ Aber aus dem darauf folgenden Originaltext ist
deutlich erkennbar, dass Strabo hier den Hinterrhein meint und nicht den
Vorderrhein, denn er weist auf die Nähe der Adda hin, die in den larischen See,
den Comersee, fliesse. Das „vordern“ hat
also Tschudi eigenmächtig und irrtümlich eingefügt. Auch Campell 1571,
Guler 1616, Scheuchzer 1716, sogar der Geschichtsschreiber Joh. von Müller
bringen Tschudis etymologisches Märchen, die Tavetscher seien Nachkommen der
Aethuatier und hätten von diesen ihren Namen.
Wandern wir einmal an einem schönen Tage in Disentis die
Hauptstrasse
hinauf, am hochragenden Kloster vorbei, unterhalb der Klosterwiese durch, auf
der im Laufe der Jahre mancher stürmige cumin (= Landsgemeinde) abgehalten
wurde, so kommen wir bald an eine Strassenscheide, die nach Ansicht einiger
Historiker dem Ort den Namen auch gegeben haben könnte. Den ältesten Versuch,
den Namen Disentis etymologisch zu deuten, finden wir in einer Urkunde von 846
selbst, in der es heisst: „Desertinense, a vicinitate alpium deserti vocabulum
tenens (Disentis, von der Nachbarschaft der Alpen den Namen einer Einöde
besitzend). Nach der oben angedeuteten Ableitung würde der Name aber nicht
vom lateinischen desertinum (= Einöde) herkommen, sondern von den romanischen Wörtern
dis (= auseinander) und senda (= Pfad). Das bedeute also die Stelle einer
wichtigen Wegscheide. Hier fällt nun ein Weg nach links ab, um jenseits des
jungen Rheins zum Lukmanier aufzusteigen und sich ins Tessin zu senken, während
nach rechts die Strasse weiter ansteigt zum Oberalppass, um dann ins Urnerland
abzufallen. Beide Wege verfolgen alte Saumpfade. 20 km zählt man bis zur
Lukmanierpasshöhe und 21 km bis zur Oberalppasshöhe.
Über der Medelserschlucht ragt die Scopigruppe auf wie ein einziger Berg.
Rechts davon grüsst das alte, sehenswürdige Kirchlein Sontga Gada und das
aussichtsreiche Dörflein Mompé Medel, das Gegenstück zum gegenüberliegenden
Mompé Tujetsch. (Mompe=pede montis = am Fusse des Berges gelegen.) Oberhalb der
alten Pfarrkirche St. Johann (1400 in campo = auf dem Felde genannt), führt die
Strasse durch das Schlachtfeld von 1799, wo die Kämpfe der Oberländer gegen
die Franzosen stattfanden. Vom Kirchhof drüben sandten die Bündner Schützen
ihr tödliches Blei. Allerorts auf dem folgenden Wege werden Erinnerungen an die
„Franzosenzeit“ wach, von der die Alten heute noch reden, weshalb hier kurz
auf diese Ereignisse eingegangen werden soll. Das war zur Zeit der Bildung der
helvetischen Republik. Da standen sich im Bündnerland zwei Parteien gegenüber,
die französisch gesinnten Patrioten und die österreichisch gesinnten
Aristokraten.
Letztere riefen die Österreicher zur Hilfe, und im Oktober 1798 erschien der österreichische
General Auffenberg „zum Schutze des Landes“. Das hatte nun einen französisch-österreichischen
Kampf auf bündnerischem Boden zur Folge. Der französische Feldherr Massena
drang mit seinem Heere über die Luziensteig ein, und der französische General
Demont stieg mit Truppen über den Kunkelspass. Auffenberg musste sich ergeben
und Bünden der helvetischen Republik beitreten. Von Ursern her war der französische
General Loison in das Tujetsch eingedrungen und hatte die Österreicher zurückgedrängt.
Durch Ermordung und Quälung von Tujetschern, durch Räubereien und Verhöhnungen
gereizt, erhoben sich die Oberländer unter Caprez und Castelberg und schlugen
die Franzosen. Loison zog sich nach Ursern zurück, aber Demont drang von Osten
hinauf. Er schonte die Oberländer. Loison löste Demont ab und belegte das
Kloster mit schwerer Geldbusse. Es gährte wieder im Volke. Am 1. Mai 1799
erhoben sich die Tujetscher. Am folgenden Tag eilten die Medelser nach Disentis
hinab und nahmen die französische Besetzung gefangen. Die Gefangenen wurden
rheinab gegen Truns geführt. Ausserhalb Disentis aber erschlugen die Medelser
ihre Gefangenen. Dann jagte der Oberländer Landsturm, durch die Lungnezer
verstärkt, die Franzosen Chur zu. Plötzlich erschien General Menard über die
Luziensteig, schlug den schon gelockerten und im Veltliner schwelgenden Oberländer
Landsturm in der „battaglia dalla punt da Rehanau“; (Brücke zu Reichenau) in
die Flucht und drang gegen Disentis vor. Das Dorf und das Kloster mit dem
wertvollen Archiv und der Bibliothek wurden verbrannt. Am 14. Mai jedoch stürmte
der österreichische General Hotze die Luziensteig. Die Franzosen zogen ab, und
die Österreicher führten nun das Regiment im Bündnerland. - Das ist heute
noch den Bündnern wohlbekannt, aber manchem Nichtbündner mögen diese
Angaben willkommen sein, da auch jetzt noch im Tujetsch vom Franzosenkrieg
gesprochen wird.
Schreiten wir nach diesem historischen Rückblick die Oberalpstrasse
weiter hinan. Das Geleise der streckenweise für das Zahnrad ausgerüsteten Bahn
wird mehrfach über- und unterschritten. Hier berühren sich die verschiedensten
Zeiten, denn noch sind vergraste Überreste des alten, steingepflasterten und
steinbegrenzten Säumerweges erkennbar. Rechts am dunklen Tannenwald, überkrönt
von dem von hier klotzig erscheinenden Piz Cavardiras4, von der
Scharte des Brunnipasses und von dem Zahn des Piz d'Acletta, leuchtet ein
weisses Kirchlein herüber. Das gehört zu Acletta (kleines Landgut) und ist berühmt
durch sein Madonnenbild, welches der spanische Maler Murillo (1617-1682) in
Sevilla nach der Safierin Maria Juon gemalt habe, deren Gemahl Hauptmann der
Schweizergarde dort gewesen sein soll. Auch wenn dies nicht beurkundet ist, so
zeigt das Bild jedenfalls südländischen Einfluss und ist von hervorragender
Schönheit. Von der Kapelle hat man einen schönen Überblick über die
Disentisermulde, so dass sich ein Gang dem alten Wege nach über Acletta und
Segnas lohnt. Aber auch auf der Strasse bekommt man bei der Kehre unterhalb Mompé
Tujetsch einen guten Rückblick auf die Disentisermulde.
Schon tauchen Szenerien des Tujetsch auf. Immer mehr kommt es zum
Vorschein. Geradeaus sieht man die Stadel von Milez hoch oben liegen. Nun geht
es unter dem idyllischen Bugnei durch, wo vor sechzig Jahren der Sep Anton
Deragisch die Töpferei betrieb: Das Kloster Disentis besitzt noch eine Sammlung
der Kunsterzeugnisse aus tiara-cotga, die Sep Anton in einer tschiffera auf dem
Rücken tragend in den Dörfern zwischen Oberalp und Ilanz selbst vertrieb. Ist
man an dem hohen Viadukt der Bahn vorbei, dann wird bei einem Rank plötzlich
Sedrun in der Nähe sichtbar, der Hauptort des Tujetsch, seit 1926 Station der
Oberalpbahn.
Der Drun, der Wildbach, der Drache
(dragun), welcher beim Ausgang der Val Strem vom Cuolm da Vi herabbricht, ist
ein wüster Geselle, der bei schlechtem Wetter sehr rabiat werden kann und viel
Schlamm und Geröll mitreisst, was man nun von der Brücke gefahrlos betrachten
kann. 1557 klagten die Leute von Gonda und Salins gegen die von Camischolas und
gegen alle, „so nebett dem Dragun uff güter hendt“, dass der Drun ihnen den
Weg weggenommen habe, dass sie «nit wegen noch pfaren mögendt». Er ist auch
schuld, dass die Sedruner 1691 das Schiff ihrer Kirche auf die andere Seite des
stolzen Turmes verlegen mussten, ansonst es gefährdet worden wäre, wie die St.
Antoniuskapelle von 1679 da drüben in Surrhein, die 1927 vom Rheine weiter weg
verlegt werden musste. Der schlanke, romanische Kirchturm in Sedrun mit seinem
neueren, spitzen, mit Walliser Schieferplatten belegten Dach weist auf der
Frontseite ein schönes, grosses St. Georgbild auf, welches vom Maler Felix
Diogg herrührt. Dieser stammte aus einem alten Bürgergeschlecht der
italienischen Val Formazza. Sein Vater hatte eine Catrina Deflorin von Tschamut
zur Frau, zog mit seiner Habe, als ihm 1766 sein Haus in Andermatt abbrannte,
nach Tschamut hinüber auf ein Bauerngut seiner Frau. Gegen 1785 malte Felix
den S. Gieri am Turm zu Sedrun. Diogg ist bekannt als guter Porträtist, er
malte u. a. Kaspar Hirzel und Johannes von Müller. Er starb 1834 in Rapperswil.
Sein Werk an der Sedruner Kirche, nun über 130 Jahre dem Wetter ausgesetzt, ist
noch deutlich erkennbar, sollte aber fachmännisch restauriert werden, ansonst
es verblasst. In einem noch im Archiv von Sedrun befindlichen
Jahrzehntenbuch
aus dem 15. Jahrhundert steht, die erste Kirche zu Sedrun sei 1205 eingeweiht
worden. Auch enthält dasselbe die Nachricht, dass 1338 im Tavetsch ein rector
war, also auch eine Kirche. Placidus a Spescha, der 1812-1814 Kaplan in Sedrun
war, sagt, der Abt Thuringus (1334-1353) habe den Zehnten der Kirche St. Vigili
in Ordnung gebracht. 1491 waren die Kirchen von Tujetsch und Andermatt dem
Stifte Disentis einverleibt.
Ehe wir ins Dorf hineinkommen, sehen wir
rechts eine kleine Kapelle, die 1925 vergrössert und verschönt wurde. Das ist
das „sontget dils Gedius“ (= Judenkapellchen). Eine Sehenswürdigkeit. Vier
personengrosse Holzfiguren umschliesst der Raum. Der alte Gion Antoni
Curschellas aus Bugnei und der Sep Antoni Caviezel aus Sedrun sahen in den
vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf einer Wallfahrt nach Einsiedeln
(Nossadunnaun) das Original dieser Gruppe als Station eines Kreuzganges am
Hakenpass. Dies machte auf die beiden Tujetscher Wallfahrer einen solch tiefen
Eindruck, dass sie durch den Disentiser Bildhauer Gion Battesta Andreoli eine
genaue Nachbildung machen und bemalen liessen. 1837 wurde die Skulptur nach
Sedrun gebracht und einstweilen in einem Zimmer des Pfarrhauses aufgestellt, das
deshalb noch jetzt „Stiva dils Gedius“ (= Judenstube) genannt wird.
Sedrun ist jetzt auch Wintersportplatz. Das hat es der Oberalpbahn zu
verdanken, die im Winter bis Sedrun fährt. Weihnachten 1925 musste ich noch mit
einem offenen Leiterschlitten dorthin fahren und war der einzige Wintergast.
Doch noch ein anderer Fremdling war da und schlich mir um die Beine. Ein zahmes
Füchslein, das mit dem Jagdhund und der Katze einen Völkerbund abgeschlossen
hatte, wobei alle gleichzeitig aus demselben Napf frassen, ein Beweis für die
verträgliche Luft da oben. Dem Füchslein ging es aber später schlecht. Man
hatte ihm ein Glöcklein umgebunden. Als es aber, herangewachsen, ausrückte, da wollte deshalb
seine Sippe nichts von ihm wissen, und Wild konnte es auch nicht mehr
erschleichen. So erfasste es die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen des
Gasthauses zur „Krone“. Es hatte sich wohl gemerkt, wo die Wirtsleute ihre
Hennen haben. Dort brach es nachts ein. Das Glöcklein verriet aber den Dieb,
und er fiel einer Kugel zum Opfer.
Nun wollen
wir uns die 1400 m hoch liegende untere Tujetschermulde und ihre Umrahmung
einmal genauer ansehen. Das können wir am besten, wenn wir zum Punkt 2257, Piz
Tgom genannt, hinaufsteigen. Über die Brüche, am Drun vorbei - wo noch ein
alter fallun (= Bleuelpoche) steht, in dem im Herbst der Flachs durch mächtige
Holzstössel gebrochen wird - gehen wir zur Rheinbrücke hinab und verfolgen
kurze Zeit den durch Wald nach links aufsteigenden Weg nach Surrein, der Pforte
des Nalpstales. Vor diesem aber weist bald ein Wegweiser zu einem nach rechts
steil im Wald ansteigenden Pfad, der zur Alp Tgom (romanisch tumma = Bergkuppe)
hinaufführt. In der oberen Hütte, nur wenig unter dem Punkt 2572, waltet der
Schafhirt, der Herrscher über mehr als 1500 Schafe, mit seinem Hunde, der so
pflichteifrig ist, dass er auch Wanderer gegen die Waden stösst, um sie zu
schnellerem Anstieg aufzumuntern. In etwa zwei Stunden hat man den
Aussichtspunkt von Sedrun aus leicht erreicht.
Tief unten
auf dem Talboden schlängelt sich das weisse Strassenband von Sedrun über
Camischolas, Zarcuns, Rueras, Dieni, macht dann einen grossen Bogen, führt an
der Kapelle der irischen St. Brida, der Beschützerin der Viehherden, geweihten Kapelle
vorbei und zieht oberhalb Selva durch nach Tschamut in eine obere
Tujetschermulde. Deutlich ist auch der zwischen Dieni und dem Wald am Rank
abzweigende Fussweg erkennbar, den der Blick über Scharinas verfolgen kann, bis
er vor dem Calmut nach Norden in die Val Val abbiegt.
Hinter dem
Talgrund und der Strasse sieht man das Gebirge mit breiten, durch steile Täler
- Strem, Mila, Giuv und Val - gegliederten Sockeln zum vergletscherten
Grenzkamm zwischen dem Tujetsch und dem Urnerland aufsteigen. Im Osten steht
der Piz Gendusas 2982 m, der 1855 von Theobald mit M. Bétemps zuerst erstiegen
wurde, seinen Nordgrat erkletterten 1903 P. Schucan und Fr. Weber. Den
leichteren Aufstieg von Sedrun aus kann man von hier vollständig überblicken.
Breit riegelt sein Südgrat mit dem Cuolm da Vi (Berg des Lebens) und dem eine
wunderbare Rundsicht bietenden Plaun grond (grosse Ebene) die Tujetschermulde
gegen die Disentisermulde ab. Grell leuchtet in seiner Flanke das verästelte
Absturzgebiet des Drun. Etwas verdeckt wird der Piz Gendusas durch einen
zackigen, eine schöne Kletterei bietenden Felsgrat, dem P. Schucan und Fr.
Weber den ersten Besuch 1913 machten und den sie Stremspitzen nannten. Von den
Tujetschern wird die ganze Gegend mit Oberalpstock und Piz Gendusas noch Piz
Tgietschen genannt. Gewaltig überragt wird der Piz Gendusas von dem westlich
von ihm erscheinenden Hauptgipfel des Tujetsch, dem Oberalpstock 3330 m, Piz
Tgietschen oder Piz Cotschen (Rotstock) von den Tujetschern genannt. Heute
braucht man nicht mehr sieben Stunden zu ihm durch die Val Strem aufzusteigen,
man hat es leichter, denn die neue, 1928
eingeweihte Cavardirashütte der Sektion Winterthur liegt nur 625 m unter dem
Gipfel an der Cavardiraslücke. So ist der Oberalpstock nun auch im Winter vom
Vorderrheintal aus besteigbar, wie zuerst der Disentiser Skiklub 1928 bewiesen
hat. Das hätte Placidus a Spescha wohl niemals gedacht, als er 1792 (nicht
1799, wie im Clubführer steht) mit dem Tiroler Josef Senoner den als
unbesteigbar geltenden Berg als Erster über den Brunnipass bestieg. Als dabei
Senoner in eine Spalte fiel und ausrief: „Heiliger Antonius!“ meinte
Spescha: „Lass den heiligen Antonius
jetzt beiseite und hilf dir selbst aus dem Spalt!“ Es muss dem Bergpater sehr
gut da oben gefallen haben, denn zwei Jahre später stieg er mit dem Pfarrer
Hetz nochmals hinauf, ja 1812 zum drittenmal mit einem zwölfjährigen Buben und
seinem Hündchen.
Tief schneidet die rauhe Val Strem, von der Oberalpstocklücke
überkrönt,
in den Gebirgsriegel ein, der Zugang zum Krüzlipass 2350 m, der durch die Krüzlistöcke
verdeckt wird, während seine rechte Begrenzung, der zweigipfelige
Weitenalpstock, als Felspyramide gut sichtbar ist. Dessen Südgipfel, 3009 m,
bestieg J. Sowerby 1866 zuerst, während der Nordgipfel, 3015 m, erst 1902 von
P. Schucan und Fr. Weber erobert wurde. Mit breitem Vorbau fällt die Gegend der
Krüzlistöcke über durch Seelein unterbrochenen Fels und Schutt, Caschlè
genannt (chischar = Käsen), und die Alp gleichen Namens ins Tal ab gegen
Rueras. Diese Gegend da oben bietet einen sehr schönen Ausblick.
Oberhalb Londadusa5 liegt eine grosse Steinplatte, la platta
dil barlot, welche früher der Tanzplatz der Hexen war. An einem Seidenfaden
hatten die Hexen sie vom Badus hierher getragen. Giachen Biart, ein Sedruner und
Pfarrer daselbst, stieg der Sage nach hinauf und weihte die Platte. Dadurch
wurden die Hexen vertrieben. Sie sannen auf Rache. Weil er aber seine Stola um
hatte, konnten ihm auch nachgesandte Steine nichts anhaben. Als er aber 1749 den
Lawinenverschütteten in Rueras mit Männern von Sedrun zu Hilfe eilen wollte,
hatte er in der Eile vergessen, seine Stola umzulegen. Das sahen die Hexen und lösten
am Caschlè eine neue Lawine los. Biart wollte sich hinter einem Stall in
Zarcuns sichern. Aber die Lawine warf den Stall um, und Biart wurde erdrückt.
Es zeigt dies, wie Sagen auch in verhältnismässig neuerer Zeit auf Grund
historischer Tatsachen entstehen können. Das Volk gedenkt des Pfarrers als "sur Giachen dalla lavina".
Westlich wird das Caschlègebiet von der
breiteren Val Mila begrenzt, welche oben in die Mittelplatten ausläuft, einem
alten Seitenübergang zum Krüzlipass und ins Etzlital. A. Escher von der Linth
und J. F. Cavegn überschritten den Grenzkamm 1840 hier. Dann schliesst sich
nach links das Hauptschaustück des Tujetsch an, die Pyramide des Piz Ner
(Schwarzberg), 3059 m, mit seinen Trabanten, dem Mutsch (Steinhaufen), 2792 m,
und dem Culmatsch, 2896 m. Der Mutsch wurde 1839 von
Zeller-Horner mit Tresch bestiegen und der Culmatsch 1904 von P. Schucan und Fr.
Weber, welche an fast allen Gipfeln dieser Gegend neue Kletteranstiege fanden.
Auch in die Val Giuv (giuv = Joch) kann man von hier blicken. Deutlich erkennt
man, wie der Giuvbach bei Mulinatsch (mulin =Mühle) durch den Wald Tschuppina
(tschupi - Kranz) tragenden Querriegel umgezwungen
wird.
Dieser Riegel trennt die grössere untere von der kleineren oberen
Tujetschermulde. Der gipfelreiche Felsabschluss der Val Giuv ist von der
Urnerseite her, von dem Etzli- und dem Fellital aus, zuerst bekannt, benannt und
bestiegen worden. Auf beiden Seiten des Kammes gibt es verschiedene Namen für
die gleichen Gipfel. Halb durch den Culmatsch verdeckt, ist noch ein Teil des
vom Piz Ner zum Piz Giuv führenden, in der Nerlücke, 2890 m, überschreitbaren
Hälsigrates sichtbar, welche Lücke sicheren Skifahrern bei lawinenfreiem
Wetter eine Abfahrt durch die Val Giuv bis zur Oberalpstrasse ermöglicht. Der
Piz Giuv, von den Urnern Schattig Wichel genannt, erscheint mit seinem Nachbar,
dem Roten Wichel, 3085 m, von hier aus zahmer als von der Urnerseite. Der Giuf
wurde zuerst von Placidus a Spescha 1804 erstiegen, der Rote Wichel 1897 durch
J. Mercier und Fr. Weber. Alle diese kristallreichen Berge bieten schöne, teils
leichte, teils schwierige Klettereien. In Dieni erinnert ein Kreuz an einen
Strahler Cavegn aus Rueras, der 1872 in der Val Giuv abstürzte. Neben dem Roten
Wichel, über dem westlichen Giuvgletscher, erblickt man die Giuflücke, 2960
m, als breiten Sattel: ein Übergang ins Fellital. Scharf heben sich westlich
der Giuvlücke die Zacken der Giufstöckli vom Horizont ab, welche hauptsächlich
von Fr. Weber 1898 bis 1902 erstiegen wurden. Dann schneidet die Crispaltlücke,
2960 m, ein, welche aber schon in dem die Val Giuf westlich begrenzenden Grat
liegt und daher zur Val Val hinüberführt. Die ganze Gegend lässt sich nur
schwer mit der Darstellung im Siegfriedatlas in Einklang bringen.
In seiner ganzen Länge steht der scharfgeschnittene, fast horizontale
Crispaltkamm (cresta aulta = hoher Kamm) mit seinen schroffen, runsendurchzogenen
Seitenhängen vor uns, eine eigenartige Erscheinung, die auch den Alten schon
auffiel, weshalb sie die Gegend des Oberalppasses nach ihm, z. B. 1563 den
Crispalgerberg nannten. Seine beiden durch eine Scharte getrennten Gipfel, 3080
m und 3022 m, erscheinen von hier gleichhoch. Der aussichtsreiche Crispalt6
wurde von Placidus a Spescha zuerst bestiegen, er nennt ihn
Denterglatschars (zwischen den Gletschern). Der ganze Kamm ist überkletterbar.
Mit einer breiten Tatze, dem Cuolm Val ob Tschamut, greift er ins Tal hinein.
Nun wollen wir wieder nach Sedrun hinunter. Als wir einmal an einem
Sonntag in die „Krone/Cruna“ daselbst kamen, lag auf einem Tisch der hinteren
Stube ein Bündel Wäsche, was ich mir nicht erklären konnte, besonders weil am
runden Tisch eine Gesellschaft mit dem Pfarrer und dem Kaplan ein Mittagessen
mit einer guten Flasche Wein einnahm. Bald fing aber das Bündel an, sich zu
bewegen, und siehe da, es steckte ein frischbekehrter Täufling darin. In Sedrun
herrscht nämlich noch die uralte Sitte, dass der Täufling, gleichgültig ob
es ein buob oder eine buoba ist, direkt aus der Kirche ins Gasthaus getragen und
mit einem Schleier verdeckt auf einen Tisch gelegt wird, während der Vater (il
bab), der Götti (il padrun), die Götta (la madretscha), der Pfarrer (il
plevon) und der Kaplan (il caplon) an einem Nebentisch ein gutes Taufmahl zu sich
nehmen, das der Götti und die Götta spenden. Nach Vollendung desselben wird
dann der Sprössling von seinem ersten Gasthausbesuch der Mutter (la mumma)
wieder zugetragen. Dass Handlungen mit der Leistung eines Mahles verdankt
wurden, war im Mittelalter eine allgemeine Sitte. Wurde der Zins bezahlt, gab
es ein ordentliches Mahl. Als 1866 der Lehenszins der Alpen Val und Juff von 850
Pfund fettem Käs (Tavetscherkäs!) um 7650 Franken losgekauft wurde, musste das
dabei übliche Martinimahl mit 2000 Franken vom Kloster abgelöst werden.
Kaum 15 Minuten von Sedrun entfernt liegt Camischolas (im
Romanischen im
Gegensatz zum Siegfriedatlas mit zwei l geschrieben), dessen Name ausser von
campicellus = kleines Feld, von casa und Michol (Michel) abgeleitet wird. Nach
der Schutzpatronin seiner Kirche wird es auch St. Anna genannt. Camischolas ist
ein typisches, aus einer Gasse bestehendes Bündnerdorf mit Ställen, die auf
gemauerten Geschossen überragende Blockholzscheunen tragen.
Im Winter sitzen die Tujetscher tief im Schnee. Da braucht man sich nicht
über die riesigen Holzbeigen bei den Häusern zu wundern, die bis ans Dach
reichen. Die sind für den Holzfresser, den grossen Tavetscherofen aus
Lavezstein, um den sich eine Bank zieht. Und da sitzt dann die tatta und erzählt
ihren Enkeln Märchen. „Ina gada er ei in retg ..... Es war einmal ein König
.....“ Und am Ende heisst es genau wie im deutschsprachigen Märchen
„..... e sch'el ei ca morts, sche viv'el aunc ..... und wenn sie nicht
gestorben sind, dann leben sie heute noch.“ Aber lieber haben die Buben, wenn
der tat (Grossvater) erzählt. Der hat einen lustigeren, urchigen Schluss. Er lässt
die Märchen immer mit einem grossen Schmaus enden und erzählt: „Jeu vevel
purtau Ia suppa et a mi han ei dau in pei el tgil, ch'jeu sun sgulaus tochen
encheu.“ (Ich habe die Suppe aufgetragen und dann hat man mir einen Tritt
gegen den Allerwertesten gegeben, dass ich hier unter euch geflogen bin.)
Interessant ist in Camischolas auch das Postgebäude mit seinen reichen
Holzverzierungen und Butzenscheiben. Das Datum 1825 ist das einer Renovation
nach dem Brande von 1822. Auch das Geschlecht der Berther dürfte aus
Camischolas stammen. 1300 wird es schon (Berchter) genannt. Martin und Duri
Berther von Camischolas bauten 1860 bis 1864 das Stück der Oberalpstrasse
zwischen Disentis und S. Brida sowie dasjenige von der Urnergrenze bis zur
zweiten Kehre ob Andermatt, noch „Berthers Kehr“ genannt.
Nun geht es über den Strimbach, und bald sind wir in Zarcuns (hängt
vielleicht mit schar, tschar = Wildbach, zusammen oder sogar mit acer = Ahorn),
dessen spitzes gotisches Glockentürmchen, mit Monden verziert, schon von
Camischolas sichtbar ist. Auch das ist mit seinen Caschnes (Korngalgen) ein
echt bündnerisches Dörfchen. Das weisse Wallfahrtskirchlein, Maria zum Schnee,
die Stiftung eines Gionet Beer von Giuf aus dem Jahre 1622 (dargestellt im
Deckengemälde), hat einen hölzernen Vorbau erhalten. In demselben hängt ein
altes Ölgemälde, welches die Feuersbrunst von Camischolas 1822 darstellt.
Der Spaziergang bringt uns nach Rueras (1380 Reveres, 1645 Raweras = Rüfe).
Es wurde nach seinem Schutzpatron auch S. Giachen genannt. Die
alte
Kirche aus dem Jahre 1491 stand auf Resteu eirier noch älteren Kapelle. 1730
wurde die Kirche umgebaut, wobei Mauerspuren zum Vorschein kamen. Vielleicht
stand hier das älteste Gotteshaus des Tavetsch. 1928 wurde auf der Ostseite der
Kirche ein schöner Turm aus gehauenen Granitsteinen mit gülden, scheckig
schimmerndem Kupferdach erbaut. Die grosse Glocke stammt aus dem Jahr 1490. Von
Rueras, das schöne, alte Holzhäuser aufweist, geht ein Weg zur Brücke über
den Rhein und lenkt durch schattigen Wald nach Surrhein und Sedrun zurück.
Verfolgen wir aber die Strasse weiter, so kommen wir nach dem kleinen
Dieni, 1555 Döny, Tönishof genannt. Dort steht an der Strasse das Elternhaus
des P. Baseli Berther, dessen zahlreiche romanische Werke über das Tavetsch in
dem beigefügten Literaturverzeichnis angegeben sind. Eine Übersetzung
derselben ins Deutsche würde von Nichtromanen begrüsst werden, geben sie doch
viel Aufschluss über Geschichte und Volkstum des Tavetsch. Über Dieni und den
Bahnviadukt leuchtet eine Kapelle hinab, umgeben von einigen Ställen. Das ist
S. Bistgaun (St. Sebastian) des einstigen Ortes Giuf, früher von Bedeutung, gab
er doch der Val, dem Gletscher und dem Piz seinen Namen, waren doch die Alpen
von Juf mit die besten des ganzen Tavetsch. Noch sind Urkunden über die
Alprechte der Alp Giuv von 1380 erhalten. 1768 hatte der Ort noch 22 Einwohner.
Nun ist das letzte Wohnhaus nach Tschamut versetzt worden, und das Kirchlein
steht allein da. Da ist P. Berthers Frage berechtigt: „Sas era nua Giuf ei?
Weisst du, wo Giuf liegt?“ Auch hier hängt verlassen ein Glöcklein von
Walpen.
Unterhalb Dieni, zwischen der Strasse und dem Rhein, steht eine Ruine,
bald nur noch ein grosser Schutthaufen. Das ist die Ruine Pontaningen
(Pultingen) des gleichnamigen adeligen Geschlechtes. 1252 verlieh der Abt von
Disentis einem Wilhelm von Bultingen die Burg Castliun ob Somvix. 1300 wurde
eine Urkunde. „vor der Burg Pultingen“ ausgefertigt, die also damals noch
bestand. Die bekannteste Persönlichkeit dieses Geschlechtes war aber der Abt
Peter, welcher am 16. März 1424 zu Truns den oberen Bund mitgründete.
Bei der nun folgenden Kehre blicken wir mit Genuss zurück auf die uniere
Mulde. Auch die Bahn muss hier den Querriegel umfahren und läuft streckenweise
parallel zu der Strasse, nur wenig höher als sie. Bei der Kapelle St. Brida eröffnet
sich der Blich in die obere Tavetschermulde. Hoch oben rechts zieht die Strasse
dahin, höher das Bahngeleise, und links tief unten fliesst, Fälle bildend bei
Carmihut und Surrhein, der junge Rhein. Auf breiter Platte, an den Hang lehnend,
liegen Selva, auch St. Jakob genannt, und seine Winterkolonie Sut Crestas (=
unter dem Hügel), wo Kapelle. Kaplanwohnung und Schulraum unter einem Dach
vereinigt sind. Über Selva erblickt man die Kapelle St. Nikolaus mit ihrem
Reitertürmchen, deren altes Schindeldach leider durch ein Blechdach ersetzt
wurde. Ganz hinten schliesst die Baduskette bis zum Piz Nurschallas das Bild
ab. Selva, dessen Name (Wald) erkennen lässt, dass sich hier früher Wald
befand, ward, als derselbe geschlagen war, von beiden Seiten von Lawinen
bedroht. 1808 wurden 42 Personen, 37 Stück Grossvieh und etwa 200 Stück
Kleinvieh verschüttet. 17 Personen konnten gerettet werden. Über das Lawinenunglück
von 1809 hat Placidus a Spescha eingehend berichtet, der bis 1812 hier Kaplan
war. Angeregt durch Kaplan Gion Giusep Deplaz, dessen Leben der rätoromanische
Dichter P. Maurus Carnot in seiner Geschichte „Der Kaplan von Selva“
ergreifend erzählt hat, wurde 1852 Sut Crestas als Winterzufluchtsort gegründet.
In den Jahren 1892 bis 1899 schuf man bei Selva grosse Lawinenverbauungen mit
485 m3 Mauerwerk und 16,400 Holzpfählen.
Bald haben wir Tschamut erreicht, den obersten Winterort an der Oberalpstrasse. Dort stand früher für die Reisenden ein Hospiz des Klosters. Trotz der Höhe von 1650 m wächst noch Korn da oben, was schon die vielen Caschnes anzeigen, auf denen das unreife Korn in der Sonne zum Reiftiverden aufgehängt wird. Der Bahnhof liegt ein gut Stück höher.
Weiter wandern wir die Strasse aufwärts. Von rechts fliesst der Gämmerrhein
herab. Hoch oben ist der Übergang der Bahn, darunter der der Strasse, unter
diesem ein Holzsteg über den Gämmerrhein und ganz unten die erste Holzbrücke
über den Vorderrhein, genau noch wie. L. Bleuler die Gegend gezeichnet hat.
Vier Übergänge der verschiedensten Zeitalter, alle noch . in Gebrauch. Links
öffnet sich das Maigelstal. Meine Angabe von 1917, dass dieser Name daher rühre,
weil das Tal im Mai (matg) mit Vieh bestossen werde, halte ich nicht mehr
aufrecht, denn zu der Zeit liegt noch zu viel Schnee dort. Placidus a Spescha
schreibt, die Urner sagten „Mogis“. Scheuchzer schreibt 1716 Mugelsalp, und
Gruner gibt sogar einen Berg Mugels an. Das hängt wohl alles zusammen mit mugia
= weibliches Rind, mugera = Galtkuh, also Galtviehtal. Heute führt von dem
unteren Beginn der Oberalpkehren eine Militärstrasse an den gestaffelten Hütten
von Milez vorbei bis zu denen von Tgetlems, wodurch der Aufstieg ins
Maigelsertal bedeutend erleichtert wird. Vom Oberalphospiz führt ein neuer,
bequemer Weg bis zum Tomasee, der Quelle des Vorderrheins.
Das Maigelstal mit seinen Bergen würde sich ausgezeichnet zum
Skifahren
eignen, wenn eine Unterkunft in demselben wäre. Diese müsste aber neu gebaut
werden, denn die bestehenden Hütten sind zu baufällig und undicht. Auf dem
Punkt 2274 beim Maigelsersee, beim Kreuz und Steinmann, wäre ein ideales,
lawinensicheres Plätzchen für eine Skihütte. Warnen möchte ich aber vor
einem Abstieg über die Alp Platta und durch die Val Curnera nach Tschamut,
namentlich im Winter. Vor kurzem hat diese rauhe Gegend wieder ein mit dem Gelände
nicht vertrautes und wohl im Kartenlesen nicht ganz geübtes Opfer gefordert.
Auch der Übergang vom Maigelstal über den Passo Bornengo zur Cadlimohütte
sollte im Winter nicht versucht werden7.
So, nun sind wir oben auf der Passhöhe
angelangt, wo sich die höchste Wohnstätte des Tavetsch und des Bündner
Oberlandes befindet, das Gasthaus zur Passhöhe, Oberalphospiz, 2084 m. Hart
au der Grenze, dicht bei den Militärbaracken, steht es auf einem Riegel, der
dem auf Urnergebiet
liegenden
Oberalpsee den Abfluss ins Bündnerland hindert. Es ist ein gutes Turistenheim.
Ja, das Gebiet zwischen Sedrun und Andermatt hat noch eine Zukunft als
Skiland vor sich, wenn erst einmal der Winterbetrieb der Bahn zwischen Sedrun
und Nätschen ermöglicht ist, wozu wohl noch we.itere Lawinenverbauungen bei
Selva, Tschamut, Oberalpsee und Rüfenen zu bauen sind. Dann wird wohl auch der
„Club de skiturs Tujetsch“ vor neue Aufgaben gestellt werden.
1)
Das romanische Wort „Val“ sollte
richtig mit zwei l geschrieben sein entsprechend vallis, vallatscha, valletta.
Die Schreibweise mit einem l ist hier nur gewählt, um sie mit der im
Siegfriedatlas gewählten in Einklang zu bringen.
2)
Calender Romontsch
1885, Seite 37.
3)
St. Vigilius lebte gegen 400 nach Chr., entstammte einem italienischen
Geschlecht und wurde schon mit 20 Jahren vom Volk zum Bischof von Trient in
Tirol ausgerufen. Zu der Zeit dienten die dortigen rätischen Hirten in den
tirolerischen Gebirgstälern noch dem Saturnuskultus. Als Vigilius in dem rauhen
Gebirgstal Val Rendana ein Idol derselben zerstörte, wurde er von den erzürnten
Älplern durch Knüttelhiebe und Steinwürfe getötet. Deshalb hat er im
Tavetscher Siegel die Diärtyrerpalme, deshalb ist wohl auch zu seinen Füssen
das Gebirge dargestellt. Da er dreissig Kirchen gegründet haben soll, trägt er
eine solche auf dem Arm. Es mag sonderbar erscheinen, dass ein tirolischer
Bischof im Tavetscher Siegel abgebildet ist und Kirchenpatron in Sedrun, aber
der Legende nach sollen die Kirchen von Trient und Chur von demselben Heiligen,
St. Hermagoras, gegründet worden sein, und vielleicht hat auch das Oberländer
Geschlecht der Victoriden etwas zur Wahl dieses Schutzpatrones beigetragen, das
zwei Vigilius kennt, einen Onkel und einen Bruder des für die Geschichte des
Oberlandes bedeutenden Bischofs Tello. Der Familienname Vieli, Cavigieli kommt
heute noch vielfach vor.
4)
Stammt ebenso wie Cavradi, Cavrein von caura, capra = Ziege.
5) Von Placidus a Spescha Endadusa
(endadenz = innere) genannt.
6) Siehe
Panorama im Jahrbuch 42, 1904.
7) Zu dieser Zeit führt leichter der von
mir im Bündnerführer II, 21 unter e2, angegebene
Weg über den nlaigelsergletscher zur Hütte. Bemerkt sei noch, dass der neugegründete
Verkehrsverein von Sedrun als Skikarte des Tavetsch einen berdruck aus dem
Siegfriedatlas mit eingetragenen Skirouten zum Preise von Fr. 1.50 herausgegeben
hat, die von ihm direkt bezogen werden kann.
Benutzte
und empfehlenswerte Literatur
(Ausser der im Jahrbuch 52/1917 schon angegebenen.)
|
1560 |
Gilg Tschudi: Grundtliche und warhaffte Beschreibung der uralten
Alpischen Rhetie. Basel. |
|
1716 |
J. J. Scheuchzer: Helvetiae
Stoicheiographia. Zürich |
|
1755 |
Josef Resch: Annales Ecclesiae
Sabionensis nunc Brixinensis. Augustae Vindelicorum. Tomus I. |
|
1760 |
G.
S. Gruner: Die Eisgebirge des Schweizerlandes. Bern.
|
|
1792 |
K.
Hirzel: Diogg der Maler. Zürich. |
|
1853 |
Th.
v. Mohr: Regesten der Benediktiner Abtei Disentis. Chur. |
|
1865 |
Gatschet:
Ortsetymologische Forschungen. Bern. |
|
1896 |
P. Baseli Berther:
Sas era nua Giuf ei?
Decurtins Chrestomathie. |
|
1904 |
P. Baseli Berther:
Sin Cadruvi.
Solothurn |
|
1907 |
R. Hoppeter: Die Rechtsverhältnisse
der Talschaft Ursern im Mittelalter. Jahrb. f. schw. Geschichte. Zürich. |
|
1909 |
P. Baseli Berther:
Selva avon 100 onns. Mustér. |
|
1909 |
R. Hoppeler: Die Ereignisse im Bündner
Oberlande in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. |
|
1911 |
P. Baseli
Berther: Il Cumin della Cadi de 1656 e Mistral Giachen
Berther.
Mustér |
|
1912 |
R. Hoppeler: Studien zur Geschichte des
Stiftes Disentis im Mittelalter. Jahresb. d. hist. antiquar. Ges. Graubündens. |
|
1915 |
P. Notker Gurti : Alte Kirchen im
Oberland. Bündner Monatsblatt, Chur. |
|
1917 |
P. Basel! Berther:
A Camischolas. Ingenbohl. |
|
1922 |
G. B.
Venzin: FeIice Diogg, il pictur de Tschamut. Calender Romontsch.
Mustér |
|
1924 |
P. Notker Curti: Die Wappen der Äbte
von Disentis seit 1500. Disentis. |
|
1921 |
P. Baseli
Berther: Baselgias, Capluttas e Spiritualsser de
Tujetsch.Ingenbohl. |
|
1928 |
P. Baseli Berther:
Avon
onns. Mustér |
|
1929 |
P. Notker Curti: La fabrica de vischalla de tiara cotga a Bugnei. Il Glogn, Calender Romontsch |
|
1929 |
W. Lehmann: Zur Landschaftskunde des
Tavetsch. Mitt. d. geogr.-ethnograph. Ges. Zürich. Bd. 29 |
|
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