Eine
utopische Siedlung in Tavetsch
Pater
H. Peng
Im
Jahre 1805 hat unser P. Plazidus a Spescha seine grossangelegte «Kurze
Beschreibung der Landschaft Disentis nach ihrer historischen, geographischen und
politischen Lage und allen Theilen, die dahin Bezug haben» verfasst, wobei er
unter der «Landschaft Disentis» das gleichnamige Hochgericht versteht, von der
Oberalp bis Brigels. Im II. Buche behandelt er das Tavetsch und gibt unter
anderem eine Beschreibung aller Ortschaften und Weiler. Dabei nimmt er stets zu
Lage, Bauart usw. kritisch Stellung. So schreibt er z.B. von Selva; «Sälva war
ehin und ist noch ietzt ganz von Holz und in einem Haufen ohne Vorsicht, ohne
Baukunst, ohne die mindeste Regelmässigkeit und Schönheit gebauet. Als ich
daher im Jahr 1785 mit dem P. Fintan Bürchler das Ort durchreiste, sagte ich zu
ihm, ohne ein Prophet zu seyn: Sehen Sie, wie die Gebäude aufeinander gebauet
sind, wenn ein Feuer hier ausbrechen sollte, so müsste ja das ganze Dörfchen
zusammenbrennen. - Das Unglück wurde vom Sommer auf den Herbst verschoben, dann
wurde das ganze Ort, die Kirche und etwelche wenige Gebäude ausgenommen, mit
dem ganzen gesammelten Vorrath von Früchten und dem meisten Hausrath in die
Asche gelegt. Sälva hat das nemliche künftighin zu befürchten, wenn es in Rücksicht
dessen keine
Vom
gleichen Selva schreibt P. Plazidus, es sei den südlichen und nördlichen
Lawinen ausgesetzt «ein mal wird das Ort, wenn keine bessere Anstalten dabey
getroffen werden sollten, ein schröckliches Unglück erfahren müssen.» Drei
Jahre nachdem dieses geschrieben war, hat die südliche Lawine 42 Menschen, d.h.
die Hälfte der Bevölkerung, begraben; 25 Personen konnten nur noch als Leichen
geborgen werden. Und am Silvester 1809 hat P. Plazidus, der kurz vorher als
Kaplan nach Selva gekommen war, am eigenen Leib die Schrecken der Lawinen
erfahren müssen. In einem Brief an seinen Abt schildert er: «Um 12 Uhr des
Tags, als der Gottesdienst vorüber war, kamen die Tschamoter in das Pfrundhaus,
um mich nach ihrem Orte zu begleiten .... Da gieng eine andere auf der
entgegengesetzten Seite des Thals losgeschälte Lauine wie vor einem Jahr herab,
warf erstlich eine Kornleiter um, riess Thüren und Fenster der
entgegenstehenden Gebäude samt den Dächern ein und besprengte alle Häuser und
Ställe mit Schnee, Die 12te Stunde des Tags schien die 12te der Nacht, und
alles erwartete diesen Augenblick als den letzten des Lebens. Nun weiss ich, wie
es einem ist, wenn er auf dem Mittelpunkt des Lebens und des Todes stehet. Ich
trank gleich den Kaffee und gieng ab. Ich bemerkte nichts an meinem Körper als
eine Zitterung an meinen Händen beym Trinken, und die Reise, die ich vor mir
hatte war gefahrvoll.»
Auch
das nächste Dörfchen, Rueras, ist lawinengefährdet, und Spescha behauptet von
ihm geradezu: «Es steht grad da wo es nicht stehen sollte. Denn wenn es zu
Dieni, zwischen den Bächen Milar und Juf stünde, so würde die Aussicht schöner
und weitsichtiger und die Lage sonnenreicher, gesünder, sicherer und angenehmer
seyn.»
Eine
Viertestunde ausserhalb Rueras liegt der Weiler Zarcuns. «Östlich von Zarcuns
ist eine Vertiefung und ein Thalgeländ, wodurch der Strimserbach fliesst.
Dieser, weil er keine thätige und kluge Hand findet, die ihm entgegengesetzt,
untergrabt immer das westliche Ufer dieses Thalgeländes immer mehr und mehr, so
dass das Ort zwischen zwei Feinden, nemlich; zwischen der westlichen Lauine und
dem östlichen Bach Strim stehet, die es bald von einer, bald von der andern
Seite her plagen.»
So
sind mehr oder weniger alle Ortschaften im innern Tavetsch grossen Gefahren
ausgesetzt. Aber zwischen dem Strimbach und dem Drun breitet sich eine sanft
geneigte Ebene aus, «die
ausgedehnteste und schönste in ganz Tavetsch».
Bei ihrem Anblick taucht in unserem Pater eine Idee auf, die durch ihre Grösse
und Originalität überrascht; er entwirft bis in die Details den Plan zu einem
lawinen- und feuersichern Idealdorf, in dem die Gefährdeten Wohnung nehmen könnten.
- «Denn», so schwärmt der ewig Herumgehetzte, «was ist angenehmer auf dieser
Welt als eine schöne, bequeme, dauerhafte und gesunde Wohnung, worin man sanft,
gesichert und vergnügt ruhen und leben kann?»
Doch
lassen wir ihn seine Pläne selber entwickeln.
«Wenn ich Befehlshaber in Tavätsch wäre, müsste hier ein allgemeines, regelmässiges
und wohlgebautes Dorf gleich einer Stadt gebaut werden. Ich würde das mehrere
von Ruäras und Zarcuns, was der Lauine ausgesetzt ist, Camischollas, Salins,
Gonda und Sedrun, ausgenommen den Pfarrhof und die Kirche, hieher setzen und
folgender Gestalt bauen:

Erklärung
des Grundrisses
(vgl. Bild oben)
Zahl 1 bedeutet die Ein- und Ausgänge. Sie gehen auf alle Gegenden aus
und könnten mit einem schönen Portal und
einer angenehmen Pforte ausgezieret und geschlossen werden.
Zahl
2 zeigt die Haupt- und Kreuzgasse an. Man kann ihre Messung nicht angeben,
weil man nicht weisst, wie hoch die Gebäude zu stehen kommen. Ich habe ihre
Breite wie jene der Gebäude angesetzt, und wenn die Hauptgebäude eben so hoch
als breit aufgebaut werden würden, so träfe das Ebenmaass ein. Bei der
Unternehmung eines Baues dieser Art erfordert es einen klugen und erfahrenen
Baumeister, der die Kömmlichkeit und Dauerhaftigkeit mit der Schönheit und
Ebenmaass zu verbinden weisst.
Zahl
3. Diese Ein- und Ausgänge in die Gärten sind nicht nur wegen der Kömmlichkeit
und Fruchtbarkeit der Gärten, sondern vorzüglich desswegen hergesetzt, damit,
wenn eine Feuersbrunst sich ereignen sollte, man bey einer guten Feueranstalt
den vorgreiffenden Flammen könne Einhalt thun.
Der Ort ist in Rücksicht seiner Theile in 12 Theile abgetheilt, wenn also die
Einwohner samt der guten Feueranstalten das ihrige beytragen wollen und Gott
oder die Elemente nicht ein besonderes Verhängnis draufgesetzt haben, so kann höchstens
nur der zwölfte Theil der Wohnungen für Menschen abgebrannt werden.
Zahl 4 ist eine breite Durchfahrt, welche Kömmlichkeit und Feuerunglückes
halber angebracht ist. - Die Heu- und Viehställe sind in 8 Theile eingetheilt
worden; also wenn die
Einwohner
wachsam, thätig und klug seyn wollen, so kann nur der achte Theil davon eingeäschert
werden.
Zahl
5 sind die Heu-, Korn- und Viehställe. Ich habe dabey nicht nur für die
Einstellung des Futters und des Hornviehs, sondern vorzüglich für das Getreid
gesorgt.
Man
pflegt hier die Garben an die sogenannten Korn-Leiter aufzuhängen. Wer nichts
bessres gesehen hat, glaubt, man könne die Garben nicht füglicher als auf die
Korn-Leiter versorgen, allein wenn man die Sache beym rechten Vernunftlichte
betrachtet, so ergiebt sich ganz etwas anderes, und man muss die Art, das
Getreid vor dem Dröschen, welche in Sumwig und Trons üblich ist, dieser hier
weit vorziehen. Letztere bauen ihre Kornläger vornen an dem sonnigten Orte
ihrer Ställe, folglich unter dem Dach, diese aber unter freyem Himmel und
decken es entweder mit senkrecht stehenden Garben oder mit zusammengehefteten
Schindeln. Beyde werden vom Geflügel und den Mäusen angefallen und man kann in
Rücksicht dessen schwerlich genugsam Vorsorge treffen: allein die einte
Verfahrung ist unter Dach, die andere aber nicht. Wenn somit bey der letzteren
ein Stosswind kommt, so wirft er den Bau über den Haufen, vieles Getreid fällt
aus, mehreres geht verloren, und man weisst bey solchen Vorfällen nicht, wohin
man mit den Garben gehen soll. Gemeiniglich muss man eine, neue Korn-Leiter in
aller Eile herstellen. Wenn feuchtes Wetter einfallt, wenn Regen und Schnee Täge
sich ereignen, so setzt sich die Feuchtigkeit hinein, und das Getreid ist zum Dröschen
untauglich, folglich sind die Telinas (d.h. Einrichtungen, wie sie in
Truns bestehen) den chischners (d.h. den
freistehenden) weit vorzuziehen.
Deswegen
sollen auf beiden Seiten der Ställe Vorschüsse von steinernen Gewölber und
Pfeiler die bis an das Dach reichten, gebaut und zwischen darin die Kornleiter
angebracht werden. Von beyden Seiten aus sollten schmahle Quertennen und Öffnungen
angebracht werden, damit man die Garben kömmlich hineinnehmen und ausdröschen
könne. Die Ställe sollten nicht mit hölzernen Wänden und aufeinander
gelegten Balken, Lattenwerken und Schindeln, sondern mit Pflaster Mauer mit
aufrechtstehenden gemauerten Säulen bis ans Dach, zwischen welche die hölzernen
Gätter zu stehen kommen, und mit Nageldach aufgeführt werden. Die Viehställe
sollten nicht mit Brettern oder Hölzern gedeckt werden, sondern mit steinernen
Gewölber, welche theils auf die Seitenmauern theils auf Pfeiler von Mauerwerk
ruhen, gebaut werden.
Die
Viehställe sollten hinten und vornen mit Thüren, hinten damit
man den Stall ausmisten und das Vieh zum tränken treiben, und vorn, damit man
Zugang habe und allenthalben mit Öffnungen, damit man bey jedem Zufall sie
schliessen und öffnen könne, versehen seyn.
Die
Bemerkungen habe ich nicht nur zufälliger Weise, nein, sondern bedächtlich und
nützlich mit Rücksicht auf Ersparung des Holzes, Erhaltung des Futters, Wärme
des Viehes, Kömmlichkeit und Reinigkeit der Viehwärter und Dauerhaftigkeit der
Gebäude geschrieben.
Zahl
6: Hier sind die Mistläge und behalten die Breite, die ich ihr zugegeben
habe, Sie stellen einen 6 Schuh tiefen Wall, welcher seitwärts mit starken
Mauern, der Grund mit gutem Pflaster, die Oberfläche, wo die Mistläge zu
stehen kommen, mit einem trückenem Gewölbe von Steinen, damit die Mistgülle
sich durchseigen könne, und wo man darüber geht mit einem Pflaster Gewölb
versehen seyn.
Zahl
7 ist die Seitengasse, welche um die Helfte schmähler ist als die
Hauptgasse. Allein sie wird dennoch so geräumig seyn, dass zwey kleine Wägen
vorübergehen können.
Zahl
8 sind die Brunnenbeete der Güter. Sie sind grösser, als sie zu stehen
kommen sollen, eingezeichnet; allein wenn die Feuerspritzen da, wovon man sie
allenthalben, wo die Noth erfordert, hinführen kann, ihre Niederlage haben, so
müsste eine Bedachung und ein eigenes Gebäude zur Verwahrung aufgerichtet
werden.
Zahl
9: Nun komme ich auf die Wohnungen der Menschen, die noch mehr Achtung als
alle übrigen verdienen. Ich habe schon oben ausgeführt, dass ein rechtes Gebäude
drey Eigenschaften haben müsse, nemlich Kömmlichkeit, Dauerhaftigkeit und Schönheit.
Die Kömmlichkeit und Schönheit hängt vom Baumeister, die Dauerhaftigkeit aber
theils vom Baumeister, theils aber von der Materie ab. Denn gleichwie der
Baumeister nicht aus einem schlechten Baumaterial ein dauerhaftes Gebäude
aufrichten kann, also wird auch ein unwissender oder boshafter Baumeister mit
guter Baumaterie ein dauerhaftes Gebäude nicht aufführen können. Zu dem Bau,
wovon wir reden, sind das Holz, die Steine, der Sand, das Eisen und der Kalk und
die Verbindung der letzteren, nemlich das Wasser, die Hauptmaterialien.
Das
Holz sollte zu einem Gebäude von gleicher Gattung und Alter, die Steine von
gleicher Gattung und Härte, der Sand von gleichem Korn und der Kalk von gleicher Bindkraft
seyn. Wenn zu einer gewissen Masse Sand nicht ein gewisses Maass Kalk und Wasser
genommen und das Pflaster nicht arbeitsam und ganz durcheinander abgerührt
wird, so giebts eine undauerhafte Mauer ab. Alle Baumaterialien sollen gehörig
eingetrücknet und gesäubert seyn, und die Gebäude zur rechten Zeit, ich will
sagen: dazumal, wenn die Kälte vorüber ist und nicht ehender einfallt, als bis
die Mauer eingetrücknet und nicht mehr kann eingefroren werden.
Bei
jedem Aufsatz der Mauer sollen Bindsteine, d.i. solche, die eben so lang als die
Maur breit ist, an verschiedenen Stellen angebracht werden. Wo es
nötig ist, werden Mauerschliessen eingesetzt.
Der Baumeister muss es wissen, wo sie eingesetzt
Hier
ist nicht von einem, sondern von mehreren Gebäuden die Frage. Das ganze muss
mit dem einzelnen und jedes einzelne mit dem ganzen einstimmen und verhältnismässig
seyn. Daraus ergibt sich, dass einige Gebäude grösser und schöner, andere
mittelmässig und die übrigen von gemeinem Schlage, alle aber von Mauerwerk
aufgeführt werden. Es versteht sich von selbst, dass die Hauptstrasse von
Westen nach Osten, vorzüglich aber die Gebäude um den Mittelpunkt und an den
Ecken und Enden fest, schön und regelmessig aufgebaut werden. Alle Behausungen
sollten mit unterirdischem und gewölbtem Keller und der unterste Stock mit Gewölbe
versehen seyn.
Kein Haus soll, ohne den ersten gleich der Erde mitzurechnen, niederer als zwey
und keiner höher als vier Stock hoch seyn. Um den ganzen Ort, wo Häuser
stehen, auch bei den Eingängen in die Gärten sollen Portale und Schwingbogen
mit Pfeilern errichtet werden, damit man in die vier Theile des Ortes mit trückenen
Füssen gehen könne.
Die
Natur, durch die Vorsicht geleitet, hat die Lage des Orts so
begünstiget, dass alles, nur die Kalksteine
ausgenommen, die von fern zugeführt werden, was zur Nothdurft gehört, in der Nähe
liegt; folglich gehet nichts, als davon Gebrauch zu machen, ab. Der Strimserbach
kann nach Nothdurft erstlich auf die Mühlen, Sägen, Wasserschmiede usw., dann
neben und durch das Ort in zwey Theilen, nemlich zwischen den Häusern und der
Hauptgasse, damit ein jedes Haus vor sich das Wasser habe, geleitet werden. Dies
ist eine Guthtat der Lage, die nicht genug geschätzt werden kann.
Um
dem Feuer noch nähere Vorsorge zu thun, sollten an verschiedenen Stellen
Scheide- oder Feuermauern, die über die Dächer hinausragten und mit
Plattenbedeckt wären, angebracht werden. Auch veranstaltet eine gute Polizei,
den Estrich unterm Dach mit einem Gemenge von Thon oder Pflaster so zu belegen,
dass bey ausbrechendem Feuer nur das Dach und nicht das Haus kann abgebrannt
werden. Die Dächer können nicht eher von Ziegeln, als man den Thon zu
verarbeiten und auszubrennen weisst, gedeckt, sondern müssen indessen mit einem
Nageldach veranstaltet werden. Das Bauholz soll nicht, wie bis dahin Mode
war, im Frühling, sondern wenigstens im Herbst, wo nicht im Hornung und März,
wo es am wenigsten Säfte hat, gefällt und geschellt werden. Denn wenn diese
Polizei Anstalt ehehin geblühet haben würde, sähe man nicht soviel vermoderte
Häuser und Gebäude ietzt in der Unzeit dahinfallen.
Zahl
10. Ich habe sogar für die Güllenkästen, damit nichts unnütz verloren
gehe, gesorget. Deren sind 16 angezeichnet. Sie können ausgeschöpft oder durch
das eingeleitete Bachwasser ausgeschwämmt und über die Güter geführt werden.
Wenn die Heuscheunen hinten mit einem grossen ünd vornen mit einem kleinen
Dachflügel, wie ich es gerne sähe, versehen wären, so könnten die
Dachtraufen dahin geleitet werden, welches zur Aufnahme der Feldkultur vieles
beitragen würde. Wenn zugleich eine solche Veranstaltung getroffen würde, dass
das eingeleitete Wasser, welches sehr leicht zur Ausführung könnte gebracht
werden, die Gassen zu gewissen Zeiten auswäschte und auf die Güter geleitet würde,
so wäre dieses ein neuer Vortheil für sie.
Zahl
11. Endlich komme ich auf die Gärten. Sie sind am rechten und sichersten
Ort und mit vier Brunnenbeeten versehen. Diese Veranstaltung ist für jede
Haushaltung nützlich und unentbehrlich. Ein jedes Haus, je nachdem es klein
oder gross ist, hat verhältnismässig Antheil an den Gärten. Es kann selben
ein jeder von seinem Haus aus übersehen, wässern, darin pflanzen, was er will.
Ein jedes Haus hat seine Gartenthüre und seine heimlichen Gemächer da hinaus
gebaut und kann den Abgang des Baues von den nächstgelegenen Ställen dahin
versetzen. Die Gartenmauer sollte gegen die Seitengasse so aufgeführt und die
Öffnung dahin so mit einem Portal verwahrt werden, dass man zugleich sie nicht
übersehen und übersteigen könne.
Das
Ort ist von Westen nach Osten und von Norden gegen Süden, wie seine Lage es mit
sich bringt, gezeichnet. Weil aber das Feld von Norden gegen Süden sich mehr
ausdehnt, so habe ich auch das Ort auf diese Gegenden hin verlängert.
Aber
noch eines geht dem Ort ab, nemlich: ein Brunnen, der immer rein und aufgeklärt
ist. Das Bachwasser ist gemeiniglich rein und gesund, wenn aber häufige Regengüsse
und Schmelzungen des Schnees eintreten, so wird es trieb und folglich ungesund.
Mir ist wirklich nicht so viel bekannt, wo ein solcher Brunnen, der am
leichtesten hieher geführt werden könnte, wäre Allein ich zweifle nicht
daran, dass ein solcher im Thal Strim sollte gefunden werden. Die Bewohner von
Camischollas, Salins, Gonda und Sedrun bedienten sich zwar bis hieher, ohne sich
darüber zu
beklagen, vom nemlichen Bachwasser. Allein ein reines und gesundes Wasser ist für
die Menschen so kostbar und empfehlenswerth, dass man auf keine Unkösten dabey
Rücksicht nehmen darf. Wahr ist es, dass man bis dahin nie übers Wasser
geklagt habe, aber eben so wahr ist es, dass man uns von den jenigen, die daran
erkrankten und starben kein Verzeichnis hinterlassen habe.
Ich
habe zwar vieles, ja ganz überflüssiges von diesem nie zu Stande kommenden
geschrieben; allein wenn ich den Tavätschern dadurch einiges Licht der
Baukunst, der Polizey-Ordnung, Ökonomie, Kömmlichkeit und Schönheit
beygebracht und sie auf diese Gegenstände aufmerksam gemacht haben würde, so wäre
ich schon genugsam dafür belohnet.»
Spescha
scheint also selber nicht an die Verwirklichung seines Planes geglaubt zu haben.
Trotzdem schildert er durch 30 Seiten hindurch, dass das Ganze nützlich,
bautechnisch und finanziell möglich und daher vernünftig sei, und kommt dann
zum Schluss; wenn es nützlich, vernünftig und möglich ist, warum sollte es
nicht ausgeführt werden?
Wer
den Plan näher anschaut, sieht bald, dass P. Plazidus seiner Zeit ziemlich
voraus war. Was er von den Wohnungen, den Ställen und Güllenkästen und von
der Pflästerung der Strassen schreibt, ist heute, nach 150 Jahren, bei uns noch
nicht überall verwirklicht, geschweige denn überholt.
Wir
stossen uns wohl am meisten an der kalten geometrischen Aufstellung der Gebäude.
Aber wir dürfen nicht vergessen, dass damals unter anderen auch New York und La
Chaux de Fonds rein schachbrettartig aufgebaut worden sind. Dies war nützlich
und vernünftig und entsprach somit dem Ideal der Aufklärung.